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Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston

James Fenimore Cooper: Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleLionel Lincoln oder die Belagerung von Boston
publisherVerlag von S. G. Liesching
printrunZweite Auflage
year1851
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150324
modified20170303
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Neunundzwanzigstes Kapitel.

Nicht Kriegsgelärm, nicht Minstrelston
Verkündete den Marsch.

Scott.    

 

Cäcilie ließ die Nacht noch etwas weiter vorrücken, ehe sie die Tremont-Straße verließ, um vermöge der von dem brittischen Generale erhaltenen Erlaubniß aus der Stadt zu gehen. Es war übrigens noch gar nicht spät, als sie von Agnes Abschied nahm und in Begleitung Meriton's und jenes Unbekannten, mit dem sie schon mehr als einmal in diesen Blättern erschienen, ihren Zug antrat. In dem untern Theile der Stadt verließ sie ihren Wagen und verfolgte ihren Weg durch mehrere abgelegene einsame Straßen, bis sie in kurzer Zeit den Rand des Wassers erreichte. Die Werfte waren verlassen. Ihren Gefährten durch ihre eigenen leichten, hastigen Schritte den Weg bezeichnend, eilte die jugendliche Braut ohne Zögern längs dem unebenen Ufer hin, bis ihr Weiterschreiten durch ein breites Becken zwischen zweien der gewöhnlichen hölzernen Pfosten, welche an den Ufern des Platzes hinlaufen, gehemmt wurde. Hier stand sie einen Augenblick zweifelhaft, wie wenn sie fürchtete, daß es ein Mißverständniß gegeben haben könnte: doch bald sah man die Gestalt eines jungen Menschen aus dem Schatten eines benachbarten Magazins hervortreten.

»Ich fürchte, Sie haben Ihren Weg verloren,« begann dieser, als er Cäcilien bis auf wenige Schritte nahe gekommen war, worauf er stehen blieb, um, wie es schien, die Gruppe zu mustern. »Darf ich fragen, wen und was Sie suchen?«

»Jemand, der zu einem besonderen Zweck auf Befehl des kommandirenden Generals hieher gesendet worden.«

»Ich sehe nur zwei Personen,« antwortete der Bursche zaudernd – »wo ist der Dritte?«

»Er zögert dort in der Ferne,« erwiederte Cäcilie und deutete auf Meriton, der weit ängstlicher als seine Herrin selbst auf der Werfte einherging. »Wir sind unser drei und jetzt sind alle beisammen.«

»Ich bitte tausendmal um Verzeihung,« antwortete der Jüngling, indem er die Falten seines Matrosenmantels, unter welchem er die unterscheidenden Abzeichen seiner Seemannsuniform versteckt hatte, zurückschlug, und zugleich mit tiefem Respekte den Hut abnahm; »ich hatte Befehl, die höchste Vorsicht zu gebrauchen, Madame, denn, wie Sie hören, schlafen die Rebellen nur wenig bei Nacht!«

»Es ist wahrlich ein schrecklicher Schauplatz, den ich verlasse, Sir,« erwiederte Cäcilie, »und je früher es Ihnen bequem seyn wird, uns von hier überzuführen, desto mehr werden wir uns Ihnen verbunden fühlen.«

Der Jüngling verbeugte sich noch einmal zum Zeichen seiner Bereitschaft und bat die ganze Gesellschaft, ihm dahin zu folgen, wohin er sie führen würde. Nach wenigen Augenblicken gelangten sie an den Fuß einer Wassertreppe, wo unter dem Schutze der Dunkelheit, welche von dem Werfte her über das Bassin geworfen wurde, ein Boot verborgen lag, das zu ihrer Aufnahme vollkommen bereit war.

»Rührt euch, ihr Bursche!« rief der Jüngling mit dem barschen Tone eines Offiziers; »bewegt eure Ruder so leise, als ob ihr euch von einem Feinde wegstehlen wolltet. Haben Sie die Güte, einzutreten, Madame; Sie sollen, wie auch immer der Empfang der Rebellen ausfallen mag, jedenfalls rasch und sicher am andern Ufer gelandet werden.«

Cäcilie und ihre beiden Gefährten gehorchten ohne Zögern, worauf das Boot mit einer Schnelligkeit, durch welche die Worte des MidshipmanSeekadet. A. d. U. eine schleunige Bestätigung zu erhalten versprachen, in die Strömung hineinglitt. Die tiefste Stille herrschte unter den nächtlichen Abenteurern, und der Eindruck der sie umgebenden Scene war so stark, daß selbst die junge Frau in der Betrachtung derselben ihre Lage allmählig zu vergessen begann.

Der Abend war bereits milder und wurde in Folge einer jener Veränderungen, wie sie dem Klima dieses Landes so eigenthümlich sind, sehr schnell sogar lieblich und angenehm. Das klare Licht des Mondes erglänzte über Stadt und Hafen und machte die einzelnen Gegenstände von Beiden sichtbar. Die ungeheuren schwarzen Massen der Kriegsschiffe ruhten düster, wie schlummernde Leviathans, auf den Gewässern, und mit Ausnahme ihres eigenen Fahrzeugs war auch nicht ein einziges Segel oder vorüberziehendes Boot zu erblicken, das die Aussicht in der Richtung des Hafens belebt hätte. Auf der andern Seite erhoben sich die Hügel der Stadt in schönen Umrissen gegen den klaren Horizont; hie und da warf ein Dach oder Kirchthurm das blasse Licht des Mondes zurück. Das Innere des Platzes war so ruhig, als ob seine Bewohner in mitternächtlichem Schlummer begraben gewesen wären; aber hinter den Hügeln in einem Umkreis, der sich von den Werken auf den Höhen von Charlestown bis zu der Landenge erstreckte, welche eben jetzt ganz offen vor dem Boote dalag, konnte man alle Zeichen des Krieges wahrnehmen. Während der wenigen vorangegangenen Nächte hatten die Amerikaner in Anwendung ihrer Drängungsmittel mehr als gewöhnlichen Eifer bewiesen, im jetzigen Augenblicke aber schienen sie mit einem Male die äußerste Kraft gegen ihre Feinde aufbieten zu wollen. Noch verschonten sie die Stadt und richteten die Wuth ihres Feuers nur gegen die verschiedenen Batterien, welche, wie schon bemerkt, die Zugänge zu dem Platze längs dem westlichen Rande der Halbinsel deckten.

Cäcilien's Ohr war schon längst an den Waffenlärm gewöhnt, aber dieß war das erste Mal, daß sie die Schönheiten und Schrecken einer nächtlichen Kanonade mitanzusehen Gelegenheit fand. Sie ließ ihren Kalashüberwurf herabfallen, schüttelte die schwarzen Locken aus ihrem Gesicht und lehnte sich über den Rand des kleinen Fahrzeugs, um auf den Donner des Geschützes zu horchen; ihr Blick folgte den raschen Blitzen, welche der dämmernden Beleuchtung des Gestirns spotteten, mit einer Aufmerksamkeit, welche sie für den Augenblick in ein Vergessen ihrer selbst einwiegte. Die Männer trieben das Boot mit umwickelten Rudern vorwärts, und so leise war sein Gang, daß es sogar Augenblicke gab, wo man die Schüsse unter den Trümmern, welche sie eingeworfen, herumpoltern hörte.

»Es setzt mich in Erstaunen, Madame,« hub Meriton an, »daß so viele brittische Generale und tapfere Herrn, wie sie dort in Boston versammelt sind, auf einem so kleinen Flecke stehen bleiben mögen, um sich von einer Hand voll Landleute beschießen zu lassen, während es ein Lon'nonLondon, in der gemeineren Mundart ausgesprochen wie oben. A. d. U. gibt, wo es in diesem gesegneten Augenblick so ruhig und sicher wie auf einem Dorfkirchhofe um Mitternacht seyn mag.«

Cäcilie schlug die Augen auf und gewahrte, daß der Jüngling neben ihr mit unverstellter Bewunderung die Schönheit ihres Gesichts anstaunte. Erröthend und ihre Züge unter dem Ueberwurf verbergend, wandte sie sich schweigend von dem Anblicke des Kampfes weg.

»Die Rebellen sind freigebig mit ihrem Pulver heute Nacht!« begann der Kadet die Unterhaltung. – »Einige ihrer Kreuzer haben vermuthlich ein zweites Transportschiff von uns aufgefangen, sonst würde wohl Mr. Washington jetzt gerade, wo alle ehrlichen Leute an ihre Ruhe denken sollten, nicht einen solchen Lärm in die Welt hinein machen. Glauben Sie nicht, Madame, wenn der Admiral drei oder vier unserer schwersten Schiffe in den Kanal hinter der Stadt bugsiren würde, daß dieß die kürzeste Methode wäre, die Einbildung der Yankees etwas zu dämpfen?«

»In der That, Sir, ich bin in militärischen Sachen so unwissend, daß meine Meinung, wenn ich auch eine solche geben wollte, werthlos seyn würde.«

»Ei, junger Herr,« fiel Meriton ein, »die Rebellen zogen vor ein oder zwei Tagen eine Gallone aus dem Strom, wie ich selbst bezeugen kann, da ich hinter einem großen Ziegelhaufen stand, wo ich zusah, wie die ganze Sache herrlich von Statten ging!«

»Allerdings ein ganz passender Platz für einen Eures Gleichen, Sir,« erwiederte der Kadet, der es nicht der Mühe werth hielt, seinen Aerger über eine so ungeziemende Unterbrechung zu verbergen – »wissen Sie, was eine Gallone ist, Madame? Nichts als ein kleines Schiff mit einem Paar schwerer Geschütze, das kann ich Sie versichern. Etwas ganz Anderes wäre es mit einer Fregatte oder einem Zweidecker! Sehen Sie nur einmal, was für ein köstliches Ding unser Schiff ist, Madame – gewiß muß eine so schöne Lady ein so hübsches Schiff zu bewundern verstehen! – Es liegt hier herum, fast in gleicher Linie mit der zweiten Insel.«

Dem Jüngling zu Gefallen wandte Cäcilie den Kopf in der von dem Kadeten angegebenen Richtung und murmelte einige Worte zum Lobe seines Schiffes. Aber der ungeduldige Junge hatte die Richtung ihrer Augen scharf beobachtet, und sie wurde durch einen Ausruf offenbaren Mißmuths von seiner Seite unterbrochen:

»Was! jene unförmliche Masse, gerade über dem Kastell! das ist eine alte holländische Prise, en flute; ja, älter als meine Großmutter, die gute alte Seele; und es würde nicht einmal den Werth eines Thaustücks ausmachen, nach welcher Seite man ihr Bugspriet kehrte! Einer meiner Schulkameraden, Jack Willoughby, dient daselbst am Bord, und von ihm habe ich gehört, daß sie in gewöhnlichem Laufe gerade sechs Faden zurücklegen und bei ruhigem Wasser mit frischem Wind höchstens sieben auf der Leeseite! Jack meint, er könne davon loskommen, sobald er einmal den Admiral bei guter Laune trifft, denn die Graves wohnen neben den Willoughbys in der Stadt und er kennt alle Eigenheiten von des alten Mannes Laune. Nein, nein, Madame, Jack gäbe jeden Schuß in seinem Pulverkasten darum, wenn er seine Hängematte zwischen zwei Balken von unserm Schiff ausbreiten dürfte. Entschuldigen Sie einen Augenblick,« fuhr er fort und ergriff mit geziemender Bescheidenheit Cäcilien's Hand, um ihr sein Lieblingsschiff zu zeigen – »dort, Madame, nun haben Sie's! das dort, was so hoch aufgetackelt vor Ihnen steht, mit dem fliegenden Vorderspriet, das die Topraaen nach dem Unterdeck herabgelassen hat – wir nehmen sie jede Nacht mit der Abendkanone ab, und hissen sie wieder am nächsten Morgen auf, so wie die Glocke acht schlägt. – Ist's nicht ein süßes Ding, Madame? denn ich sehe, endlich hat es Ihr Auge gefaßt und ich bin sicher, Sie können jetzt auf kein anderes Schiff im Hafen mehr zu sehen wünschen.«

Cäcilie konnte auf eine so beredte Aufforderung ihr Lob nicht verweigern, obgleich sie im nächsten Augenblicke sehr in Verlegenheit gewesen wäre, wenn sie die vielbewunderte Fregatte von dem verachteten Proviantschiff hätte unterscheiden sollen.

»Ha, ha, Madame, ich wußte wohl, daß es Ihnen gefallen würde, wenn Sie erst den rechten Blick auf seine Verhältnisse geworfen hätten,« fuhr der entzückte Jüngling fort, »es ist zwar an seiner Breitseite nicht halb so schön, als wenn Sie es an seinem Hintertheile, besonders an seinem Backbordquartier, sehen könnten. – Immer lang und tüchtig ausgezogen, ihr Bursche, und tragt Sorge, daß ihr mir das Wasser nur leicht berührt – diese Yankees haben Ohren, so lang wie die Maulesel, und wir nähern uns dem Land. Unsere Landung bei der Dorchester Landenge verursacht Ihnen einen weiten Umweg bis Cambridge, Madame; aber es war keine Möglichkeit, das Rebellenufer heute Nacht an irgend einem andern Punkte zu berühren, da wir sonst, wie Sie sehen, gerade in ihre Kanonen hineingelaufen wären.«

»Ist's nicht etwas sonderbar,« sagte Cäcilie, welche die Bemühung des Jünglings, sie zu unterhalten, durch eine Bemerkung vergelten wollte, »daß die Kolonisten, während sie die Stadt auf der Nord- und Westseite so streng einschließen, sie im Süden ganz und gar anzugreifen versäumen? denn ich glaube, sie haben die Hügel von Dorchester noch niemals besetzt und doch ist's einer der nächsten Punkte bei Boston.«

»Das ist nichts weniger als ein Räthsel,« entgegnete der Jüngling und schüttelte den Kopf mit der Altklugheit eines Veteranen – »es würde ihnen einen zweiten Bunkerhill vor die Ohren bringen; denn Sie sehen, jenes Dorchester auf dieser Seite des Platzes ist gerade das, was die Landenge von Charlestown auf der andern ist: – leicht berührt, ihr Leute, leicht berührt! – Ueberdieß, Madame, könnte ein Fort auf diesem Hügel sein Feuer uns gerade auf's Verdeck werfen – das würde der alte Mann nie zugeben und es müßte dann entweder eine geregelte, derbe Klopferei oder ein allgemeines Auslaufen der Flotte zur Folge haben, und was würde in diesem Falle aus der Armee werden? – Nein, nein – die Yankees werden nicht den Stockfisch aus ihrer Bai zu treiben wagen, um eine solche Unternehmung zu versuchen. – Legt die Ruder nieder, Bursche, während ich nach dem Ufer hinüberschiele, um zu sehen, ob sich nicht etwa einige Jonathans beim Mondlicht am Strande abkühlen.«

Die gehorsamen Seeleute ruhten von ihrer Arbeit, während ihr junger Offizier aufrecht im Boote stand und ein kleines Nachtfernglas auf den beabsichtigten Landungsplatz richtete. Die Rekognoscirung erwies sich als völlig befriedigend und mit leiser, vorsichtiger Stimme befahl er den Leuten, nach einer Stelle hin zu rudern, wo er unter dem Schatten der Hügel am ehesten unbeachtet zu landen hoffen konnte.

Von diesem Augenblicke an wurde das tiefste Stillschweigen beobachtet; das Boot näherte sich rasch, doch sicher geleitet, der befohlenen Stelle, wo man es bald am Boden hinstreichen hörte, während es nach und nach seine Bewegung verlor und zuletzt ganz stille stand. Cäcilie wurde augenblicklich an's Land gehoben, wohin sie von dem Kadet geleitet wurde, der mit großer Gleichgültigkeit an's Ufer sprang und sich der Reisenden näherte, von der er nun im Begriffe stand, Abschied zu nehmen.

»Ich wünsche nur, daß Die, unter welche Sie zunächst gerathen werden, Sie eben so gut zu behandeln wissen mögen, wie Diejenigen, welche Sie verlassen,« begann der Jüngling wieder, während er näher trat und Cäcilien mit der Ungezwungenheit eines älteren Seemannes die Hand bot; – »Gott segne Sie, theure Madame; ich habe zwei kleine Schwestern zu Haus, fast so hübsch wie Sie selbst, und ich sehe nie eine hülfsbedürftige Frau, ohne an die armen Mädchen zu denken, die ich in Alt-England zurückgelassen – Gott segne Sie nochmals – ich hoffe, wenn wir uns wieder treffen, werden Sie sich näher umsehen nach – –«

»Ihr werdet wohl nicht so geschwind wieder wegkommen, wie Ihr Euch einbildet,« rief ein Mann, der von seinem Versteck hinter einem Felsen hervorsprang und rasch auf die Gruppe losging, – »wenn Ihr den geringsten Widerstand leistet, seyd Ihr des Todes.«

»Stoßt ab, Leute, stoßt ab und kümmert euch nicht um mich!« rief der Jüngling mit bewundernswürdiger Geistesgegenwart; – »um's Himmelswillen, rettet das Boot und wenn ihr auch dafür sterben solltet!«

Die Seeleute gehorchten rasch und ohne Bedenken, worauf der Jüngling mit der Leichtfüßigkeit seiner Jahre ihnen nachstürzte und mit einem verzweifelten Sprung den Kanonenrand der Barke erreichte, in welche er von den Matrosen sogleich hineingezogen wurde. Ein Dutzend Bewaffneter hatte unterdessen den Rand des Wassers erreicht und eben so viele Musketen waren auf die Abziehenden gerichtet, als Der, welcher zuerst gesprochen, ihnen zurief:

»Keinen Schuß! – Der Junge ist uns entwischt und verdient sein gut Glück! – Wir wollen uns dafür der Zurückgebliebenen versichern, denn wird auch nur ein einziges Gewehr abgebrannt, so erregt es gleich die Aufmerksamkeit der Flotte und des Castells.«

Seine Gefährten, welche gezaudert hatten, wie Leute, die nicht gewiß sind, ob der Weg, den sie einschlagen, der rechte ist, senkten gehorsam die Mündungen ihrer Gewehre und im nächsten Augenblick ruderte das Boot nach der viel bewunderten Fregatte und war bald in einer Entfernung, welche das Feuer wahrscheinlich ganz unschädlich gemacht hätte. Cäcilie hatte während der kurzen Periode der Ungewißheit kaum geathmet; als aber die plötzliche Gefahr vorüber war, bereitete sie sich, die Angreifenden mit dem ganzen unbeschränkten Vertrauen eines amerikanischen Weibes zu empfangen, wie diese es fast immer der Milde und dem Verstande ihrer Landsleute angedeihen zu lassen pflegen. Der ganze Trupp, der sich ihr jetzt näherte, erschien in der gewöhnlichen Kleidung von Landleuten, nur daß sie einigermaßen die nöthigsten militärischen Abzeichen trugen. Sie waren blos mit Musketen bewaffnet, die sie aber als Leute handhabten, welche den vollen ernstesten Gebrauch der Waffe kannten, während zu gleicher Zeit die eigentlichen Handgriffe der Truppen ihnen gänzlich ungewöhnt waren.

An Meriton zitterte bereits jede Fieber vor Angst, als er ihre kleine Gruppe von dieser unerwarteten Wache umringt sah, und auch der Unbekannte, der sie begleitet hatte, schien nicht ganz frei von Besorgniß. Cäcilie jedoch behauptete noch ihre Selbstbeherrschung, in der sie theils durch den Ernst ihres Vorhabens, theils durch ihre größere Vertrautheit mit dem Charakter des Volks, in dessen Hände sie gefallen war, unterstützt wurde.

Als die ganze Abtheilung sich ihnen bis auf wenige Schritte gegenübergestellt hatte, setzten sie die Kolben ihrer Musketen auf den Boden und blieben geduldige Zuhörer bei dem nun folgenden Verhör. Ihr Anführer, der vor seinen Gefährten nur durch eine grüne Cokarde am Hut ausgezeichnet war, welche, wie Cäcilie gehört hatte, den Rang eines Subaltern-Offiziers unter den amerikanischen Truppen bezeichnete,Im Anfang der amerikanischen Revolution gab es keine vorgeschriebene Uniform. Die untergeordneten Offiziere unterschieden sich unter einander und von ihren Leuten nur durch die Benennung. – redete sie in ruhigem, aber festem Tone an:

»Es ist ein unangenehmes Ding, eine Frau und besonders eine von Ihrem Aeußeren, auszufragen,« hub er an; »doch die Pflicht verlangt es von mir. Was kann Sie in dem Boote eines königlichen Schiffes und zu dieser ungewöhnlichen Stunde der Nacht nach einem so unbesuchten Orte bringen?«

»Ich komme nicht in der Absicht, meinen Besuch vor Jemands Augen zu verbergen,« antwortete Cäcilie; »denn mein erster Wunsch ist, zu einem Offiziere von Rang geführt zu werden, dem ich meine Absicht erklären werde. Es gibt Viele, die ich kennen sollte und die nicht anstehen werden, meinen Worten zu glauben.«

»Auch Keiner von uns bezweifelt deren Wahrheit; wir handeln nur mit Vorsicht, weil sie durch die Umstände geboten wird. – Kann die Erklärung nicht gegen mich geschehen? – denn ich vermiede gerne die Pflicht, welche einer Frau Unruhe verursacht.«

»Es ist unmöglich!« gab Cäcilie zur Antwort und zitterte unwillkührlich unter den Falten ihres Mantels.

»Sie kommen in einem höchst unglücklichen Augenblick,« fuhr der Andere nachdenklich fort; »und ich fürchte, Sie werden deßhalb eine unruhige Nacht erleben. Nach Ihrer Sprache halte ich Sie für eine Amerikanerin?«

»Ich bin unter jenen Dächern geboren, welche Sie auf der Halbinsel gegenüber stehen sehen.«

»Dann sind wir aus derselben Stadt,« antwortete der Offizier und trat zurück, indem er vergebens sich bemühte, einen Blick auf die Züge zu werfen, welche unter dem Hut verborgen waren. Doch machte er keinen Versuch, den Schleier zu heben und äußerte auch nicht entfernt einen Wunsch, der, wie zu vermuthen war, das Zartgefühl von Cäcilien's Geschlecht hätte verletzen können, sondern wandte sich um, als er seinen Versuch mißlungen sah und fuhr fort: »auch ich bin es müde, an einer Stelle zu bleiben, wo ich den Rauch meines eigenen Kamins sehen kann, während ich zugleich weiß, daß Fremde um den Heerd desselben sitzen!«

»Niemand wünscht inniger als ich, daß der Augenblick schon gekommen wäre, wo Jedermann in Frieden und Ruhe sein Eigenthum genießen könnte.«

»Laßt das Parlament seine Gesetze aufheben und den König seine Truppen zurückrufen,« fiel hier Einer von den Leuten ein, »und der Kampf wird auf Einmal ein Ende haben. Wir fechten nicht, weil wir Blut zu vergießen lieben!«

»Der Monarch würde Beides thun, Freund, wenn der Rath einer unbedeutenden Person, wie ich, in seinem königlichen Herzen Gewicht finden könnte.«

»Ich glaube, es ist kein großer Unterschied zwischen einem königlichen Herzen und dem jedes andern Mannes, wenn der Teufel es fein in Besitz genommen hat,« rief derb ein Anderer aus dem Trupp. »Ich denke mir, der Böse ist für einen König eben so unheilbringend, wie für einen Schuhflicker!«

»Was ich auch über das Benehmen seiner Minister denken mag,« antwortete Cäcilie kalt, »so bleibt es doch immer unangenehm für mich, die persönlichen Eigenschaften meines Herrn vertheidigen zu müssen.«

»Ei, ich beabsichtigte keine Beleidigung; aber, wenn die Wahrheit einem Manne das Herz erfüllt, so spricht er sie auch leicht aus.« Nach dieser rauhen Entschuldigung schwieg er still und wandte sich ab, wie Einer, der darüber, was er gethan, mit sich selbst unzufrieden ist.

Unterdessen hatte der Führer mit zweien seiner Leute abseits Berathung gepflogen. Er näherte sich nun wieder und verkündete das Ergebniß ihrer vereinten Weisheit.

»Unter allen Umständen, habe ich beschlossen,« fing er an, indem er aus Rücksicht für seinen Rang in der ersten Person sprach, obgleich er in Wirklichkeit seine eigene Meinung nach der Weisung seiner Rathgeber umzuändern für gut befunden hatte – »Sie unter dem Schutze dieser beiden Männer, welche Ihnen den Weg zeigen werden, zu dem nächsten Generaloffizier zu bringen, um dort vernommen zu werden. Die beiden Männer kennen das Land und es ist nicht die mindeste Gefahr vorhanden, daß sie die Straße verfehlen könnten.«

Cäcilie verbeugte sich zum Zeichen ihrer Ergebung in diese charakteristische Verkündigung seines Willens und erklärte ihren dringenden Wunsch, sogleich weiter zu gehen. Der Offizier hielt eine zweite kurze Berathung mit den beiden Führern, und schloß dieselbe bald darauf mit dem Befehle an den Rest der Abtheilung, daß Alle sich zum Abmarsch bereit machen sollten. Ehe sie schieden, trat einer von den Führern, oder besser gesagt – Wächtern auf Meriton zu und sagte mit einer Bedächtigkeit, welche leicht für Zweifel genommen werden konnte:

»Da wir nur zwei gegen zwei seyn werden, Freund, so wäre es wohl nicht unpassend, wenn wir nachsehen würden, was Ihr etwa bei Euch versteckt haben könnt, da dieß allen harten Worten oder Schwierigkeiten für die Zukunft vorbeugen wird? Ihr werdet den Grund der Sache einsehen, hoffe ich, und keine Einwendungen dagegen machen.«

»Nicht im Geringsten, Sir, nicht im Geringsten!« erwiederte der zitternde Diener, der, ohne sich einen Augenblick zu besinnen, seine Börse hervorzog; »sie ist nicht schwer, aber was drin ist, vom besten englischen Gold, das, wie ich denke, bei Euch sehr geachtet seyn muß, da Ihr doch sonst Nichts als das Papier der Rebellen zu sehen bekommt!«

»So sehr wir dessen Besitz auch schätzen, so verschmähen wir doch, deßhalb zu Räubern zu werden,« antwortete der Soldat mit kalter Verachtung. »Ich wollte bei Euch nach Waffen suchen und nicht nach Gold.«

»Aber, Sir, da ich unglücklicherweise keine Waffen habe, würdet Ihr nicht besser thun, mein Geld zu behalten? Es sind zehn gute Guineen, das kann ich Euch versichern; und nicht Eine leichte darunter, auf meine Ehre! neben mehren Silberstücken.«

»Komm, Allen,« rief der andere Soldat lachend; »es wird nicht viel zu bedeuten haben, ob der Herr Waffen besitzt oder nicht, glaub' ich. Sein Kamerade hier, der schon besser zu wissen scheint, warum er da ist, hat wenigstens keine bei sich und da der eine von den Beiden unverdächtig ist, so bin ich gern geneigt, auch dem Andern zu trauen.«

»Ich versichere Euch,« fiel hier Cäcilie ein, »unsere Absichten sind friedlich und Euer Amt wird auf keine Weise schwierig seyn.«

Die Beiden hörten mit vieler Achtung auf ihre Worte und in wenig Augenblicken trennten sich die beiden Parthieen, um ihre verschiedenen Wege zu verfolgen. Während das Hauptcorps der Soldaten den Hügel hinanstieg, nahmen Cäcilien's Führer eine Richtung, in welcher sie allmählig den Fuß desselben umgingen. Ihr Weg zog sich gegen die niedere Landenge, welche die Höhen mit dem anliegenden Lande verband, und sie verfolgten denselben in raschem, eiligem Schritt. Cäcilie wurde oft befragt, ob sie die Anstrengung auch zu ertragen vermöge und ihr dabei zu wiederholten Malen angeboten, daß man die Eile ganz nach ihren Wünschen einrichten wolle. In jeder andern Beziehung blieb sie von den Führern gänzlich unbeachtet, die jedoch eine viel schärfere Aufmerksamkeit auf ihre Begleiter richteten, indem jeder der beiden Soldaten sich an einen der ihr Folgenden hielt und ihn beständig mit wachsamem Auge beobachtete.

»Mir scheint, Ihr habt kalt, Freund,« sagte Allen zu Meriton, »obgleich ich die Nacht für die erste Woche im März ganz angenehm nennen möchte!«

»In der That, ich bin erstarrt bis auf die Knochen!« antwortete der Diener mit einem Zittern, das seine Versicherung zu bestätigen schien. – »Es ist ein fröstelndes Klima in diesem Amerika, besonders bei Nacht! Ich fühlte wirklich, so lang ich mir denken kann, nie ein so auffallendes Spannen in der Kehle, wie eben jetzt, ich kann Euch versichern.«

»Hier ist noch ein Taschentuch,« sagte der Soldat und warf ihm eins aus seiner Tasche zu – »wickelt's Euch um den Hals, denn es thut mir weh, wenn ich Eure Zähne so aneinander klappern höre.«

»Dank Euch, Sir, tausend Mal,« erwiederte Meriton und zog wieder mit instinktartiger Bereitwilligkeit seine Börse – »was soll's kosten?«

Der Mann spitzte die Ohren, nahm sein Gewehr ab, indem er die wachsame Haltung aufgab, die er bis jetzt beobachtet hatte, und rückte auf sehr vertrauliche Weise näher an seinen Gefangenen, während er antwortete:

»Ich dachte eigentlich nicht daran, das Ding zu verkaufen; wenn Ihr's aber nöthig habt, will ich nicht zu genau seyn.«

»Soll ich Euch eine Guinee geben oder wollt Ihr zwei, Herr Rebell?« fragte Meriton, dessen Geisteskräfte von Schreck gänzlich verwirrt waren.

»Mein Name ist Allen, Freund, und wir lieben eine höfliche Sprache in der Bai. Zwei Guineen für ein Taschentuch! Ich könnte nicht daran denken, Jemand so arg zu betrügen!«

»Nun denn, wie viel soll's denn seyn, eine halbe Guinee oder vier halbe Kronen?«

»Ich rechnete eigentlich gar nicht darauf, das Tuch wegzugeben, als ich von Haus wegging – 's ist ganz neu, wie Ihr sehen könnt, wenn Ihr's so gegen den Mond haltet – überdieß, wißt Ihr, jetzt wo gar kein Handel ist, kommen diese Dinge sehr hoch. – Nun, wenn Ihr's denn kaufen wollt, ich will nicht überfordern; Ihr könnt's meinetwegen für die zwei Kronen behalten.«

Meriton drückte ihm ohne Bedenken das Geld in die Hand und der Soldat schob den Kaufpreis zu sich, vollkommen mit sich selbst und seinem Handel zufrieden, da er auf diese Art sein Eigenthum mit einem reinen Profit von ungefähr dreihundert Procent losgeschlagen hatte. Er nahm bald Gelegenheit, seinem Kameraden zuzuflüstern, er habe nach seiner Meinung ›einen guten Handel gemacht‹, und die Köpfe zusammensteckend gelangten sie endlich zu dem Ausspruch, dieser Handel sey doch gar kein übler Fund. Andrerseits war Meriton, der den Unterschied des Werthes von Baumwolle und Seide ebensogut kannte wie sein amerikanischer Beschützer, mit dem Vergleiche gleichfalls wohl zufrieden, wenn auch seine Zufriedenheit auf einer sehr verschiedenen Ansicht der Dinge beruhte. Von frühe an war er zu glauben gewöhnt worden, jede Höflichkeit habe, wie der Patriotismus nach der Meinung Sir Robert Walpole's, ihren fixen Preis und seine Furcht machte ihn einigermaßen unbekümmert um den Betrag des Kaufgeldes. Er betrachtete sich nun als vollkommen dazu berechtigt, auf den Schutz seines Wächters zu zählen und seine Befürchtungen verwandelten sich unter diesem besänftigenden Einflusse nach und nach in das Gefühl völliger Sicherheit.

Während dieser befriedigende Handel geschlossen wurde und jeder Theil gesetzlich in dem Besitze seines Eigenthums war, erreichten sie die Niederung, deren wir schon unter dem Namen der ›Landenge‹ gedacht haben. Plötzlich hielt die Wache an und in aufmerksamer Stellung vorwärts gebeugt, schienen sie angestrengt auf einige schwache undeutliche Töne zu horchen, welche auf Augenblicke in den Zwischenräumen der Kanonade in der Ferne hörbar waren.

»Sie kommen,« sagte Einer zum Andern; »sollen wir weiter gehen oder warten, bis sie vorüber sind?«

Die Frage wurde durch ein Flüstern beantwortet und nach kurzer Berathung beschlossen sie, weiter zu gehen.

Dieses Zusammenreden und die wenigen Worte, die ihren Führern entschlüpft waren, hatten Cäcilien's Aufmerksamkeit erregt und zum Erstenmal fühlte sie einige Furcht wegen des Ausgangs ihres Unternehmens. Von der Wichtigkeit ihres Schrittes erfüllt, bot die junge Frau nun Alles auf, um den geringsten Umstand zu entdecken, der ihr Vorhaben vereiteln könnte. Sie trat so leise auf das welke Gras, daß ihre Schritte unhörbar wurden und mehr als einmal war sie im Begriff, die Andern zu bitten, daß sie ihrem Beispiel folgen möchten, damit ja keine Gefahr sie überraschen könnte. Endlich wurden ihre Zweifel gehoben und ihre Verwunderung mehrte sich, als sie deutlich das dumpfe Geräusch von Rädern vernahm, die über den gefrorenen Boden hinrasselten, wie wenn unzählige knarrende Wagen in langsamer, abgemessener Bewegung sich näherten. Im nächsten Augenblick kamen ihre Augen den Gehörorganen zu Hülfe und da das Mondlicht ihr ziemlich deutlich zu sehen erlaubte, waren ihre Zweifel, wenn nicht ihre Besorgnisse, bald gänzlich verschwunden.

Ihre Wächter entschlossen sich jetzt zu einer Aenderung ihres Plans und zogen sich mit ihren Gefangenen in den Schatten eines Apfelbaums zurück, der nur wenige Schritte von dem Rande der Straße, auf welcher offenbar die herankommenden Wagen sich näherten, in der Niederung stand. In dieser Stellung blieben sie mehre Minuten aufmerksame Beobachter dessen, was um sie herum vorging.

»Unsere Leute haben die Britten durch ihr Feuer aufgeweckt,« fing einer der beiden Wächter an, »und Aller Augen sind auf die Batterien gerichtet!«

»Ja, es ist ganz gut so, wie es ist,« antwortete sein Kamerad: »aber wenn nicht der alte eherne Kongreß-Mörser gestern geplatzt wäre, würde es einen ganz anderen Lärm geben. Sahst Du je den alten Kongreß?«

»Ich kann nicht sagen, daß ich die Kanone jemals selbst gesehen hätte, aber dafür habe ich die Bomben schon mehr als fünfzig Mal in der Luft erblickt; und schreckliche Dinger sind's, besonders bei finsterer Nacht; – aber horch, da kommen sie!«

Ein großer Haufe Menschen näherte sich jetzt und bewegte sich rasch und schweigend an ihnen vorüber, indem er am Fuß der Hügel vorbeizog und gegen die Ufer der Halbinsel hinmarschirte. Der größere Theil dieses Corps war fast ebenso gekleidet und ausgerüstet wie die Leute, welche Cäcilie gefangen genommen hatten. Einer oder zwei zu Pferd und in kriegerischerem Aufzug verkündeten die Anwesenheit einiger Offiziere von Rang. Ganz dicht hinter diesem Soldatenhaufen kamen eine große Zahl Karren, welche den Weg einschlugen, der gerade die benachbarten Höhen hinanführte. Nach diesen kam ein zweites und zahlreicheres Truppencorps, welches den Wagen folgte; die Masse bewegte sich in der tiefsten Stille und mit dem Eifer von Leuten, welche ein Unternehmen von der höchsten Wichtigkeit vor sich haben. Dem Nachtrab des Corps folgte eine zweite Reihe von Karren, die unter der Last großer Heubündel und anderer militärischer Vertheidigungsmittel seufzten. Ehe diese letzte Abtheilung die Niederung verließ, wurde eine ungeheure Masse festgepackter Bündel auf die Erde geworfen und mit einer fast zauberhaften Schnelligkeit so geordnet, daß sie eine leichte Brustwehr quer über den niedern Grund bildeten, der sonst dem vollen Feuer der königlichen Batterien bloßgestellt gewesen wäre – eine Lage der Dinge, welche, wie man annahm, im verflossenen Sommer zu der Katastrophe von Breeds geführt hatte.

Unter den Letzten im Zuge über die Landenge war ein Offizier zu Pferd, dessen Blick durch die Gruppe, die unter dem Baume stand, angezogen wurde. Indem er seine Umgebung auf sie aufmerksam machte, ritt er derselben näher und im Sattel vorwärts gelehnt fing er an, die Personen vor sich genauer zu mustern.

»Wie kommt das?« rief er – »ein Weib und zwei Männer? unter der Bewachung von Schildwachen! Haben wir noch mehr Spione unter uns? – Haut den Baum um, ihr Leute; wir brauchen ihn, und dann mag das Mondlicht hell auf sie herabscheinen!«

Der Befehl war kaum gegeben, als er auch schon vollzogen wurde, worauf der Baum alsbald mit einer Geschwindigkeit zu Boden stürzte, die jedem Andern als einem Amerikaner unglaublich geschienen hätte. Cäcilie trat hinter den überhangenden Zweigen hervor, und während sie sich im Glanze des Lichtes vorwärts bewegte, war in Miene und Anzug die Erscheinung einer vornehmen Dame nicht zu verkennen.

»Hier muß ein Mißverständniß obwalten!« fuhr der Offizier fort, – »warum wird die Dame auf diese Art bewacht?«

Einer der Soldaten erklärte mit wenigen Worten die Art ihrer Gefangennehmung und erhielt dagegen neue Weisungen über sein ferneres Verhalten. Der berittene Offizier setzte nun seinem Pferde die Sporen ein und galoppirte davon, um dringenderen Pflichten nachzukommen, schaute jedoch immer nach rückwärts, so lang das trügerische Licht ihm noch erlaubte, Gestalt oder Züge der Dame zu unterscheiden.

»Es ist jetzt rathsam, uns nach den Höhen zu begeben,« sagte der Soldat, »wo wir den kommandirenden General treffen werden.«

»Ich folge überall hin,« antwortete Cäcilie, die von der Geschäftigkeit und dem Lärm, der vor ihren Augen vorübergezogen, noch ganz verwirrt war – »und bin zu Allem bereit, wenn nur einmal diesem unglückseligen Aufschub ein Ende gemacht wird.«

In wenigen Minuten erreichten sie den Gipfel des nächsten der beiden Hügel, wo sie gerade außerhalb des lärmenden Kreises der dort beschäftigten Leute still hielten, während einer der Soldaten den kommandirenden Offizier aufsuchte. Von ihrem jetzigen Standpunkte aus hatte Cäcilie eine freie Aussicht nach dem Hafen, der Stadt und dem größten Theil des anliegenden Landes. Noch ruhten die Schiffe schwerfällig auf den Wassern und sie dachte sich den jungen Seekadeten schon in seiner Hängematte am Bord jener Fregatte, deren schlanke, spitzige Spieren in schönen symmetrischen Linien gegen den Horizont emporstiegen. Keine Spur von Allarm zeigte sich in der Stadt; im Gegentheil verschwanden die Lichter allmählig trotz der heftigen Kanonade, die noch an der Westseite der Halbinsel fortdauerte, und wahrscheinlich setzte Howe mit seinen unerschütterten Gefährten sein Trinkgelage in der nämlichen Sicherheit fort, in der sie dieselben vor zwei Stunden verlassen hatte. Während außer dem gelegentlichen Donner der Kanonen jedes andere Geräusch aufgehört hatte und die Menschen alle dem Anschein nach in tiefem Schlummer begraben lagen, zeigte der Anblick der nächsten Umgebung die rascheste Thätigkeit und das munterste Leben. Wälle von Erde stiegen bereits auf den Kamm des Hügels aus dem Boden hervor; einige von den Arbeitern waren damit beschäftigt, die nebenstehenden Körbe mit Erde und Sand zu füllen; Faschinen wurden von Ort zu Ort dahin getragen, wo man ihrer bedurfte – dabei geschah aber Alles mit einer Stille, welche nur durch die rastlosen Streiche der Hacke, das dumpfe, ernste Summen von Stimmen oder das Krachen von Aesten unterbrochen wurde, wenn der Stolz der benachbarten Obstgärten prasselnd zu Boden stürzte. Die Neuheit der Scene ließ Cäcilien ihre Angst vergessen und viele Minuten flogen unbemerkt an ihr vorüber. Fünfzig Mal näherten sich ihr ganze Trupps oder Einzelne unter den Arbeitern und standen einen Augenblick still, um nach dem süßen Antlitz hinzuschauen, das unter den milden Strahlen des Mondes noch sanfter als gewöhnlich erschien; jedesmal aber zerstreuten sie sich wieder eben so schnell und schweigend und suchten durch erneuten Eifer die vorübergehende Versäumniß ihrer Pflichten wieder einzuholen. Endlich kehrte der Mann zurück und verkündete die Annäherung des Generals, der auf dem Hügel kommandirte. Letzterer war ein Krieger von mittlerem Alter und sehr ruhigem Aeußeren: er erschien für eine solche Gelegenheit höchst einfach gekleidet, und trug kein anderes Zeichen seines Rangs an sich, als eine karmoisinrothe Kokarde, welche an einem breiten Soldatenhute der damaligen Zeit befestigt war.

»Sie finden uns mitten in unserer Arbeit,« bemerkte er gefällig, indem er sich näherte, »und werden den Aufschub entschuldigen. Es wird mir berichtet, daß Sie diesen Abend die Stadt verlassen haben?«

»Vor einer Stunde.«

»Und Howe – läßt er sich wohl von der Unterhaltung träumen, die wir ihm wahrscheinlich am Morgen bereiten werden?«

»Es würde an meines Gleichen wohl als Affektation erscheinen,« antwortete Cäcilie bescheiden, »wenn ich die Beantwortung von Fragen ablehnen wollte, welche die Absichten des königlichen Generals betreffen; gleichwohl werden Sie aber meinen Wunsch entschuldigen, in meiner gegenwärtigen Lage selbst der Mühe, meine Unwissenheit zu bekennen, überhoben zu werden.«

»Ich gestehe meinen Irrthum,« antwortete der Offizier ohne Zögern. Nach kurzer Pause, während welcher er nachzusinnen schien, fuhr er fort: »Es ist heute keine gewöhnliche Nacht, junge Dame, und es wird mir zur Pflicht, Sie dem General zu übergeben, der diesen Flügel unseres Heeres kommandirt. Er kann es möglicherweise selbst für nöthig halten, Ihre Verhaftung dem General en Chef mitzutheilen.«

»Er ist's, den ich suche, Sir, und den ich vor Allem zu treffen wünschte.«

Der Offizier verbeugte sich, und nachdem er einem Subalternen mit leiser Stimme seine Befehle ertheilt hatte, ging er fort und verlor sich bald unter der geschäftigen Menge, die in beständiger Arbeit rings um den Gipfel des Hügels ab- und zuging.

Cäcilie zögerte nur einen einzigen Augenblick, nachdem ihr neuer Führer seine Bereitwilligkeit, weiter zu gehen, erklärt hatte, und warf noch einen zweiten Blick nach dem ruhigen Glanze des Gewässers der Bai und nach den fernen rauchenden Dächern der Stadt, den dunkeln Gestalten, die sich um die anliegende Höhe bewegten und ebenso, wie die um sie her in ähnlichem Geschäfte begriffen waren; dann aber, nachdem sie diesen kurzen Ueberblick vollendet, bedeckte sie sich wieder mit ihrem Umwurf, hüllte sich dichter in die Falten ihres Mantels und stieg mit dem leichten Schritte der Jugend den Hügel hinab.

 

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