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Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston

James Fenimore Cooper: Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleLionel Lincoln oder die Belagerung von Boston
publisherVerlag von S. G. Liesching
printrunZweite Auflage
year1851
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150324
modified20170303
projectid025dd028
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Dreißigstes Kapitel.

Rebellen-Thäler, Rebellen-Gründe,
Von Rebellen-Bäumen umringt –
Der ferne Wald und Strom und Hügel
Von Rebellen-Echo erklingt.

Die Schlacht der Kegs.    

 

Die ungeheure weiße Kokarde, welche fast die ganze eine Seite von dem Hute ihres jetzigen Führers bedeckte, war das einzige Zeichen, woraus Cäcilie erkennen konnte, daß sie nunmehr der Sorge eines Mannes übergeben sey, der unter Denen, welche für die Rechte der Kolonien kämpften, den Rang eines Kapitäns einnahm. Kein anderer Theil seines Anzugs war militärisch, obgleich ein gewaltiger Degen, zu Hieb und Stich eingerichtet, an seine Person geschnallt war, welcher, nach seinem silbernen Stichblatt und den furchtbaren Dimensionen zu schließen, wahrscheinlich schon von einem seiner Vorfahren in den früheren Kriegen der Kolonien getragen worden. Der Charakter des jetzigen Besitzers war übrigens weit von jenem wilden Kriegsmuthe entfernt, welchen diese Waffe, wie man hätte glauben können, ankündigen sollte, denn er richtete die ängstlichste Sorgfalt und die emsigste Aufmerksamkeit auf alle Bewegungen seiner Gefangenen.

Am Fuße des Hügels wurde ein Wagen, der aus dem Felde zurückkam, von diesem halb militärischen Galan mit Beschlag belegt, und nachdem in kurzer Zeit die nöthigsten Vorkehrungen getroffen worden, fand Cäcilie ihren Sitz auf einer rauhen Bank neben ihm auf dem Wagen, während ihre eigenen Begleiter und die beiden Gemeinen in weit geselligerer Nachbarschaft die Tiefe desselben einnahmen. Anfangs war ihre Fahrt langsam und schwierig, da ganze Schaaren von Karren, welche in buchstäblichem Sinn zu Hunderten zurückkehrten, ihren Weg versperrten; als sie aber endlich an den schwerfälligen Thieren, die man daran gespannt hatte, vorüber waren, eilten sie mit desto größerer Schnelligkeit in der Richtung gegen Roxbury vorwärts. Während der ersten Meile, so lange sie sich durch die anscheinend endlose Linie von Karren durchzuwinden hatten, richtete der Offizier seine ganze Aufmerksamkeit auf dieses wichtige und schwierige Manöver; als aber, um uns eines Gleichnisses zu bedienen, ihr schwerfälliges Fahrzeug schön vor dem Wind dahinsegelte, wollte er nicht länger jene Dienste versäumen, welche von undenklichen Zeiten her hübsche Frauen in der Bedrängniß von Männern seines Standes zu fordern ein Recht gehabt haben.

»Jetzt nur nicht die Peitsche gespart,« bemerkte er gegen den Fuhrmann, sobald sie frei geworden waren; »treibt vorwärts, zur Ehre des Pferdefleisches und zur Schande alles Hornviehs. Dieß eine da von Euren Thieren muß wohl ein Tory seyn, nach seinem Gang und dem Widerwillen zu schließen, den er zeigt, für's allgemeine Beste sein Theil zu ziehen: behandelt ihn als einen solchen, Freund, und dafür soll Euch, wenn wir Halt machen, die gesunde Bewirthung eines Whig zu Theil werden. Sie haben den Winter in Boston zugebracht, Madame?«

Cäcilie nickte in schweigender Bejahung.

»Die königliche Armee wird ohne Zweifel eine bessere Figur in den Augen einer Dame machen, als die Truppen der Kolonien, obgleich es auch unter uns Manche gibt, welche, wie man meint, nicht gänzlich aller militärischen Kenntniß und des geeigneten Airs eines Kriegers entbehren,« fuhr er fort, indem er das silberverzierte Vermächtniß seines Großvaters aus seinem Versteck unter der Falte von seines Gefährten Mantel hervorzog: – »Sie haben Bälle und Unterhaltungen ohne Zahl, denk' ich mir, Madame, welche die Herrn in des Königs Dienste veranstalten werden!«

»Ich glaube, wenige Herzen sind unter den Frauen von Boston zu finden, die leichtsinnig genug wären, um sich diesen Unterhaltungen hinzugeben.«

»Gott segne Sie dafür! – Wahrhaftig, jeder Schuß, den wir in die Stadt werfen, ist, als ob wir uns Blut aus unsern eigenen Adern abzapften. Ich denke, des Königs Offiziere schlagen die Kolonisten seit der kleinen Affaire auf der Charlestowner Landenge nicht mehr so gering an, wie früher?«

»Niemand, der nur Etwas von Bedeutung bei den Ereignissen jenes verhängnißvollen Tages einzusetzen hatte, wird den Eindruck so leicht wieder vergessen, welchen er hervorbrachte!«

Der junge Amerikaner war von dem melancholischen Pathos in Cäcilien's Stimme so sehr ergriffen, daß er glauben mußte, er habe in seinem eigenen gutgemeinten Triumph unwissentlich eine Wunde berührt, welche die Zeit noch nicht geheilt habe. Nach diesem erfolglosen Versuche einer Unterhaltung floßen wieder viele Minuten in tiefem Schweigen dahin und Cäcilien's Führer sprach nicht eher wieder, als bis das Trappeln von Pferdehufen, dießmal jedoch ohne das Knarren der langsameren Räder durch die Abendluft herüberdrang. Bei der nächsten Biegung des Wegs trafen sie auf eine kleine Kavalkade von Offizieren, welche in hastiger Eile nach dem Orte hinsprengten, den sie erst kurz verlassen hatten. Der Führer dieses Trupps hielt sein Pferd an, als er den Wagen bemerkte, der auf seinen deutlich gezeigten Wunsch, mit ihnen zu sprechen, ebenfalls gehorsam stillstand.

Es lag etwas in der hohen und doch ansprechenden Miene des Herrn, der ihren Begleiter anredete, was Cäcilien veranlaßte, mit mehr Interesse auf seine Bemerkungen zu horchen, als sonst wohl durch die Gemeinplatz-Unterredungen auf der Straße erregt zu werden pflegt. Sein Anzug war weder bürgerlich, noch durchaus militärisch, doch hatte seine ganze Haltung viel von der eines Soldaten an sich. Während er anhielt, sprangen drei oder vier Doggen an ihm empor oder liefen in nachsichtsvoller Straflosigkeit zwischen den Beinen seines Vollblutrenners durch, scheinbar gleichgültig gegen das ungeduldige Zurückweisen, das ihren lästigen Vertraulichkeiten zu wiederholten Malen zu Theil geworden war.

»Schöne Zucht, bei – –!« rief dieses Original von einem Anführer der Kolonisten; »vermuthlich, ihr Herrn, kommt ihr von den Höhen von Dorchester; und nachdem ihr die ganze Entfernung von dort zum Lager zu Fuß zurückgelegt, wollt ihr nun die Annehmlichkeiten erproben, welche ein vierrädriges Fuhrwerk bei einem Rückzuge auf demselben Boden bieten mag!«

Der junge Mann erhob sich von seinem Platze, lüftete mit besonderem Respekte den Hut und antwortete:

»Wir kehren von den Hügeln zurück, Sir, das ist wahr; aber wir müssen unsern Feind zuvor sehen, ehe wir uns zurückziehen!«

»Eine weiße Kokarde! Da Sie einen solchen Rang bekleiden, Sir, haben Sie, denk' ich, auch eine Autorität für Ihre Schritte? – Nieder, Juno – nieder, Bestie.«

»Diese Dame, Sir, wurde vor einer Stunde aus der Stadt von dem Boote eines königlichen Schiffs auf unserem Punkte an's Land gesetzt und ich habe Ordre, sie in Sicherheit dem General des rechten Flügels zu übergeben.«

»Eine Dame!« wiederholte der Andere mit besonderem Nachdruck, wobei er sachte mit der Hand über seine auffallend adlerartig vorspringenden Züge hinfuhr; »wenn eine Dame dabei im Spiel ist, dann muß die Bequemlichkeit erlaubt werden. – Willst Du nieder, Juno?« unterbrach er sich selbst und fuhr dann, mit dem Kopf etwas zur Seite zu seinem nächsten Adjutanten gewendet, in seiner Rede weiter fort, wobei seine Stimme einzig nur durch diese Wendung einigermaßen gedämpft wurde – »Eine von Howe's Dirnen, ausgesendet als neuestes Muster loyaler Bescheidenheit! In einem solchen Falle, Sir, haben Sie vollkommen Recht, Pferde zu gebrauchen. Ich wundere mich nur, daß Sie deren nicht sechs statt zwei vorgespannt haben. Doch wie steht's mit unseren Schanzarbeiten? – Nieder, du Zudringliche, nieder! Du solltest an den Hof gehen, Juno, und Seiner Majestät Ministern liebkosen, wo Deine Heuchelei Dir ein Band erkaufen könnte! Wie ist's: gehen unsere Schanzarbeiten rasch vorwärts?«

»Wir haben schon Grund gewonnen, Sir; und da die Augen der königlichen Truppen auf die Batterien gelenkt sind, werden wir unser Werk vollenden, noch ehe der Tag ihnen unsere Beschäftigung zeigen wird.«

»Ha! auf's Graben wenigstens verstehen wir uns, wenn sonst auch kein anderer Theil unserer Uebungen etwas taugen will! Miß Juno, Du setzest Dein kostbares Leben in Gefahr! – Du willst's? nun so magst Du's denn haben!« Während des Sprechens zog der ungeduldige General eine Pistole aus seinem Halfter und drückte sie zweimal vergebens auf den Kopf der Dogge ab, die immer noch in sorgloser Zärtlichkeit an ihm aufsprang. Aergerlich über sich, seine Waffe und das Thier zugleich, wandte er sich an seine Begleitung und sagte mit bitterem Nachdruck: »Gentlemen, wenn einer von Ihnen diese vierfüßige Bestie vertilgen will, verspreche ich ihm für diesen Dienst eine ehrenvolle Erwähnung in meiner nächsten Depesche an den Kongreß!«

Ein Reitknecht im Gefolge pfiff dem Windspiel und rettete so wahrscheinlich das Leben des in Ungnade gefallenen Lieblings.

Der Offizier wandte sich nun zu der Gruppe, die er aufgehalten hatte, mit gesammelter, würdevoller Miene, welche bewies, daß er seine Selbstbeherrschung wieder gewonnen hatte.

»Entschuldigen Sie diese Störung, Sir,« sprach er; »ich will Sie nicht länger auf Ihrem Wege aufhalten: es wird wohl, ehe der Morgen graut, ernsthaftere Arbeit auf den Höhen geben, und Sie werden ohne Zweifel wieder dort zu seyn wünschen.«

Er verbeugte sich mit vollkommener Ruhe und Höflichkeit und die beiden Theile zogen langsam an einander vorüber, als er plötzlich, wie wenn er seine Herablassung bereut hätte, sich im Sattel umdrehte und in jenem sarkastischen Tone, der ihm so eigen war, dem Offiziere zurückrief: »Kapitän, ich ersuche Dich, hab' ein besonderes Augenmerk auf die Dame!«

Mit diesen Worten gab er seinem Pferde die Sporen und galoppirte vorwärts, während seine ganze Suite ihm in derselben ungeduldigen Eile folgte.

Cäcilie hatte jede Sylbe gehört, die während dieser kurzen Unterredung zwischen den Beiden gewechselt worden, und fühlte im Verlaufe derselben eine Wallung des Unwillens ihr Herz überlaufen. Als die Fremdlinge fort waren, schöpfte sie tief und zitternd Athem und fragte mit einem Tone, der ihre Bewegung verrieth:

»Und ist dieß Washington?«

»Dieser!« rief ihr Gefährte. – »Nein, nein, Madame; das ist ein ganz anderer Mann! das ist der große englische Offizier, den der Kongreß zum General in unserer Armee gemacht hat. Man hält ihn für eben so groß im Feld als rauh im Besuchzimmer – ja, ich will das gern zu seinen Gunsten anerkennen, wenn ich ihn auch niemals recht verstehen kann: er ist so stolz – so gebieterisch – und doch ein großer Freund der Freiheit!«

Cäcilie ließ den Offizier die anscheinenden Widersprüche in dem Charakter seines Obern nach seiner Weise zusammenreimen, während sie selbst sich wieder ganz erleichtert fühlte, als sie erfuhr, daß jener nicht der Mann war, dem wahrscheinlich bald ein Einfluß auf ihr eigenes Schicksal zustehen sollte. Der Fuhrmann schien jetzt bemüht, die verlorene Zeit wieder einzubringen und trieb seine Pferde mit verstärkter Schnelligkeit an. Der Rest ihrer kurzen Fahrt verfloß in fortwährendem Stillschweigen bis in die Nähe von Roxbury. Da die Kanonade von beiden Theilen noch immer mit gleicher Hitze fortgesetzt wurde, wäre es doch zu viel gewagt gewesen, wenn sie sich selbst in gerader Linie dem feindlichen Feuer hätten aussetzen wollen. Nachdem also der junge Mann auf dem unebenen Terrain in der Nähe einen sicheren Fleck aufgefunden hatte, wo er seine Gefangenen ohne Sorge zurücklassen konnte, ging er für seine eigene Person nach dem Punkte weiter, wo er Grund hatte zu glauben, daß er den Offizier, den er zu suchen beordert war, finden könnte. Während seiner kurzen Abwesenheit blieb Cäcilie auf dem Wagen und hörte dem nahen Kampfe zu, den sie von hier aus theilweise mitansehen konnte.

Den Amerikanern war ihr einziger großer Mörser in der Nacht zuvor zersprungen; dennoch richteten sie ihre Kanonen mit unermüdetem Eifer nicht blos gegen die gegenüberliegenden brittischen Verschanzungen, sondern auch in der Niederung über die Mündung des Charleskanals hin und noch weiter nach Norden gegen die Punkte, welche ihre Feinde auf den wohlbekannten Höhen von Charlestown besetzt hatten. Als Erwiederung dieses Angriffs spieen die Batterien längs der Westseite der Stadt unausgesetzt ihr Feuer auf die Feinde, während die auf der Ostseite ohne die geringste Ahnung der kommenden Gefahren zu schlummern fortfuhren.

Der Offizier berichtete bei seiner Rückkehr, daß sein Suchen erfolgreich gewesen und er befehligt worden sey, seine Gefangenen vor den amerikanischen General-en-Chef zu führen. Diese neue Anordnung machte eine weitere Fahrt von einigen Meilen nothwendig, und da der junge Mann seinen neuen Dienst mit einiger Ungeduld anzusehen schien, war er nicht eben für langen Aufschub gestimmt. Die Straße machte große Biegungen, was nicht wenig zu ihrer Sicherheit beitrug: der Weg war gut und der Fuhrmann emsig. So kamen sie in einer Stunde über den Fluß, und Cäcilie näherte sich nach so langer Abwesenheit abermals dem alten Provinzialsitze der Gelehrsamkeit.Hier meint der Verfasser das kleine Städtchen Cambridge, nahe bei Boston. A. d. U.

Das kleine Dorf, wenn auch in den Händen von Freunden, zeigte dennoch die unfehlbaren Spuren der Anwesenheit eines ungeregelten Heeres. Die Universitätsgebäude waren mit Truppen gefüllt und die Thüren der benachbarten Schenken mit müßigen Soldaten vollgepfropft, welche sich versammelt hatten, um der Völlerei und Thorheit zu fröhnen, welche beide immer unzertrennlich seyn werden. Der Offizier lenkte nach einer der einsamsten unter diesen Höhlen der Gedankenlosigkeit und des Müßiggangs und erklärte seine Absicht, die Gefangenen so lange unter ihrem Dache unterzubringen, bis er den Willen des amerikanischen Obergenerals vernommen haben würde. Cäcilie hörte seine Befehle mit ziemlichem Mißvergnügen, ergab sich aber dennoch in den Drang der Umstände und stieg, als das Fuhrwerk gehalten, ohne Widerrede aus. Ihre beiden Begleiter folgten ihr auf dem Fuße, während der Offizier voranging, und so gelang es ihr, nicht nur ohne Beschimpfung, sondern selbst ohne Belästigung durch die lärmende Menge hindurchzukommen. Die verschiedenen Schreier in dem Haufen, und derer waren viele, dämpften sogar ihre lärmenden Stimmen, als sie sich näherte und machten ihr Platz aus Achtung vor ihrem Geschlecht, und so trat sie in das Gebäude, ohne auch nur eine einzige Bemerkung auf sich selbst zu vernehmen, obgleich ein leises, neugieriges Flüstern ihren Schritten sogar bis zur Schwelle folgte. Die einzige Bemerkung, die gehört wurde, war ein plötzlicher Ausruf der Bewunderung, und so sonderbar dieß scheinen mag – ihr Begleiter hielt für nöthig, die Derbheit desselben dadurch zu entschuldigen, daß er seiner Gefangenen zulispelte, jener Ruf komme von den Lippen eines jener südlichen Freibeuter, einem Corps, welches sich eben so sehr durch seine Geschicklichkeit und Bravour auszeichnete, als es durch gänzlichen Mangel an Lebensart auffiel.

Das Innere der Schenke, mit der Außenscene verglichen, bot einen sehr verschiedenartigen Anblick dar. Der ehrsame Handelsmann, welcher den Wirth machte, hatte in der Noth der Zeiten und vielleicht auch einer gewissen Lust zu gewinnen, soweit nachgegeben, daß er für einige Zeit das angedeutete Gewerbe ergriff; aber durch eine Art förmlichen Vertrags mit der Menge draußen hatte er, während er ihren Durst durch seine Getränke zufrieden stellte, für sich die Abgesondertheit seiner häuslichen Einrichtungen größtentheils beibehalten. Gleichwohl war er genöthigt worden, ein Zimmer gänzlich dem Gebrauche des Publikums zu überlassen, und in dieses wurde nun Cäcilie mit ihren beiden Begleitern gewiesen, und zwar ohne alle Ceremonie, als ob dieß ganz natürlich wäre, und ohne die geringste Entschuldigung wegen seiner Beschaffenheit.

Es mochten etwa ein Dutzend Leute in der gemeinsamen Stube beisammen seyn; einige von ihnen, darunter eine oder zwei Frauen, hatten sich ruhig um das große Feuer niedergelassen, andere gingen auf und ab, und wieder andere saßen auf Stühlen umher, wie Zufall oder Neigung es gerade gefügt hatte. Beim Eintritt Cäcilien's entstand eine leichte Bewegung, die sich aber alsbald wieder legte; nur ihr Mantel von feinem Tuch und ihr seidener Ueberwurf verfehlten nicht, die Augen der Weiber auf sich zu ziehen, von denen sie auf eine weit rohere Art angestaunt wurde, als sie dieß während der gefährlichen Abenteuer der Nacht selbst von dem andern Geschlechte erfahren hatte. Sie nahm einen ihr angebotenen Stuhl nahe bei der hellen und fröhlichen Flamme des Heerds ein, von welcher alles Licht im Zimmer ausging, und schickte sich an, in Geduld die Rückkehr ihres Führers abzuwarten, der unmittelbar darauf sich verabschiedete, um nach dem benachbarten Quartiere des amerikanischen Generals zu gehen.

»Das ist für Weiber eine schlimme Zeit zum Reisen!« sagte eine Frau in mittlerem Alter neben ihr, welche eifrig mit Stricken beschäftigt war, obgleich auch sie ihrer Kleidung nach eine Reisende seyn mußte. »Wahrhaftig wenn ich gedacht hätte, daß ich hier einen solchen Tumult treffen würde, ich wäre nie über den Connecticut gegangen, obgleich ich mein einziges Kind im Lager habe!«

»Für eine Mutter muß freilich die Angst groß seyn,« antwortete Cäcilie, »wenn sie den Lärm eines Kampfes hört, in dem sie ihre Kinder beschäftigt weiß.«

»Ja, Royal ist auf sechs Monate verpflichtet, und ist sogar halb und halb Willens, zu bleiben, bis des Königs Truppen sich dazu entschließen, die Stadt zu räumen.«

»Mir scheint,« sagte ein ernst blickender Landmann, der die entgegengesetzte Ecke am Feuer einnahm, »Euer Kind hat einen unpassenden Namen für Einen, der gegen die Krone ficht!«

»Ach, er wurde so genannt, ehe der König seinen schottischen StiefelBoot – Bute! Siehe Anmerkung zum sechsten Kapitel. trug! und was einmal feierlich in der heiligen Taufe benannt wurde, ist mit dem Wechsel der Zeiten nicht mehr zu ändern! Sie waren Zwillinge und ich nannte den einen Prinz, den andern Royal, denn sie wurden an dem Tag geboren, wo Seine gegenwärtige Majestät die Volljährigkeit erreichte. Das, wie Ihr wißt, war, ehe sein Herz sich geändert hatte, und als das Volk der Bai ihn nicht viel weniger, denn sein eigen Fleisch und Blut liebte.«

»Ei, Goody,« sagte der Landmann gutmüthig lächelnd und erhob sich, ihr eine Prise von seinem ächten Schottischen anzubieten, während er so frei über ihre häuslichen Angelegenheiten sich aussprach, – »da hattet Ihr ja einen Thronerben in Eurer eigener Familie! Der königliche Prinz kommt, wie sie sagen, zunächst nach dem König, und nach Eurer Erzählung ist einer von ihnen wenigstens ein tüchtiger Bursche, der nicht leicht sein Erbe um ein Gericht Linsen verkaufen wird. Wenn ich Euch verstehe, ist Royal hier in Diensten?«

»Er ist in diesem gesegneten Augenblicke bei einem der Sturmböcke gerade vor der Bostoner Landenge,« antwortete das Weib; »und der Herr, er weiß, es ist ein schrecklicher Beruf, die Häuser von Leuten niederzuschießen, die mit uns selbst gleiche Religion und gleiches Blut theilen! aber so muß es seyn, um die gottlosen Plane Derer zu vernichten, die unter dem Schweiß und der Arbeit ihrer Mitgeschöpfe für sich selbst in Pracht und Müßiggang leben möchten.«

Der ehrliche Landmann, der mit den Kunstausdrücken neuerer Kriegführung etwas vertrauter war, als das Weib, lächelte über ihren Irrthum, setzte aber die Unterhaltung mit besonderer Würde fort, die seine gute Laune doppelt drollig machte.

»Es ist zu hoffen, der Junge wird nicht an seiner Waffe ermüden, bevor der Morgen kommt. Aber warum ist Prince zaudernd zurückgeblieben in einem solchen Augenblick? Wartet er noch mit dem Vater zu Haus, weil er der Jüngere ist?«

»Nein, nein,« sagte das Weib, indem sie kummervoll den Kopf schüttelte; »er wohnt, hoff' ich, bei unserem gemeinsamen Vater im Himmel! Auch habt Ihr nicht Recht, wenn Ihr ihn das Muttersöhnchen nennt. Er war mein Erstgeborner und ein hübscher Junge versprach er zu werden. Als sich in unserem Lande der Ruf verbreitete, die Regulären seyen gegen Lexington ausgezogen, um zu morden und zu zerstören, nahm er seine Flinte auf die Schulter und zog mit dem Volk herunter, um den Grund zu erfahren, warum das Land mit amerikanischem Blute befleckt worden sey. Er war jung und voll Ehrgeiz, wollte stets der Vorderste unter Denen seyn, die für ihre angebornen Rechte zu kämpfen bereit waren, und das letzte Mal, daß ich von ihm hörte, war er mitten unter des Königs Truppen auf Breeds. Nein, nein; sein Körper kam nie vom Hügel weg! Die Nachbarn sandten mir die Kleider, die er im Lager zurückgelassen und das ist einer seiner Socken, den ich hier für seinen Zwillingsbruder anstricke.«

Die Frau gab diese einfache Erklärung mit vollkommener Ruhe; doch als sie in dem Gegenstande weiter fortfuhr, brachen ihr die Thränen aus den Augen, träufelten über ihre Wangen herab und fielen unbeachtet auf das schlichte Kleidungsstück ihres verstorbenen Sohnes.

»Auf diese Art werden unsere tüchtigsten Schößlinge abgehauen im Kampfe mit dem Abschaum von Europa!« rief der Landmann mit einer Wärme, welche zeigte, wie mächtig sein Gefühl ergriffen war: – »Ich hoffe, der Junge, der noch lebt, wird Gelegenheit finden, seines Bruders Tod zu rächen.«

»Gott behüte! Gott behüte!« rief die Mutter: – »Rache ist eine böse Leidenschaft und am wenigsten von allem möchte ich wünschen, daß mein Kind mit so schlimmem Vorsatz in's Feld des Blutes zöge. Gott hat uns dieses Land gegeben, um darin zu wohnen und Tempel und Verehrung seines heiligen Namens daselbst aufzurichten; und da er's uns gegeben, gewährte er uns auch das Recht, es gegen jede menschliche Unterdrückung zu vertheidigen. Wenn Prince Recht hatte, als er hinging, so war es auch für Royal Recht, ihm nun zu folgen!«

»Ich glaube, ich bin mit gutem Grunde zurechtgewiesen worden,« antwortete der Mann, während er die Zuschauer mit einem Auge ansah, das seinen Irrthum anerkannte. »Gott segne Euch, gute Frau, und behüte Euch mit Eurem übrig gebliebenen Jungen – wie auch uns alle – vor der Plage, welche um unserer Sünde willen über das Land verhängt wurde. Ich gehe mit Sonnenaufgang nach Westen in die Berge, und wenn ich dem guten Mann zu Haus ein Wort des Trostes von Euch bringen kann, so sollen ein oder zwei Hügel mich nicht daran hindern.«

»Ich bin Euch eben so dankbar für Euer Anerbieten, Freund, wie für die That selbst; mein Mann würde herzlich erfreut seyn, Euch bei sich zu Haus zu sehen; aber ich selbst werde fast ganz krank unter dem Lärm und dem schrecklichen Anblick des Kriegs und will, wenn mein Sohn aus der Schlacht zurückkommt, nicht mehr allzu lange hier verweilen. Ich will am Morgen nach Cragie's Hause hinabgehen und nach dem verwundeten Manne sehen, den das Volk aus seiner Mitte zum Anführer wählte: dann gehe ich eilends zurück, denn ich sehe wohl, daß dieß für meinesgleichen kein passender Aufenthalt ist.«

»Dann müßtet Ihr dem Verwundeten nach dem Orte der Gefahr folgen, denn ich sah ihn vor einer Stunde mit allen seinen Begleitern nach der Wasserseite zu eilen, und ich bezweifle nicht, daß diese ungewöhnliche Verschwendung der Munition etwas mehr bezweckt, als wir beschränkten Leute errathen können.«

»Von wem sprecht Ihr?« fragte Cäcilie unwillkührlich.

»Von wem anders sollte er sprechen, als von Washington?« antwortete eine tiefe leise Stimme neben ihr, deren auffallender Klang ihr augenblicklich wieder die Töne jenes bejahrten Todesboten zurückrief, der an dem Lager ihrer Großmutter erschienen war. Cäcilie sprang von ihrem Stuhle auf und trat vor Ralph einige Schritte zurück, während dieser sie mit festem, forschendem Blicke betrachtete, und die Aufmerksamkeit, welche er dadurch erregte, so wenig, als die Zahl und Beschaffenheit der Zuschauer zu beachten schien.

»Wir sind uns nicht fremd, junge Dame,« fuhr der alte Mann fort; »und Sie werden mich entschuldigen, wenn ich beifüge, daß das Gesicht eines Bekannten einer Person Ihres zarten Geschlechts an einem so übel zugerichteten, unordentlichen Orte wie dieser – wohl angenehm seyn muß.«

»Eines Bekannten!« wiederholte die unbeschützte Braut.

»Ich sagte: eines Bekannten; wir kennen einander, gewiß,« antwortete Ralph mit Nachdruck: »Sie werden mir glauben, wenn ich hinzusetze, daß ich die beiden Leute im Wachzimmer neben an gesehen habe.«

Cäcilie warf einen Blick hinter sich und bemerkte mit einiger Unruhe, daß sie von Meriton und dem Fremden getrennt war. Ehe ihr Zeit zur Besinnung gegönnt blieb, näherte sich ihr der alte Mann mit einem höflichen Anstande, der durch seine grobe, nachlässige Kleidung noch auffallender gemacht wurde.

»Dieß ist kein Platz für die Nichte eines englischen Pairs,« sagte er; »ich bin lange in diesem kriegerischen Dorfe zu Haus gewesen und will Sie in eine Wohnung führen, die mehr für Ihr Geschlecht und Ihren Stand paßt.«

Einen Augenblick lang zögerte Cäcilie, – als sie aber die verwunderten Gesichter um sich her und die auffallende Neugierde bemerkte, womit Alle im Zimmer ihre verschiedenen Geschäfte einstellten, um auf jede Sylbe zu horchen, nahm sie schüchtern seine dargebotene Hand an und ließ sich von ihm in tiefem Schweigen nicht nur aus dem Zimmer, sondern auch aus dem Hause führen. Die Thüre, durch welche sie das Gebäude verließen, lag der, durch welche sie eingetreten war, gerade gegenüber, und als sie sich im Freien befanden, standen sie in einer anderen Straße und eine kurze Strecke von dem schon erwähnten lärmenden Haufen entfernt.

»Ich habe zwei Begleiter hinter mir gelassen,« sagte sie – »ohne welche es mir unmöglich ist, weiter zu gehen.«

»Da sie durch Bewaffnete bewacht sind, haben Sie keine Wahl, als Jener Gefangenschaft zu theilen oder sich der vorübergehenden Trennung zu unterwerfen,« erwiederte der Andere ruhig. »Sollten seine Wächter den Charakter Dessen entdecken, der Sie hieher führte, so wäre sein Schicksal gewiß!«

»Seinen Charakter!« wiederholte Cäcilie, während sie abermals vor der Berührung des alten Mannes zurückschrack.

»Allerdings, meine Worte sind deutlich! Ich sagte, seinen Charakter. Ist er nicht der tödtliche, hartnäckige Feind der Freiheit? Und halten Sie diese unsere Landsleute für so dumm, daß sie eines seines Gleichen frei sogar in ihrem Lager umhergehen ließen? – Nein, nein,« murmelte er mit leisem, aber triumphirendem Lachen; »wie ein Narr hat er sein Schicksal herausgefordert und wie einem Hund soll's ihm zu Theil werden! Laßt uns weiter gehen; das Haus ist nur einen Schritt von diesem entfernt, und Sie können ihn zu sich rufen, wenn Sie es wünschen.«

Cäcilie wurde durch ihren Begleiter zum Weitergehen mehr getrieben als überredet, und bald, wie er gesagt hatte, standen sie vor der Thüre eines niederen, einsamen Hauses. Ein Bewaffneter schritt vor demselben auf und ab, während der verlängerte Schatten einer zweiten Schildwache an der Rückseite alle halbe Minuten weit in die Straße hereindrang und die Wachsamkeit verrieth, welche man gegen seine Bewohner für nöthig erachtete.

»Nur zu,« sagte Ralph und öffnete die äußere Thüre ohne Zögern. Cäcilie folgte, fuhr aber wieder zurück, als sie auf einen zweiten Mann traf, der eine Muskete in Bereitschaft hielt, während er in dem engen Gange, der sie aufnahm, auf und nieder ging. Zwischen dieser Schildwache und Ralph schien ein gutes Einvernehmen zu herrschen, denn der Letztere redete ihn mit voller Freimüthigkeit an:

»Ist noch kein Befehl von Washington eingegangen?« fragte er.

»Keiner; und fast möchte ich aus dem Verzuge schließen, daß nichts sehr Günstiges zu erwarten ist.«

Der alte Mann murmelte vor sich hin und ging vorüber; dann eine andere Thüre öffnend, sagte er:

»Treten Sie ein!«

Cäcilie gehorchte und im nächsten Augenblicke schloß sich die Thüre hinter ihr; doch ehe sie Zeit hatte, ihre Verwunderung ohne Unruhe auszudrücken, fühlte sie sich von den Armen ihres Gemahls umschlungen.

 

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