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Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston

James Fenimore Cooper: Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleLionel Lincoln oder die Belagerung von Boston
publisherVerlag von S. G. Liesching
printrunZweite Auflage
year1851
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150324
modified20170303
projectid025dd028
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Du stolzer Adel! o wie klein erscheinst Du nun!

Blair.    

 

Wenn Polwarth auch mit ungewöhnlicher Schnelligkeit der unerwarteten Aufforderung des launischen Wesens gehorcht hatte, um dessen Gunst er sich so lange und wie es schien, mit so wenig Erfolg bewarb, so stockte doch sein Schritt, als er sich dem Hause in der Tremontstraße so weit genähert hatte, daß er die glänzenden Lichter, die an den Fenstern hinschimmerten, bemerken konnte. Auf der Schwelle hielt er an und horchte auf das Auf- und Zuschlagen der Thüren und all jene bezeichnenden und doch gedämpften Töne, welche dem Besuch des grimmigen Herrschers in der Wohnung des Kranken zu folgen pflegen. Sein Anklopfen blieb unbeantwortet und er war genöthigt, sich von Meriton in das kleine Gesellschaftszimmer führen zu lassen, wo er sonst unter glücklicheren Umständen als Gast geweilt hatte. Hier fand er Agnes seiner wartend, mit einem Ernst, ja fast mit einer Trauer in ihrer Haltung, durch die sie im Augenblick gewisse komplimentirende Phrasen verscheuchte, womit der Kapitän die Unterredung zu eröffnen beschlossen hatte, um, nach ächter Soldatenweise, den kleinen Vortheil weiter zu verfolgen, den er, wie er wohl begriff, in der guten Meinung seiner Geliebten erlangt hatte. Den triumphirenden Ausdruck seiner Züge beim ersten Blick auf Miß Danforth's Antlitz verändernd, begrüßte sie Polwarth auf eine dem Zustand der Familie mehr angepaßte Weise und wünschte zu wissen, ob er auf irgend eine Art zu ihrem Trost und zu ihrer Erleichterung beitragen könne.

»Der Tod ist unter uns getreten, Kapitän Polwarth,« sprach Agnes, »und sein Besuch ist in der That plötzlich und unerwartet gewesen. Um unsere Verwirrung noch zu vermehren, wird Major Lincoln vermißt!«

Während dieser Rede heftete Agnes ihre Augen auf das Gesicht des überraschten Polwarth, wie wenn sie darin eine Erklärung über die unbegreifliche Abwesenheit des Bräutigams suchen wollte.

»Lionel Lincoln ist nicht der Mann, der darum flieht, weil der Tod herannaht,« antwortete der Kapitän nachsinnend; »und noch weniger sollte ich denken, kann er ein so liebliches Geschöpf, wie er sich eben eines antrauen ließ, in seinem Kummer verlassen. Vielleicht ist er fort, um ärztliche Hülfe herbeizurufen?«

»Es kann nicht seyn. Ich habe aus den abgebrochenen Aeußerungen Cäcilien's so viel herausgebracht, daß er und eine dritte Person, welche ich nicht kenne, zuletzt bei meiner Tante war und bei ihrem Tode gegenwärtig gewesen seyn muß, denn ihr Gesicht wurde zugedeckt gefunden. Ich fand die Braut in dem Zimmer, welches Lionel zuletzt bewohnte – die Thüren waren auf und allem Anschein nach muß er und sein unbekannter Gefährte auf der geheimen Treppe, die nach dem westlichen Thore führt, das Haus verlassen haben. Da meine Cousine nur wenig spricht, fehlt jeder weitere Schlüssel zu den Schritten ihres Gemahls, wenn nicht – etwa dieser Schmuck, den ich unter der Asche des Feuers glitzern sah, zu einem solchen Ziele führen kann. Es ist, glaub' ich, der Ringkragen eines Soldaten.«

»Das ist's, in der That, und es möchte scheinen, der Eigenthümer sey in Gefahr gewesen, wenigstens nach diesem Loche in der Mitte zu schließen, das von einer Kugel herrührt. Beim Himmel! – es ist der von M'Fuse! – Hier ist das Achtzehnte eingravirt und ich kenne diese kleinen Zeichen, die der arme Bursche bei jeder Schlacht darauf zu machen gewohnt war; denn nie unterließ er, dieß Stück zu tragen. Die letzte war die traurigste Marke von allen!«

»Wie aber konnte dieß in Major Lincoln's Zimmer kommen? Kann etwa –«

»Wie? freilich!« unterbrach sie Polwarth, indem er sich in seiner Bewegung erhob und so gut seine Verstümmelung dieß erlaubte, im Zimmer auf und ab zu schreiten begann – »Armer Dennis! daß ich zuletzt noch eine solche Reliquie von deinem Ende finden sollte! Sie kannten Dennis nicht, wie ich glaube. Er war ein Mann, schöne Agnes, in Allem von der Natur zum Soldaten bestimmt. Ihm war die Gestalt eines Herkules, das Herz eines Löwen und der Magen eines Straußes verliehen! Aber dennoch konnte er dieses grausame Blei nicht bemeistern. Er ist todt! der Arme! er ist todt!«

»Finden Sie noch keinen Anhaltspunkt an dem Ringkragen, der uns auf die Spur des Lebenden führen könnte?« fragte Agnes.

»Ha!« rief Polwarth auffahrend, – »ich glaube, ich fange an, das Geheimniß zu durchschauen! Der Schurke, der den Mann erschlagen konnte, mit dem er gegessen und getrunken hatte, konnte leicht auch den Todten berauben! Sie fanden den Ringkragen nahe bei dem Feuer von Major Lincoln's Zimmer? Sagten Sie nicht so, schöne Agnes?«

»In der Asche, als wäre er hineingeworfen worden, um ihn zu verstecken – oder könnte er auch bei einer plötzlichen Bewegung hineingefallen seyn?«

»Ich hab's – ich hab's!« antwortete Polwarth, indem er die Hände zusammenschlug und durch die Zähne murmelte, – »es war der Hund, der ihn ermordete, und nun soll die Gerechtigkeit ihren Lauf nehmen – Narr oder nicht Narr, er soll gehängt werden, wie geklopftes Rindfleisch, um unter den Winden des Himmels zu trocknen!«

»Von wem sprechen Sie mit so drohender Miene, Polwarth?« fragte Agnes mit besänftigendem Tone, denn, wie Alle ihres Geschlechts, kannte sie nicht nur die Macht einer solchen Stimme, sondern wußte auch recht wohl die Gelegenheit zu finden, um sie anzuwenden.

»Von einem heulenden, heuchlerischen Bösewicht, mit Namen Job Pray – einem Burschen, der nicht mehr Gewissen als Hirn und nicht mehr Hirn als Ehrlichkeit besitzt. Ein wunderbarer Schurke, der heute an Ihrer Tafel speist und morgen das Messer, das ihn in seinem Hunger versorgte, Ihnen selbst an die Kehle setzt! Ein solcher Hund war es, der den Ruhm von Erin schlachten mußte!«

»So muß es denn in offener Schlacht gewesen seyn,« sagte Agnes; »denn fehlt Job auch Vernunft, so ist er doch in der Kenntniß des Guten und Bösen auferzogen. Das Kind muß wahrlich arg vom Zorne Gottes heimgesucht seyn, für das eine Bostoner Mutter nicht einen Versuch gemacht hätte, ihm seinen Theil an dem großen Sühnopfer zu sichern!«

»So ist er eine Ausnahme; denn sicher wird kein Christ sich in dem einen Augenblick mit uns zu dem großen natürlichen Geschäft des Essens niedersetzen und dann im nächsten seine Krallen gegen die Genossen kehren.«

»Aber was hat all Das mit dem abwesenden Bräutigam zu schaffen?«

»Es beweist, daß Job Pray in seinem Zimmer war, seit das Feuer wieder angemacht wurde, sonst würde Jemand anders, als Sie den Ringkragen gefunden haben.«

»Es beweist allerdings eine sonderbare Verbindung zwischen Major Lincoln und dem Simpel,« erwiederte Agnes nachdenklich; »aber noch wirft es kein Licht auf das Verschwinden des Ersteren. Ein alter Mann war's, dessen meine Cousine in ihren unzusammenhängenden Reden gedachte.«

»Mein Leben drauf, schöne Agnes – wenn Major Lincoln heute Nacht das Haus auf geheimnißvolle Weise verließ, so geschah es gewiß unter der Leitung dieses Elenden! – Ich weiß, daß Beide schon früher mehr als einmal sich zusammen berathen haben.«

»Wahrlich, wenn er schwach genug ist, eine Frau wie meine Cousine auf Antrieb eines Narren zu verlassen, dann ist er jedes weiteren Gedankens unwürdig.«

Agnes erröthete, während sie also sprach und gab dem Gespräch eine Wendung, welche deutlich zeigte, wie tief sie die Cäcilien widerfahrene Geringschätzung empfand.

Die eigenthümliche Lage der Stadt und die Abwesenheit aller männlichen Anverwandten ließen Miß Danforth bald auf das wiederholte Anerbieten des Kapitäns mit Aufmerksamkeit horchen und bewogen sie endlich, seine Dienste anzunehmen. Ihre Unterredung war lang und vertraulich und Polwarth zog sich nicht eher zurück, als bis seine Schritte von dem düsteren Licht des herannahenden Tags beleuchtet wurden. Als er das Haus verließ, um in seine eigene Wohnung zurückzukehren, war noch keine Nachricht von Lionel eingetroffen, dessen vorsätzliche Abwesenheit nun so gewiß war, daß der Kapitän sofort seine Befehle für das Leichenbegängniß der Verstorbenen ohne weiteren Aufschub ertheilte. Er hatte mit Agnes jede besondere Vorkehrung so vollständig berathen, daß er nicht mehr im Zweifel war, wie er selbst sich zu benehmen habe. Sie hatten Beide darin übereingestimmt, daß der Belagerungszustand sowohl, als gewisse Anzeichen von Bewegungen, welche schon jetzt bei der Garnison bemerkt wurden, es unthunlich machten, das Leichenbegängniß noch einen Augenblick länger, als durch die unvermeidlichen Vorbereitungen geboten war, hinauszuschieben.

Demzufolge ließ man die Gruft der Lechmere auf dem Kirchhofe der Königs-Kapelle öffnen und der eitle Putz, worein die Todten gewöhnlich eingehüllt werden, wurde besorgt. Der nämliche Priester, der kaum noch den ehlichen Segen über das Kind gesprochen, sollte nun auch das letzte traurige Amt der Kirche bei der Mutter vollziehen, und die Einladungen an die wenigen Freunde der Familie, welche an dem Platze geblieben waren, ergingen pflichtgemäß und in gehöriger Form.

Zu der Zeit, als die Sonne hinter das Amphitheater von Hügeln hinabgesunken war, auf deren Kamme da und dort die Werke der unermüdlichen Belagerer der Stadt gesehen wurden, waren auch die kurzen Vorbereitungen zur Beisetzung getroffen. Ralph's prophetische Worte waren nun erfüllt, und gemäß der Sitte der Provinz standen die Thore eines ihrer stolzesten Gebäude offen für Alle, die darin aus- und eingehen mochten, ohne Unterschied. Das Leichengefolge, obwohl ansehnlich, war weit entfernt, jene lange Reihe feierlicher Gesichter zu entfalten, welche Boston im Frieden und in seinem vollen Glanze bei jeder ähnlichen Gelegenheit aufzuweisen nicht ermangelt haben würde. Wenige von den Aeltesten und Geachtetsten unter den Einwohnern, welche durch Abstammung oder Heirath mit der Verstorbenen entfernt verwandt waren, gaben ihr das Geleite; dagegen war der kalte und selbstsüchtige Charakter der Mrs. Lechmere zu gut bekannt, als daß man die Armen und Hülflosen in wehklagenden Gruppen bei der Leichenfeierlichkeit versammelt gesehen hätte. Der Zug des Leichnams von seiner letzten Wohnung nach dem Grabe war ruhig, anständig und eindrucksvoll, aber durchaus ohne irgend ein Zeichen der Trauer. Cäcilie begrub sich selbst und ihren Kummer in der Einsamkeit ihres eigenen Gemachs, und alle übrigen unter den entfernteren Verwandten, welche sich versammelt hatten, männliche wie weibliche, schienen es keineswegs schwer zu finden, ihre Gefühle in die Schranken des kältesten Anstands zurückzudrängen.

Dr. Liturgy empfing den Leichnam, wie gewöhnlich, auf der Schwelle des geweihten Hauses und ganz dieselben feierlichen und rührenden Worte ertönten über dem Sarge der Todten, wie wenn sie, von den heitersten Bildern eines festen Glaubens gestärkt, dahingeschieden wäre. Mit dem Vorschreiten des Gottesdienstes stellten sich die Bürger gruppenweise in tiefer Aufmerksamkeit um den Sarg; Alle mußten sich über das ungewohnte Zittern und die Feierlichkeit wundern, die ihnen in der Stimme des Priesters auffiel.

Unter diese kleine Versammlung von Einwohnern der Kolonie hatten sich wenige Männer in Militärkleidung gemischt, welche die Familie der Verewigten in ruhigeren Zeiten gekannt hatten und nun nicht vergaßen, dem Andenken eines ihrer Todten die letzte Ehre zu erweisen.

Als die kurze Trauerhandlung geendigt war, wurde der Leichnam von der Begleitung auf die Schultern gehoben und an seine Ruhestätte auf den Kirchhof getragen. Bei einem solchen Leichenbegängnisse, wo Wenige trauerten und Niemand weinte, versuchte man auch nicht, einen unnöthigen Aufenthalt mit Beisetzung der traurigen Ueberreste der Sterblichkeit zu machen. In wenigen Minuten war das enge Behältniß, das die verwesenden Ueberreste einer Frau beherbergte, welche noch kurz vorher einen solchen Sturm menschlicher Leidenschaft in sich empfunden hatte, von dem Lichte des Tages ausgeschlossen und der Leichnam blieb nun an der Seite Derer, welche vor ihr in die Finsterniß des Grabs hinabgestiegen waren, der Verwesung überlassen. Von allen Denen, welche Zeugen bei dem Versenken des Sarges waren, fühlte vielleicht Polwarth allein vermöge jener sympathetischen Kette, welche ihn mit Agnesen's Stimmung verknüpfte, einige Rührung, die mit der Scene überhaupt im Einklang stand. Die Leichenfeier der Todten war, wie ihr Charakter im Leben gewesen, kalt, förmlich und gekünstelt. Der Küster hatte kaum mit seinen Gehülfen den Stein, der den Eingang zur Gruft bedeckte, wieder zurecht gelegt, als ein Haufe älterer Männer, welche sich zumal von dem Orte entfernten, das Beispiel zum Aufbruch gab. Während sie über die Gräber und über den gefrorenen Boden des Kirchhofs hinschritten, unterhielten sie sich gleichgültig von dem Vermögen und dem Alter der Frau, von der sie nun für immer Abschied genommen hatten. Der Fluch der Selbstsucht schien selbst die Warnung heimzusuchen, die ein so plötzliches Ende Solchen hätte gewähren können, welche vergaßen, daß sie selbst am Rande des Grabes wankten. Sie sprachen von der Verstorbenen als einer Person, welche die milden Gefühle unserer Natur zu wecken unterlassen habe; Einige stellten auch Muthmaßungen darüber an, wie sie wohl über ihr zeitliches Vermögen verfügt haben möchte, doch dachte Keiner daran, sie deswegen zu bedauern, daß sie es nicht selbst habe länger genießen können. Von diesem Thema kamen sie bald auf sich selbst zu sprechen und die ganze Gesellschaft verließ den Kirchhof, indem Einer den Andern über die Verwüstungen der Zeit verspottete, und Jeder bemüht war, den elastischen Schritt der Jugend anzunehmen, nicht allein um vor seinen Gefährten die Verheerungen des Alters zu verbergen, sondern sogar mit dem eitlen Wunsche, den Kunstgriff bis zur eigenen Selbsttäuschung auszudehnen.

Als sich die Aeltesten der Gesellschaft entfernten, zögerten die Uebrigen nicht, ihnen zu folgen und in wenigen Minuten fand Polwarth von allen Denen, welche den Leichnam geleitet hatten, nur noch sich selbst mit zwei andern Personen vor dem Grabe versammelt. Der Kapitän, der keine geringe Zeit und Mühe aufgewendet hatte, um den Anstand, wie er dem nahen Freund der Familie der Verstorbenen geziemte, zu wahren, blieb noch eine Minute stehen, um auch diese Zaudernden sich entfernen zu lassen, ehe er selbst dem Platze des Todes den Rücken kehren wollte. Da er aber bemerkte, daß die Beiden in stummer Andacht ihre Posten behaupteten, erhob er neugierig seine Blicke, um zu untersuchen, wer diese Nachzügler seyn möchten.

Die eine der beiden Personen, welche ihm zunächst stand, war ein Mann, dessen Kleidung und Miene verrieth, daß er keinen sehr hohen Rang im Leben bekleiden mochte; die andere war eine Frau von noch niedrigerem Stande, wenn man aus dem schmutzigen Elend, das in ihrem Aeußern herrschte, mit Recht einen solchen Schluß ziehen durfte. Etwas ermüdet von den harten Anstrengungen des Tages und von den Pflichten des ungewöhnlichen Dienstes, den er übernommen hatte, berührte endlich der würdige Kapitän mit angenommener Förmlichkeit seinen Hut und sagte:

»Ich dank' Euch, gute Leute, für dieses Zeichen der Ehrfurcht vor dem Andenken meiner verewigten Freundin; da wir nun aber Alles gethan haben, was noch für sie geleistet werden konnte, so halte ich für's Beste, daß auch wir uns jetzt entfernen.«

Durch das freundliche und höfliche Benehmen Polwarth's augenscheinlich ermuthigt, trat der Mann ihm näher und wagte nach einer sehr ehrerbietigen Verbeugung zu erwiedern:

»Man sagt mir, es sey das Leichenbegängniß der Madame Lechmere, dem ich hier angewohnt habe?«

»Man sagte Euch die Wahrheit, Sir,« erwiederte der Kapitän, und fing sachte an, den Weg nach dem Thore einzuschlagen; »die Beerdigte ist Priscilla Lechmere, Wittwe von Mr. John Lechmere – eine Dame von angesehener Abkunft, und ich denke, man wird nicht läugnen können, daß sie auch ein ehrbares Begräbnis gehabt hat!«

»Wenn es die Dame ist, welche ich vermuthet,« fuhr der Unbekannte fort, »so ist sie allerdings von ehrbarer Abstammung. Ihr früherer Name war Lincoln, und sie ist eine Tante von dem großen Devonshirer Baronet dieser Familie.«

»Ei! kennt Ihr die Lincolns?« rief Polwarth, blieb plötzlich stehen und wandte sich um, den Andern schärfer zu betrachten. Da er aber bemerkte, daß der Fremde ein Mann von rauhen und sogar abstoßenden Zügen war, wozu noch der schon erwähnte Anzug hinzukam, murmelte er: – »Ihr mögt von ihnen gehört haben, Freund; aber ich möchte bezweifeln, ob Eure Bekanntschaft je zu so heilsamen Vertraulichkeiten, wie Essen und Trinken, emporgestiegen sind.«

»Oft, Sir, kann sich's fügen, daß zwischen Männern, welche in sehr verschiedenem Stande geboren wurden, noch viel innigere Vertraulichkeiten als die genannten eintreten,« antwortete der Fremde mit besonders sarkastischem, zweideutigem Lächeln, das mehr sagen wollte, als das Auge bemerken konnte; – »aber Alle, welche die Lincolns kennen, Sir, werden ihre Ansprüche auf Auszeichnung anerkennen. Wenn diese Lady eine von ihnen war, so hatte sie Ursache, auf ihr Blut stolz zu seyn.«

»Ha, Ihr seyd, wie ich sehe, noch nicht von diesen revolutionären Begriffen angesteckt, mein Freund!« erwiederte Polwarth; »sie war auch mit einer sehr guten Familie in dieser Kolonie verwandt, die sich Danforth nennt – Ihr kennt die Danforths?«

»Ich? ganz und gar nicht, Sir.«

»Die Danforths nicht zu kennen!« rief Polwarth und hielt noch einmal, um seinen Gefährten schärfer zu mustern. Nach einer kurzen Pause jedoch nickte er mit dem Kopfe, wie zur Billigung seiner eigenen Schlußfolgerungen, und fuhr fort: »Nein – nein – ich habe Unrecht – ich sehe, Ihr konntet nicht viel von den Danforths erfahren haben!«

Der Fremde schien völlig Willens, die kavaliermäßige Behandlung des Andern sich gefallen zu lassen, denn er fuhr fort, den schwerfälligen Schritten des verstümmelten Kriegers mit der nämlichen ehrerbietigen Unterwürfigkeit wie zuvor zu folgen.

»Ich habe keine Kenntniß von den Danforths, das ist wahr,« antwortete er; »aber ich kann mich einiger Bekanntschaft mit der Familie Lincoln rühmen.«

»Nun so wollte Gott,« rief Polwarth in einer Art von Selbstgespräch, das ihm in dem Drange seines Herzens entschlüpfte – »Ihr könntet uns sagen, was aus ihrem Erben geworden ist!«

Nun blieb der Fremde seiner Seits stehen und rief:

»Dient er nicht in der Armee des Königs gegen diese Empörung? – Ist er nicht hier?«

»Er ist hier und ist dort oder irgendwo; ich sage Euch, er wird vermißt!«

»Er wird vermißt!« wiederholte der Andere.

»Vermißt!« so tönte eine schwache weibliche Stimme dicht an des Kapitäns Seite.

Diese sonderbare Wiederholung seiner eigenen Worte weckte Polwarth aus der Zerstreuung, worein er verfallen war. Auf seinem Wege von der Gruft nach der Kirchhofthüre war er, ohne es zu bemerken, dem oben erwähnten Weibe nahe gekommen, und als er bei dem Klange ihrer Stimme sich umwandte, fielen seine Augen auf ihr angstvolles Gesicht. Schon der erste Blick reichte hin, um dem scharfblickenden Kapitän zu sagen, daß er mitten unter Armuth und Lumpen die verfallenen Ueberreste großer weiblicher Schönheit vor sich sehe. Ihre klugen, schwarzen Augen, welche ein bleiches, eingesunkenes Gesicht belebten, hatten noch viel von dem Glanze, wenn auch nicht von der Sanftheit und dem Frieden der Jugend an sich. Der Umriß ihres Gesichts war nicht minder auffallend, wenn man auch von ihr sagen konnte, sie gleiche einem Wesen, dessen Lieblichkeit schon längst mit seiner Unschuld geschwunden war. Aber Polwarth's Artigkeit bewährte sich selbst gegen die unverkennbaren Zeichen des Elends, wenn nicht gar der Schuld, welche so deutlich in ihrem Aeußeren sich zeigten, und er achtete selbst die wenigen Ueberreste weiblicher Reize, welche unter einer solchen Masse von Unscheinbarkeit noch sichtbar waren, viel zu sehr, um sie mit unfreundlichem Auge zu betrachten. Offenbar ermuthigt durch den gütigen Blick des Kapitäns, nahm sich das Weib den Muth, hinzuzufügen:

»Hörte ich recht, Sir? – sagten Sie nicht, Major Lincoln werde vermißt?«

»Ich bedaure, gute Frau,« antwortete der Kapitän, während er sich auf den eisenbeschlagenen Stock lehnte, womit er seine Schritte auf den eisigen Straßen von Boston zu stützen pflegte, – »daß diese Belagerung sich für Euch so ungewöhnlich streng erwiesen hat. Wenn ich mich in einer Sache nicht täusche, worin ich viel zu verstehen glaube, so wird hier die Natur nicht unterstützt, wie sie unterstützt werden sollte. Ihr möchtet um Essen bitten, und Gott verhüte, daß ich einem Mitgeschöpf einen Bissen von dem verweigern sollte, was sowohl den Keim als die Früchte des Lebens ausmacht. Hier ist Geld.«

Die Muskeln der Frau arbeiteten und einen Augenblick lang warf sie ihren Blick nachdenklich auf das Silber; doch bald darauf stieg eine leichte Röthe in ihre Züge und sie antwortete:

»Welches auch immer meine Bedürfnisse und meine Leiden seyn mögen, ich danke meinem Gott, daß er mich noch nicht dem Bettler auf der Straße gleich gemacht hat. Ehe dieses Uebel über mich kommen wird, werde ich wohl einen Platz unter diesen gefrorenen Hügeln finden, auf denen wir stehen. Aber ich bitte nochmals um Verzeihung, Sir; ich glaube, ich hörte Sie von Major Lincoln sprechen.«

»Das that ich auch – und was mit ihm sey, wollt Ihr wissen? Ich sagte, er werde vermißt, und das ist wahr, wenn man nämlich einen Solchen vermißt nennt, den man nicht finden kann.«

»Und nahm Madame Lechmere noch Abschied von ihm, ehe er vermißt wurde?« fragte das Weib und trat einen Schritt näher zu Polwarth, mit großer Angst die Antwort erwartend.

»Glaubt Ihr, gute Frau, ein Herr von Major Lincoln's Verstand werde nach dem Tod seiner Verwandten verschwinden und einem vergleichungsweise Fremden das Amt des Hauptleidtragenden überlassen?«

»Der Herr vergebe uns Allen unsere Sünden und unsere Gottlosigkeit,« murmelte das Weib, indem sie die Fetzen ihres zerrissenen Mantels um ihre zitternde Gestalt schlug und schweigend nach der Tiefe des Kirchhofs hinabeilte. Polwarth sah ihrem unceremoniösen Weggehen einen Augenblick mit Erstaunen nach und bemerkte dann, gegen seinen zurückgebliebenen Gefährten sich wendend:

»Diese Frau ist blos aus Mangel gesunder Nahrung nicht ganz richtig im Kopfe. Es ist fast ebenso unmöglich, sich seine Geisteskräfte zu erhalten und den Magen dabei zu vernachlässigen, als man erwarten kann, ein Tagdieb von einem Jungen könne einen gelehrten Mann abgeben.« Als der Kapitän einmal so weit in seiner Rede war, schien er gänzlich vergessen zu haben, zu wem er sprach, und unaufhaltsam fuhr er in seinem gewöhnlichen, philosophirenden Anlaufe also fort: »Man schickt Kinder in die Schule, um alle nützlichen Erfindungen zu lernen; nur das Essen wird nicht gelehrt, und doch ist das Essen – das heißt, das Essen mit Geschmack – gerade so gut eine Erfindung wie jede andere Entdeckung. Jeder Mundvoll, den ein Mensch zu sich nimmt, hat vier wichtige Verrichtungen durchzumachen, von welchen jede eine Krisis in der menschlichen Konstitution genannt werden kann.«

»Erlauben Sie mir, Ihnen über dieß Grab zu helfen,« sagte der Andere, indem er ihm dienstfertig seinen Beistand anbot.

»Ich danke Ihnen, Sir, ich danke Ihnen – das ist ein trauriger Kommentar zu meinen Worten,« antwortete der Kapitän mit melancholischem Lächeln. »Es war eine Zeit, wo ich in dem leichten Korps diente, aber Leute von so ungleichen Verhältnissen sind fast zu nichts mehr als für die Garnison zu brauchen! – Was ich sagen wollte, da ist zuerst die Auswahl, dann das Kauen, drittens das Verschlucken und zuletzt die Verdauung.«

»Vollkommen wahr, Sir,« sagte der Fremde, etwas abgebrochen; »strenge Diät und leichte Speise taugen am Besten für's Gehirn.«

»Strenge Diät und leichte Speise sind zu nichts gut, Sir, als dazu, Zwerge und Simpel aufzuziehen!« erwiederte der Kapitän etwas hitzig. »Ich wiederhole Ihnen, Sir – –«

Er wurde durch den Fremden unterbrochen, der des Kapitäns Abhandlung über den Zusammenhang des Materiellen und Immateriellen rasch durch die Frage abschnitt:

»Wenn der Erbe einer solchen Familie vermißt wird, ist denn Niemand vorhanden, der ihn aufsuchte?«

Als sich Polwarth solchergestalt gerade am Eingang seines Themas aufgehalten sah, stand er abermals still und starrte dem Andern einen Augenblick ohne eine Antwort gerade in's Gesicht. Sein freundlicher Charakter siegte übrigens über seinen Mißmuth und seinem Interesse an Lionel's Schicksale nachgebend, antwortete er:

»Ich würde in alle Weite laufen und jeder Gefahr mich aussetzen, um ihm zu dienen.«

»Dann, Sir, hat der Zufall diejenigen zusammengebracht, welche sich derselben Unternehmung zu widmen Willens sind! Auch ich will mein Aeußerstes thun, ihn zu entdecken! Ich habe gehört, er hat Freunde in dieser Provinz! Hat er keinen Verwandten, an den wir uns um Nachricht wenden könnten?«

»Keinen näheren als ein Weib.«

»Ein Weib!« wiederholte der Andere voll Erstaunen: – »so ist er verheirathet?«

Eine lange Pause folgte; der Fremde schien in tiefes Nachsinnen versunken, während Polwarth einen noch viel durchdringendern Forscherblick als früher auf seinen Gefährten richtete. Es schien, als ob das Resultat für den Kapitän nicht sonderlich befriedigend ausgefallen sey, denn er schüttelte auf nicht sehr zweideutige Weise den Kopf und fing mit erneuter Eile an, seinen Weg zwischen den Gräbern nach dem Thore hin zu verfolgen. Er war im Begriff, sich eben in sein Pung zu setzen, als der Fremde wieder neben ihm stand und sagte:

»Wenn ich sein Weib zu finden wüßte, würde ich der Lady meine Dienste anbieten.«

Polwarth wies nach dem Hause, dessen Eigenthümerin nunmehr Cäcilie war, und antwortete etwas stolz, während er wegfuhr:

»Dort wohnt sie, guter Freund; aber Euer Eifer wird umsonst seyn!«

Der Fremde empfing die Weisung mit verständiger Miene und lächelte mit befriedigter Zuversicht, indem er einen Weg einschlug, der demjenigen gerade entgegengesetzt war, auf welchem das leichte Fuhrwerk des Kapitäns bereits zu verschwinden begann.

 

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