Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > James Fenimore Cooper >

Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston

James Fenimore Cooper: Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleLionel Lincoln oder die Belagerung von Boston
publisherVerlag von S. G. Liesching
printrunZweite Auflage
year1851
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150324
modified20170303
projectid025dd028
Schließen

Navigation:

Dreiunddreißigstes Kapitel.

Jetzt bricht ein edles Herz;
Gut' Nacht, mein süßer Prinz.

Shakspeare.    

 

Lionel half Cäcilien die beschwerliche Wassertreppe hinaufsteigen, und noch immer von ihrem bejahrten Gefährten begleitet, standen sie bald auf der Zugbrücke, welche die Pfeiler an der Mündung des engen Bassins verband.

»Hier scheiden wir abermals,« sagte er, zu Ralph sich wendend; »bei anderer günstigerer Gelegenheit laßt uns unsere melancholische Erzählung wieder aufnehmen.«

»Keine ist so passend als die gegenwärtige: die Zeit, der Ort, der Zustand der Stadt – Alles ist günstig.«

Lionel warf seine Blicke ringsum auf das düstere Elend, das auf dem verlassenen Platze herrschte. Wenige halbgekleidete Soldaten und aufgeschreckte Städter waren bei dem grauen Lichte des Morgens zu sehen, wie sie über den Platz hin nach dem Punkte zu stürzten, von dem der Donner der Kanonen ausging. Ihre eigene Ankunft blieb in der Eile des Augenblicks unbemerkt.

»Der Ort – die Zeit!« wiederholte Lionel langsam.

»Ja, beides. In welchem Augenblick kann der Freund der Freiheit unbeachteter unter diesen ungläubigen Söldlingen umherwandeln, als gerade jetzt, wo die Furcht ihren Schlummer gestört hat? Dort ist der Ort,« sprach der Alte weiter, nach dem Waarenhause hindeutend, »wo Alles, was ich gesagt, seine Bestätigung finden wird.«

Major Lincoln besann sich einen Augenblick. Wahrscheinlich verfolgte er in den raschen Blitzen seines Geistes die geheimnißvolle Verbindung zwischen der verworfenen Bewohnerin dieses nahe stehenden Gebäudes und der verstorbenen Großmutter seiner Braut, deren thätige Mitwirkung bei dem Unglück seiner Familie nun offen anerkannt worden war. Es war bald deutlich, daß er in seinem Vorhaben schwankte – und er zögerte auch nicht, dieß zu erklären.

»Ich will Ihnen folgen,« erwiederte er endlich; »denn wer kann sagen, was die Hartnäckigkeit der Rebellen zunächst versuchen wird, und bald könnten uns die ferneren Gelegenheiten gänzlich fehlen. Erst aber will ich diese meine schöne –«

»Lincoln, ich kann – ich darf Dich nicht verlassen,« fiel Cäcilie mit Wärme ein: »gehe, höre und erfahre Alles; sicherlich kann es dabei Nichts geben, was ein Weib nicht wissen dürfte.«

Ohne einen weiteren Einwurf abzuwarten, machte Ralph eine rasche Bewegung der Einwilligung, wandte sich um und nahm mit seinen gewohnten eiligen Schritten den Weg nach der niederen, finsteren Wohnung von Abigail Pray. Die Bewegung in der Stadt hatte dieses verachtete und vernachlässigte Gebäude noch nicht erreicht, das sogar noch düsterer und stiller als gewöhnlich war. Als sie jedoch unter dem zerstreut umherliegenden Tauwerk, mitten durch den Schauplatz der in der vergangenen Nacht vorgefallenen Unordnung – ihren Weg suchten, drangen einige erstickte Seufzer aus einem der Thürme und zeigten ihnen, wo sie die mißhandelten unglücklichen Bewohner des Hauses zu suchen hatten. Als sie die Thüre des kleinen Gemaches öffneten, stand nicht nur Lionel und Cäcilie still – sogar der alte Mann schien einen Augenblick zu zaudern.

Die tiefgebeugte Mutter des Simpels saß auf ihrem niederen Stuhl, mit der Ausbesserung einiger schlechten, werthlosen Kleidungsstücke beschäftigt, welche, wie es schien, durch die zerstörende Achtlosigkeit ihres ruhelosen Kindes stark Noth gelitten hatten. Während jedoch ihre Finger mit mechanischer Geschicklichkeit dieß Geschäft verrichteten, war in ihren harten, trockenen Augen das Seelenleiden, welches sie zu verbergen kämpfte, nur zu deutlich zu lesen. Job lag noch zu Bett; sein Athem war lauter und mühsamer als damals, wo wir ihn das letzte Mal verließen, während seine Züge die langsamen, aber unwiderstehlichen Fortschritte der Krankheit verkündeten. Polwarth saß an seiner Seite und hielt seinen Puls mit der bedächtigen Miene eines Arztes; jeden Augenblick suchte er eine neue Bestätigung bald für seine Hoffnung und bald für seine Furcht, je nachdem die eine oder andere abwechslungsweise die Oberhand erhielten, und blickte dem Gegenstande seiner Sorge unverwandt in die Augen.

Auf eine so beschäftigte Gruppe und bei so aufgeregten Gefühlen konnte wohl selbst der plötzliche Eintritt der Ankommenden keinen sehr fühlbaren Eindruck machen. Der matte, ausdruckslose Blick Job's wanderte auf einen Augenblick nach der Thüre und starrte dann wieder in die leere Luft hinaus. Ein Strahl der Freude schoß in das ehrliche Gesicht des Kapitäns, als er zuerst Lionel und dann neben ihm Cäcilie erblickte; aber er wurde augenblicklich wieder durch die stäte Sorge verdrängt, welche jetzt auf seinem gewöhnlich so ruhigen Gesicht die Oberhand gewonnen hatte. Die größte Veränderung war mit dem Weibe vorgegangen, welche unter einem allgemeinen Schütteln ihres Körpers das Haupt auf die Brust neigte, als Ralph auf's Neue vor ihr stand. Aber auch bei ihr ging der plötzliche Eindruck schnell vorüber, ihre Hände ergriffen wieder ihr niedriges Geschäft mit der nämlichen mechanischen, unwillkührlichen Bewegung wie zuvor.

»Erkläre mir diese Scene!« sagte Lionel zu seinem Freund gewendet: – »wie kamst Du in diese Höhle des Elends? und wer hat dem Jungen ein Leids gethan?«

»Deine Frage führt schon ihre Antwort mit sich, Major Lincoln,« antwortete Polwarth sehr bedächtig, indeß er seinen festen Blick nicht einmal von dem Gesichte des Kranken erhob: – »ich bin hier, weil diese Leute elend sind!«

»Der Beweggrund ist lobenswerth! aber was fehlt dem Jungen?«

»Die Verrichtungen der Natur scheinen durch ein besonderes Unglück gestört zu seyn. Ich fand ihn Hunger leidend und trotz dem, daß ich ihm ein so herzhaftes und nährendes Mahl reichte, als nur je der stärkste Mann in der Garnison eines verlangen könnte, sind doch die Symptome, wie Du siehst, äußerst drohend!«

»Er ist von der in der Stadt herrschenden Seuche angesteckt, und Du hast ihm Nahrung gegeben, während sein Fieber den höchsten Grad erreicht hatte!«

»Soll man die Blattern für mehr als ein Symptom ansehen, wenn einer an der verfluchten Krankheit des Hungers leidet? Geh, geh, Leo; Du lasest in der Schule so viel in den lateinischen Dichtern, daß Dir für die Philosophie der Natur keine Muße mehr übrig blieb. Es gibt einen inneren Mahner, der jedem Kind das Mittel für den Hunger lehrt.«

Lionel fühlte keine Lust in sich, mit seinem Freunde über einen Punkt zu streiten, in dem die Ansichten des Andern so dogmatisch starr waren; er wandte sich vielmehr an die Frau, indem er sagte:

»Die Erfahrung einer Amme von Beruf hätte Euch zum wenigsten größere Sorgfalt lehren sollen.«

»Kann Erfahrung eine Mutter gegen das Jammergeschrei ihres hungernden Kindes verhärten,« antwortete die verzweifelnde Abigail: – »nein, nein – das Ohr kann nicht taub seyn gegen solche Wehklage, und Weisheit ist nicht besser als Thorheit, wenn das Herz blutet.«

»Lincoln, Du bist ungütig in Deinem Schelten,« fiel Cäcilie ein; – »laß uns lieber versuchen, die Gefahr abzuwenden, als daß wir länger über deren Ursache streiten.«

»Es ist zu spät – zu spät,« antwortete die trostlose Mutter: »seine Stunden sind gezählt und der Tod ist an ihm. Ich kann jetzt nur noch beten, daß Gott seinen Fluch aufhebe und den scheidenden Geist seine Allmacht wieder erkennen lassen möge.«

»Werft diese werthlosen Lumpen bei Seite,« sagte Cäcilie, während sie liebreich versuchte, ihr die Kleider aus der Hand zu nehmen; »ermüdet Euch in einem solchen Augenblick nicht länger mit unnöthiger Arbeit.«

»Junge Dame, Sie kennen nur wenig einer Mutter Sehnen, möchten Sie nie deren Sorgen erfahren! Ich habe für das Kind gearbeitet diese ganzen siebenundzwanzig Jahre; berauben Sie mich nicht jetzt, wo nur noch so wenig zu thun übrig ist, dieses lang genossenen Vergnügens.«

»Ist er denn so alt?« rief Lionel überrascht.

»Alt wie er ist, so ist ein Kind doch immer noch jung, wenn es zum Sterben kommt. Ihm fehlt das Licht der Vernunft: der Himmel möge in seiner Gnade gewähren, daß er einst mit schuldlosem Antlitze erfunden werde!«

Bis jetzt war Ralph stehen geblieben, wo er zuerst stand; seine Füße schienen an den Boden gewurzelt, die Augen waren fest auf das Gesicht des Leidenden geheftet. Er wandte sich jetzt zu Lionel und mit einer durch ihre tiefe Bewegung fast klagenden Stimme versuchte er die einzige Frage:

»Wird er sterben?«

»Ich fürchte so: – dieser Blick ist nicht leicht mißzuverstehen.«

Mit leichtem, gänzlich unhörbarem Schritt trat der alte Mann an das Bett und setzte sich, Polwarth gegenüber, neben demselben nieder. Ohne den verwunderten Kapitän anzusehen, winkte er mit der Hand, als geböte er Stillschweigen, blickte mit melancholischer Theilnahme dem Kranken in's Gesicht und sprach:

»Hier also ist abermals der Tod! Keiner ist so jung, der nicht von ihm beachtet würde; nur das Alter ist's, das nicht sterben kann. Sage mir, Job, was siehst Du in den Bildern Deiner Seele; – den unbekannten Ort der Verdammten oder den Glanz Derer, die vor dem Antlitze ihres Gottes stehen?«

Bei dem wohlbekannten Klang seiner Stimme erglänzte das starre Auge des Simpels von einem Strahl von Vernunft und richtete sich mit einem Blicke milder Zuversicht auf den Sprechenden. Das Röcheln in seiner Kehle nahm einen Augenblick zu und hörte dann gänzlich auf, worauf man eine Stimme, so tief, daß sie aus der Tiefe seiner Brust heraufzukommen schien, antworten hörte:

»Der Herr wird Dem Nichts zu Leid thun, der nie den Geschöpfen des Herrn ein Leids zufügte!«

»Kaiser und Könige, ja, die Großen der Erde, dürften Dich um Dein Loos beneiden, Du ungekanntes Kind des Elends!« antwortete Ralph. »Noch nicht dreißig Jahre der Prüfung, und schon wirfst Du die traurige Hülle von Dir! Wie Du, erwuchs auch ich zur Mannheit und erfuhr, wie hart es ist, zu leben; aber ich kann nicht sterben wie Du! – Sag' mir, Knabe, erfreust Du Dich der Freiheit Deines Geistes oder fühlst Du noch Schmerz und Freude im Fleisch? Siehst Du über das Grab hinaus und erkennst Deinen Weg durch den pfadlosen Raum oder ist Alles noch verborgen unter der Dunkelheit des Grabs?«

»Job geht dahin, wo der Herr seine Vernunft verborgen hat und seine Gebete werden nicht länger thöricht seyn.«

»So bete denn für einen alten trostlosen Mann, der die Bürde des Lebens getragen, bis der Tod sein vergessen, und der nun müde ist der Dinge dieser Erde, wo nur Verrath und Sünde herrschen. Aber halt: scheide nicht, bis Dein Geist Zeichen der Reue von jenem sündigen Weibe dort in die Regionen des Lichts mit sich nehmen kann.«

Abigail seufzte: ihre Hände sträubten sich gegen die Arbeit, und ihr Haupt sank auf ihre Brust in hoffnungslosem Jammer herab. Aus dieser Stellung der Selbsterniedrigung und des Kummers erhob sich das Weib mit einem Male und versuchte eine aufrechte Haltung anzunehmen; sie strich die vernachlässigten Locken ihres schwarzen Haars, das, wenn auch hie und da mit Grau untermischt, doch noch viel von seinem jugendlichen Glanze beibehalten hatte, aus dem Gesicht, und schaute nun mit so finsterer Miene und so schrecklich wilden Blicken um sich, daß die allgemeine Aufmerksamkeit augenblicklich auf ihre Bewegungen gerichtet war.

»Die Zeit ist gekommen und weder Furcht noch Scham sollen länger meine Zunge binden,« sagte sie. »Der Wille der Vorsehung spricht zu deutlich bei dieser Versammlung um das Todtenbette meines Kindes, als daß ich ihn länger unbeachtet lassen könnte. – Major Lincoln, in diesem geschlagenen, hülflosen Kinde sehen Sie einen, der Ihr Blut theilt, wenn er auch stets Ihrem eigenen Glücke fremd geblieben – Job ist Ihr Bruder!«

»Der Gram hat sie wahnsinnig gemacht!« rief Cäcilie: – »sie weiß nicht, was sie spricht.«

»Hört!« fuhr Abigail fort: »ein schrecklicher Zeuge, vom Himmel hernieder gesandt, spricht und zeugt, daß ich keine Lüge rede. Das Geheimniß meines Vergehens ist jenem Manne dort bekannt, während ich es in der Liebe eines einzigen Wesens begraben glaubte, das mir Alles verdankte.«

»Weib!« sagte Lionel, »während Du mich zu betrügen suchst, betrügst Du Dich selbst. Wenn auch eine Stimme vom Himmel Deine verdammenswürdige Geschichte für wahr erklärte, dennoch würde ich läugnen, daß dieses schmutzige, elende Wesen das Kind meiner reizenden Mutter seyn könne.«

»Schmutzig und elend, wie Sie ihn sehen, ist er die Frucht eines Wesens, das nicht weniger schön, obwohl viel weniger glücklich war, als Deine eigene hochgerühmte Mutter, Du stolzes Kind des Glücks! Rufe den Himmel an, so lange Du willst, und lästere ihn mit Deiner stolzen Zunge, – jener ist nichts destoweniger Dein Bruder und der früher Geborene.«

»Es ist wahr – es ist wahr – es ist die feierlichste Wahrheit!« wiederholte der betagte Fremde.

»Es kann nicht seyn!« rief Cäcilie: – »Lincoln, glaube ihnen nicht: sie widersprechen sich selbst.«

»In Deinem eigenen Munde will ich Gründe finden, Dich zu überweisen,« fuhr Abigail fort, zu Cäcilien gewendet. »Hast Du nicht den Einfluß des Sohnes am Altare eingestanden? Warum sollte ein Mädchen, eitel, unwissend und jung, wie ich war, gefühllos gewesen seyn für die Verführungskünste des Vaters!«

»So ist dieß Dein Kind?« rief Lionel, wieder frei athmend: – »fahre fort in Deiner Erzählung; Du vertrauest sie Freunden!«

»Ja – ja,« rief Abigail, schlug die Hände zusammen und sprach mit bitterem Nachdruck; »Euch bleibt freilich der Trost, den Unterschied zwischen der Schuld des Weibes und der des Mannes geltend zu machen! Major Lincoln, verflucht und besudelt, wie Sie mich hier sehen, so war doch Ihre eigene Mutter nicht unschuldiger, nicht reizender, als ich zu jener Zeit, da meine jugendliche Schönheit Ihres Vaters Auge fesselte. Er war groß und mächtig, ich unbekannt und schwach: – jenes unglückliche Pfand unseres Vergehens erschien nicht eher, bis er Ihre glücklichere Mutter gefunden hatte!«

»Kann das wirklich so seyn?«

»Das heilige Evangelium ist nicht wahrer!« murmelte Ralph.

»Und mein Vater! – konnte er Dich in Deiner Noth verlassen?«

»Scham folgte, als Tugend und Stolz längst vergessen waren. Ich war eine von seinem eigenen hohen Geschlecht Abhängige und es fehlte mir nicht an Gelegenheit, um seine wandernden Blicke und seine zunehmende Liebe für die keusche Priscilla zu bemerken. Meinen Zustand kannte er nie. Während ich von der Frucht meiner Schuld zu Boden gedrückt war, bewies er, wie leicht es für uns ist, in den Tagen des Glücks die Genossen unserer Schande zu vergessen. Endlich wurden Sie geboren, und ihm unbewußt, empfing ich seinen neugeborenen Erben aus den Händen seiner eifersüchtigen Tante. Welche verruchten Gedanken haben mich in jenem bitteren Augenblick bestürmt! Aber, Gott im Himmel sey gelobt, sie gingen vorüber und ich blieb frei von der Sünde des Mords!«

»Des Mords!«

»Ja, des Mords. Ihr kennt nicht die verzweifelten Gedanken, die der Elende zu seiner Erleichterung in sich beherbergt. Aber die Gelegenheit ließ nicht lange auf sich warten und ich genoß das augenblickliche, höllische Vergnügen der Rache. Ihr Vater ging, um seine Rechte einzufordern und Krankheit befiel sein geliebtes Weib. Ja, unscheinbar und garstig, wie Sie mein unglückliches Kind hier sehen, so wurde die Schönheit Ihrer Mutter doch noch in einen viel häßlicheren Anblick verwandelt! So wie Job jetzt aussieht, war die mißhandelte Frau auf ihrem Todtbette. Ich fühle Deine ganze Gerechtigkeit, Herr der Allmacht, und beuge mich vor Deinem Willen!«

»Mißhandelte Frau! –« wiederholte Lionel; – »sprich weiter und ich will Dich noch segnen!«

Abigail stieß einen Seufzer aus, und so tief, so hohl löste er sich aus ihrer Brust, daß die Zuhörer einen Augenblick lang glaubten, es sey der letzte Kampf der scheidenden Seele ihres Sohnes; und abermals sank sie hülflos auf ihren Stuhl und hüllte ihr Gesicht in ihr Gewand.

»Mißhandelte Frau!« wiederholte Ralph langsam, mit dem Ausdruck der tiefsten Verachtung in seiner Stimme – »welche Strafe verdiente nicht eine Buhlerin?«

»Ja wohl, mißhandelt!« rief der auferwachte Sohn: – »mein Leben dafür, Deine Erzählung wenigstens ist falsch.«

Der alte Mann schwieg still, aber seine Lippen bewegten sich rasch, als ob er eine ungläubige Erwiederung vor sich hinmurmelte, während ein ganz besonders helles und bedeutungsvolles Lächeln über die verwelkten Züge seines Gesichts hinzog.

»Ich weiß nicht, was Ihr von Anderen gehört haben mögt,« fuhr Abigail fort und sprach so leise, daß ihre Worte bei dem schweren, abgemessenen Athmen Job's fast verloren gingen – »aber ich rufe den Himmel zum Zeugen an, daß ihr jetzt keine Lüge hören sollt. Die Gesetze der Provinz befahlen, daß die Opfer der bösen Krankheit besonders gepflegt werden sollten und Ihre Mutter wurde meiner Gnade anheimgegeben und der einer Dritten, von der sie noch weniger geliebt wurde, als von mir.«

»Allgerechte Vorsehung! Ihr beginget doch keine Gewaltthat?«

»Die Krankheit ersparte uns ein solches Verbrechen. Sie starb in ihrer neuen Entstellung, während ich, wenn auch nicht mehr in der Schönheit meiner Unschuld, doch noch frei von der versengenden Berührung des Mangels und der Krankheit – ihrem Ende mit Schadenfreude zusah, und einen sündhaften, aber schmeichelnden Trost in diesem Anblicke zu finden glaubte. Eitel, schwach und thöricht, wie ich gewesen war, so hatte ich doch niemals meine eigene, frische Schönheit mit halb soviel innerer Freude betrachtet, als ich damals auf die Häßlichkeit meiner Nebenbuhlerin hinblickte. Und dann noch Ihre Tante – sie war nicht ohne die Einflüsterungen des Urhebers alles Bösen.«

»Sprecht allein von meiner Mutter,« fiel Lionel ungeduldig ein: – »von meiner Tante weiß ich bereits Alles.«

»Ungerührt und berechnend, wie sie war, wie wenig unterschied sie das Gute vom Bösen! Sie vermaß sich sogar, die Bande des Herzens zu zerreißen, und durch ihre niederträchtigen Erfindungen das zu vollbringen, was Gottes Allmacht allein erschaffen konnte. Die sanfte Seele Deiner Mutter war kaum geschieden, als schon ein schändliches Komplott ersonnen wurde, die Reinheit ihres Rufes zu zerstören. Verblendete Thoren, die wir waren! Sie gedachte, durch ihre besänftigenden Künste, von seinen verwundeten Gefühlen unterstützt, den Gatten zu den Füßen ihrer eigenen Tochter zu führen – der unschuldigen Mutter Derjenigen, die neben Dir steht – und ich war so eitel, zu hoffen, daß endlich die Gerechtigkeit und mein Knabe bei dem Vater und Verführer für mich sprechen und mich zu dem beneideten Stande Derjenigen, die ich haßte, emporheben würden.«

»Und diese schändliche Verleumdung wiederholtet Ihr in ihrer ganzen niedrigsten Gestalt vor meinem getäuschten Vater?«

»Wir thaten's – wir thaten's; ja, Gott weiß, wir thaten's! und als er zu glauben zögerte, nahm ich die heiligen Evangelisten zu Zeugen dieser Wahrheit!«

»Und er,« fragte Lionel, fast erstickt von seiner Bewegung – »er glaubte es!«

»Als er den feierlichen Eidschwur einer Person hörte, deren ganze Schuld, wie er dachte, in ihrer Schwäche für ihn selbst lag, glaubte er. Als wir seine fürchterlichen Verwünschungen hörten und den Grimm sahen, der seine männliche Schönheit verfinsterte, glaubten wir beide schon, es sey uns gelungen. Aber wie wenig kannten wir den Unterschied zwischen festgewurzelter Leidenschaft und vorübergehender Neigung! Das Herz, das wir seiner todten Gemahlin entfremden wollten – es war vernichtet und die Vernunft, die wir zu täuschen uns verschworen, verfiel dem Wahnsinn!«

Als ihre Stimme verklang, herrschte ein so tiefes Schweigen an dem Orte, daß der Lärm der fernen Kanonade ganz nahe tönte und selbst das leise Gesumme der erregten Stadt gleich dem Flüstern des Winds vorüber schwebte. Job hörte plötzlich auf zu athmen, als ob sein Geist nur noch gezögert hätte, um das Bekenntniß seiner Mutter anzuhören; und Polwarth ließ den Arm des todten Blödsinnigen niederfallen und konnte sich den Antheil selbst nicht erklären, den er seit kurzem an seinem Schicksal genommen hatte. Mitten in dieser todtähnlichen Stille stahl sich der alte Mann von der Seite des Leichnams weg und stand vor der sich selbst verdammenden Abigail, deren Körper unter der Angst ihrer Seele zitterte. Sich niederduckend mehr wie ein Tiger, denn wie ein Mensch, sprang er auf sie los und stieß dabei einen so plötzlichen, so wilden und fürchterlichen Schrei aus, daß Alle, die es hörten, davor zurückschauderten.

»Schöne Dame!« schrie er, »nun hab' ich Dich! Bring' her das Buch! das gesegnete, heilige Wort Gottes! Laßt sie schwören, laßt sie schwören! Laßt sie ihre meineidige Seele in gottlosen Schwüren sich versündigen!«

»Ungeheuer! Lass' das Weib los!« schrie Lionel, indem er der kämpfenden Büßerin zu Hülfe eilte: »auch Du, grauhaariger Elender, hast mich betrogen!«

»Lincoln! Lincoln!« rief Cäcilie, »halt ein mit dieser unnatürlichen Hand! Du erhebst sie gegen Deinen Vater!«

Lionel schauderte zurück und sank an die Wand, wo er regungslos stand und nach Luft schnappte. Seiner eigenen rasenden Tollheit überlassen, würde der Wahnsinnige schnell den Sorgen des elenden Weibes ein Ende gemacht haben, wenn nicht die Thüre mit einem Krachen eingebrochen worden und der Fremde, der durch die List des Tollen in dem Gewahrsam der Amerikaner geblieben war, in das Zimmer gestürzt wäre.

»Ich kenne Ihr Geheul, mein edler Baronet!« rief der aufgeregte Wärter, denn das war er in der That, »und eben erst erhielt ich wieder einen Beweis Ihrer Bosheit, die mich so gerne hätte hängen lassen. Aber ich bin Ihnen nicht umsonst von Königreich zu Königreich, von Europa nach Amerika gefolgt – um von einem Wahnsinnigen getäuscht zu werden!«

An dem finsteren Blicke des Burschen war deutlich zu sehen, wie tief er über die Gefahr ergrimmt war, der er kaum noch hatte entrinnen können, während er jetzt vorwärts sprang, um seinen Gefangenen zu ergreifen. Ralph ließ seine Beute los, so wie dieser gehaßte Gegenstand erschien, und stürzte auf die Brust des Andern mit der ungezähmten Wuth eines Löwen, der sich zum Kampfe gegen seinen Feind wendet. Das Ringen war heftig und hartnäckig. Gräßliche Schwüre und die wildesten Flüche entfuhren dem entrüsteten Wärter und mischten sich in die wildesten Rasereien von Ralph's Tollheit. Die übermenschlichen Kräfte des Wahnsinnigen siegten zuletzt und sein Gegner fiel unter ihrer unwiderstehlichen Gewalt. Schneller als ein Gedanke ist, sah man Ralph auf die Brust seines Opfers losstürzen, während er mit Fingern von Eisen seine Kehle anfaßte.

»Rache ist heilig!« rief der Wahnsinnige, und brach bei seinem Triumph in ein schallendes, gräßliches Lachen aus, während er seine grauen Locken schüttelte, bis sie in wilder Verwirrung um seine glühenden Augäpfel wirbelten; »Urim und ThummimEin sonderbarer Zufall ist es, daß, während der Verfasser diese Worte schrieb, ein freigehender, harmloser, aber entschiedener Tollhäusler in sein Zimmer trat. Er war in dem Augenblick in seinem aufgeregten Zustand und rief genau die nämlichen Worte, wie sie hier im Texte stehen. sind die Worte der Glorie! Freiheit ist der Ruf! Stirb, verdammter Hund! stirb, wie die Feinde der Hölle und laß der Luft die Freiheit!«

Durch eine mächtige Anstrengung befreite der nach Athem schnappende Mann seine Kehle in etwas von dem Griffe des Andern, der ihn beinahe erdrosselte und rief mit Mühe:

»Um der himmlischen Gerechtigkeit willen, kommt mir zu Hülfe! – wollt Ihr einen Menschen also ermordet sehen?«

Aber er wandte sich vergeblich an das Mitgefühl der Zuhörer. Die Frauen hatten in natürlichem Entsetzen ihre Gesichter verhüllt; der verstümmelte Polwarth war noch ohne sein künstliches Bein, und Lionel blickte fortwährend mit leerem Auge auf den wilden Kampf. In diesem Augenblicke der Verzweiflung sah man die Hand des Wärters mit Heftigkeit in Ralph's Seite eindringen, der beim dritten Schlag mit unmäßigem Gelächter auf seine Füße sprang und dabei wilde, tiefe Töne ausstieß, welche seine innerste Seele zu erschüttern schienen. Sein Gegner benutzte die Gelegenheit und stürzte mit der furchtsamen Hast eines Verbrechers aus dem Zimmer.

Das Gesicht des Wahnsinnigen, als er nun aufrecht stand und zwischen Tod und Leben kämpfte, wechselte mit jedem vorüberfliehenden Impuls. Das Blut floß reichlich aus den Wunden in seiner Seite, und als die verhängnißvolle Flut zur Ebbe zerrann, erleuchtete noch ein Strahl vorübergehender Vernunft seine todtenbleichen Züge. Sein innerliches Lachen hörte ganz auf. Die rollenden Augäpfel standen still und sein Blick, nach und nach sanfter werdend, blieb auf dem bleichen Paare ruhen, das den innigsten Antheil an seinem Wohle nahm. Ein ruhiger, gesänftigter Ausdruck lag jetzt auf diesen Zügen, welche kaum noch die tiefsten Spuren von dem Zorne Gottes gezeigt hatten. Seine Lippen bewegten sich und mühten sich vergeblich zu sprechen; wie jener räthselhafte Schatten in der Kapelle hatte er die Arme in der Stellung eines Segnenden ausgebreitet, und so fiel er endlich rückwärts auf den Leichnam des leblosen und lange vernachlässigten Job, er selbst eine starre Leiche.

 

 << Kapitel 34  Kapitel 36 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.