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Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston

James Fenimore Cooper: Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleLionel Lincoln oder die Belagerung von Boston
publisherVerlag von S. G. Liesching
printrunZweite Auflage
year1851
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150324
modified20170303
projectid025dd028
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Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Fish Strek hinauf! St. Marcus Eck' hinunter!
Haut, schlagt sie nieder! Werft sie in die Themse!
Welch Lärmen hör ich? Wer ist wohl so kühn,
Rückzug zu rufen oder Unterhandlung,
Wenn ich den Tod befehle?

König Heinrich IV.    

 

Unsere Leser werden von unserm Freunde Polwarth bei seinem bekannten Gleichmuthe kaum erwarten, daß er in grausamer Absicht irgend ein Abenteuer unternehmen konnte; und dennoch muß der Entschluß so genannt werden, mit dem er den Kopf seines Renners nach dem Dock Square lenkte. Die Wohnung Job Pray's war ihm lange vorher schon bekannt gewesen, und oft, wenn er aus seinem Quartier, das nahe an dem Gemeindegrund lag, nach den vornehmeren Stadtvierteln hinaufging, hatte der gutmüthige Epikuräer sich umgewendet, um dem noch unverfälschten Bewunderer seiner Kochkunst ein Kopfnicken und ein Lächeln zuzuwerfen. In dem jetzigen Augenblicke aber, als sein Wagen von Cornhill her auf den wohlbekannten Platz herüberrasselte, fiel sein Auge mit weit weniger freundschaftlichem Ausdruck auf die niedrigen düstern Mauern des Waarenhauses.

Seit er das Verschwinden seines Freundes erfahren, hatte der Kapitän tief über die Sache nachgegrübelt; sein sehnlichster Wunsch war fortwährend der, irgend einen wahrscheinlichen Grund zu entdecken, der einen Bräutigam veranlassen konnte, einen so hastigen und wie es schien, so wenig zu rechtfertigenden Schritt zu unternehmen, wofür er das Verlassen einer Braut, das noch überdieß unter so besonders traurigen Umständen geschehen war, ansehen mußte. Je mehr er aber nachdachte, desto tiefer verwickelte er sich in ein Labyrinth von Ungewißheit, bis er endlich mit Freuden die leichteste Spur, die sich darbot, ergriff, um dem ihn umgebenden Dunkel zu entkommen. Man hat schon gesehen, wie er den Wink aufnahm, welchen M'Fuse's Ringkragen ihm gegeben hatte, und wir haben jetzt nur noch zu zeigen, mit welchem Scharfsinn er denselben benützte.

Polwarth hatte sich immer darüber gewundert, daß ein Mann wie Lionel sich so viel mit einem Simpel abgeben konnte; auch war es seiner Beobachtung nicht entgangen, daß die Mittheilungen zwischen Beiden etwas geheimer Natur seyn mußten. Er hatte am Tage vorher die thörichte Prahlerei des Burschen in Bezug auf M'Fuse's Tod gehört und der durchlöcherte Schmuck in Verbindung mit dem Orte, wo er gefunden worden, der so gut zu der Gewohnheit des Simpels, sich in Winkeln nieder zu kauern, paßte – hatten ihm die Wahrheit derselben vollends bestätigt. Die Liebe Polwarth's für den Grenadier stand einzig und allein der Anhänglichkeit an seinen älteren Freund nach. Der Eine war unläugbar gefallen und von dem Andern fing er an zu vermuthen, daß er unter der Mitwirkung des verwahrlosten Narren auf eine sonderbare Art von seiner Pflicht verlockt worden seyn mußte. Eine Meinung fassen und von ihrer Richtigkeit überzeugt seyn – war bei diesem Schüler der Naturphilosophie das gewöhnliche Resultat einer und derselben Verstandesoperation. Während er in der wichtigen Eigenschaft des Hauptleidtragenden vor dem Grabe der Mrs. Lechmere gestanden, hatte er emsig in seinem Geiste die wenigen Beweisgründe hin und her gewendet, welche er zu diesem Schlusse nöthig fand. Sein Ideengang konnte auf die Zierlichkeit eines Syllogismus Anspruch machen: sein Vordersatz und die Deduktion daraus lauteten etwa folgendermaßen: – Job mordete M'Fuse; – Lionel ist irgend ein großes Unglück zugestoßen; – – also war Job der Urheber davon. –

Allerdings bedurfte es, um diese Deduktion näher zu begründen, eines guten Theils von Zwischensätzen, auf welche der Kapitän freilich nur einen äußerst flüchtigen Blick warf, die sich jedoch der Leser, wenn er überhaupt Einbildungskraft besitzt, sehr leicht selbst ableiten wird. Es würde gar keinen übermäßigen Glauben an den Zusammenhang zwischen sehr natürlichen Wirkungen und ihren Ursachen erfordern, um zu zeigen, daß Polwarth nicht ganz unvernünftig zu Werke ging, wenn er ein Mitwirken des Simpels vermuthete und einen so tiefen und bitteren Grimm wider ihn in sich beherbergte, wie ihn ein wahrscheinlich so großes Unglück, und käme es gleich von den Händen eines Narren, in ihm erwecken mußte. Doch sey dem wie ihm wolle, der Wagen hatte mittlerweile den schon erwähnten Punkt erreicht, und die rasche Bewegung, welche den für gewöhnlich so ruhigen Lauf seines Bluts beschleunigt hatte, verbunden mit der Scene, von der er so eben gekommen, und den Erinnerungen, die seinen Geist überfielen – dieß Alles trug dazu bei, seine Vorsätze zu einem äußerst hartnäckigen Grade von Entschlossenheit hinaufzusteigern. Bei allen seinen Planen – umfassend Bedrängung, Geständniß und Strafe – war Job Pray zu Beidem, – dem Gegenstand sowohl als zum Opfer auserlesen.

Die Schatten des Abends waren schon über der Stadt gelagert und die Kälte hatte lange vorher die wenigen Fleisch- und Gemüseverkäufer, die noch täglich ihr Geschäft bei den schlechtbesetzten Fleischbänken fortsetzten, nach ihren verschiedenen Wohnungen getrieben. Statt ihrer war nur eine magere, verarmte Person aus dem Lager zu sehen, welche sich mit ihrem halbverhungerten Kinde unter dem Schatten des Gebäudes hinstahl, und unter den Ueberresten des Marktes nach einem verachteten Bissen suchte, um sich ein ärmliches Nachtmahl daraus zu bereiten. Doch während der öffentliche Markt dieses Bild der Dunkelheit und der Leere zeigte, bot der untere Theil des Platzes einen sehr verschiedenen Anblick dar.

Das Waarenhaus war von einem Haufen von Männern in Uniform umringt, deren unordentliche, rasche Bewegungen dem erfahrenen Auge des Kapitäns sogleich verkündeten, daß sie in einem Auftritt gesetzloser Gewaltthat begriffen waren. Einige rannten wüthend in das Gebäude, mit Waffen in der Faust, wie die Straße zunächst sie ihnen darbot, während Andere zurückkamen und die Luft mit Flüchen und Geschrei erfüllten. Ein fortwährendes Zuströmen erhitzter Krieger aus den dunkeln Zugängen gegen den Platz hin war ringsum zu bemerken und jedes Fenster des Gebäudes war mit aufgeregten Zuschauern besetzt, welche an den Wänden sich anklammerten und offenbar die innerhalb Befindlichen durch Beifall und Zujauchzen anfeuerten.

Als Polwarth seinen Shearflint die Zügel anziehen ließ, konnte er die raschen, halbgeendeten Reden, die von den Lärmenden herüberschollen, deutlich vernehmen, und ehe er noch in dem Dunkel des Abends die Aufschläge ihrer Uniformen unterscheiden konnte, erkannte sein Ohr den wohlvertrauten Dialekt der königlichen Irländer. Die ganze Wahrheit enthüllte sich jetzt vor seinem Blick, er beeilte sich, seine korpulente Person, so gut es gehen wollte, aus dem Schlitten herauszuzwängen, und humpelte eiligst auf die Menge zu; dabei fühlte er eine sonderbare Mischung von Gefühlen in sich, die in dem einen Augenblick dem drängenden Durst nach Rache zu unterliegen drohten und dann wieder dem zögernden Einflusse seiner natürlichen Gutmütigkeit nachgeben zu wollen schienen. Doch müssen wir zu seiner Entschuldigung sagen, daß selbst noch bessere Männer als der Kapitän unter den wilden Eindrücken, welche durch einen Aufruhr erweckt werden, ihre Menschlichkeit schon aus dem Gesicht verloren haben.

Während er sich in die weite dunkle Halle eindrängte, die den Haupttheil des Gebäudes einnahm, hatte er sich in hohem Grade in eine finstere, entschlossene Härte hineinreißen lassen, welche zu seinem Verstand und seinem Rang sehr übel paßte. Er hörte sogar mit unerklärlichem Vergnügen auf die Drohungen und Flüche, welche das Gebäude erfüllten, bis ihre wilde Art ihn fürchten ließ, daß wahrscheinlich die eine Hälfte seines Zwecks – Lionel's Entdeckung – Gefahr laufen möchte, durch ihre Erfüllung vereitelt zu werden.

Durch diesen Gedanken auf's Neue ermuthigt, stieß er die Lärmer mit wunderbarer Kraft von sich und gewann endlich glücklich einen Standpunkt, wo er ein thätigerer Mitspieler in dem Kampfe werden konnte.

Noch war es hell genug, um Job Pray in der Mitte des Waarenhauses auf seinem elenden Bette in einer halb sitzenden, halb liegenden Stellung erkennen zu können; sein körperlicher Zustand schien die erstere Lage zu erfordern, während ihn wohl die Furcht bewegen mochte, die letztere anzunehmen. Die großen rothen Blattern, welche sein ausdrucksloses Gesicht bedeckten, und seine entzündeten Augäpfel zeigten nur zu deutlich, daß der arme Junge, nicht genug, der Gegenstand der Wuth einer gesetzlosen Menge geworden zu seyn, auch noch den Verheerungen jener bösen Krankheit als Beute anheimgefallen war, die schon lange Zeit die Stadt heimgesucht hatte. Um dieses garstige Wesen voll Armuth und Krankheit hatten sich einige der kühnsten unter den Aufrührern, namentlich von den übriggebliebenen Grenadieren des Achtzehnten, versammelt, während die weniger Aufgeregten oder Furchtsameren unter ihnen in größerer Entfernung von dem verpesteten Hauche der Krankheit ihre Rache auszulassen Mittel fanden. Die zerschundene, blutige Gestalt des Simpels zeigte, wie viel er schon unter den Händen seiner Peiniger erduldet hatte, und als ein Glück war es noch zu betrachten, daß sie keine sehr gefährlichen Waffen bei sich trugen, da die Scene sonst wohl viel früher ihren Ausgang gefunden hätte. Trotz der großen körperlichen Schwäche und der drängenden Gefahren, die ihn umringten, bot Job mit stumpfer Ergebung in die Leiden, die sie über ihn verhängten, seinen Drängern fortwährend die Spitze.

Bei dem Anblick dieses empörenden Schauspiels begann Polwarth's Herz sich rasch zu erweichen und er versuchte unter dem Geschrei von fünfzig Stimmen sich Gehör zu verschaffen. Aber seine Gegenwart blieb unbemerkt, denn seine Vorstellungen waren an Unwissende gerichtet, welche einer wilden Rache blindlings nachhingen.

»Reißt die Bestie von ihren Lumpen herunter!« schrie einer – »'s ist ja doch kein wirklicher Mensch, sondern ein Junges vom Teufel in der Gestalt eines unserer Mitgeschöpfe!«

»Ein Kerl, wie dieser, soll die Blüthe der brittischen Armee ermorden!« tobte ein Anderer – »seine Blattern sind nichts als eine schlechte Erfindung des Tropfs, um sich seiner Strafe zu entziehen!«

»Konnte überhaupt ein Anderer als der Teufel eine solche Krankheit erfinden?« fiel ein Dritter ein, der selbst im Zorne seine Laune nicht ganz vergessen konnte. »habt Acht, Jungens, er wird sie der ganzen Familie auf natürlichem Wege mittheilen, um die Kosten der Einimpfung zu ersparen!«

»Bleibt mir mit Euren Narrheiten vom Leibe, Terence,« antwortete der Erste; wollt Ihr über den Tod scherzen und den seinen ungerächt lassen? Werft eine Kohle in seinen Schmutz, Jungens, und verbrennt ihn mit sammt seinen Lumpen in einem Freudenfeuer!«

»Eine Kohle! eine Kohle! einen Brand zum Verbrennen des Teufels!« schrieen zwanzig Soldaten, indem sie mit grimmiger Lust den barbarischen Rath aufnahmen.

Polwarth suchte sich noch einmal, wiewohl ohne Erfolg, Gehör zu verschaffen, und nicht früher, als bis ein Dutzend Stimmen in getäuschter Wuth gerufen, daß weder Kohle noch Feuer im ganzen Haus zu treffen sey, legte sich die plötzliche Aufregung ein wenig.

»Aus dem Weg! Aus dem Weg mit Euch!« heulte eine Riesengestalt, deren schwerfällige Natur gleich einem überfüllten Vulkan sich langsam bis zu dem letzten Augenblick eines fürchterlichen Ausbruchs emporgearbeitet hatte. – »Hier ist Feuer, um sogar einen Salamander zu zerstören! Sey er nun Teufel oder Heiliger, jedenfalls hat er seine Gebete jetzt sehr nöthig!«

Während er sprach, erhob der Bursche eine Muskete und der nächste Augenblick würde Job's Schicksal entschieden haben, der vor der Gefahr mit instinktmäßiger Furcht sich niederkrümmte, hätte nicht Polwarth das Gewehr mit seinem Stocke niedergeschlagen und sich zwischen Beide gestellt.

»Spart Euer Feuer, braver Grenadier!« sprach er, indem er klugerweise einen Mittelweg zwischen der Sprache des Befehls und jener der Ermahnung wählte. »Das nenne ich übereilt und nicht, wie's einem Soldaten ziemt, gehandelt. Ich kannte und liebte Euren früheren Anführer sehr; laßt uns dem Burschen erst das Geständniß abnehmen, ehe wir zur Bestrafung schreiten – es können Andere noch schuldiger seyn als er.«

Die Soldaten schauten mit Blicken voll Wuth auf den unerwarteten Ankömmling, so daß dieser schon ein böses Zeichen für ihren Gehorsam gegen seinen Rath und seinen Stand darin zu erkennen glaubte.

»Blut um Blut!« lief es von Mund zu Mund, und die kurze Pause, welche auf sein Erscheinen folgte, wurde bereits durch noch weniger zweideutige Zeichen von Feindseligkeit unterbrochen, als Polwarth zum Glücke trotz des Zwielichtes von einem alten Grenadier als einer von M'Fuse's früheren Freunden erkannt wurde. In dem Augenblick, als der Veteran diese Entdeckung seinen Kameraden mittheilte, legte sich der wachsende Sturm auf's Neue und der Kapitän wurde von keiner geringen persönlichen Besorgniß befreit, als er seinen Namen mit den freundlichen Zusätzen »Sein alter Freund!« – »Ein Offizier von den leichten Truppen!« – »Der, dem die Rebellen ein Bein zerschmetterten!« u. s. w. – von Aller Munde rufen hörte. Sowie diese Erklärung allgemein verstanden war, wurden seine Ohren mit dem einmüthigen Geschrei begrüßt:

»Hurrah! dem Kapitän Pollywarreth! Sein Freund, der brave Kapitän Pollywarreth!«

Erfreut über diesen Erfolg und heimlich geschmeichelt durch die Lobeserhebungen, die nun mit charakteristischer Freigebigkeit über ihn ausgegossen wurden, benützte der Vermittler den leichten Vortheil, den er errungen hatte, und redete sie abermals an:

»Ich danke Euch für Eure gute Meinung, meine Freunde,« fuhr er fort, »und muß bekennen, sie ist durchaus gegenseitig. Ich liebe die königlichen Irländer, Einem zu lieb, den ich wohl kannte und hochschätzte und der, wie ich fürchte, mit Verletzung jeder Kriegsregel gemordet worden ist.«

»Hört Ihr's? Dennis gemordet!«

»Blut um Blut!« brummten drei oder vier grimmige Stimmen.

»Laßt uns bedächtig zu Werke gehen, damit wir gerecht seyn mögen, und gerecht, damit unsere Rache fürchterlich sey,« antwortete Polwarth rasch, da er fürchtete, wenn der Strom noch einmal losbräche, möchte es seine Kraft übersteigen, ihm Einhalt zu thun. »Ein rechter Soldat erwartet immer erst seine Ordre; und welches Regiment in der Armee kann sich seiner Disciplin rühmen, wenn nicht das achtzehnte! Bildet einen Kreis um Euren Gefangenen, und hört zu, während ich die Wahrheit aus ihm erforsche. Ist dieß geschehen und der Bursche als schuldig befunden, dann soll er Eurem zärtlichsten Mitleid überantwortet werden.«

Die Schreier, welche in dem Aufschub nur eine mehr methodische Ausführung ihres eigenen gewaltsamen Vorhabens sahen, empfingen den Vorschlag mit neuem Zuruf und der Name Polwarth's, mit aller Abwechslung in ihren barbarischen Mundarten ausgesprochen, drang laut durch die nackten Sparren des Gebäudes, während sie sich zu gehorchen anschickten.

Der Kapitän, welcher Zeit zu gewinnen wünschte, um seine Gedanken sammeln zu können, befahl ein Licht anzuzünden, um, wie er sagte, die Gemütsbewegung in dem Gesicht des Angeklagten zu beobachten. Da jetzt die volle, finstere Nacht hereingebrochen war, erschien die Forderung zu vernünftig, um verweigert zu werden und mit demselben unbesonnenen Eifer, den sie vor wenigen Minuten gezeigt hatten, als sie Job's Blut zu vergießen trachteten, wandten sie nun ihre Aufmerksamkeit mit gedankenloser Unbeständigkeit auf die Ausführung dieses harmlosen Plans. Schon früher, als der Plan des Verbrennens vorgeschlagen wurde, war, freilich zu sehr verschiedenem Zwecke, ein Brand herbeigebracht und mit dem Aufgeben der Absicht wieder bei Seite geworfen worden. Einige Funken davon wurden nun gesammelt und mehrere Bündel Tauwerk, die in einem Winkel des Waarenhauses lagen, damit angezündet und sorgfältig genährt, so daß sie ein starkes Licht durch jede Ritze des Gebäudes verbreiteten.

Mit Hülfe dieser bequemen Helle gelang es dem Kapitän noch einmal, die Lärmer auf eine Art aufzustellen, daß Job nicht etwa unbemerkt eine Verletzung beigebracht werden konnte. Das Ganze nahm nun gewissermaßen den Schein einer regelmäßigen Untersuchung an. Die Neugierde der draußen Befindlichen überwand ihre Furcht vor Ansteckung, und alle strömten in das Haus, wo bald eine solche Stille herrschte, daß wenige Minuten nachher kein anderer Laut mehr hörbar ward, als das schwere und gedrückte Athmen ihres Schlachtopfers. Als jedes andere Geräusch aufgehört hatte und Polwarth an den finsteren wilden Gesichtern, über welche die helle Gluth des brennenden Hanfes leuchtete, bemerkte, daß längerer Aufschub gefährlich seyn möchte, ging er sofort zu seinen Fragen über.

»Du kannst,« so sprach er, »aus der Art, wie Du umringt bist, sehen, Job Pray, daß das Gericht Dich endlich ereilt hat, und daß Deine einzige Hoffnung auf Gnade im Bekennen der Wahrheit beruht. So antworte denn auf die Fragen, die ich Dir vorlegen werde, und behalte die Furcht Gottes vor Augen.«

Der Kapitän schwieg, um diese Ermahnung die gewünschte Wirkung hervorbringen zu lassen. Aber Job, der bemerkte, daß seine früheren Peiniger ruhig waren und allem Anschein nach kein unmittelbares Unheil mit ihm vorhatten, ließ sein mattes Haupt auf die Tücher fallen und lag da, schweigend und mit rollenden, angstvollen Augen die geringste Bewegung seiner Feinde bewachend. Polwarth gab bald der Ungeduld seiner Zuhörer nach und fuhr fort:

»Du bist mit Major Lincoln bekannt?«

»Major Lincoln!« murrten drei oder vier von den Grenadieren – »ist er's, von dem wir etwas zu hören brauchen?«

»Einen Augenblick, meine wackeren Achtzehner; ich werde auf diesem Umwege um so eher zu der vollen Wahrheit gelangen.«

»Hurrah! Kapitän Pollywarreth!« schrien die Lärmer – »Er, dem die Rebellen ein Bein zerschmetterten.«

»Dank' Euch, – Dank' Euch, meine verständigen Freunde: – Antworte ohne Verdrehung, Bursche; Du wagst doch nicht Deine Bekanntschaft mit Major Lincoln abzuläugnen?«

Nach einer augenblicklichen Pause hörte man eine schwache Stimme unter den Tüchern hervormurmeln:

»Job kennt alle Leute von Boston und Major Lincoln ist ein Bostoner Kind.«

»Aber mit Major Lincoln hattest Du eine genauere Bekanntschaft. – Bezähmt eure Ungeduld, Leute; diese Fragen führen geradenwegs zu den Thatsachen, die ihr zu wissen wünscht.« Die Aufrührer, welche gänzlich unwissend darüber waren, welche Thatsachen sie überhaupt durch diese Untersuchung erfahren sollten, blickten einander zweifelhaft an, verfielen jedoch bald wieder in ihr früheres Stillschweigen. »Du kennst ihn besser, als jeden andern Herrn von der Armee?«

»Er versprach Job, die Grenadiere von ihm abzuhalten, und Job willigte ein, seine Gänge für ihn zu thun.«

»Eine solche Uebereinkunft verräth größere Vertrautheit, als zwischen einem verständigen Mann und einem Narren gewöhnlich besteht! Wenn Du also in so enger Verbindung mit ihm stehst, so frag' ich, was ist aus Deinem Bundesgenossen geworden?«

Der Junge gab keine Antwort.

»Ich vermuthe, Du weißt den Grund, warum er seine Freunde verlassen hat,« fuhr Polwarth fort, »und ich befehle Dir nun, daß Du ihn erklärest.«

»Erklärest!« wiederholte der Simpel in seiner ausdrucklosesten, hülflosesten Weise – »Job war nie gut in der Schule.«

»Nun denn, wenn Du halsstarrig bist und nicht antworten willst, muß ich mich entfernen und diese braven Grenadiere ihren Willen an Dir vollziehen lassen.«

Diese Drohung hatte bei Job die Wirkung, daß er seinen Kopf in die Höhe hob und Blick und Stellung jener instinktartigen Wachsamkeit wieder annahm, die er kaum zuvor aufgegeben hatte. Eine leise Bewegung unter der Menge folgte und die schrecklichen Worte: ›Blut um Blut!‹ ertönten wieder unter ihnen. Der hülflose Junge, den wir genöthigt waren, in Ermanglung eines besseren Ausdrucks schwachsinnig zu nennen, weil seine Geistesschwäche ihn über die Gränzen gesetzlicher Verantwortlichkeit hinausstellte, starrte nun mit wilden Blicken umher, welche einen stets wachsenden Ausdruck von Verstand annahmen, den man der Gewalt jenes innerlichen Feuers zuschreiben konnte, das seine Lebenskräfte verzehrte und das den Geist in dem Maße zu reinigen schien, als es den materiellen Ueberrest seines Daseyns verzehrte.

»Es ist gegen die Gesetze der Bai, ein Mitgeschöpf zu schlagen und zu peinigen,« sprach er mit feierlichem Ernst in der Stimme, der sanftere Herzen gerührt haben würde; »und was noch mehr, es ist gegen Sein heiliges Buch! Wenn ihr nicht Brennholz aus dem Alten Nord und einen Pferdestall aus dem alten Süd gemacht hättet, wäret ihr vielleicht hingegangen und hättet eine Auslegung angehört, daß das Haar auf Euren gottlosen Häuptern sich emporgesträubt hätte!«

Der Ruf: ›Macht seiner Narrheit ein Ende!‹ – ›Die Kröte treibt ihr Spiel mit uns!‹ – ›Als ob sein hölzerner Kasten überhaupt nur eine Kirche wäre für ordentliche Christenmenschen!‹ ward von allen Seiten gehört, und ihm folgte das oft wiederholte Drohwort ›Blut um Blut!‹

»Zurück, Leute, zurück!« rief Polwarth und schwang, um seine Befehle zu bekräftigen, seinen Spazierstock mit höchst nachdrücklicher Gebärde – »wartet sein Bekenntniß ab, ehe ihr richtet. – Bursche, höre jetzt die letzte und entscheidende Ermahnung zur Wahrheit, – Dein Leben hängt höchst wahrscheinlich von Deiner Antwort ab. – Man weiß, daß Du gegen die Krone unter den Waffen warst. Ja, ich selbst sah Dich im Felde an dem Tag, als die Truppen von Lexington – – contremarschirten und seither, weiß man, bist Du bei den Rebellen gewesen, als die Armee auszog, die Verschanzung auf den Höhen von Charlestown zu stürmen.« Bei diesem Punkte in der Aufzählung von Job's Verbrechen ward der Kapitän plötzlich durch einen Blick auf die finsteren drohenden Gesichter rings um ihn erschreckt und er schloß mit lobenswerther Geistesgegenwart: »An jenem glorreichen Tage, als Seiner Majestät Truppen Euren Provinzialpöbel wie Schafe aus einander sprengten, so daß sie liefen, als ob sie durch Hunde von der Waide getrieben würden.«

Der menschenfreundliche Scharfsinn Polwarth's wurde durch einen Ausbruch wilden Gelächters belohnt. Durch diesen Beweis der Gewalt über seine Zuhörer ermuthigt, fuhr der würdige Kapitän mit erhöhtem Vertrauen in seine eigene Beredsamkeit fort:

»An jenem glorreichen Tage,« sprach er, indem er immermehr von seinem Gegenstande hingerissen wurde – »traf manchen tapferen Gentleman das Todesloos und Hunderte von furchtlosen Gemeinen mußten ihm unterliegen. Einige fielen in offenem, männlichem Kampfe unter den Wechselfällen einer regelmäßigen Kriegführung. Andere – he – e – m – andere wurden verstümmelt und werden die Zeichen ihres Ruhms mit sich zu Grabe nehmen;« seine Stimme zitterte jetzt und wurde etwas undeutlich, während er fortfuhr; doch diese Schwäche von sich abschüttelnd, schloß er mit einer Kraft, welche, wie er beabsichtigte, das Herz des Gefangenen erschüttern sollte – »und einige, Bursche – wurden ermordet!«

›Blut um Blut‹ hörte man wieder furchtbar in der Runde ertönen. Ohne weiter zu versuchen, den steigenden Grimm der Lärmenden zurückzuhalten, setzte Polwarth seine Fragen fort, gänzlich hingerissen von der Heftigkeit seiner eigenen Gefühle bei diesem ergreifenden Gegenstand.

»Erinnerst Du Dich eines Mannes – eines gewissen Dennis M'Fuse?« fragte er mit einer Donnerstimme; »er, der verrätherisch im Innersten eurer Schanze erschlagen wurde, nachdem der Tag schon gewonnen war? Antworte mir, Schurke; warst Du nicht unter dem Pöbel und verübte nicht Deine eigene niederträchtige Hand die blutige That?«

Nur wenige Worte Job's wurden in leisem, murmelndem Tone gehört, von denen nur einzelne, wie – ›die höllischen Lärmer‹ und ›das Volk wird sie das Gesetz lehren,‹ deutlich verstanden werden konnten.

»Mordet ihn! reißt ihm die Seele aus dem Leib!« schrie der Wildeste unter den Grenadieren.

»Halt!« rief Polwarth; »nur noch einen Augenblick – ich möchte meine Seele von der Schuld entlasten, welche sein Andenken mir aufgebürdet hat. – Sprich, Schurke; was weißt Du von dem Tode des Anführers dieser braven Grenadiere?«

Job, welcher aufmerksam auf diese Worte gehorcht hatte, obgleich seine unstäten Augen noch fortwährend die leisesten Bewegungen seiner Feinde bewachten, wandte sich nun mit einem Blicke thörichten Triumphs zu dem Sprecher und antwortete:

»Die Achtzehner kamen den Hügel herauf, schreiend wie brüllende Löwen! aber unter den königlichen Irländern erscholl an jenem Abend das Geheul des Todes, sie trauerten um den stattlichsten Mann aus ihrer Mitte!«

Polwarth zitterte; während er mit einer Hand den Leuten zurückwinkte, zog er mit der andern den durchlöcherten Ringkragen aus der Tasche und hielt ihn vor die Augen des Simpels.

»Kennst Du dieß?« fragte er; »wer sandte die Kugel durch dieß verhängnißvolle Loch?«

Job nahm den Schmuck und betrachtete ihn einen Augenblick lang mit ausdruckslosem Blick. Aber nach und nach erhellte sich sein Gesicht, ein Strahl des Verstandes zuckte über dasselbe und er lachte triumphirend, während er antwortete:

»Wenn Job gleich ein Narr ist, so kann er doch schießen!«

Polwarth fuhr schaudernd zurück, während der wilde Zorn seiner roheren Zuhörer nunmehr alle Schranken durchbrach. Sie erhoben einstimmig ein wildes Geschrei und erfüllten das Gebäude mit rohen Flüchen und Rachegebrüll. Zwanzig Mittel zur Vernichtung ihres Gefangenen wurden mit der ihrem Volke eigenen Heftigkeit in einem Athem aufgezählt. Die meisten derselben wären wohl ohne Rast und Ueberlegung zugleich angewendet worden, hätte nicht der Mann, der den brennenden Hanf schürte, einen Bündel von diesem flammenden Stoffe emporgehoben und laut gerufen:

»Bratet ihn in den feurigen Flammen! er ist ein Ungethüm aus der Finsterniß; verbrennt ihn in seinen Lumpen und verstoßt ihn von dem Angesichte der Menschen!«

Der barbarische Vorschlag wurde mit einer fast wahnsinnigen Freude aufgenommen und im nächsten Augenblick schwebten ein Dutzend Hände voll von dem flammenden Tauwerk über dem unglücklichen Haupte des hülflosen Jungen. Job machte einen schwachen Versuch, das fürchterliche Schicksal, das ihn bedrohte, abzuwenden: doch der Unglückliche konnte dem Drängen seiner Feinde nichts als seinen eigenen geschwächten Arm und die verlorenen Wehklagen seines unmächtigen Verstandes als Schutzwehr entgegen stellen. Schon war er in eine Wolke schwarzen Rauches eingehüllt, aus der bereits gezackte Flammen emporzulodern begannen, als ein Weib unter den Haufen stürzte, und die lodernden Brände auf beiden Seiten mit einer übernatürlichen Kraft von sich stoßend, durch die wilde Masse zu dem Unglücklichen hindurchdrang. Als sie das Bett erreicht hatte, zog sie den rauchenden Bündel mit ihren Händen hinweg, welche der Hitze nicht zu achten schienen, und stellte sich selbst gleich einer wüthenden Löwin, die sich zum Kampf für ihre Jungen anschickt, vor das dem Verderben geweihte Schlachtopfer. In dieser Stellung blieb sie einen Augenblick und blickte auf die Wüthenden mit einer Leidenschaft, welche ihr die Brust zu heftig zusammenpreßte, als daß sie dieselbe hätte äußern können; endlich jedoch hatte sie die Sprache wieder gefunden und ließ nun mit der ganzen Furchtlosigkeit einer Mutter die Bewegung ihres Inneren austoben.

»Ihr Ungeheuer in Menschengestalt! was wollt ihr hier?« rief sie mit einer Stimme, welche den Lärm übertönte und jeden Mund still stehen hieß. »Habt ihr kein Herz in euren Leibern? tragt die Gestalt nur und nicht auch die Eingeweide eines göttlichen Geschöpfs? Wer machte euch zu Richtern und Rächern von Sünden? Ist ein Vater unter euch, der komme her und sehe die Angst eines sterbenden Kindes! Oder ist es ein Sohn, so laßt ihn herantreten und auf den Kummer einer Mutter blicken! O! ihr Wilden, schlimmer als die Thiere der heulenden Wildniß, welche noch Erbarmen für ihres Gleichen fühlen, was wollt ihr? – was wollt ihr?«

Der Ausdruck mütterlicher Unerschrockenheit, der diesen Ausbruch ihres Herzens bezeichnete, konnte seine Wirkung nicht verfehlen und mußte selbst die wildesten Leidenschaften der Tobenden erschrecken, welche in stumpfer Verwunderung einander anstaunten, als ob sie ungewiß wären, was sie jetzt thun sollten. Doch noch einmal ertönte schauerlich die leise Drohung – ›Blut um Blut!‹ und unterbrach die entstandene augenblickliche Stille.

»Schurken! Memmen! Soldaten dem Namen nach, doch Teufel in der That!« fuhr die unerschrockene Abigail fort – »kommt ihr hieher, um Menschenblut zu kosten? Fort – fort mit euch auf die Hügel! Dort stellt euch den Baileuten entgegen, welche bereit sind, euch mit den Waffen in der Hand zu begegnen und kommt nicht hieher, das zerbrochene Rohr vollends zu zertreten! Arm, leidend und geschlagen von einer mächtigeren Hand als die eure; wird mein Kind um der Sache seines Vaterlandes und des Gesetzes willen, zu eurer Schande, mit euch daselbst zusammentreffen!«

Dieser Hohn war zu bitter für die rohen Gemüther, welche er traf und der sterbende Funke ihres Rachgefühls wurde durch den beißenden Spott auf einmal zu neuen Flammen angefacht.

Die Lärmer geriethen abermals in Bewegung und der wüthende Ruf ›Verbrennt die Hexe und den Kobold zusammen!‹ erhob sich unter der Menge, als ein Mann von kräftiger muskulöser Gestalt in die Mitte des Haufens vordrang, und einem weiblichen Wesen Platz machte, dessen Gang und Anzug, obgleich ihre Gestalt in einen Mantel eingehüllt war, dennoch eine Person von weit höherem Rang, als die gewöhnlichen Gäste des Waarenhauses zu seyn pflegten, in ihr anzukündigen schien. Diese unerwartete Erscheinung und die leichte, obwohl edle Haltung des unvorhergesehenen Besuchs stillte den entstandenen Aufruhr, welchem unmittelbar eine so tiefe Stille folgte, daß man unter derselben Menge, unter welcher noch kaum zuvor rasendes Getümmel und barbarische Verwünschungen wiederhallt hatten, das leiseste Wispern hätte vernehmen können.

 

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