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Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston

James Fenimore Cooper: Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleLionel Lincoln oder die Belagerung von Boston
publisherVerlag von S. G. Liesching
printrunZweite Auflage
year1851
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150324
modified20170303
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Viertes Kapitel.

Ein stattlicher Mann, meiner Treu, und ein korpulenter.

König Heinrich IV.    

 

Die Sonne hatte eben angefangen, die schweren Dunstschichten aufzustören, die während der Nacht auf den Wassern gelegen hatten, als Lionel sich an der Seite von Beacon-Hill hinaufarbeitete, mit dem Wunsche, einen Blick auf das Land seiner Geburt zu werfen, während es noch unter dem ersten Strahl des jungen Tages erglühte. Die Eilande hoben ihre grünen Häupter aus dem Nebel hervor und das weite Amphitheater von Hügeln, welche die Bay einschlossen, war noch durch den Dunst sichtbar, der stellenweise längs den Thälern hinstrich – hier den Eingang zu einer malerischen Bergschlucht versteckend, dort in phantastischen Formen um einen schlanken Kirchthurm sich windend, der die Lage einer benachbarten Ortschaft verrieth. Das Stadtvolk war zwar schon wach und auf, doch war die Heiligkeit des Tags und besonders die Lage der Zeitverhältnisse ganz dazu geeignet, all das Geräusch zu unterdrücken, das sonst gewöhnlich volkreiche Plätze bezeichnet. Die kühlen Nächte und warmen Tage des Aprils hatten einen ungewöhnlich dichten Nebel erzeugt, der nun sein wässeriges Bett verlassend, sich heimlich über das Land hereinstahl, um sich sodann mit den Dünsten der Bäche und Flüsse zu vereinigen, die einen weiteren Vorhang vor der friedlichen Scene ausbreiteten. Als Lionel auf dem Gipfel der Plattform stand, welche die Erhöhung krönte, sah er einzelne Lichtbilder von Häusern und Hügeln, von Thürmen und Schiffen, von Plätzen, die ihm zum Theil noch bekannt, theilweise aber auch seinem Gedächtnisse entschwunden waren, durch die Oeffnungen des Nebels gleich Gebilden der Phantasie an seinen Augen vorüberschwebten. Die ganze Scene, belebt wie sie war, und in rastloser Bewegung, wie die fortwährenden Veränderungen zeigten, erschien seinen aufgeregten Gefühlen als ein wundersames Panorama, das einzig vor seinen Augen sich entfaltete. Während er in diesen Anblick vertieft war, wurde er plötzlich in seiner Betrachtung durch eine Stimme unterbrochen, die offenbar in kurzer Entfernung von seinem Standpunkte sich vernehmen ließ. Es war ein Mensch, der nach einer bekannten, englischen Melodie Bruchstücke einer Ballade sang, mit einer Stimme, die durch ihren widrig näselnden Ton besonders unangenehm auffiel. Durch die häufigen Pausen des Gesangs wurde es ihm möglich, einige Worte des Textes aufzufassen, die nach ihrer Wiederholung zu schließen, allem Anschein nach bestimmt waren, den Schlußchor der sonderbaren Weise zu bilden. Der Leser wird den Charakter des Ganzen aus den folgenden Zeilen beurtheilen können, welche also lauteten:

Seht nur, sie All', die Frei'n,
      Sie zieh'n davon;
Nur wer ein Sklav mag seyn,
Bleibt und schlürft Giftthee ein;
      Schmach ihm zum Lohn!

Nachdem Lionel diesem Singsang eine Weile zugehört, folgte er der Richtung, wo die Töne herkamen, und entdeckte hier Job Pray, der auf einer von den Stufen saß, welche das Aufsteigen zu der Plattform erleichterten, und sich eben mit Nüsseknacken beschäftigte, wobei er denn die freien Augenblicke, wenn sein Mund nichts Besseres zu thun fand, dazu benützte, die oben erwähnten Singweisen von sich zu geben.

»Ei, ei, Meister Pray, kömmst Du hieher, der Göttin der Freiheit Deine Lobgesänge anzustimmen – an einem Sonntag Morgen?« rief Lionel, »oder bist Du die Stadtlerche und wählst Dir in Ermanglung der Flügel diese Höhe, um für Deinen Gesang den richtigen Standpunkt zu finden?«

»Es ist keine Sünde, Psalmen oder Lieder vom Festland her an irgend einem Tage der Woche zu singen,« erwiederte der Bursche, ohne sich im Mindesten in seinem Geschäfte stören zu lassen. »Job weiß nicht, was eine Lerche ist, doch wenn sie zur Stadt gehört – dort ist's mit Soldaten so dick gesäet, sie könnten sie kaum auf dem Gemeindegrund gehen lassen.«

»Und welche Einwendung kannst Du dagegen haben, daß die Soldaten einen Winkel von eurem Gemeindegrund im Besitz haben?«

»Sie lassen die Kühe verhungern, und dann wollen sie keine Milch mehr geben; Gras schmeckt den Thieren süß im Frühling des Jahres.«

»Aber, mein Leben will ich wetten, die Soldaten essen doch kein Gras; eure Schecken und Schwarzen, eure Rothhaare, Weißen können noch immer, so wie sonst, die erste Gabe des Frühlings für sich nehmen.«

»Aber Bostoner Kühe lieben nicht das Gras, auf dem brittische Soldaten herumgetreten sind.«

»Nun das heißt doch wahrhaftig die Begriffe von Freiheit auf's Höchste verfeinert!« rief Lionel lachend.

Job schüttelte drohend mit dem Kopf, hob die Augen empor und sagte: »Laßt Ralph ja nichts davon hören, daß Ihr gegen die Freiheit sprecht!«

»Ralph! wer ist der, mein Bursche? Dein Schutzgeist! wo hast Du ihn gelassen, den Unsichtbaren, daß ich zu befürchten hätte, er möchte mir zuhören, wenn ich spreche?«

»Dort oben im Nebel,« sagte Job, indem er bedeutungsvoll nach dem Fuße des Leuchtthurms hinwies, den eine dichte Dunstmasse einhüllte, wahrscheinlich angezogen von dem hochragenden Pfeiler, der den Feuerrost stützte.

Lionel blickte einen Augenblick auf nach der Rauchsäule, als plötzlich der Nebel sich zu theilen begann und er mitten in den sich drängenden Schichten die dunkle Gestalt seines bejahrten Reisegefährten gewahr wurde. Der alte Mann war noch in seine einfache, verblichene graue Kleidung gehüllt, welche mit den Nebeln um ihn her so eigenthümlich harmonirte, daß sie seiner hingeschwundenen Gestalt ein fast ätherisches Ansehen ertheilte. Als der ihn umgebende Dunstkreis sich etwas gelichtet hatte, wurden seine Gesichtszüge sichtbarer. Lionel konnte die nie rastenden schnellen Blitze seiner Augen unterscheiden, wie sie über die entfernten Gegenstände mit einem Ernst hinzustreifen schienen, welcher des Nebelschleiers spottete, der noch so viel von der Aussicht verhüllte. Während Lionel wie in den Boden gewurzelt dastand und nach diesem sonderbaren Wesen mit jener Ehrfurcht hinblickte, welche der Greis ihm einzuflößen gewußt hatte, winkte dieser ungeduldig mit der Hand, gleichsam als wolle er seine Umhüllung von sich stoßen. In diesem Augenblick schoß ein lichter Sonnenstrahl in die Nebelmasse; die Gestalt des Fremden wurde gerade davon beleuchtet und mit einem Male zerfloßen die Dünste. Der ängstliche, wilde und strenge Ausdruck seiner Züge veränderte sich plötzlich bei der Berührung dieses Strahls. Er lächelte mit einer Anmuth und Sanftheit, welche den jungen, gefühlvollen Krieger im Innersten ergriff.

»Hieher kommen Sie, Lionel Lincoln,« so rief der Greis, »an den Fuß dieses Leuchtthurms, wo Sie sich Warnungen sammeln mögen, die, wohl bewahrt, Sie einst durch viele und große Gefahren unverletzt führen werden.«

»Ich bin froh, daß Sie gesprochen haben,« sagte Lionel, indem er auf ihn zuging; »Sie erschienen mir wie ein Wesen aus einer andern Welt, eingehüllt in diesen Mantel von Nebel, und ich fühlte mich versucht, niederzuknien und mir Ihren Segen zu erbitten.«

»Und bin ich denn nicht ein Wesen aus einer andern Welt? Das Meiste von dem, was mir einst theuer war, ruht schon im Grabe und ich zögere hier nur eine kleine Weile, da noch ein großes Werk zu thun ist, das ohne mich nicht vollendet werden kann. Mein Blick in das Reich der Geister, junger Mann, ist viel klarer und durchdringender, als der Ihrige, wenn er auf diese wandelbare Scene zu ihren Füßen niederschaut. Da ist kein Nebel, der meinem Auge entgegenträte, kein Zweifel über die Farben, die mir dort erscheinen.«

»Sie sind glücklich, Sir, an der Gränze Ihres Alters so sicher, so voll Vertrauen zu seyn. Aber ich fürchte, Ihr plötzlicher Entschluß in der verflossenen Nacht wird Sie wohl in der Hütte dieses Blödsinnigen manchen Entbehrungen ausgesetzt haben.«

»Der Knabe ist ein guter Junge,« sagte der alte Mann, indem er sanft die Stirne des Armen streichelte; »wir verstehen einander, Major Lincoln, und das verkürzt die Einleitung und macht die Mittheilung leichter.«

»Daß Sie über Einen Gegenstand gleich fühlen, hatte ich schon Gelegenheit zu bemerken, aber damit, sollte ich meinen, muß auch die Aehnlichkeit und das Einverständniß enden.«

»Die Neigungen der Seele in ihrer Kindheit und in der höchsten Reife ihres Daseyns sind nur eine Spanne auseinander,« erwiederte der Fremde. »Der ganze Umfang menschlicher Wissenschaft kann uns höchstens belehren, wie sehr wir unter der Herrschaft unserer Leidenschaften stehen, und Der, den die Erfahrung gelehrt hat, diesen Vulkan zu besänftigen, sowie Jener, welcher nie dessen Feuer in sich empfunden – sie sind doch Beide gewiß recht passende Gefährten!«

Lionel verbeugte sich schweigend vor einer für den Andern so demüthigenden Behauptung und lenkte die Unterhaltung nach einer augenblicklichen Pause wieder auf ihre gegenwärtige Lage.

»Die Sonne fängt an, sich fühlbar zu machen, und hat sie erst diese zerrissenen Ueberbleibsel des Nebels verjagt, dann werden wir all' jene Stellen wieder erblicken, die jeder von uns zu seiner Zeit so oft besucht hat.«

»Werden wir sie aber auch wieder finden, wie wir sie verließen – was glauben Sie wohl? oder werden Sie nicht vielmehr den Fremdling in dem Besitze jener Lieblingsplätze Ihrer Kindheit sehen?«

»Nicht den Fremdling, wahrlich nein; sind wir ja doch Alle Unterthanen des einen Königs, Kinder eines und desselben gemeinsamen Vaters!«

»Ich will Ihnen nicht entgegenhalten, daß er sich als einen unnatürlichen Vater bewiesen,« sagte der Greis mit Ruhe. »Der Herr, der jetzt den brittischen Thron einnimmt, ist vielleicht wegen der Unterdrückung seines Reichs weniger, als seine Rathgeber zu tadeln!«

»Sir,« unterbrach Lionel, »wenn solche Behauptungen über die Person meines Souveräns ausgesprochen werden, müssen wir uns trennen; denn schlecht würde es einem brittischen Offizier anstehen, auf diese Art mit Leichtsinn von seinem Herrn sprechen zu hören.«

»Leichtsinn,« wiederholte der Andere langsam, »das ist in der That ein Fehler, wie er graue Haare und morsche Glieder wohl zu begleiten pflegt: doch Ihre eifersüchtige Wachsamkeit lockt Sie hier in einen Irrthum! Ich habe in der Atmosphäre von Königen geathmet, junger Mann, und weiß das Individuum und seine Plane wohl von der Politik seiner Regierung zu sondern. Jene Letztere ist es, welche dieses große Reich zu trennen droht und dem dritten Georg einst das entreißen wird, was so oft und so wahr ›der glänzendste Juwel in seiner Krone‹ genannt wurde.«

»Ich muß Sie verlassen, Sir,« antwortete Lionel; »die Ansichten, die Sie während unserer Reise so frei geäußert, waren auf Grundsätze gestützt, die ich selbst kaum als gegen unsre Konstitution streitend ansehen kann: sie mochten nicht allein ohne Anstoß, sondern oft sogar mit Bewunderung von mir gehört werden: diese Sprache aber gränzt an Verrath.«

»So gehen Sie denn,« erwiederte der Fremde unbeweglich; »gehen Sie herab auf ihren entwürdigten Grund und lassen Sie ihre Söldlinge mich ergreifen – es wird nur das Blut eines alten Mannes seyn, aber es wird dazu dienen, den Boden zu düngen; oder senden Sie Ihre erbarmungslosen Grenadiere, daß sie ihr Opfer noch foltern, ehe das Beil das Seinige thun wird; ein Mann, der so lange gelebt hat, kann ja wohl ein Wenig von seiner Zeit den Peinigern aufsparen!«

»Ich hätte erwartet, Sir, daß Sie einen solchen Vorwurf mir ersparen würden.«

»Ich will ihn erlassen und will noch mehr thun – ich will meine Jahre vergessen, und um Verzeihung bitten. Aber hätten Sie Sklaverei gekannt, wie ich sie erfuhr, in ihrer schrecklichsten Gestalt, Sie würden dann sicher auch den unschätzbaren Segen der Freiheit besser zu achten wissen.«

»Haben Sie je auf Ihren Reisen die Sklaverei näher kennen gelernt, als etwa in Dem, was Sie als eine Verletzung von Grundsätzen ansehen?«

»Ob ich habe!« rief der Fremde, bitter lächelnd; »ich habe sie kennen gelernt, wie nie ein Mann sie kennen lernen sollte, in That und Willen. Ich habe Tage, Monde, selbst Jahre verlebt und mußte Andere kalt über meine Bedürfnisse entscheiden hören; mußte sehen, wie Andere durch ihr mageres Mitleid meiner Noth zu Hülfe kamen; mußte vernehmen, wie sie sich das Recht anmaßten, die Leiden zu beschreiben und die Freude an Gefühlen zu beschränken, welche Gott allein mir verliehen hatte.«

»Solche Knechtschaft zu erdulden, müßt Ihr in die Gewalt ungläubiger Barbaren gefallen seyn.«

»Ha, mein Junge, Dank für diese Worte! in der That, sie verdienten mit vollem Rechte diesen Namen. Ungläubige, welche die Gebote unsres gesegneten Erlösers verläugneten, Barbaren, die ihren Nebenmenschen, der eine Seele und Vernunft besaß, wie sie selbst, gleich einem Thiere des Feldes behandelten.«

»Warum kamt Ihr nicht nach Boston, Ralph, und erzähltet das dem Volk in Funnel-Hall?« rief Job; »da wäre wohl ein Lärm darüber gewesen.«

»Kind, ich kam nach Boston, wieder und immer wieder, in Gedanken; und der Ruf, den ich erschallen ließ an meine Landsleute, er würde wohl selbst die Zügel auf Alt-Faneuil bewegt haben, hätte er nur in ihren Mauern laut werden können. Aber es war umsonst! sie hatten die Macht und gleich Teufeln – oder vielmehr gleich elenden Menschen – mißbrauchten sie dieselbe.«

Lionel, sichtbar gerührt, war eben im Begriff, eine passende Antwort hierauf zu geben, als er seinen eigenen Namen von einer Stimme laut rufen hörte, die von dem entgegengesetzten Abhang des Hügels heraufzukommen schien. In dem Augenblick, als diese Töne sein Ohr erreichten, erhob sich der alte Mann von seinem Sitz am Fuße des Leuchtthurms, und mit Job über die Fläche der Platform hineilend, verschwand er und der Knabe mit wunderbarer Geschwindigkeit in einer Nebelschichte, die noch an der Seite des Hügels hing.

»Ha, Leo, du Löwe dem Namen nach und Reh an Geschwindigkeit!« rief der Ankommende, als er den steilen Abhang erstiegen hatte, »was kann Dich so früh schon in diese Wolken heraufgeführt haben? hu, – man braucht ja wahrhaftig einen Newmarketzug, um an einem solchen Abgrund heraufzuklimmen. Aber, Leo, mein theurer Junge, ich bin herzlich erfreut, Dich zu sehen – – wir wußten, daß Du mit dem ersten Schiff erwartet wurdest und als ich gerade von der Morgenparade kam, begegnete ich einem Paar Burschen in dem ›Lincoln Grün‹, das Du kennst, jeder einen Vollblutrenner an der Hand – – meiner Treu, von diesen wäre mir einer ganz erwünscht gewesen, um den verfluchten Hügel heraufzuklettern – puh und noch einmal puh, – nun, ich erkannte die Livree auf den ersten Blick: was die Pferde anbelangt, so hoffe ich, später noch besser damit bekannt zu werden. ›Sagt mir, Sir‹, so sprach ich zu einem der Schlingel in der Livree, ›wem dient Ihr!‹ – ›Major Lincoln, Sir, von Ravenscliffe‹ gab er zur Antwort und das mit einem so unverschämten Blick, als hätte er sagen können, wie Sie und ich, ›Seiner geheiligten Majestät dem König‹. Das ist die Antwort der Diener von Euch Zehntausend-Pfund-des-Jahrs-Männern! Nun denk' einmal, man hätte an meinen Tölpel eine solche Frage gerichtet, der hätte geantwortet, der verzagte Hund, ›Kapitän Polwarth im Siebenundvierzigsten‹, und hätte den Frager, selbst wenn er ein neugieriges Mägdlein gewesen wäre, die in das tout ensemble meiner Außenseite sich vergafft, in völliger Unwissenheit darüber gelassen, daß es noch so einen Ort wie Polwarth-Hall in der Welt gebe.«

Während dieser munteren Rede, die nur durch verschiedentliche Anstrengungen des Sprechers, den im Heraufsteigen verlorenen Athem wieder zu gewinnen, unterbrochen wurde, schüttelte Lionel seinem Freunde herzlich die Hand, und suchte ihm seine eigene Freude über dieses Zusammentreffen auszudrücken. Der Mangel an Athem indessen, der bei Kapitän Polwarth eine Art von Erbsünde war, hatte diesen zum Pausiren gezwungen und verstattete Lionel Zeit zu einer Antwort.

»Dieser Hügel ist wahrlich der letzte Ort, wo ich Dich zu treffen erwartet hätte,« sagte er. »Ich nahm als gewiß an, Du würdest vor neun oder zehn wenigstens nicht aus den Federn kommen und da war es denn meine Absicht, nach Dir zu fragen und Dich zu besuchen, ehe ich dem kommandirenden General meine Aufwartung gemacht hätte.«

»Ha, Du magst Sr. Excellenz, dem ›sehr ehrenwerthen Thomas Gage, Statthalter und General-en-Chef in und über die Provinz Massachusets-Bay und Viceadmiral ebendaselbst‹, wie er sich selbst in seinen Proklamationen titulirt, für diese besondere Gunst Deinen Dank abstatten, obwohl er, unter uns gesagt, Leo, gerade so gut Statthalter über die Provinz als Besitzer von den Rennern ist, die Du eben an's Land hast bringen lassen.«

»Aber warum soll ich ihm für dieses Zusammentreffen danken?«

»Warum? schau einmal um Dich und sage mir, was Du siehst – Nebel und Nichts als Nebel – – doch nein, ich sehe doch, dort ist ein Kirchthurm, drüber die rauchende See und hier die Kamine von Hancocks-House unter uns, gleichfalls rauchend, als ob ihr rebellischer Herr zu Haus wäre und sich eine Mahlzeit bereitete; aber Alles, was Du siehst, ist ganz und gar rauchig und gerade vor dem Rauch haben wir Epikuräer eine natürliche Abneigung. Die Natur verlangt, daß ein Mann, der den Tag über vollauf zu thun hat, nur um sich überall herumzubringen, wie hier Dein gehorsamer Diener vor Dir, wenigstens seine Nachtruhe des Morgens nicht zu plötzlich abbreche. Aber der sehr ehrenwerthe Thomas, Statthalter und Viceadmiral u. s. w. hat uns alle, Offiziere wie Soldaten, mit Sonnenaufgang unter die Waffen beordert.«

»Nun das ist doch gewiß keine große Anstrengung für einen Soldaten, und überdieß scheint es mir wunderbar bei Dir anzuschlagen. Jetzt erst sehe ich, Polwarth, und bin erstaunt! – wahrhaftig, Du hast doch nicht gar eine Leichtinfanterie-Jacke an?«

»Sicherlich – und was ist denn auch daran so sehr zu verwundern?« antwortete der Kapitän mit großem Ernst; »passe ich etwa nicht für den Anzug, oder will dieser mir nicht recht stehen, daß Du mich ansiehst, als wolltest Du vor Lachen sterben? Lache nur zu, Leo, ich bin es in diesen drei Tagen schon gewöhnt worden – aber was ist denn bei alle dem so gar Besonderes daran, wenn ich, Peter Polwarth, eine Compagnie der leichten Infanterie kommandire? Habe ich nicht akkurat meine fünf Fuß, sechs und ein achtel Zoll – das vorgeschriebene Maß?«

»Du bist, wie mir scheint, bei Deiner Längenbestimmung so genau verfahren, als hättest Du beständig einen von Harrison's Längemessern bei Dir; ist Dir aber nie eingefallen, Dich auch eines Quadranten hiebei zu bedienen?«

»Für meine Breite! Ich verstehe Dich, Leo! weil ich ein wenig gleich unserer Mutter Erde gestaltet bin, beweist das, daß ich deßwegen keine Leichtinfanterie-Compagnie kommandiren kann?«

»Ei, gerade wie Josua einst die Sonne kommandirte. Aber selbst das Stillstehen dieses Gestirns ist kein größeres Wunder in meinen Augen, als der Umstand, daß ich Dich in diesem Anzug vor mir sehe.«

»Nun gut, das Geheimniß soll Dir enthüllt werden; aber erst laß uns an diesem Leuchtthurm niedersitzen,« sagte Kapitän Polwarth, indem er sich unter vielen Umständen auf der nämlichen Stelle zurecht setzte, welche kurz vorher die magere Gestalt des Fremden eingenommen hatte; »ein ächter Soldat schont haushälterisch seine Kräfte für die Zeit der Noth. Da spreche ich aber von Haushalten und das bringt mich auf einmal zum Ziele – ich bin verliebt.«

»Das ist erstaunlich!«

»Ja, was Dich aber noch vielmehr wundern wird, ist, ich möchte gar zu gern heirathen.«

»Das muß ein Weib von keinen geringen Gaben seyn, die solche Wünsche zu erregen vermochte bei Kapitän Polwarth vom Siebenundvierzigsten und von Polwarth-Hall!«

»Sie ist eine Dame von großen Vorzügen, Major Lincoln,« sagte der Liebhaber mit einem plötzlichen Ernst, der bewies, daß seine lustige Manier nicht ganz natürlich war. »Von ihrer Gestalt könnte man sagen, sie sey auf einer Drechselbank geschnitzt worden. Wenn sie ernsthaft ist, geht sie einher mit der Stattlichkeit eines Schauochsen; wenn sie hüpft, geschieht es mit der Raschheit eines welschen Hahns, und wenn sie ruht, kann ich sie einzig mit einem Gerichte Wildpret vergleichen, geschmackvoll, zart, gerade so, daß man nie genug davon bekommen kann.«

»Du hast, um in Deinen eigenen Metaphern zu reden, mir solch eine rare Skizze von ihrer Person entworfen, daß ich brenne, auch etwas von ihren Geistesgaben zu hören.«

»Meine Bilder sind vielleicht nicht poetisch, aber sie sind die ersten, die sich meinem Geiste darbieten und sind natürlich. Die Eigenschaften aber, die sie sich durch sorgfältige Ausbildung erworben, übertreffen noch bei Weitem die natürlichen Anlagen ihres Geistes. Erstens ist sie witzig; zweitens bissig wie der Teufel und drittens ist die Kleine solch eine eingefleischte Rebellin gegen König Georg, als es nur je eine in Boston geben kann.«

»Das sind sonderbare Empfehlungen für Deine Gunst.«

»Die untrüglichsten von allen Recommandationen. Sie sind pikant, wie schmackhafte Saucen, die den Apetit erregen und die Mahlzeit würzen. So z. B. ihre Verrätherei (denn so weit geht's bei ihr in der That) ist wie Oliven und gibt meiner eigenen großherzigen Loyalität einen besondern Beigeschmack. Ihre Lässigkeit ist das Oel zu dem kalten Salat meiner Bescheidenheit, und ihr scharfer Witz mengt sich mit der Sanftheit meines Temperaments zu jener Art lieblicher Mengung, mit welcher Süßes und Saures im Sorbet sich mischen.«

»Es wäre eitle Mühe für mich, wollte ich länger die Reize eines solchen Wesens bestreiten,« erwiederte Lionel, höchlich ergötzt durch die drollige Mischung von Ernst und Scherz in der Art seines Freundes; »nun aber ihren Zusammenhang mit der leichten Infanterie – sie dient doch, hoffe ich, nicht unter den leichten Truppen ihres eigenen Geschlechts, Polwarth?«

»Verzeiht mir, Major Lincoln, darüber kann ich keinen Scherz vertragen. Miß Danforth gehört zu einer der besten Familien der Stadt.«

»Danforth! doch nicht etwa gar Agnes!«

»Gerade dieselbe« rief Polwarth erstaunt, »was weißt denn Du von ihr?«

»Nichts, als daß sie so etwas wie eine Cousine von mir ist und daß wir in einem Hause zusammen wohnen. Wir sind beide in gleichem Grade mit Mrs. Lechmere verwandt und die gute Dame bestand darauf, daß ich meine Wohnung in der Tremontstraße nehmen sollte.«

»Ha! das höre ich mit Freuden! So wird auf alle Fälle unsere Freundschaft zu etwas Besserem dienen, als blos mit einander zu essen und zu trinken. Doch um zur Hauptsache zu kommen – da waren so etliche verdammte Sticheleien im Umlauf über meine Proportion, die ich für klug hielt mit einem Male niederzuschlagen.«

»Was zu erreichen Du nichts zu thun hattest, als schlanker zu erscheinen.«

»Und thue ich dieß nicht in dieser knappen Kleidung? In allem Ernste, Leo – denn gegen Dich kann ich mich ganz frei auslassen – Du weißt, welch' ein Völkchen wir sind im Siebenundvierzigsten. Laß sie einmal ein Schimpfwort aufgabeln, einmal einen Spitznamen Dir aufheften und Du nimmst ihn mit zu Grabe, mag er auch noch so lästig seyn.«

»Es gibt aber doch wahrlich einen Weg, solche Freiheiten, wenn sie einem Gentleman nicht anstehen, auf gute Weise von sich fern zu halten,« sagte Lionel ernst.

»Pah, pah! ein Mann wird doch nicht gar wegen eines Pfundes Fett mehr oder weniger zum Kampfe schreiten! Doch auch der Name macht viel aus und die ersten Eindrücke entscheiden Alles. Nun wer hält wohl Groß-Kairo für ein Dorf und denkt sich unter dem Groß-Türken und Groß-Mogul kleine Knaben, oder wer wird wohl vom Hörensagen glauben, daß Kapitän Polwarth von der leichten Infanterie seine 180 wiegen könne?«

»Und 20 dazu?«

»Nicht ein Pfund weiter, so wahr ich ein Sünder bin. Erst in der vorigen Woche wurde ich von der gesammten Tischgesellschaft gewogen, und seither habe ich eher eine Unze verloren als zugelegt, denn dieses Frühaufstehen hilft keineswegs zum Fettwerden. Es geschah in meinem Schlafrock, Du wirst ihn wohl noch kennen – denn wir Jünger vom Kerbholz können nicht wie ihr federleichten Springer uns auch noch auf Stiefel und Sporen und all' jene andern Beschwernisse beim Wägen einlassen.«

»Aber ich wundre mich nur, wie Nesbitt sich verleiten lassen konnte, seine Einwilligung zu der Veränderung zu geben,« sagte Lionel; »er sieht doch auch etwas auf die äußere Erscheinung.«

»Dafür bin ich gerade der Mann,« unterbrach ihn der Kapitän; »ich bin nun einmal einverleibt, wie Du siehst und stelle, wenn Du so willst, mehr vor als irgend ein Kapitän im Corps. – Aber ich will Dir ein Geheimniß in's Ohr flüstern. Es hat hier kürzlich eine schlimme Geschichte gegeben, wobei das Siebenundvierzigste sich keine neuen Lorbeeren sammelte; da war ein langes Streiten und Deliberiren um eine alte rostige Muskete.«

»Ich habe bereits etwas von der Sache gehört,« antwortete Lionel, »und zu meinem Leidwesen fand ich gestern Abend, daß die Leute ihr eigenes brutales Benehmen durch das Beispiel ihres Befehlshabers zu entschuldigen wagten.«

»Hum – 's ist eine delikate Sache – nun, und diese Patsche hat den Oberst gerade in Boston in besonders üblen Geruch gebracht und namentlich unter den Frauen, in deren Gunsten wir überhaupt sammt und sonders viel tiefer stehen, als je zuvor, so viel ich weiß, die Scharlachröcke gestanden haben. Denke Dir, Leo, die Blaukutten gehen uns hier insgesammt weit voran! Aber unter allen Offizieren der Armee ist Keiner, der sich mehr Freunde hier am Platz erworben hätte, als Dein ergebener Diener. Ich habe diese Popularität, die gerade jetzt nichts weniger als unwichtig ist, mir zu Nutzen gemacht, und theils durch Versprechungen, theils durch geheimen Einfluß erhielt ich die Compagnie, auf welche, wie Du weißt, mein Rang im Regiment mir ein unbezweifeltes Recht gibt.«

»Eine vollkommen genügende Erklärung, ein durchaus lobenswerther Ehrgeiz von Deiner Seite und ein sicheres Zeichen, daß der Friede nicht gestört werden wird: denn Gage würde nie zu einem solchen Arrangement seine Zustimmung geben, wenn er irgend ein thätliches Einschreiten in Aussicht hätte.«

»Ja, da möchtest Du fast Recht haben; diese Yankees sprechen und fassen Beschlüsse und billigen ihre Beschlüsse, wie sie's nennen, jetzt schon an die zehn Jahre und zu was führt das Alles am Ende? Das ist sicher, die Sachen gehen mit jedem Tage schlimmer, aber Jonathan ist und bleibt mir ein Räthsel. Nun Du erinnerst Dich noch, als wir zusammen in der Kavallerie waren – Gott verzeihe mir den Selbstmord, den ich beging, als ich aus ihr in die Infanterie übertrat, was ich auch sicherlich nicht gethan hätte, wäre nur in ganz England ein ruhiger Paßgänger oder ein sicherer Springer für mich zu finden gewesen! – aber damals, nahm das Volk Aergerniß an einer neuen Abgabe oder war Stockung in den Geschäften, rotteten sie sich zusammen, brannten ein Haus nieder oder zwei, hatten sie einen Beamten erschreckt oder vielleicht einen Konstabel geprügelt – da, Du weißt noch, wir auf einmal im Galopp drauf los, zogen unsre Säbel und jagten die lumpigen Teufel nach allen vier Winden: die Gerichte thaten dann vollends das Ihre, wir hatten mit ein wenig Athem einen leichten Sieg davon getragen und wurden reichlich dafür entschädigt durch einen vermehrten Appetit beim Mittagsmahl. Aber hier geht das Ding einen ganz andern Gang.«

»Und welches sind denn gerade jetzt die beunruhigendsten Zeichen in den Kolonien?« fragte Major Lincoln, mit merklichem Interesse an der Sache.

»Sie entziehen sich ihre natürlichen Nahrungsmittel, um, wie sie's nennen, ihre Grundsätze zu wahren; die Weiber verschwören den Thee und die Männer verlassen ihre Fischereien! Es ist kaum so etwas wie eine wilde Ente während des ganzen Frühjahrs auf den Markt gebracht worden, einzig und allein in Folge der Hafen-Bill, und dazu werden die Schlingel mit jedem Tage noch störrischer. Sollte es aber auch zu Schlägen kommen, Gottlob, wir sind stark genug, uns nach jedem Theil des Kontinents einen Weg zu bahnen, wo die Vorräthe reichlicher seyn mögen und ich höre, es sind bereits noch mehr Truppen unterwegs?«

»Wenn es zu Schlägen kommen sollte, was der Himmel verhüten möchte, so werden wir belagert, da wo wir jetzt eben sind.«

»Belagert!« rief Polwarth in sichtbarem Schreck; »wenn ich dächte, daß nur die geringste Aussicht zu einem solchen Unglück vorhanden wäre, ich würde morgen schon aufkaufen. Es ist schon jetzt schlimm genug; unser Mittagstisch ist nie gehörig besetzt, aber käme noch vollends eine Belagerung dazu, es gäbe eine völlige Hungersnoth. – Nein, nein, Leo, ihre kleinen Leute mit dem langläufigen Schießzeug werden wohl nicht daran denken, viertausend brittische Soldaten mit einer Flotte, die uns den Rücken deckt, zu belagern. Viertausend! Wenn die Regimenter, die ich nennen hörte, wirklich schon unterwegs sind, dann sind wir unser achttausend, so brave Männer, als je trugen –«

»Leichtinfanterie-Jacken,« unterbrach ihn Lionel. »Doch mit den Regimentern ist's gewiß: Klinton, Bourgoyne und Howe hatten am nämlichen Tage mit mir ihre Abschiedsaudienz. Das Militär steht in ganz besonderer Gunst bei dem König und deßhalb war natürlich unser Empfang äußerst gnädig, obgleich es mir schien, das Auge des Herrn blicke nach mir auf eine Art, als erinnere er sich jener Meinungen, die ich ein- oder zweimal in meiner Jugend über den Gegenstand dieser unseligen Streitigkeiten in dem Parlament geäußert.«

»Du stimmtest gegen die Hafenbill,« sagte Polwarth, »und zwar aus Rücksicht für mich.«

»Nein, darin war ich auf der Seite der Minister. Das Benehmen der Stadt Boston hatte diese Maßregel hervorgerufen – über diese Frage waren kaum zwei Meinungen im Parlament.«

»Ach, Major Lincoln, was bist Du ein glücklicher Mann!« sagte der Kapitän; »einen Sitz im Parlament mit fünfundzwanzig! Ich glaube, ich würde diese Beschäftigung jeder andern vorziehen – schon der Name hat so etwas Einnehmendes: ein Sitz! Ihr habt zwei Glieder für Euren Flecken; wer hat denn eben jetzt den zweiten Sitz?«

»Sprich nicht davon, ich bitte Dich,« flüsterte Lionel und drückte den Arm des Andern, als er aufstand; »er ist nicht besetzt von dem, der ihn einnehmen sollte, Du weißt es. – Wollen wir nicht auf den Grund hinabgehen? Dort sind noch manche Freunde, die ich wohl zu sehen wünschte, ehe die Glocken uns zur Kirche rufen.«

»Ja, hier ist der Ort, um in die Kirchen oder vielmehr zum Meeting zu rennen, denn die meisten von dem guten Volk verschwören den Namen Kirche, wie wir es sonst mit der Oberherrschaft des Pabstes machten,« entgegnete Polwarth, indem er den Fußstapfen seines Gefährten folgte. »Ich habe noch nie daran gedacht, in einen von ihren abtrünnigen Ställen zu gehen und wollte lieber manchen Tag an meinem Bagagewagen Schildwach stehen, als eins ihrer Gebete hören. Ich kann's recht gut thun in des Königs Kapelle, wie sie es heißen; denn liege ich erst einmal gemächlich auf meinen Knieen, so halte ich's aus, ebensogut, wie mein Lord-Erzbischof von Canterbury, obwohl es von jeher ein Gegenstand der Verwunderung für mich war, wo ein Mann nur den Athem hernehmen mag, um sich durch dieses Morgengebet hindurchzuarbeiten.«

Sie stiegen den Hügel hinab, während Lionel antwortete, und ihre Gestalten verloren sich bald unter zwanzig Scharlachröcken, die auf dem Gemeindegrund umherschlenderten.

 

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