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Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston

James Fenimore Cooper: Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleLionel Lincoln oder die Belagerung von Boston
publisherVerlag von S. G. Liesching
printrunZweite Auflage
year1851
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150324
modified20170303
projectid025dd028
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Fünftes Kapitel.

Für uns und unsre Vorstellung,
Mit unterthän'ger Huldigung,
Erbitten wir Genehmigung.

Hamlet.    

 

Wir müssen nun den Leser um ein Jahrhundert zurückführen, um unsere Erzählung von jedem Schein von Zweideutigkeit zu bewahren. Reginald Lincoln war der jüngere Sohn einer uralten und sehr begüterten Familie, deren Besitzungen während der Veränderungen, welche die ereignißreiche Periode der Republik und der Usurpation Cromwell's bezeichnen, sich als Theile einer Baronie erhalten hatten. Er selbst aber hatte wenig mehr als eine krankhafte Reizbarkeit geerbt, welche schon in jener Zeit als ein Erbtheil seiner Familie angesehen wurde. Noch als junger Mann hatte er sich mit einer Frau vermählt, welcher er mit Innigkeit anhing, und die bei der Geburt ihres ersten Kindes starb. Der Kummer des Gatten wandte sich zur Religion, aber unglücklicher Weise, statt aus solchen Nachforschungen jenen heilenden Trost zu schöpfen, den unser Glaube so reich gewährt, wurde sein Gemüth durch die vorherrschenden aber widerstreitenden Ansichten über die Eigenschaften der Gottheit verbittert und das Resultat seiner Bekehrung war, daß er ein ascetischer Puritaner und hartnäckiger Prädestinarier wurde. Daß ein solcher Mann, der nur Weniges vorfand, was ihn mit seinem Vaterlande verknüpfte, über die unreinen Intriguen an Carls Hofe empört seyn mußte, ist nicht zu verwundern, und demzufolge wanderte er, obwohl durchaus nicht in die Schuld der Königsmörder verwickelt, in den ersten Regierungsjahren dieses lebenslustigen Prinzen nach der frommen Provinz Massachusetts-Bay aus.

Es war für einen Mann von dem Rang und der anerkannten Heiligkeit Reginald's Lincoln nicht schwer, ehrenvolle und zugleich gewinnreiche Beschäftigung in den Pflanzungen zu finden, und nachdem die erste Hitze seines neuerwachten Eifers in geistlichen Sachen etwas verraucht war, versäumte er nicht, seine Zeit besser zu benützen, indem er einen schönen Theil derselben der löblichen Aufmerksamkeit auf weltliche Dinge widmete.

Bis zu dem Tage seines Todes blieb er übrigens ein strenger, düsterer, bigotter Frömmler, der sich den Schein gab, als kümmere er sich zu wenig um die Eitelkeiten der Welt, um seine reine Gedanken mit ihrem Tande sich vermengen zu lassen, der aber dennoch nothgedrungen sich dazu hergab, ihre sichtbaren Pflichten zu erfüllen. Trotz dieser Geisteserhabenheit fand sich dennoch sein Sohn, bei des Vaters Tode, im Besitz manch schöner Güter, die ohne Zweifel in den Tagen seines heiligen Erzeugers durch dessen kärglichen Verbrauch gleichsam von selbst sich angesammelt hatten.

Der junge Lionel folgte insofern den Fußstapfen seines würdigen Vaters, als er fortfuhr, Ehrenstellen und Reichthümer für sich selbst aufzuhäufen; wegen einer frühen Täuschung jedoch und in Folge des obenerwähnten Erbfehlers stand es lange an, bis er endlich in den spätern Tagen seines Lebens eine Gefährtin fand, mit der er sein Glück theilen konnte. Gegen alle die gewöhnlichen Berechnungen, welche man bei solcher Wahl eines Mannes von Selbstverläugnung anzustellen pflegt, verband er sich mit einer jungen und lebenslustigen Episcopalin, welche wenig mehr als ihre ausnehmende Schönheit und ihr reines Blut zur Empfehlung beibrachte. Von dieser Frau hatte er vier Kinder – drei Söhne und eine Tochter – als auch er an der Seite seines verstorbenen Ahnherrn in die Gruft gesenkt wurde. Der älteste dieser Söhne war noch ein Knabe, als er in's Mutterland abgerufen wurde, um die Besitzungen und Ehrenstellen der Familie zu erben. Der Zweite, mit Namen Reginald, wurde für die Waffen erzogen, heirathete, hatte einen Sohn und verlor sein Leben, noch kaum 25 Jahre alt, in den Wildnissen, wohin sein Dienst ihn gerufen hatte. Der Dritte war der Großvater von Agnes Danforth und die Tochter war Mrs. Lechmere.

Die Familie Lincoln war, wenn man die kurze Dauer ihrer Ehen betrachtet, so lange sie in den Kolonien blieb, ausnehmend fruchtbar gewesen, gemäß der weisen Austheilung der Vorsehung, welche die Functionen unserer Natur immer nach unseren Bedürfnissen zu regeln scheint; in dem Augenblicke aber, da sie auf der volkreichen, brittischen Insel wieder auflebte, verlor sie hierin ganz und gar ihren Ruf. Sir Lionel lebte eine schöne Zeit verheirathet, starb aber kinderlos; dessenungeachtet lag sein Leichnam auf dem Paradebett unter einem glänzenden Prunkhimmel in der weiten Halle seiner Ahnen, welche leicht Priam's ganzer Familie hinreichendes Obdach hätte gewähren können.

Durch diesen unglücklichen Umstand war man genöthigt, abermals den Ocean zu durchschiffen, um für die weiten Domänen von Ravenscliffe und zu einer der ältesten Baronien des Königreichs einen neuen Erben zu holen.

Wir hätten diesen Stammbaum ziemlich nutzlos gepflanzt und aufgezogen, wenn wir unserem Leser erst noch sagen müßten, daß die Person, welche nun das Haupt der Familie wurde, der verwaiste Sohn des verstorbenen Offiziers war. Er war vermählt und Vater eines blühenden Knaben, als diese Erhebung, die nicht unerwartet kam, eintrat. Sir Lionel ließ Frau und Kind in der Kolonie zurück und eilte unverzüglich nach England, um seine Rechte und Besitzungen zu sichern. Da er der Neffe und anerkannte Erbe des letzten Besitzers war, fand er bei dem wichtigsten Theil seiner Ansprüche keinen Widerspruch. Doch war frühzeitig über den Charakter und über das Schicksal dieses Mannes eine Wolke gezogen, welche das gewöhnliche Auge hinderte, die Ereignisse seines Lebens, wie die anderer Menschen, aus ihrem offenen und verständlichen Verlaufe zu prüfen. Von der Zeit an, wo er zu Rang und Vermögen emporgestiegen, war selbst seinen frühesten und vertrautesten Bekannten nur wenig von ihm kund geworden. Es ging wohl das Gerücht, er sey in England zwei Jahre lang durch einen ränkevollen Proceß über ein unbedeutendes Anhängsel zu seinen weiten Besitzungen aufgehalten worden – einen Proceß, der aber, wie man wußte, bereits zu seinen Gunsten entschieden war, als er durch den plötzlichen Tod seiner Gattin nach Boston zurückgerufen wurde. Dieses Unglück traf ihn, als eben der Krieg von 1756 in seiner größten Heftigkeit wüthete: eine Zeit, in der die Kraft der Kolonien zu dem Beistande des Mutterlandes aufgeboten wurde, welches nach der Sprache jener Tage eifrigst bemüht war, die ehrgeizigen Absichten der Franzosen in dieser Hemisphäre niederzuschlagen, oder was in der That auf das Nämliche herauskam, seine eigenen auf jede Weise zu fördern.

Es war damals eine merkwürdige Zeit, als die milden und gemäßigten Kolonisten ihre gewöhnliche Friedfertigkeit abschüttelten und mit einem Feuer und einer Geschicklichkeit sich in den Kampf stürzten, die bald mit der äußersten Kühnheit ihrer geübteren Verbündeten wetteiferte. Zum Erstaunen Aller, die seinen Reichthum kannten, sah man Sir Lionel Lincoln in viele der verzweifeltsten Abenteuer, die jenen Krieg auszeichneten, mit einer Verwegenheit sich stürzen, die eher den Tod suchte, als um Ehre buhlte. Gleich seinem Vater war er zu den Waffen erzogen worden, aber das Regiment, in welchem er als Oberstlieutenant diente, stand in den östlichen Kolonien des Königs, während der unruhige Krieger von einem Punkt zu dem andern eilte, sein Leben wagte, und mehr als einmal in jenen Unternehmungen, welche den Krieg an der westlichen Gränze bezeichneten, sein Blut vergoß.

Diese gefahrvolle Laufbahn wurde jedoch zuletzt plötzlich und auf geheimnißvolle Art unterbrochen. Hingerissen durch einen mächtigen Trieb, dessen Wesen nie aufgeklärt wurde, nahm der Baronet seinen Sohn und schiffte sich nochmals nach dem Lande seiner Väter ein, von wo, soviel man wußte, der Erstere nie mehr zurückgekehrt war. Viele Jahre lang wurde auf alle jene Nachfragen, welche eine löbliche Neugier die Landsmänner und Landsmänninen von Mrs. Lechmere antrieb, an diese über das Loos ihres Neffen zu stellen (und wir überlassen es jedem unserer Leser, deren Zahl zu bestimmen) – von dieser Dame mit der höflichsten Zurückhaltung geantwortet, und dieß manchmal mit solchen Zeichen der Bewegung, wie wir sie schon bei dem ersten Zusammentreffen mit dessen Sohne zu schildern versucht haben. Doch anhaltende Tropfen vermögen einen Stein auszuhöhlen. Erst gab's Gerüchte, der Baronet habe Verrath begangen und sey gezwungen worden, Ravenscliffe mit einer weniger bequemen Wohnung im Tower zu London zu vertauschen. Dieser Nachricht folgte die zweite von einer unglücklichen geheimen Ehe mit einer der Prinzessinnen vom Hause Braunschweig; aber ein Blick in den Kalender zeigte, daß keine unvermählte Dame dieses Ranges von dem erforderlichen Alter vorhanden war, und diese Verbindung, die den Provinzen so glaublich vorkam, mußte wieder aufgegeben werden. Endlich wurde mit weit größeren Ansprüchen auf Wahrheit versichert, der unglückliche Sir Lionel sey Bewohner einer Privatirrenanstalt geworden.

Sobald dieses Gerücht in Umlauf gesetzt war, fiel es wie Schuppen von jedem Auge, und Niemand war so blind, daß er nicht lange zuvor Zeichen des Wahnsinns an dem Baronet bemerkt hätte: ja nicht wenige unternahmen sogar, sein angeborenes Recht zur Mondsüchtigkeit aus der ererbten Geistesrichtung des ganzen Geschlechts abzuleiten. Die Erklärung dieses plötzlichen Ausbruchs war freilich eine schwierigere Aufgabe und beschäftigte für lange Zeit den Scharfsinn eines so ausnehmend erfindsamen Volkes.

Der gefühlvollere Theil der Gemeinde, als da sind Jungfrauen und Junggesellen und jene Verehrer der Ehe, welche schon zwei- oder dreimal die tröstende Kraft dieses Bandes erprobt hatten, verfehlten nicht, das Mißgeschick des Baronets dem unglücklichen Verluste seiner Gattin zuzuschreiben, einer Dame, der er, wie man wußte, mit aller Leidenschaft sich hingegeben hatte. Einige wenige Ueberbleibsel der guten, alten Schule, unter deren geistigem Uebergewicht die verruchten Gestalten so mancher gottlosen Nekromanten für ihre abscheulichen Vergehen schwer büßen mußten, bezeichneten das Unglück als die verdiente Strafe für den Abfall einer Familie, die dafür bekannt war, daß sie nicht den wahren Glauben verehrt hatte. Ein dritter und nicht der kleinste Theil, bestehend aus jenen Würdigen, welche in der Königsstraße um schmutzigen Gewinnes willen den Elementen trotzen, scheute sich nicht, zu sagen, der plötzliche Zufall eines ungeheuren Vermögens habe schon manchen bessern Mann zum Narren gemacht. Aber die Zeit nahte sich, wo die offenbar unwiderstehliche Vorliebe, über das Geschick eines Nebenmenschen seine Forschungen anzustellen, anderen Betrachtungen von größerer Wichtigkeit weichen sollte. Bald kam die Stunde, wo der Kaufmann sein augenblickliches Interesse vergaß, um kühn auf die entfernten Wirkungen einen Blick zu werfen, welche aus den Bewegungen des Tages folgen mußten; wo der Fanatiker die heilsame Lehre erhielt, daß die Vorsehung am huldreichsten auf diejenigen herablächle, welche durch ihre eigenen Anstrengungen ihre Gunst am ehesten verdienten und wo selbst die Brust des Empfindelnden von ihrem krankhaften Bewohner gesäubert ward, damit hinfort die gesunde und veredelnde Leidenschaft der Vaterlandsliebe darin Raum gewinne.

Es war um diese Zeit, als der Kampf der Prinzipien zwischen dem Parlament von Großbritannien und den nordamerikanischen Kolonien begann, der mit der Zeit zu jenen wichtigen Resultaten führte, welche eine neue Aera in der politischen Freiheit festgesetzt und ein neues mächtiges Reich gegründet haben. Ein kurzer Blick auf die Natur dieses Streites mag dazu dienen, Manchem der Leser einige Anspielungen in dieser Erzählung verständlicher zu machen.

Der zunehmende Wohlstand der Provinzen hatte schon um's Jahr 1763 die Aufmerksamkeit des englischen Ministeriums auf sich gezogen. In diesem Jahr geschah der erste Versuch, eine Abgabe zu erheben, um den Bedürfnissen des Staats zu begegnen, und in dieser Absicht wurde ein Gesetz erlassen, wonach für ein gewisses Stempelpapier, das nothwendig war, um Kontrakten Gültigkeit zu verschaffen, eine Entschädigung festgesetzt wurde. Diese Art, eine Abgabe zu erheben, war an sich nicht neu, noch war die Auflage durch ihren Betrag drückend. Aber die Amerikaner, nicht weniger scharfsinnig als vorsichtig, erkannten auf den ersten Blick die Wichtigkeit des Grundsatzes, der dadurch eingeräumt wurde, daß sie irgend einer Körperschaft, in der sie nicht vertreten waren, gestatteten, sie mit Taxen zu belegen. Die Frage war nicht ohne Schwierigkeiten, aber das klare und unbestreitbare Recht war offenbar auf Seite der Kolonisten. Die Stärke ihrer Gründe fühlend und vielleicht auch der großen Anzahl ihrer Partei sich ein wenig bewußt, gingen sie der Sache mit einem verständigen Eifer zu Leibe, welcher ein Zeugniß eben dieses Bewußtseyns abgab, wobei sie zugleich eine Kälte beobachteten, welche die Festigkeit ihrer Absicht beurkundete. Nach fast zweijährigem Sträuben, während welcher Zeit das Gesetz gänzlich gelähmt wurde, sowohl durch die Einigkeit unter dem Volke als durch eine Art gutmüthiger Gewaltthätigkeit, welche es den Dienern der Krone außerordentlich schwierig und vielleicht ein wenig gefährlich machte, ihre verhaßten Funktionen auszuüben, – ließ das Ministerium seine Plane fallen. Aber während das Gesetz widerrufen wurde, behauptete das Parlament zu gleicher Zeit sein Recht, die Kolonien in allen und jeden Fällen zu binden, indem es einen Beschluß zu diesem Zwecke in seine Journale einrücken ließ.Die eigentliche Natur der politischen Verbindung zwischen England und Amerika scheint nie ganz klar aufgefaßt worden zu seyn. Da jede einzelne Provinz ihre eigene Konstitution oder Charte hatte, welche sämmtlich wesentlich republikanisch, einige sogar vollkommen demokratisch waren, so bestand das einzige gesetzmäßige Band in den Prärogativen der Krone. Der überwiegende Einfluß eines Haupt- und Stammlandes, selbst in Fällen anerkannter Gleichheit in sonstigen Beziehungen, reservirte allerdings Rechte in der Kontrole des Handels und die Getheiltheit der amerikanischen Regierungen selbst sicherte England überdieß jederzeit überwiegenden Einfluß. Wirklich betrachteten sich die Amerikaner als unabhängig (Unabhängig? Warum überhaupt fühlten sie sich dann verpflichtet, den Herrscher des Stammlandes auch als den ihrigen anzuerkennen? Und ist nicht dieses angeführte Beispiel Virginiens nur ein vereinzelter Fall, der noch lange kein Recht begründet?   Frage des Uebers.) von der englischen Nation, denn Virginia war die Letzte unter den Provinzen, welche Carl I. entthronte und die erste wieder, welche seinen Sohn anerkannte. Nach der Hinrichtung des Ersteren war wohl keine andere Wahl übrig gelassen als Unterwerfung unter seinen Stellvertreter, das Parlament, oder Krieg.

Daß ein Reich, dessen verschiedene Theile durch Oceane getrennt und dessen Interessen so oft mit einander in Conflikt geriethen, mit der Zeit unlenksam werden und durch seine eigene Schwere fallen müsse, war ein Ereigniß, das jeder Verständige erwarten mußte. Daß aber die Amerikaner eine solche Trennung nicht schon in jener frühen Zeit beabsichtigt, könnte man, wenn auch kein andres Zeugniß in der Sache vorhanden wäre, schon aus der Ruhe und Unterwürfigkeit schließen, welche in dem Augenblick, da der Widerruf der Stempeltaxe bekannt wurde, die ganze Kolonie durchdrang. Hätte irgend ein Wunsch nach zu früher Unabhängigkeit bestanden, so hätte das Parlament gerade durch die schon erwähnte Motion höchst unweise reichlichen Stoff zur Nährung der Flamme geliefert. Aber befriedigt durch die soliden Vortheile, die sie sich gesichert hatten, friedliebend in ihren Gewohnheiten und loyal in ihren Gesinnungen, lachten die Kolonisten über die hohle Würde ihrer selbstbestellten Herrscher, und wünschten sich selbst Glück zu ihrem eigenen wichtigeren Siege. Wenn die bethörten Diener des Königs aus dem Vergangenen Weisheit gelernt hätten, so wäre der Sturm vorüber gezogen, und ein andres Zeitalter wäre Zeuge der Ereignisse geworden, die wir nun eben zu berichten im Begriff sind. Kaum hatte man aber die Sachen wieder ihren alten Gang gehen lassen, so versuchte das Ministerium, durch neue Auflagen seine Ansprüche wieder aufzufrischen.

Der Plan einer Abgabenerhebung war bei der Stempelakte durch die Weigerung der Kolonisten, das Papier zu gebrauchen, zu nichte geworden; aber in dem gegenwärtigen Falle wurde ein Weg eingeschlagen, der, wie man erwartete, sich wirksamer erweisen sollte, wie z. B. beim Thee, wo die Abgabe von der ostindischen Compagnie zum Voraus bezahlt wurde und nachher durch die Trinklust der Amerikaner wieder ersetzt werden sollte. Diesen neuen Eingriffen in ihre Rechte traten die Kolonisten mit der nämlichen Geschwindigkeit entgegen, aber dießmal mit weit mehr Ernst, als in dem ersten Falle. Alle Provinzen südlich von den großen Seen handelten übereinstimmend bei dieser Gelegenheit und es wurden Vorbereitungen getroffen, um durch Einheit der Handlungsweise nicht nur ihre Vorstellungen und Petitionen, sondern auch noch ernsteren Widerstand nachdrucksvoller zu machen, im Fall Gewalt nöthig werden sollte.

Der Thee wurde in den meisten Fällen aufgespeichert und nach England zurückgesendet, wobei nur in der Stadt Boston ein Zusammentreffen der Umstände von Seiten des Volks zu der gewaltsamen Maßregel führte, daß ein großer Vorrath des anstößigen Artikels in die See geworfen wurde. Zur Strafe für diese Handlung, welche in den Anfang des Jahrs 1774 fiel, wurde der Hafen von Boston gesperrt und verschiedene Gesetze vom Parlament genehmigt, wodurch das Volk zu dem Gefühl seiner Abhängigkeit von der brittischen Macht gebracht werden sollte.

Obgleich während des kurzen Zwischenraums, in welchem die Versuche der Minister, das Volk mit Taxen zu belegen, eingestellt blieben, keine Klagen von Seiten der Kolonisten gehört wurden, so hatte dennoch das durch jene Versuche erzeugte Gefühl der Abneigung nicht Zeit, sich zu verlieren, als der verhaßte Gegenstand in neuer Gestalt zum zweiten Mal auftrat. Von 1763 bis zu der Zeit unserer Erzählung war der ganze jüngere Theil der Bevölkerung in den Provinzen ins Mannesalter eingetreten; aber ihnen war nicht mehr jene tiefe Ehrfurcht für das Mutterland eingepflanzt, welche früher von ihren Vorfahren auf die Nachkommen sich vererbt hatte, nicht jene innige Anhänglichkeit an die Krone, welche gewöhnlich ein Volk charakterisirt, das den Prunk des Königthums durch das Medium der Entfernung sieht. Noch aber waren die, welche die Gefühle der Amerikaner leiteten und ihr Urtheil beherrschten, einer Trennung vom Reiche entgegen, als einer Maßregel, welche sie fortwährend für gleich unpolitisch, wie unnatürlich ansahen.

Obwohl unterdessen beide Partheien gleichmäßig dem Blutvergießen abhold waren, rüsteten sie sich dennoch zu dem endlichen Kampfe, der unvermeidlich heranzunahen schien. Die Lage der Kolonien war nun so eigenthümlich, daß man zweifeln möchte, ob die Geschichte noch einen ähnlichen Fall darbiete. Die Unterthanenpflicht gegen den Fürsten wurde überall anerkannt, während man die Gesetze, welche von seinen Rathgebern ausgingen, hartnäckig verachtete und zu nichte machte. Jede Provinz hatte ihre besondere Regierung und in den meisten derselben war der politische Einfluß der Krone groß; aber die Zeit war gekommen, wo er durch ein moralisches Gefühl verdrängt wurde, das den Machinationen und Intriguen des Ministeriums Trotz bot. Die gesetzgebenden Versammlungen in den Provinzen, welche eine Majorität von ›Söhnen der Freiheit‹ besaßen, wie man diejenigen nannte, welche den unkonstitutionellen Versuchen des Ministeriums Widerstand leisteten, – erwählten Abgesandte zu einem General-Kongreß, der über die Mittel und Wege, die allgemeinen Wünsche zu erreichen, sich berathen sollte. In einer oder zwei Provinzen, wo die Ungleichheit der Vertretung ein verschiedenes Resultat gewährte, ersetzte das Volk diesen Mangel dadurch, daß es in seiner ursprünglichen Eigenschaft handelte. Solche Körperschaften, welche, ungleich den Verschwörern, mit einem furchtlosen Vertrauen auf die Reinheit ihrer Absichten sich versammelten und unter der Aufregung einer im Voraus geahnten Umwälzung handelten, besaßen einen Einfluß, der in späteren Tagen ihren gesetzmäßig konstituirten Nachfolgern versagt wurde. Ihre Anempfehlungen hatten die volle Kraft der Gesetze, ohne deren Haß zu begegnen. Während sie als Organe ihrer Mitunterthanen immer noch Petitionen und Gegenvorstellungen einreichten, vergaßen sie nicht, ihren Widerstand gegen die Maßregeln der Unterdrückung von Seiten des Ministeriums durch solche Mittel, wie sie damals für passend gehalten wurden, fortzusetzen.

Eine Association wurde dem Volke empfohlen, deren Zwecke vollständig durch die drei Abtheilungen ausgedrückt sind, in welche ihre Gegenstände eingetheilt wurden, und welche man die bedeutungsvollen Namen der ›Nicht-Einfuhr-‹, ›Nicht-Ausfuhr-‹ und ›Nicht-Gebrauch-Beschlüsse‹ gab. Diese negativen Hülfsmittel waren Alles, was vermöge der Constitution in ihrer Gewalt lag,Die Handelskontrole außerhalb ihrer Provinzen war den Amerikanern vor dem Frieden von 1783 nie eingeräumt worden. und so lange der Streit dauerte, beobachteten sie die höchste Vorsicht, um die Gränzen, welche die Gesetze für die Rechte der Unterthanen angewiesen hatten, nicht zu überschreiten. Es wurde zwar kein offenbarer Akt des Widerstandes begangen, aber dennoch versäumten sie keines der möglichen Mittel, um für das äußerste Uebel, wann immer es eintreten sollte, vorbereitet zu seyn. Auf diese Art steigerte sich mit jedem Tag der Hader und die Abneigung in den Provinzen, während in Massachusets-Bay, dem unmittelbaren Schauplatz unsrer Geschichte, die Unordnung in dem politischen Körper sich unvermeidlich bis zur höchsten Höhe zu steigern schien.

Die großen Prinzipien des Streites waren an verschiedenen Orten noch mit allerhand Ursachen örtlicher Beschwerde vermischt, und dieß nirgends mehr, als in der Stadt Boston. Die Einwohner dieses Platzes hatten sich durch frühzeitigen, offenen und furchtlosen Widerstand gegen das Ministerium ausgezeichnet. Man hatte lange eine bewaffnete Macht für nöthig gehalten; um diesen Trotz einzuschüchtern, zu welchem Zweck man Truppen aus verschiedenen Theilen der Provinzen gezogen und in dieser verrufenen Stadt concentrirt hatte.Die Amerikaner bestritten dem König das Recht, in Friedenszeiten ohne die Zustimmung ihrer eigenen Legislaturen Truppen unter ihnen zu halten. Schon Anfangs 1774 wurde einer Militärbehörde die ausübende Gewalt in der Provinz ertheilt und die Regierung hatte eine entschlossenere Haltung angenommen. Einer der ersten Akte dieses Befehlshabers, der die hohe Stelle eines Generalstatthalters einnahm, und alle Streitkräfte des Königs in Amerika kommandirte, war, die Kolonial-Versammlung aufzulösen. Um die nämliche Zeit langte von England eine neue Charte an und eine wesentliche Veränderung in der Politik der Kolonial-Verwaltung wurde beabsichtigt. Von diesem Augenblicke war die Gewalt des Königs in der Provinz, obgleich nicht förmlich geläugnet, doch wenigstens suspendirt. Ein Provinzialkongreß wurde gewählt und versammelte sich auf sieben Meilen von der Hauptstadt; und dieser fuhr nun fort, von Zeit zu Zeit die Maaßregeln anzunehmen, welche die Bedürfnisse der Zeit nöthig zu machen schienen. Mannschaft wurde geworben, disciplinirt und bewaffnet, so gut als die unvollkommenen Mittel der Provinz es erlauben wollten. Diese Truppen, welche nur aus der Elite der Einwohner bestanden, hatten wenig mehr zu ihrer Empfehlung als ihren Geist und ihre Geschicklichkeit in Behandlung der Feuerwaffen; nach der Erwartung, die man von ihrem Dienst hegte, nannte man sie nicht unpassend ›Kleine Leutchen‹. Man sammelte Kriegsvorräthe und häufte sie mit einer Sorgfalt und einem Eifer, der den Charakter des bevorstehenden Kampfes bezeichnete.

Auf der andern Seite nahm General Gage ein ähnliches System der Vorsicht und Bereitschaft an; er befestigte sich in dem starken Stützpunkte, den er einnahm, und vereitelte, so oft es immer sich thun ließ, durch Zuvorkommen die Versuche der Kolonisten, Magazine anzulegen. Erstere Aufgabe ward ihm leicht, sowohl durch die natürliche Lage des Platzes, den er einnahm, als durch die Truppenzahl, die er befehligte.

Mit einziger Ausnahme eines sehr engen Durchgangs, rings von breiten und besonders tiefen Wassern umgeben, gelegen auf einer dreifachen Reihe von Hügeln, welche durch keine benachbarte Höhe beherrscht werden, konnte die Halbinsel von Boston mit einer zureichenden Garnison leicht uneinnehmbar gemacht werden, besonders wenn noch eine überlegene Flotte zu Hülfe kam. Die von dem englischen General errichteten Werke waren übrigens keineswegs von Bedeutung, denn es war wohl bekannt, daß der ganze Artilleriepark der Kolonisten nicht über ein Halbdutzend Feldstücke betragen konnte, mit einem unbedeutenden Belagerungstrain, der aus alten schwerfälligen Schiffskanonen zusammengesetzt war. So fand Lionel, als er in Boston ankam, einige wenige Batterien auf den Höhen aufgeworfen, von denen mehrere ebensowohl die Stadt beherrschen, als einen Feind von Außen zurücktreiben sollten. Dazu waren Vertheidigungslinien quer über die Landenge gezogen, die mit dem Hauptpunkte in Verbindung standen. Die Garnison bestand aus nicht ganz fünf tausend Mann, wozu noch, je nachdem Kriegsschiffe ankamen und abgingen, eine wechselnde Masse von Seeleuten und Marinesoldaten kam.

Diese ganze Zeit über hatte keine andere Unterbrechung in dem Verkehr zwischen der Stadt und dem umliegenden Lande Statt gefunden, als das Stocken des Handels und das durch die kriegerischen Aussichten erzeugte Mißtrauen sie unvermeidlich mit sich brachten. Obgleich zahllose Familien ihre Heimath verlassen hatten, blieben doch viele anerkannte Whigs in ihren Wohnungen zurück, wo ihre Ohren durch das Rasseln der brittischen Trommeln betäubt wurden und ihre Galle nur zu oft durch die Spöttereien der Offiziere über die lächerlichen, kriegerischen Vorbereitungen ihrer Landsleute in Wallung gerieth. Wirklich war die Ansicht, daß die Kolonisten nur wenig mit kriegerischen Eigenschaften ausgerüstet seyen, viel weiter als bloß unter der müßigen und gedankenlosen Jugend der Armee verbreitet und viele ihrer besten Freunde in Europa waren in Furcht, ein allgemeiner Aufruf zu den Waffen möchte die bestrittenen Punkte alle mit einem Male dadurch entscheiden, daß die Unfähigkeit der Amerikaner, sie bis aufs Aeußerste zu verfechten, ans Licht gestellt würde.

Auf diese Art standen beide Theile gerüstet, das Volk lebte in vollkommener Ordnung und Ruhe, ohne Beihülfe der Gesetze, verschlossen, wachsam und durch seine Führer insgeheim aufgeregt: die Armee lustig, stolz und unbekümmert um die Folgen, wiewohl weit entfernt von Bedrückung und Zügellosigkeit, der sie sich erst nach einer oder zwei mißglückten Streifereien auf dem Lande, wo man nach Waffen gesucht hatte, hingab. Jede Stunde indeß vermehrte reißend schnell die Abneigung auf der einen, die Verachtung und den Groll auf der andern Seite und zwar beides aus zahllosen öffentlichen und Privatursachen, welche mehr der Geschichte, als einer Erzählung wie der unsrigen, angehören. Alle außergewöhnlichen Beschäftigungen waren suspendirt und in ängstlicher Spannung erwartete man den Lauf der Dinge. Man wußte, daß das Parlament, statt seine politischen Fehler wieder gut zu machen, neue Beschränkungen auferlegt hatte und, wie schon erwähnt, ging auch das Gerücht, daß Regimenter und Flotten unterwegs seyen, um solche mit Gewalt durchzusetzen.

Wie lange ein Land in einem solchen Zustande der Auflösung bestehen könne, sollte man erst noch erleben, obgleich schwer zu bestimmen war, wann und wie das enden wollte. Das Volk des Landes schien zu schlummern, doch nur wie brave und wachsame Soldaten, – mit den Waffen im Arm; die Truppen trafen mit jedem Tag furchtbarere Vorkehrungen, wie sie selbst dem wohlgeübten Krieger ein martialischeres Ansehen geben, – beide Theile zeigten jedoch immer noch eine gewisse Scheu vor Blutvergießen.

 

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