Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > James Fenimore Cooper >

Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston

James Fenimore Cooper: Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleLionel Lincoln oder die Belagerung von Boston
publisherVerlag von S. G. Liesching
printrunZweite Auflage
year1851
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150324
modified20170303
projectid025dd028
Schließen

Navigation:

Erstes Kapitel.

Sie scheinen Ruhe in mein müdes Herz
Zu gießen und mit frohem Jugendscherz
Mir einen zweiten Frühling vorzuspielen.

Gray.    

Kein Amerikaner kann mit den Hauptvorfällen unbekannt seyn, welche im Jahr 1774 das Parlament von Großbritanien veranlaßten, über den Hafen von Boston jene unpolitischen Zwangsmaßregeln zu verhängen, welche den Handel dieser wichtigsten Stadt in den westlichen Colonien von Grund aus zerstörten. Ebenso sollte jeder Amerikaner wissen, mit welch' edler Begeisterung für die hohen Grundsätze des Streites die Einwohner der nächstgelegenen Stadt Salem verschmähten, die Lage ihrer Nachbarn und Mitunterthanen zu ihrem Vortheil zu benützen. In Folge dieser unklugen Maßregeln der englischen Regierung und der lobenswerthen Eintracht unter den damaligen Capitalisten war es eine Seltenheit geworden, wenn man Segel eines andern Schiffes, als solcher, die des Königs Flagge trugen, die verlassenen Gewässer der Massachusets-Bay durchkreuzen sah.

An einem Aprilabend des Jahres 1775 waren indessen die Augen von Hunderten auf ein fernes Segel geheftet, das man aus dem Schooße der Wellen emportauchen sah, und das, längs dem verbotenen Landstrich hinziehend, gerade auf den Eingang des verbotenen Hafens zusteuerte. Mit jener besonderen Aengstlichkeit über die kommenden Ereignisse, welche die damalige Periode bezeichnete, sammelte sich ein großer Haufe Zuschauer auf Beacon-Hill;›Leuchtthurm-Hügel‹ zu deutsch. A. d. U. von seinem kegelförmigen Gipfel weit hinab bis zu seinem östlichen Abhange sich ausbreitend, blickten Alle in gespannter Erwartung nach dem Gegenstand ihrer gemeinschaftlichen Aufmerksamkeit. In dieser großen Versammlung herrschten übrigens sehr verschiedene Gefühle, und mancherlei, oft ganz entgegengesetzte Wünsche waren es, denen sie nachhing. Während der ehrbare, ernste und dabei vorsichtige Bürger bemüht war, die Bitterkeit, welche seine Seele erfüllte, unter dem Anschein kalter Gleichgültigkeit zu verbergen, ertönte von einigen munteren jungen Leuten, die, in den kriegerischen Putz ihres Standes gekleidet, unter den Haufen gemischt standen, lauter Jubel und herzliche Glückwünsche bei der Aussicht, von der entfernten Heimath und den abwesenden Freunden Kunde zu vernehmen. Aber das lange, laute Rasseln der Trommeln, das von dem angränzenden Grunde in die Abendluft heraufdrang, rief mit einem Mal diese müssigen Zuschauer insgesammt von der Stelle, worauf der Hügel im ruhigen Besitz Derjenigen verblieb, welche die gegründetsten Ansprüche auf seine Benützung hatten. Doch war damals keine Zeit zu ruhiger, rückhaltsloser Mittheilung. Lange bevor die Abendnebel die Schatten, welche die untergehende Sonne herüberwarf, eingehüllt hatten, war der Hügel gänzlich verlassen; der Rest der Zuschauer war von der Höhe herabgestiegen und Alle verfolgten einzeln, schweigend und in Gedanken vertieft die verschiedenen Wege nach den düsteren Häuserreihen, welche die Niederung längs der Ostseite der Halbinsel bedeckten. Trotz dieses Anscheins von Apathie war das Gerücht, das in Zeiten großer Aufregung immer Mittel findet, sein Flüstern umherzutragen, wenn es nicht wagen darf, seine Kunde laut werden zu lassen – bereits geschäftig, die unwillkommene Nachricht zu verbreiten, daß das fremde Schiff der Vorläufer einer Flotte sey, welche einem Heere Vorräthe und Verstärkung bringen sollte, das bereits zu zahlreich war und zu viel auf seine Macht vertraute, um das Gesetz noch zu respektiren. Kein Tumult, kein Lärm folgte dieser unerfreulichen Botschaft, aber die Thüren der Häuser wurden mürrisch geschlossen, die Fenster wurden dunkel, wie wenn das Volk seine Unzufriedenheit durch diese stummen Zeichen der Mißbilligung hätte ausdrücken wollen.

Unterdessen hatte das Schiff den felsigen Eingang zum Hafen erreicht, wo es, von dem Seewind verlassen und gegen die zurückströmende Ebbe lavirend, unthätig liegen blieb, gleichsam als wäre es der unwillkommenen Aufnahme bewußt, die ihm werden sollte. Die Besorgnisse der Einwohner von Boston hatten übrigens die Gefahr übertrieben, denn das Fahrzeug zeigte durchaus nicht das Getümmel einer zügellosen Soldateska, wie sie wohl ein Transportschiff erfüllt hätte, sondern war nur schwach bemannt, und auf dem geordneten Verdeck sah man nirgends herumliegendes Gepäck, welches der Bequemlichkeit Derer, die es enthielt, hätte hinderlich seyn können. Aus der Anordnung seiner äußern Erscheinung hätte ein geübter Beobachter den Schluß ziehen können, es befänden sich unter der Equipage Leute von Rang und von solchen Mitteln, daß Andere reichlich für deren Bequemlichkeit zu sorgen sich veranlaßt gefunden hätten. Die wenigen Seeleute, welche das Fahrzeug an Bord hatte, lagen an verschiedenen Seiten des Schiffs ausgestreckt und beobachteten die schlaffen Segel, wie sie gegen die Masten anschlugen, oder hatten ihren gleichgültigen Blick auf die stillen Wasser der Bay gerichtet, indeß mehre Bediente in Livree um einen jungen Mann versammelt waren, der seine eifrigen Fragen an den Lootsen richtete, welcher so eben von Graves aus das Schiff bestiegen hatte. An der studirten Eleganz und der Miene dieses Hauptsprechers konnte man deutlich sehen, daß er einer von Denen war, die ihre Bildung aus zweiter Hand erhalten. Weiter von der Stelle, wo diese neugierige Gruppe stand, und um den Hauptmast war ein großer Theil des Oberdecks leer; aber näher bei dem Orte, wo der verdrossene Seemann müssig über das Steuer des Schiffs sich herabbeugte, stand ein Wesen von ganz verschiedener Gestalt und Kleidung. Es war ein Mann, der für einen hochbejahrten Greis hätte gehalten werden mögen, wofern nicht der rasche, glühende Blick seiner Augen und der lebhafte kräftige Schritt, wenn er gelegentlich über das Deck hinging, die gewöhnlichen Anzeichen vorgerückten Alters Lügen gestraft hätte. Seine Gestalt war gebückt und fast zur Ausgezehrtheit abgemagert. Sein Haar, das etwas wild um seine Schläfe flatterte, war dünn und zu dem Silberweiß von wenigstens achtzig Wintern abgebleicht. Tiefe Runzeln vereinten sich als Zeichen hohen Alters und lange getragener Sorgen und furchten seine hohlen Wangen, wodurch der kühne Umriß seiner hervorragenden Züge noch auffallender wurde. Er trug ein einfaches und etwas abgetragenes Gewand von bescheidenem Grau, das die schlecht verhüllten Spuren langen, unachtsamen Gebrauchs zeigte. So oft er den durchbohrenden Blick vom Ufer abwandte, schritt er schnell über das verlassene Oberdeck hin und schien ganz von seinen eigenen Gedanken übermannt; die Lippen bewegten sich rasch, doch hörte man seinen Laut aus einem Munde hervorkommen, der gewöhnlich stumm war, und allem Anschein nach stand er unter der Einwirkung eines jener plötzlichen Eindrücke, in welchen der Körper so genau mit der ruhelosen Thätigkeit des Geistes zusammenstimmt. Da kam ein zweiter junger Mann aus der Kajüte heraufgestiegen und nahm seinen Standpunkt unter den nach dem Lande blickenden Zuschauern auf dem oberen Theil des Verdecks. Das Alter dieses Herrn mochte etwa fünfundzwanzig seyn. Er trug einen Militärmantel, nachlässig über die Schulter geworfen, und dieser, nebst denjenigen Theilen seiner Kleidung, welche durch die offenen Falten sichtbar waren, bewies genugsam, daß er zur Armee gehörte. Der Jüngling zeigte in seiner Miene etwas Ungezwungenes und Vornehmes, obgleich seine sprechenden Züge zuweilen melancholisch erschienen. Indem der junge Offizier das Verdeck erreichte, begegnete er den Augen des bejahrten und rastlosen Wesens, das auf den Planken hinschritt; er grüßte ihn höflich, bevor er sich nach der Aussicht wandte und war auch seinerseits bald im Beschauen ihrer verschwimmenden Schönheiten tief versunken.

Die Höhen von Dorchester leuchteten noch von den Strahlen des Gestirns, das eben hinter ihrem Kamme hinabgesunken war, und Streifen eines blässeren Lichts spielten auf den Wassern, die grünen Gipfel der Eilande vergoldend, die um die Mündung der Bucht gelagert waren. Weit in der Ferne erblickte man schlanke Kirchthürme aus dem Schatten der Stadt emporsteigen, die Wetterfahnen in der Sonne glitzernd, indeß wenige Strahlen eines stärkeren Lichts um den schwarzen Leuchtthurm tanzten, der hoch auf der kegelförmigen Anhöhe emporstieg, die ihren Namen gerade von diesem Lärmzeichen, das sie trug, erhalten hatte. Verschiedene große Schiffe lagen zwischen den Eilanden und bei der Stadt vor Anker; ihre schwarzen Massen verschwammen mit jedem Augenblick mehr in dem Nebel des Abends, während die Spitzen ihrer langen Mastenlinien noch in dem Glanz des Tages glühten. Von jedem dieser finsteren Schiffe, von der niederen Schanze, die auf einer kleinen Insel tief in der Bay emporstieg und von verschiedenen Erhöhungen in der Stadt selbst wehten noch die breiten Falten der Flagge Englands. Auf einmal wurde der junge Mann aus der Betrachtung dieser Scene durch den plötzlichen Knall der Abendkanonen herausgerissen und während seine Augen noch die verschiedenen Zeichen der brittischen Macht verfolgten, wie sie von ihrem ursprünglichen Standorte sich herabsenkten, fühlte er seinen Arm von der Hand seines betagten Reisegefährten krampfhaft gedrückt.

»Wird je der Tag erscheinen,« sagte eine dumpfe, hohle Stimme an seiner Seite, »wo jene Flaggen werden niedergesenkt werden, um nie wieder auf dieser Halbkugel sich zu erheben?«

Der junge Krieger richtete den raschen Blick auf die Gesichtszüge des Sprechenden, schlug ihn aber augenblicklich wieder in Verwirrung auf das Verdeck nieder, um dem scharfen, forschenden Strahl, der ihn traf, auszuweichen. Es folgte ein langes und auf Seiten des jungen Mannes peinliches Schweigen; endlich sagte der Letztere, indem er nach dem Lande deutete:

»Bitte, Sie sind ja von Boston und müssen es so lange schon gekannt haben; nennen Sie mir doch die Namen all' dieser Stellen!«

»Und sind nicht auch Sie aus Boston?« fragte sein alter Gefährte.

»Ja, durch Geburt wohl; doch, durch Gewohnheit und Erziehung bin ich Engländer.«

»Verflucht sey die Gewohnheit und verwünscht die Erziehung, die ein Kind lehrt, seine Abkunft zu vergessen!« murmelte der Alte, indem er sich abwandte und so schnell hinwegeilte, daß er sich plötzlich in den vorderen Theilen des Schiffes verlor.

Noch einige Minuten stand der Jüngling dem eigenen Nachsinnen hingegeben, dann, wie wenn er sich seines früheren Vorhabens erinnerte, rief er laut – »Meriton!«

Bei dem Klang seiner Stimme zertheilte sich augenblicklich die neugierige Gruppe um den Lootsen, und der hoch aufgeputzte Jüngling, dessen wir eben erwähnten, näherte sich dem Offizier mit einer Miene, worin kecke Vertraulichkeit mit ängstlichem Respekt sich höchst sonderbar mischte. Ohne übrigens auf des Andern Miene zu achten, oder vielmehr, ohne ihn nur eines Blicks zu würdigen, fuhr der junge Krieger fort:

»Ich befahl Dir, das Boot, das nach unserem Schiffe kam, zurückzuhalten, um mich zur Stadt zu bringen; sieh' nach, Mr. Meriton, ob es bereit ist.«

Der Diener eilte, seinen Auftrag zu vollziehen, und kehrte einen Augenblick darauf mit einer bejahenden Antwort zurück.

»Aber, Sir,« fuhr er fort, »Sie werden nicht mehr daran denken, in diesem Boote wegzugehen, ich bin fest davon überzeugt, Sir.«

»Deine Ueberzeugung, Mr. Meriton, ist nicht die geringste Deiner empfehlenswerthen Eigenschaften; warum sollte ich nicht?«

»Dieser widrige alte Fremde hat schon mit seinem Lumpenquark Besitz davon genommen; und –«

»Und was? Du mußt, um mich hier zurückzuhalten, ein größeres Uebel nennen, als das Faktum ist, daß der einzige Gentleman auf dem Schiffe mein Reisegefährte seyn wird!«

»Gott, mein Herr!« rief Meriton und schlug die Augen voll Verwunderung gegen Himmel; »aber, Sir, gewiß verstehen Sie sich am Besten auf Feinheit im Benehmen – was aber die Feinheit in der Kleidung betrifft –«

»Genug davon,« unterbrach ihn sein Herr, etwas ärgerlich; »die Gesellschaft ist so, daß ich damit zufrieden bin; findest Du sie für Deine Verdienste zu gering, so hast Du meine Erlaubniß, bis zum Morgen auf dem Schiffe zurückzubleiben. – Die Gegenwart eines Gecken ist durchaus nicht nöthig zu meiner Bequemlichkeit für eine Nacht.«

Ohne die Bestürzung seines beschämten Dieners zu beachten, schritt der junge Mann über das Deck zu der Stelle, wo das Boot seiner wartete. An der allgemeinen Rührigkeit unter den müssigen Dienern und der tiefen Ehrfurcht, mit der er von dem Herrn des Schiffs bis zu dem Bordgange begleitet wurde, war deutlich zu sehen, daß trotz seiner Jugend dieser Offizier es war, dessen Gegenwart jene Anordnungen auf dem Schiff hervorgerufen hatte, deren wir oben erwähnt haben. Während jedoch Alle um ihn her emsig bemüht waren, das Einsteigen des Offiziers in das Boot zu erleichtern, behauptete der bejahrte Fremde mit einer Miene tiefer Zerstreuung den Ehrenplatz in demselben. Ein Wink des geschmeidigen Meriton, der doch für besser gehalten hatte, seinem Herrn zu folgen – daß es wohl passender seyn möchte, diesen Platz zu räumen – ward nicht beachtet und der Jüngling setzte sich an der Seite des alten Mannes mit einer Gleichgültigkeit nieder, die sein Diener nicht umhin konnte, im Innern für herabwürdigend zu erklären. Als ob diese Demüthigung noch nicht genügte, wandte sich der junge Mann, da er bemerkte, daß eine allgemeine Pause seinem eigenen Eintritt gefolgt war, an seinen Gefährten und fragte ihn höflich, ob er zur Abfahrt bereit sey. Ein stummer Wink der Hand war die Antwort, worauf das Boot von dem Schiff abstieß, während das Letztere nach einem Ankerplatz in Nantasket hinsteuerte.

Der abgemessene Ruderschlag wurde durch keine Stimme unterbrochen, während sie, gegen die Ebbe sich stemmend, mühsam zwischen den Eilanden sich durcharbeiteten; als sie aber das Castell erreicht hatten, war das Zwielicht mit den sanfteren Strahlen des Neumonds verschmolzen, und jetzt, da die umgebenden Gegenstände deutlicher hervortraten, fing auch der Fremde an, mit jener beweglichen und überraschenden Heftigkeit zu erzählen, die seine natürliche Art zu seyn schien. Er sprach von den Oertlichkeiten mit der Wärme und der Rührung eines Enthusiasten und mit der Vertrautheit eines Mannes, der lange ihre Schönheiten gekannt hatte. Seine hastige Beredsamkeit verstummte jedoch, als sie den nackten Werften sich näherten und düster sank er in's Boot zurück, als wünsche er nicht, seine Stimme über das Wehe seines Vaterlandes laut werden zu lassen. So seinen eigenen Gedanken überlassen, blickte der Jüngling mit gespannter Aufmerksamkeit auf die langen Häuserreihen, die nun deutlich, obwohl in sanfteren Farben und tieferen Schatten dem Auge sichtbar waren. Wenige vernachlässigte, abgetackelte Schiffe lagen an verschiedenen Stellen; aber es fehlte das rührige Summen der Geschäftigkeit, der Wald von Masten, das Rasseln der Räder, welches um diese frühe Stunde den großen Markt der Colonien hätte bezeichnen sollen. Statt dessen hörte man von Zeit zu Zeit Klänge kriegerischer Musik, die lärmende Fröhlichkeit der Soldaten, welche die Schenken am Strand füllten, oder das dumpfe Anrufen der Schildwachen auf den Kriegsschiffen, wenn sie die wenigen Boote, welche die Einwohner noch zu ihren gewöhnlichen Geschäften gebrauchten, in ihrem Laufe aufhielten.

»Hier hat sich in der That Manches geändert!« rief der junge Offizier, als sie an diesem verödeten Schauplatze hinfuhren, »sogar meine Rückerinnerungen, jugendlich und undeutlich, wie sie sind, rufen mir den Unterschied zurück!«

Der Fremde gab keine Antwort, aber ein Lächeln von besonderer Bedeutung zuckte über sein blasses Gesicht, dessen auffallende Züge in dem Mondlicht noch wilder erschienen. Der Offizier wurde wieder schweigsam und Keiner von Beiden sprach weiter ein Wort, bis das Boot an dem Ende der langen Werfte, an deren nacktem Ende eine Schildwache in abgemessenem Schritt auf und ab ging, vorbeigeschossen war, und nunmehr nach dem Ufer sich wendend, den Ort seiner Bestimmung alsbald erreichte.

Welches auch immer die gegenseitigen Gefühle der beiden Reisenden gewesen seyn mochten, da sie nun endlich in Sicherheit das Ziel ihrer mühsamen und langen Reise erreicht hatten – sie wurden nicht in Worten ausgedrückt. Der alte Mann entblößte seine Silberlocken, und das Antlitz mit dem Hute verbergend, stand er, als ob er tief im Innersten für die Beendigung der Mühseligkeit seinen Dank darbrächte, während sein jugendlicherer Gefährte sich auf die Werfte, an der sie landeten, mit der Miene eines Mannes emporschwang, dessen Bewegung für den gewöhnlichen Ausdruck durch Worte zu heftig war.

»Hier müssen wir scheiden, Sir,« sagte endlich der Offizier; »doch hoffe ich, die Bekanntschaft, die so zufällig zwischen uns begründet ward, soll nunmehr nicht vergessen werden, da unsere gemeinsamen Entbehrungen ihr Ende erreicht haben.«

»Es steht nicht in der Macht eines Mannes, dessen Tage wie die meinen gezählt sind,« antwortete der Fremde, »der Gnade seines Gottes durch eitle Versprechungen zu spotten, deren Erfüllung einzig von der Zeit abhängen muß. Ich bin ein Mann, junger Freund, der von einer trüben, trüben Pilgerfahrt auf der andern Halbkugel zurückgekehrt ist, um seine Gebeine hier, in dem Lande seiner Geburt niederzulegen; sollten aber noch manche Stunden mir gewährt seyn, so sollen Sie ferner von einem Manne hören, den Ihre Artigkeit und Güte so sehr sich verbunden hat.«

Der Offizier war sichtbar ergriffen von der milden, aber feierlichen Weise seines Gefährten, und drückte dessen welke Hand mit Wärme, als er antwortete:

»Thun Sie das; ich erbitte es mir als eine besondere Gunst: ich weiß nicht, wie es kommt, aber Sie haben eine Gewalt über meine Gefühle erlangt, wie kein anderes Wesen sie bis jetzt besaß – und doch – mir ist's ein Geheimniß, ist wie ein Traum! Ich fühle es – ich verehre Sie nicht nur, ich liebe Sie auch!«

Der alte Mann trat zurück und hielt den Jüngling für einen Augenblick auf Armeslänge von sich, während er einen Blick der wärmsten Theilnahme auf ihn heftete; dann sachte die Hand erhebend, deutete er aufwärts und sagte:

»Das kommt vom Himmel und nach Gottes besonderem Willen; unterdrücke dieses Gefühl nicht, Knabe, sondern pflege es im Innersten des Herzens!«

Die Antwort des Jünglings wurde durch heftiges Schreien unterbrochen, das plötzlich die Stille des Ortes störte. Rasche, heftige Schläge einer Peitsche hörte man zwischen dem Schmerzensrufe des Leidenden, und rohe Schwüre mit gräulichen Flüchen von verschiedenen Stimmen mischten sich in den Aufruhr, der nicht sehr fern zu seyn schien. In gemeinsamem Antrieb brach die ganze Gruppe von dem Platze auf und eilte rasch die Werfte aufwärts in der Richtung der Töne. Als sie den Wohnungen näher kamen, sahen sie um eben den Menschen, der die Stille des Abends durch sein Geschrei gestört hatte, einen Haufen Leute versammelt, welche seine Jammertöne durch ihre Scherze unterbrachen und seine Peiniger zum Fortfahren ermuthigten.

»Gnade, Gnade, um des gesegneten Gottes Willen, habt Erbarmen und tödtet nicht Job!« kreischte der Dulder wieder, »Job will Euch Eure Gänge laufen! Job ist nur halb gescheidt! Gnade für den armen Job! O, Ihr schindet ja sein Fleisch!«

»Ich will dem Schufte das Herz ausreißen,« rief eine rauhe Stimme; »sich zu weigern, die Gesundheit Sr. Majestät zu trinken!«

»Job wünscht ihm gute Gesundheit – Job liebt den König – nur liebt Job nicht Rum!«

Der Offizier hatte sich so weit genähert, um zu bemerken, daß hier eine Scene der Unordnung und Gewaltthätigkeit vor sich gehe; er stieß den Haufen von Soldaten, die das Gedränge bildeten, auseinander und brach mit einem Male in die Mitte des Kreises.

 

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.