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Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston

James Fenimore Cooper: Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleLionel Lincoln oder die Belagerung von Boston
publisherVerlag von S. G. Liesching
printrunZweite Auflage
year1851
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150324
modified20170303
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Drittes Kapitel.

Dem Silberhahn der süße Trank entquillt,
Die Tass' aus China's Thon er dampfend füllt.
Der feine Duft, der Wohlschmack gleich ergötzt,
Und lange wird das reiche Mahl noch fortgesetzt.

Der Lockenraub.    

 

Die Erinnerung an die wiederholten Mahnungen seiner Mutter hatte bei Job die Wirkung, daß er seinen Auftrag im Gedächtniß behielt. In dem Augenblick, als der Offizier erschien, nahm er seinen Weg über die Brücke; von hier aus gingen sie eine kurze Strecke am Wasser hin und traten sodann in eine breite, wohlgebaute Straße, die sich von der Hauptwerfte nach den oberen Theilen der Stadt hinzog. Nach dieser Straße sich wendend wollte eben der Bursche mit großem Ernste seinen Weg fortsetzen, als das Freudengeschrei einer munteren Zechgesellschaft, das aus einem gegenüberstehenden Gebäude herüberdrang, seine Aufmerksamkeit fesselte und ihn zum Stillstehen bewog.

»Denk' an den Befehl Deiner Mutter,« sagte der Offizier; »was siehst Du in dieser Schenke, was gibt's zu gaffen?«

»Das ist das brittische Kaffeehaus!« sagte Job kopfschüttelnd; »ja, jedermann könnte es an dem Lärm merken, den sie dort am Samstag Abend machen! Seht!, es ist jetzt mit Lord Boot's Offizieren angefüllt, und Ihr seht sie wie eben so viele rothe Teufel an den Fenstern herum schwirren: aber morgen, wenn des Alten Süd Glocken ertönen, werden sie, die Sünder, ihren Herrn und Schöpfer vergessen.«

»Bursche,« rief der Offizier, »Du gehst wahrlich zu weit – marsch in die Tremontstraße oder pack Dich fort, daß ich mir einen andern Führer verschaffe.«

Der Blödsinnige warf einen Seitenblick nach dem zornigen Auge des Andern; dann wandte er sich und ging weiter, indem er so laut, daß er gehört werden mußte, vor sich hinmurmelte:

»Jeder, der in Boston erzogen worden, weiß, wie man die Samstag-Nacht feiern soll; und wenn Ihr ein Bostoner Kind seyd, solltet Ihr auch Bostoner Gebräuche lieben.«

Der Offizier gab keine Antwort und da sie jetzt mit großer Eile weiter gingen, hatten sie bald die King- und Queenstreet hinter sich und traten in die Tremontstraße. Kurze Zeit, nachdem sie um die Ecke waren, hielt Job still und zeigte nach einem nahen Gebäude mit den Worten:

»Hier; dieß Haus mit dem Vorhof, den Pfeilern und dem großen Hofthor ist Mad. Lechmere's; Jedermann sagt, sie sey eine große Dame, aber ich sage, es ist Schade, daß sie nicht eine bessere Frau ist.«

»Und wer bist Du, daß Du Dir herausnimmst, von einer Dame, die so weit über Dir steht, so kühn zu sprechen?«

»Ich,« sagte der Schwächling, indem er dem Fragenden einfältig in's Gesicht schaute; »ich bin Job Pray, so heißt man mich.«

»Gut, Job Pray, hier ist eine Krone für Dich. Das nächste Mal, wenn Du wieder den Führer machst, bleib mehr bei Deinem Amt. – Ich sage Dir, Knabe, hier ist eine Krone.«

»Job mag keine Kronen – sie sagen, der König trägt eine Krone, und sie macht ihn hochmüthig und stolz.«

»Die Mißstimmung muß wahrlich weit um sich gegriffen haben, wenn Leute, wie dieser, eher das Silber ausschlagen, als daß sie ihre Grundsätze verletzen,« murmelte der Offizier vor sich hin. – »Hier denn ist eine halbe Guinee, wenn du Gold mehr liebst.«

Der Einfältige, der fortfuhr, einen Stein mit den Füßen hin und her zu stoßen, ohne die Hände aus den Taschen zu thun, wo sie gewöhnlich steckten, schielte unter seinem überhängenden Hut mit gleichgültiger Miene auf die angebotene Gabe.

»Ihr wolltet die Grenadiere Job nicht peitschen lassen,« sagte er, »und Job will Euer Geld nicht nehmen.«

»Gut, Junge; damit zeigst Du mehr Dankbarkeit als ein gescheiter Mann wohl immer fühlen würde. Komm, Meriton, ich werde den armen Schelm wieder treffen und will ihn nicht vergessen. Ich befehle Dir, darauf zu sehen, daß der Bursche zu Anfang nächster Woche besser gekleidet ist.«

»Mein Gott, Sir,« sagte der Diener, »wenn Sie's befehlen, wird's freilich geschehen; aber ich erkläre zum Voraus, ich weiß nicht, in welchem Styl ich eine solche Figur und Gesicht kleiden soll, um auch nur Etwas aus ihm zu machen.«

»Sir, Sir,« rief der Bursche, indem er dem Offizier, der schon weiter gegangen war, einige Schritte nachrannte, »wenn Ihr die Grenadiere nie mehr wollt nach Job schlagen lassen, will Job Euch immer den Weg durch Boston zeigen und auch gern Eure Gänge thun!«

»Armer Bursche! Ich verspreche Dir, Du sollst nie mehr von den Soldaten mißhandelt werden. Gute Nacht, mein ehrlicher Freund, – laß Dich wieder bei mir sehen.«

Der Einfältige schien durch diese Versicherung befriedigt, denn unmittelbar darauf drehte er um und verschwand, indem er in sonderbar schwankender Bewegung die Straße hinab humpelte, hinter der nächsten Ecke. Unterdessen näherte sich der junge Offizier dem Eingang, der in den Hof von Mrs. Lechmere's Wohnung führte. Das Haus war von Backsteinen gebaut und sein Aeußeres mit weit mehr Prunk ausgestattet, als die meisten anderen in den unteren Stadttheilen. Es war nach dem Geschmack einer etwas früheren Periode mit schwerfälligen Holzverzierungen geschmückt und präsentirte in seinen beiden oberen Stockwerken eine Front von sieben Fenstern, von welchen die auf den Flügeln schmaler waren als die übrigen. Der untere Stock hatte die nämliche Einrichtung, mit Ausnahme des großen Hofthors, das sich hier befand.

In vielen Theilen des Hauses schimmerten helle Lichter, welche verglichen mit den öden finsteren Gebäuden in seiner Nachbarschaft ihm ein besonders freundliches und lebendiges Ansehen gaben. Auf das Klopfen des jungen Mannes erschien augenblicklich ein alter Neger, der in eine anständige und für die Kolonien reiche Livree gekleidet war. Die Frage, ob Mrs. Lechmere zu Hause sey, wurde bejaht und der Jüngling durch eine Halle von ziemlicher Ausdehnung in ein Gemach geführt, das auf einer Seite sich nach derselben öffnete. Dieses Zimmer würde in jetziger Zeit für viel zu klein gelten, um eine ganze Einrichtung, wie die neuere Mode sie für eine Landstadt erfordert, zu fassen; es ersetzte aber, was ihm an Größe abging, hinlänglich durch den Reichthum und die Pracht seiner Verzierungen. Die Wände waren durch aufgeworfenes Täfelwerk in Felder abgetheilt und diese mit Ruinen und Landschaften aus der Phantasie schön bemalt. Ueber diesen glitzernden, überfirnißten Gemälden waren mancherlei Wappenschilde angebracht, wodurch die Verbindungen der Familie verherrlicht werden sollten. Unterhalb derselben waren kleinere Tafelfelder mit allerhand architektonischen Verzierungen bemalt und über ihnen erhoben sich zwischen den Abtheilungen kannelirte Säulen von Holz mit vergoldeten Capitälen. Ein schwerer, hölzerner, reich verzierter Carniß zog sich oben um das Ganze hin und bildete eine passende Begränzung für die Wände. Der Gebrauch der Tapeten war zu jener Zeit in den Colonien noch wenig bekannt, obwohl der Reichthum und hohe Rang der Mrs. Lechmere diesen Luxus wahrscheinlich bei ihr eingeführt haben würde, hätte nicht ihr Alter und die Beschaffenheit des Gebäudes sie veranlaßt, bei der alten Sitte zu beharren. Der Boden, glänzend, wie das ganze Hausgeräthe, war aus kleinen Würfeln zusammengefügt, die mit rothem Cedern- und weißem Fichtenholz unter einander abwechselten, während in der Mitte die "springenden Löwen" der Lechmere's zu sehen waren, welche die Wappenkunde des Tischlers dort angebracht hatte. Auf jeder Seite des schweren und sorgfältig gearbeiteten Kaminmantels waren gewölbte Nischen von einfacherer Arbeit und wie es schien zum Gebrauch bestimmt, wenigstens zeigte sich hinter der weggeschobenen Decke der einen ein Kredenztisch, der mit massivem Silberzeug belastet war. Die Geräthschaften waren alt, reich und schwerfällig, aber vollkommen wohl erhalten. Im Mittelpunkte dieses Schauplatzes von Colonialpracht, die durch zahlreiche Wachskerzen so anschaulich als möglich gemacht war, saß eine Dame von hohem Alter mit förmlichem Anstand auf einem kleinen Ruhebett. Der Offizier, nachdem er seinen Mantel in der Halle seinem Diener Meriton übergeben, erschien jetzt beim Eintreten in das Gemach in der heiteren Uniform, die den leichten und feinen Verhältnissen seiner Gestalt noch den weiteren Reiz des militärischen Glanzes ertheilten. Das kalte, strenge Auge der Dame wurde unter einem höchst befriedigten Erstaunen sichtbar milder, als es einen Augenblick auf seiner Person verweilte, nachdem sie sich erhoben hatte, ihren Gast zu empfangen; das augenblickliche Stillschweigen wurde aber zuerst durch den Jüngling unterbrochen, welcher sagte:

»Ich bin unangemeldet eingetreten, Madame, meine Ungeduld ließ mich die feine Lebensart vergessen, da jeder Schritt in diesem Hause mich an die Tage meiner Knabenzeit und an die frühere Freiheit innerhalb dieser Wände erinnert.«

»Cousin Lincoln,« unterbrach die Dame – es war Mrs. Lechmere; »dieses schwarze Auge, dieß Lächeln, ja der Gang sogar verkündet Sie mir. Ich müßte meinen armen Bruder und noch eine andere theure Person vergessen haben, hätte ich Sie nicht sogleich als einen ächten Lincoln erkannt.«

Es war in dem Benehmen Beider bei diesem Zusammentreffen eine Entfernung bemerkbar, wie man sie leicht als eine Folge der strengen Regeln der Provinzialschule ansehen konnte, von der die Dame ein so ausgezeichnetes Mitglied war – welche übrigens dennoch nicht hinreichte, um den Ausdruck von Trauer zu erklären, der plötzlich des jungen Mannes Lächeln völlig verfinsterte. Die Veränderung war aber nur vorübergehend, und er antwortete auf ihre Versicherung des Wiedererkennens:

»Ich war lange gewöhnt, eine zweite Heimath in der Tremontstraße zu erwarten, theure Madame, und sehe nun durch Ihre schmeichelhafte Rückerinnerung an mich und meine Eltern alle meine Erwartungen erfüllt.«

Die Dame war sichtlich erfreut durch die Antwort und ein Lächeln durfte sogar ihre strenge Stirn erheitern.

»Eine Heimath freilich,« erwiederte sie, »wenn auch nicht eine solche, wie der Erbe des reichen Hauses Lincoln sie zu besitzen gewohnt ist. Befremdend in der That müßte es erscheinen, wenn irgend ein Glied dieser geehrten Familie vergessen könnte, das Haupt derselben mit geziemender Ehrfurcht zu empfangen.«

Der junge Mann, der zu fühlen schien, daß gerade so viel gesagt worden, als die Gelegenheit verlangte, erhob sein Haupt, das er auf ihre Hand niedergebeugt hatte, in der Absicht, die Unterhaltung auf einen weniger persönlichen Gegenstand zu lenken. Da fiel sein Auge auf die Gestalt einer andern und jugendlicheren Dame, welche bisher hinter den Falten eines Fenstervorhangs verborgen gewesen war. Er näherte sich derselben und sagte mit einer Schnelligkeit, die eher seinen Wunsch verrieth, weitere Komplimente abzuschneiden. –

»Und hier sehe ich noch Jemand, dem ich verwandt zu seyn die Ehre habe, Miß Dynevor?«

»Zwar ist sie nicht meine Enkelin,« sagte Mrs. Lechmere, »doch macht sie auf gleiche Verwandtschaft mit Ihnen Anspruch, Major Lincoln; es ist Agnes Danforth, die Tochter meiner verstorbenen Nichte.«

»So wars mein Auge, nicht mein Gefühl, das mich betrog,« erwiederte der Krieger, »ich hoffe die Dame wird meine Ansprüche, sie Cousine zu nennen, anerkennen?«

Eine einfache Verneigung war die einzige Antwort, die er erhielt; doch lehnte sie seine Hand nicht ab, als er sie ihr zur Begrüßung bot. Nach einigen weiteren höflichen Redensarten und den gebräuchlichen Nachfragen, wie sie bei solchem Wiedersehen zu folgen pflegen, setzte sich die Gesellschaft nieder und ein regelmäßigeres Gespräch entspann sich.

»Ich bemerke mit Vergnügen, Cousin Lionel, daß Sie sich unserer so wohl erinnern,« sagte Mrs. Lechmere; »wir haben so wenig in dieser entfernten Provinz, was eine Vergleichung mit dem Mutterlande zuließe, daß ich gefürchtet hatte, es möchte auch keine Spur von dem Orte Ihrer Geburt in Ihrer Seele zurückgeblieben seyn.«

»Ich finde die Stadt sehr verändert, das ist wahr, aber doch sind hie und da manche Stellen, deren ich mich noch erinnere, obwohl freilich durch Abwesenheit und Vertrautheit mit andern Scenen ihr Glanz sich in meinen Augen ein wenig vermindert hat.«

»Ohne Zweifel, denn die Bekanntschaft mit dem brittischen Hofe wird nichts dazu beigetragen haben, unsere einfachen Sitten in Ihrer Einbildungskraft zu erhöhen; auch besitzen wir nur wenig Gebäude, welche die Aufmerksamkeit eines gereisten Fremden fesseln könnten. Es ist eine Sage in unserer Familie, daß Ihr Sitz in Devonshire so groß sey als jedes Dutzend Häuser zu Boston, sowohl öffentliche als Privatgebäude dazu gerechnet; ja wir rühmen uns, daß der König selbst nur in seinem Schlosse zu Windsor so gut als das Haupt der Familie Lincoln wohnt!«

»Ravenscliffe ist allerdings ein Platz von einiger Größe,« entgegnete sorglos der junge Mann; »doch werden Sie sich erinnern, daß Se. Majestät nur auf sehr kleinem Fuße zu Kew lebt. Ich habe übrigens so wenige Zeit auf dem Lande zugebracht, daß ich kaum die Bequemlichkeiten und die Ausdehnung unseres Familiensitzes kenne.«

Die alte Dame verbeugte sich mit jener Art von Befriedigung, welche die Bewohner der Kolonien gewöhnlich verriethen, so oft ihre Verbindung mit dem Lande anerkannt wurde, welches sie alle als die Quelle der Ehre betrachteten: dann aber bemerkte sie schnell, als ob dieser veränderte Ideengang nur eine natürliche Verbindung mit dem Gegenstand bildete:

»Gewiß weiß Cäcilie nichts von der Ankunft unseres Verwandten! sie kann unmöglich die unseren Gästen schuldige Aufmerksamkeit so sehr aus dem Auge verlieren!«

»Sie erweist mir um so mehr Ehre, wenn sie mich als ihren Verwandten betrachtet und als Einen, der keine Förmlichkeiten bei seinem Empfange verlangt.«

»Ihr seyd nur im zweiten Grad mit einander verwandt,« erwiederte die alte Dame etwas streng, »und sicherlich ist das keine Verwandtschaft, welche irgend ein Vergessen der gebräuchlichen Höflichkeiten rechtfertigen könnte. Sie sehen, Cousin Lincoln, wie sehr wir Blutsverwandtschaft schätzen, wenn sie ein Gegenstand des Stolzes auch für die entferntesten Zweige der Familie ist!«

»Ich bin nur ein schlechter Genealoge, Madame; übrigens, wenn anders die Erinnerung dessen, was ich gehört habe, mich nicht täuscht, ist Miß Dynevor von zu gutem Blut in gerader Linie, um die Seitentropfen einer Zwischenheirath so hoch anzuschlagen.«

»Verzeihen Sie, Major Lincoln; ihr Vater, Colonel Dynevor, war allerdings ein Engländer von altem, angesehenem Geschlecht, doch braucht keine Familie im ganzen Reich sich der Verbindung mit der unsrigen zu schämen. Ich sage – der unsrigen, Cousin Lionel, denn ich möchte nicht, daß Sie je vergäßen, daß ich eine Lincoln und die Schwester Ihres Großvaters bin.«

Ein wenig erstaunt über den scheinbaren Widerspruch in der Sprache der guten Dame, verbeugte sich der junge Mann bei dem Compliment und warf die Augen auf seine jüngere Gefährtin mit dem Verlangen, die Unterhaltung zu ändern, indem er sich an das zurückhaltende junge Mädchen in seiner Nähe wandte, was bei seinem Geschlecht und Alter gewiß sehr zu entschuldigen war. Er hatte übrigens nicht Zeit, mehr als eine oder zwei allgemeine Bemerkungen zu machen und die Antworten darauf zu erhalten, als Mrs. Lechmere, wie es schien, ernstlich über ihre Enkelin zürnend, sagte:

»Gehe, Agnes, und mache Deine Cousine mit diesem glücklichen Ereigniß bekannt. Sie hat sich während der ganzen Zeit, die Sie auf der Reise zubrachten, sehr um Ihre Sicherheit geängstigt. Wir ließen in der Kirche die Gebete für ›Jemand, der in See gegangen‹ jeden Sonntag lesen, seit wir Ihren Brief erhielten, der uns Ihre Absicht, sich einzuschiffen, meldete; und ich war außerordentlich erfreut, das hohe Interesse zu bemerken, mit dem Cäcilie in unsere Bitten einstimmte.«

Lionel murmelte einige dankende Worte und, in den Stuhl sich zurücklehnend, schlug er die Augen aufwärts, ob aber aus frommer Dankbarkeit oder nicht, das, glauben wir, ist nicht unsere Sache, tiefer zu erörtern. Während Mrs. Lechmere's letzter Rede und der ausdrucksvollen Pantomime, die ihr folgte, erhob sich Agnes Danforth und verließ das Zimmer. Die Thüre war schon eine kleine Weile geschlossen, bis das Schweigen wieder unterbrochen wurde. Mrs. Lechmere hatte unterdessen ein- oder zweimal den augenscheinlichen, aber vergeblichen Versuch zu sprechen gemacht; ihre Farbe, blaß und unveränderlich, wie sie gewöhnlich ihr verwelktes Gesicht bedeckte, änderte sich und ihre Lippe zuckte unwillkührlich. Sie gewann jedoch bald ihre Sprache wieder, wenn auch die ersten Töne ihrer Stimme zitternd und dumpf waren.

»Ich mag Ihnen untheilnehmend erschienen seyn, Cousin Lionel,« sagte sie, »doch gibt es Dinge, die sich eigentlich nur zwischen den nächsten Verwandten besprechen lassen. Sir Lionel – Sie verließen ihn in so guter Gesundheit des Körpers, hoffe ich, als seine Geisteskrankheit zuläßt.«

»So wurde es mir geschildert.«

»Sie haben ihn jüngst nicht gesehen?«

»Nicht in fünfzehn Jahren; man sagte, meine Gegenwart vermehre seine Krankheit und der Arzt verbot alle weiteren Zusammenkünfte. Er ist fortwährend in einer Privatanstalt in der Nähe der Stadt, und da, wie man glaubt, seine hellen Augenblicke sowohl an Zahl als an Dauer sich mehren, so überlasse ich mich oft der freudigen Hoffnung, meinem Vater einst wiedergegeben zu werden. Mein Glaube wird durch sein Alter gerechtfertigt, das, wie Sie wissen, die Fünfzig noch nicht erreicht hat.«

Ein langes und offenbar peinliches Stillschweigen folgte dieser wichtigen Mittheilung: zuletzt sagte die Dame, mit einem Zittern der Stimme, wofür der junge Mann sie beinahe verehrte, da es ihre Theilnahme an ihrem Neffen so wie ihre Herzensgüte so klar bewies:

»Ich werde Ihnen für ein Glas Wasser dort auf dem Büffet sehr dankbar seyn. Verzeihen Sie, Cousin Lionel, aber dieser melancholische Gegenstand überwältigt mich jedesmal. Ich will mich mit Ihrer Erlaubniß nur wenige Augenblicke entfernen und die Ankunft meiner Enkelin beschleunigen. Ich wünsche sehnlich, daß Sie Beide sich sehen mögen.«

Ihre Abwesenheit gerade in diesem Augenblick war Lioneln in seiner Stimmung zu erwünscht, als daß er ihrer Absicht hätte widerstreben sollen, obgleich – statt Agnes Danforth zu folgen, die zu dem nämlichen Zweck ihr vorangeeilt war, die schwankenden Tritte Mrs. Lechmere's sie nach einer Thüre führten, die mit ihrem eigenen Gemache in Verbindung stand. Einige Minuten lang ging der junge Mann mit einer Hast, als ob er mit der Eile der ›springenden Löwen von Lechmere‹, über die er hinschritt, wetteifern wollte, in dem engen Gemache auf und ab; sein Auge glitt achtlos über das kunstreiche Getäfel hin und beachtete die silbernen, azurnen und purpurnen Felder der verschiedenen Schildereien so wenig, als wenn sie nicht mit den auszeichnenden Sinnbildern so vieler hochgeachteter Namen bedeckt wären. Diese Geistesabwesenheit verschwand jedoch schnell bei der plötzlichen Erscheinung eines Wesens, welches in das Zimmer geschwebt war und bis in dessen Mitte vortrat, ehe er dessen Anwesenheit bemerkte. Eine leichte weibliche Gestalt, von schön gerundeten Formen und ausgezeichnet zierlichen Verhältnissen, mit jugendlichem, ausdrucksvollem Gesicht und einer Miene, worin mädchenhafte Grazie so lieblich mit weiblicher Zartheit sich mischte, daß jede Bewegung und Geberde Ehrfurcht einflößte, während sie zu gleicher Zeit ganz besonders einschmeichelnd waren: dieß war gewiß ein Gegenstand, der auf den ersten Blick, und wenn dieser vollends ein Blick der Ueberraschung war, die Schritte auch eines zerstreuteren und weniger artigen Jünglings, als wir ihn bis jetzt zu schildern versucht, aufhalten mußte. Major Lincoln wußte, daß diese junge Dame keine andere seyn konnte, als Miß Cäcilie Dynevor, Tochter eines längst verstorbenen brittischen Offiziers und des einzigen Kindes der Mrs. Lechmere, das auch schon lange im Grabe ruhte: sie war folglich Jemand, dem er sowohl nach seinem Charakter bekannt, als durch Bande des Bluts so nahe verwandt war, daß es einem Manne von Welt zur leichten Aufgabe werden mußte, jede kleine Verlegenheit, die einen weniger geübteren Gentleman vielleicht befallen hätte, zu verbannen und sich selbst der Dame vorzustellen. Dieß versuchte er auch wirklich, und anfänglich mit einer Leichtigkeit, welche seine Verwandtschaft und die Umstände zu erlauben schienen, die jedoch immer durch leichte Höflichkeit in den Schranken gehalten wurde. Aber die Zurückhaltung, die in dem Benehmen der Dame sich zeigte, war so bemerkbar, daß der junge Mann, nachdem die ersten Begrüßungen vorüber waren und er sie zu einem Sitz geführt hatte, nun eben so große Verwirrung in sich fühlte, als ob er sich zum erstenmal allein bei einem Frauenzimmer befände, bei dem er schon seit Monden um die Gunst einer heimlichen Zusammenkunft sich beworben hätte. Mag es nun seyn, daß die Natur das andere Geschlecht mit einem eigenen Takt für solche Gelegenheiten ausgestattet hat oder mochte die junge Dame fühlen, daß ihr Benehmen nicht ganz so war, wie es sowohl ihrer selbst als auch des Gastes ihrer Großmutter würdig gewesen wäre – sie war jedenfalls die Erste, welche die leichte Verlegenheit zerstreute, die nur zu deutlich im Anfänge der Unterredung herrschte.

»Meine Großmutter hat sich lange auf dieses Vergnügen gefreut, Major Lincoln,« sagte sie, »und Ihre Ankunft geschah in einem sehr geeigneten Zeitpunkt. Der Zustand des Landes wird mit jedem Tage so wahrhaft beunruhigend, daß ich in der That lange in sie gedrungen bin, unsere Verwandten in England zu besuchen, bis die Streitigkeiten geendigt seyn würden.«

Die Töne einer ausnehmend sanften und melodischen Stimme und eine so durchaus reine Aussprache, als ob die Sprechende die Betonung am englischen Hofe gelernt hätte, gänzlich frei auch von der geringsten Provinzialeigenthümlichkeit, wie sie in den wenigen Worten, die er von Agnes Danforth vernommen, sein Ohr beleidigt hatte – dieß Alles half noch mehr, eine angeborne Anmuth der Sitten zu erhöhen, welche wie es schien, die junge Dame unmöglich verläugnen konnte.

»Sie, die Sie so viel von einer englischen Dame an sich haben, würden gewiß viel Vergnügen bei dem Tausche finden,« antwortete er; »und wenn das, was ich von einem Mitreisenden über den Zustand des Landes gehört habe, nur halb wahr ist, so werde ich der Erste seyn, der Ihre Bitte unterstützen wird. Beides, Ravenscliffe und das Haus in Soho, würden Mrs. Lechmere ganz zu Diensten stehen.«

»Es war mein Wunsch, daß sie die dringenden Einladungen des Lords Cardonnel, eines Verwandten meines Vaters, annehmen möchte, der lange in mich gedrungen ist, einige Jahre in seiner eigenen Familie zu verleben. Eine Trennung würde für uns beide peinlich seyn; sollte aber meine Großmutter in einem solchen Fall sich entschließen, ihren Aufenthalt in den Wohnsitzen ihrer Vorfahren zu nehmen, so könnte ich nicht getadelt werden, wenn ich vorzöge, unter dem Dache der meinigen zu verweilen.«

Das durchdringende Auge des Major Lincoln traf gerade auf ihr eigenes und als er den Blick wieder zu Boden schlug, lockte der vorübergehende Gedanke ein leichtes Lächeln auf seine Lippen, daß die Schönheit der Provinz so viel von ihrer Großmutter Ahnenstolz geerbt habe, um ihm jetzt begreiflich zu machen, daß die Nichte eines Viscount vor dem Erben eines Baronets den Vorrang habe. Doch die rasche, brennende Röthe, die augenblicklich über Cäcilie Dynevor's Züge hinschwebte, hätte ihn belehren können, daß sie unter dem Einfluß weit tieferer Gefühle handle, als solch' eine unwürdige Absicht anzeigen konnte. Immerhin war die Wirkung so, daß der junge Mann froh war, als er Mrs. Lechmere, auf den Arm ihrer Nichte sich stützend, wieder ins Zimmer treten sah.

»Ich sehe, Cousin Lionel,« sagte die Dame, als sie mit schwachem Schritt dem Ruhebett sich näherte, »Sie und Cäcilie haben sich schon gefunden, ohne daß eine andere Einführung, als die Verwandtschaft zwischen Beiden, dazu nöthig gewesen wäre. Ich meine freilich keineswegs die Verwandtschaft des Bluts, denn die ist, wie Sie wissen, doch nicht als sehr nahe zu betrachten; aber ich glaube, es existiren gewisse Züge des Geistes, die sich in den Familien gerade so deutlich vererben, als nur irgend die Züge des Gesichts.«

»Dürfte ich mir schmeicheln, in einer der beiden Arten die leichteste Aehnlichkeit mit Miß Dynevor zu besitzen – ich würde doppelt stolz auf die Verwandtschaft seyn,« erwiederte Lionel, indem er die gute Dame mit einer Kälte zu einem Sitze führte, die hinlänglich bewies, wie wenig ihm an der Sache liege.

»Aber ich bin nicht geneigt, mir das Recht auf nähere Verwandtschaftsansprüche mit Cousin Lionel bestreiten zu lassen,« rief die junge Dame mit plötzlicher Lebhaftigkeit. »Es hat unsern Vorvätern beliebt, folgendermaßen zu verordnen – –«

»Ja, ja, mein Kind,« fiel ihre Großmutter ein. »Du vergißt, daß der Name Cousin nur in Fällen naher Blutsverwandtschaft angewendet werden kann und da, wo Familienverhältnisse es entschuldigen. Aber Major Lincoln weiß, daß wir in den Kolonien geneigt sind, die Bedeutung der Worte nach Möglichkeit zu erweitern und unsere Cousins fast so weit hinaufzählen, als ob wir Glieder der schottischen Clane wären. Wenn ich von den Clanen spreche, fällt mir immer die Rebellion von fünfundvierzig ein. Man denkt doch nicht daran in England, daß unsere bethörten Kolonisten je so tollköpfig seyn werden, die Waffen im Ernste aufzunehmen.«

»Darüber herrschen verschiedene Meinungen,« sagte Lionel. »Die Militärs spotten über diesen Gedanken, obwohl ich gelegentlich Offiziere finde, die hier auf dem Continent gedient haben, welche meinen, daß nicht nur überhaupt ein Aufruf ergehen, sondern daß der Streit auch blutig werden wird.«

»Warum sollten sie auch nicht?« sagte Agnes Danforth, kurz abgebrochen; »die Kolonisten sind Männer und die Engländer sind nicht mehr.«

Lionel wandte mit einigem Erstaunen seine Blicke nach der Sprechenden, deren Gesicht ein fast unmerklicher Ausdruck in dem einen Auge einen Anstrich vollendeter Gutmütigkeit mittheilte, die ihrem Wesen zu widersprechen schien.

»Warum sollten sie nicht, in der That! ich kenne keine andere Gründe als weil es beides, sowohl ein wahnsinniger als ungesetzlicher Act wäre! Ich kann Sie versichern, ich bin keiner von denen, die den Schein annehmen, als könnten sie ihre Landsleute gering schätzen, denn Sie werden sich erinnern, daß auch ich ein Amerikaner bin.«

»Ich habe mir sagen lassen,« erwiederte Agnes, »diejenigen unserer Freiwilligen, die überhaupt Uniform trügen, erschienen in Blau und nicht in Scharlach.«

»Es ist Sr. Majestät Wille, daß sein siebenundvierzigstes Regiment zu Fuß diese heitere Farbe trage,« erwiederte lachend der junge Mann, »ich für meinen Theil wäre vollkommen bereit, sie dem Gebrauch der Damen zu überlassen und, könnte es geschehen, eine andere anzunehmen.«

»Dieß könnte geschehen, Sir.«

»Und wie das?«

»Indem Sie mit ihrer Stelle auf das Kleid verzichteten.«

Mrs. Lechmere hatte augenscheinlich ihre Nichte so weit fortfahren lassen, ohne sie zu unterbrechen, um eine ihrer eigenen Absichten dadurch zu erreichen; als sie aber bemerkte, daß ihr Gast auch nicht eine Spur jener Gereiztheit zeigte, welche die brittischen Offiziere oft schwach genug waren zu verrathen, wenn Frauen die Vertheidigung der Ehre ihres Landes auf sich nahmen – zog sie die Glocke.

»Eine kühne Sprache, Major Lincoln!« bemerkte sie – »eine kühne Sprache für eine junge Dame unter zwanzig. Aber Miß Danforth hat das Privilegium, ihre Gesinnung frei zu äußern, denn einige von ihres Vaters Familie sind leider nur zu tief in die ungesetzlichen Vorfälle dieser bösen Zeiten verwickelt. Cäcilie übrigens haben wir strenger bei ihrer Unterthanentreue erhalten.«

»Und doch ist selbst Cäcilie dafür bekannt, daß sie den von brittischen Offizieren veranstalteten Festen die Ehre ihrer Gegenwart versagte,« antwortete Agnes in etwas gereiztem Tone.

»Und sollte wohl Cäcilie Dynevor Bälle und Unterhaltungen ohne Begleitung eines passenden Herrn besuchen?« fragte Mrs. Lechmere; »oder erwartet man, daß ich in den Siebzigen es noch unternehmen werde, bei öffentlichen Auftritten die Ehre unserer Familie zu bewahren? Doch wir halten Major Lincoln mit unserem eiteln Disputiren ab, die Erfrischungen einzunehmen, nach welchen er sich sehnen mag. Cato, wir warten Deines Amtes.«

Mrs. Lechmere richtete diese Einladung mit einer Miene, die etwas Geheimnißvolles an sich trug, an den aufwartenden Schwarzen. Der alte Diener, der wahrscheinlich durch lange Uebung die Wünsche seiner Herrin besser nach dem Ausdruck ihres Auges als nach den Worten, die sie sprach, verstehen gelernt hatte, ging, die äußeren Fensterläden zu schließen und die Vorhänge mit der pünktlichsten Genauigkeit zuzuziehen. Nachdem er dieß Geschäft verrichtet hatte, hob er eine kleine ovale Tafel aus ihrer gewöhnlichen Stelle unter den fließenden Falten der Draperie hervor, welche die tiefen Nischen dem Lichte verschloß, und stellte sie gerade vor Miß Dynevor. Ein Präsentirteller von massivem Silber, mit dem feinsten Dresdener Service darauf, folgte, und nach wenigen Minuten zierte eine zischende Urne von demselben kostbaren Metall die glattpolirte Mahagonytafel. Während dieser Vorbereitungen hatten Mrs. Lechmere und ihr Gast ein allgemeineres Gespräch unterhalten, das hauptsächlich das Wohlergehen und die Lage gewisser Individuen ihrer Verwandtschaft in England berührte.

Trotz dieser Anforderung, die an seine Aufmerksamkeit gemacht wurde, konnte Lionel etwas höchst Geheimnißvolles, Vorsichtiges in jeder Bewegung des Schwarzen bemerken, während er gemächlich sein Amt weiter verrichtete. Miß Dynevor ließ ruhig die Vorbereitungen zum Theetisch vor ihren Augen treffen und ihre Cousine Agnes Danforth warf sich mit einem Blicke kalten Mißmuths auf eines von den Ruhebetten. Als die übliche Mischung in zwei kleine geriefte Tassen gegossen war, deren reines Weiß mit einigen wenigen rothen und grünen Flecken gesprengelt erschien, präsentirte der Schwarze die eine von beiden mit dem lieblichen Getränk seiner Herrin und die andere dem Fremden.

»Verzeihen Sie, Miß Danforth,« sagte Lionel, welcher erst, nachdem er das Angebotene schon angenommen, seinen Verstoß gewahr wurde; »ich habe hier meine Seemannsweise die Oberhand gewinnen lassen.«

»Freuen Sie sich Ihres Versehens, Sir, wenn sie überhaupt ein Vergnügen an diesem Genusse finden können,« erwiederte die junge Dame.

»Ich würde mich aber dessen um so mehr freuen, könnte ich auch Sie an dem Luxus Theil nehmen sehen.«

»Sie haben die leere Gewohnheit mit dem rechten Namen bezeichnet; es ist Nichts als ein Luxus und zwar einer, dessen man sich leicht entschlagen kann: ich danke Ihnen, Sir, ich trinke keinen Thee!«

»Gewiß kann keine Dame ihren Bohea abschwören! glauben Sie mir!«

»Ich weiß nicht, wie das feine Gift auf Ihre englischen Damen wirken mag, Major Lincoln, aber für ein amerikanisches Mädchen ist es eben nicht schwer, den Gebrauch eines verabscheuungswürdigen Krauts abzulehnen, das eine von den mancherlei Ursachen ist, die aller Wahrscheinlichkeit nach ihr Vaterland und ihre Verwandten in Gefahr und Streit stürzen werden.«

Der junge Mann, der wirklich nicht mehr als die gewöhnlichen Höflichkeiten, die sein Geschlecht dem anderen schuldet, beabsichtigt hatte – machte eine stumme Verbeugung; doch konnte er, als er sich von ihr abwandte, nicht unterlassen, einen Blick auf die Tafel zu werfen, um zu sehen, ob die Grundsätze der anderen jungen Amerikanerin eben so streng seyen. Cäcilie saß über den Präsentirteller gebeugt, müßig mit einem sonderbar gearbeiteten Theelöffel spielend, welcher einen Zweig von der Pflanze vorstellte, deren Wohlgeruch so eben dazu verwendet worden war, zu seinem Genusse beizutragen, während der Dampf des Gefässes vor ihr in feinem Nebel ihre Stirn umkräuselte.

»Sie wenigstens, Miß Dynevor,« sagte Lionel, »scheinen keinen Widerwillen gegen das Kraut zu nähren, da Sie seinen Duft so frei einziehen.«

Cäcilie warf einen Blick nach ihm, der die gesetzte und etwas stolze Ruhe ihres Gesichts in den Ausdruck plötzlicher Fröhlichkeit verwandelte, die ihr weit natürlicher war, und antwortete lachend:

»Ich bekenne meine weiblichen Schwächen. Ich glaube, es war der Thee, der einst unsere gemeinsame Mutter im Paradies verführte!«

»Wenn das bewiesen werden könnte, würde es zeigen, daß die List der Schlange sich bis auf spätere Zeiten fortgepflanzt hat,« sagte Agnes, »obwohl das Werkzeug der Verführung etwas von seiner Kraft verloren haben mag.«

»Woher will man das wissen?« sagte Lionel, der begierig den Scherz verfolgte, um die augenscheinliche Entfernung aufzuheben, die zwischen ihnen bestanden hatte: »hätte Eva so streng die Ohren, wie Sie den Mund vor dem Anerbieten verschlossen, so möchten wir wohl jetzt noch die erste Gabe unserer Eltern zu genießen haben!«

»O, Sir, der Thee ist mir nicht so fremd, als Sie wohl nach meiner jetzigen Gleichgültigkeit schließen möchten; Job Pray sagt, Bostons Hafen ist nichts als ein weiter Theekessel.«Man wird sich erinnern, daß die Amerikaner mehrere Schiffsladungen mit Thee in den Hafen von Boston warfen.

»Sie kennen demnach Job Pray, Miß Danforth?« sagte Lionel, nicht wenig ergötzt über ihre Munterkeit.

»Gewiß; Boston ist so klein und Job so nützlich, daß Jedermann den Dummkopf kennt.«

»Er gehört also zu einer angesehenen Familie, denn er selbst versicherte mir, daß jedermann seine wirre Mutter Abigail kenne.«

»Sie!« rief Cäcilie wieder mit jener süßen, natürlichen Stimme, die schon früher ihren Zuhörer so bezaubert hatte; »was können Sie von dem armen Job wissen und von seiner fast eben so unglücklichen Mutter?«

»Nun, meine Damen, habe ich Sie in meiner Schlinge!« rief Lionel; »dem Theedampf vielleicht mögen Sie widerstehen, aber welches Weib könnte dem Einflusse der Neugierde sich entziehen? Um übrigens mit meinen schönen Verwandten nach einer so kurzen Bekanntschaft nicht zu grausam zu verfahren, will ich Ihnen sogar bekennen, daß ich bereits eine Zusammenkunft mit Mrs. Pray gehabt habe!«

Die Antwort, welche Agnes zu geben im Begriff war, wurde durch ein leichtes Krachen unterbrochen, und als sie sich umwandten, sahen sie die zerbrochenen Stücke einer Tasse aus dem prächtigen Dresdener Service zu den Füßen der Mrs. Lechmere liegen.

»Meine theure Großmamma ist unwohl?« rief Cäcilie und sprang der alten Dame zu Hülfe. »Geschwind, Cato – Major Lincoln, Sie sind flinker, um des Himmels Willen, ein Glas Wasser – Dein Riechfläschchen, Agnes!«

Die liebenswürdige Aengstlichkeit ihrer Enkelin war übrigens nicht so nöthig, als der erste Anschein hätte vermuthen lassen; Mrs. Lechmere legte freundlich das Fläschchen bei Seite, lehnte jedoch das Glas nicht ab, das Lionel nun zum zweitenmal in einem so kurzen Zwischenraum ihr anbot.

»Ich fürchte, Sie werden mich für eine schwächliche alte Frau halten, Cousin Lionel,« sagte die alte Dame, als sie sich wieder ein wenig gesammelt hatte, »aber ich glaube, es ist gerade dieser Thee, über den schon so Vieles gesprochen wurde, und den ich aus purer Loyalität im Uebermaß genieße, der meine Nerven angreift; – – ich muß mich so gut als die Mädchen zurückhalten, obwohl aus ganz verschiedenem Grunde. Wir sind ein sehr zeitiges Völkchen, Major Lincoln; doch Sie sind hier zu Hause und mögen sich ganz nach ihrem Wohlgefallen einrichten. Ich meines Theils muß übrigens schon um drei Viertel auf Zehn um Ihre Nachsicht bitten und Ihnen nach Ihrer Reise eine gute Nachtruhe wünschen. Cato hat schon seine Ordre, Alles, was er kann, zu Ihrer Bequemlichkeit beizutragen.«

Auf ihre beiden Begleiterinnen sich lehnend, zog sich die alte Dame zurück und ließ Lionel im vollen Besitze des Zimmers. Da es schon spät an der Zeit und die Rückkehr der jüngeren Damen nach den Komplimenten, die sie ausgetauscht hatten, nicht mehr zu erwarten war, rief er nach Licht und wurde auf sein Zimmer geführt. Sobald die wenigen unentbehrlichen Dienste, welche einem Gentleman damaliger Zeit einen Diener nöthig machten, verrichtet waren, entließ er Meriton, warf sich aufs Bett und suchte die Süßigkeiten des Kissens.

Mancherlei Vorfälle waren ihm übrigens an diesem Tage begegnet, die jetzt eine Reihe von Gedanken in ihm erregten, welche ihn hinderten, die natürliche Ruhe, die er suchte, zu finden. Nachdem er sich langem und unerfreulichem Nachsinnen über gewisse Ereignisse hingegeben hatte, welche zu eng mit seinen persönlichen Gefühlen zusammenhingen, um sie leicht zu übergehen – begann der junge Mann über seine Aufnahme und über die Personen Betrachtungen anzustellen, die ihm hier eigentlich zum Erstenmal vorgeführt worden waren.

Es war völlig klar, daß beide, Mrs. Lechmere und ihre Enkelin, jede ihre besondere Rolle spielten, ob aber in Uebereinstimmung oder nicht, blieb noch zu entdecken. In Agnes Danforth aber konnte er mit all seiner Feinheit nichts als die offenen und geraden, wenn auch etwas derben, Eigenthümlichkeiten ihrer Natur und Erziehung bemerken. Wie die meisten jungen Männer, welche eben die Bekanntschaft zweier jungen weiblichen Wesen gemacht haben, die beide durch körperliche Reize weit über die Mehrzahl ihres Geschlechts hervorragen, schlief auch er im Nachsinnen über ihre Charaktere ein. Und so kann es wohl, bei Erwägung der Umstände, nicht auffallend erscheinen, wenn wir hinzufügen, daß er bis zum Morgen vom Avon, dem stattlichen Schiffe aus Bristol träumte, an dessen Bord er bei den Küsten von Neufundland ein Schiffsgericht einzunehmen glaubte, das auf höchst räthselhafte Art von den schönen Händen der Miß Danforth bereitet worden und seltsamer Weise mit Thee gewürzt war; während das Hebe ähnliche Antlitz von Cäcilie Dynevor mit unverhehlter Gutmüthigkeit und mit aller Lust mädchenhafter Fröhlichkeit über seine Verwirrung lachte.

 

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