Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > James Fenimore Cooper >

Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston

James Fenimore Cooper: Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleLionel Lincoln oder die Belagerung von Boston
publisherVerlag von S. G. Liesching
printrunZweite Auflage
year1851
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150324
modified20170303
projectid025dd028
Schließen

Navigation:

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

O richte nicht, denn wir sind Sünder alle;
Schließ' ihm das Auge, zieh' den Vorhang zu;
Und überlass' uns alle der Betrachtung.

König Heinrich VI.    

 

Das Brautgefolge stieg schweigend und gedankenvoll in das kleine Fuhrwerk; nur Polwarth's Stimme wurde gehört, während er leise dem Diener einige kurze Befehle ertheilte. Dr. Liturgy näherte sich und brachte seine Glückwünsche dar, worauf der Schlitten so rasch von dem Gebäude sich entfernte, wie wenn das Pferd die geheime Unbehaglichkeit der Gesellschaft getheilt hätte. Die Schritte des Geistlichen, wenn auch weniger rasch, waren doch ebenso eilig und in weniger als einer Minute war abermals die Straße von Allem, was Leben hatte, verlassen, nur der Sturmwind heulte durch die Einsamkeit hin und drohende Wolkenmassen trieben am Himmel.

Sowie Polwarth seine Last an Mrs. Lechmere's Thüre abgesetzt hatte, murmelte er etwas von ›Glück‹ und ›morgen,‹ was sein Freund nicht verstehen konnte und jagte sodann durch das Hofthor mit derselben wahnsinnigen Eile, in der er den Weg von der Kirche her zurückgelegt hatte. Als sie in's Haus traten, eilte Agnes auf das Zimmer ihrer Tante, um ihr zu verkünden, daß der Bund der Ehe geschlossen worden, während Lionel seine schweigende Braut in das leere Gesellschaftszimmer führte.

Cäcilie stand, starr und regungslos wie eine Bildsäule, während Lionel ihr Mantel und Oberkleider abnahm; die Wangen bleich, die Augen auf den Boden geheftet, verrieth ihr ganzes Wesen den Andrang tiefer Gedanken, welche durch die Scene, in der sie eben erst eine Rolle gespielt hatte, in ihr hervorgerufen worden waren. Nachdem er sie von der Last von Gewändern befreit hatte, in welche sie durch seine Sorgfalt gehüllt worden war, geleitete er sie mit sanftem Drängen nach einem Sitz auf dem Ruhebette und zum ersten Mal, seitdem sie ihr endliches Gelübde am Altare abgelegt hatte, öffnete sie den Mund.

»War es ein böses Vorzeichen, Lionel?« flüsterte sie, während dieser sie an sein Herz drückte, »oder war es nur ein Schreckbild meiner Phantasie?«

»Es war Nichts, Liebe – es war ein Schatten – Niemand anders als Job Pray, der mit mir war, um die Feuer anzuzünden.«

»Nein – nein – nein,« rief Cäcilie in aufgeregter Hast, und ihre Stimme gewann an Stärke, während sie fortfuhr: – »Nimmermehr waren das die ausdruckslosen Züge des bedauernswerthen Simpels! Weißt Du, Lionel, daß ich in den furchtbaren Umrissen jener schrecklichen Züge an der Wand eine Aehnlichkeit mit dem Profil unseres Großvaters, des schwarzen Sir Lionel, wie man ihn nannte, des Vorgängers Deines Vaters in der Herrschaft über die Baronie – zu entdecken glaubte?«

»Es war leicht, in einem solchen Augenblick und unter solchen Umständen alles Mögliche sich zu denken. Verdüstere nicht das Glück unserer Vermählung durch diese finsteren Phantasien.«

»Bin ich finster oder abergläubisch aus Gewohnheit, Lincoln? – Aber es kam in einem Augenblick und in einer Gestalt, daß ich mehr als Weib seyn müßte, um bei seinem fürchterlichen Auftreten nicht zu erschrecken.«

»Was fürchtest du denn aber, Cäcilie? Sind wir nicht vermählt; gesetzlich, feierlich verbunden?« – Die Braut schauderte; doch als er bemerkte, daß sie nicht antworten wollte oder vielleicht nicht konnte, fuhr er fort: »und geht es nicht über die Gewalt eines Menschen, uns zu trennen – und geschah es nicht mit der Zustimmung, ja mit dem ernstlichen Wunsche, dem Befehle sogar des einzigen Wesens, welches ein Recht haben kann, in dieser Sache einen Wunsch zu äußern oder eine Meinung zu haben?«

»Ich glaube – so ist's – ich denke, es ist alles, wie Du sagst,« antwortete Cäcilie, indem sie noch mit wirrem Blicke um sich schaute, der den Geliebten in tiefen Schrecken versetzte; »ja – wir sind allerdings vermählt; und o! wie inbrünstig flehe ich zu Ihm, der alle Dinge sieht und lenkt, daß unsere Verbindung eine gesegnete seyn möge! aber – –«

»Was aber, meine Cäcilie? willst Du Dich durch ein Nichts – einen Schatten – also erschrecken lassen?«

»Es war ein Schatten, wie Du sagst, Lincoln; aber wo war die Substanz?«

»Cäcilie, meine gefühlvolle, meine gute, meine fromme Cäcilie, warum nur sind Deine Sinne in dieser unbegreiflichen Spannung befangen? Befrage Deine eigene treffliche Vernunft: kann da wohl ein Schatten seyn, wo Nichts dem Lichte entgegentritt?«

»Ich weiß nicht. Ich kann nicht denken – ich habe keine Gedanken. Alles ist ja möglich vor Ihm, dessen Wille Gesetz ist und dessen leisester Wunsch das Weltall erschüttert. Es war ein Schatten – ein schwarzer, sprechender – ein schrecklicher Schatten; aber wer kann sagen, wo das wirkliche Wesen war?«

»Fast möchte ich antworten, Liebe – es war, wie das Phantom selbst, nur in Deiner eigenen aufgeregten Phantasie vorhanden. Aber erwecke Deine schlummernden Kräfte, Cäcilie, und bedenke, wie leicht es geschehen konnte, daß ein neugieriger Müßiggänger der Garnison meine Schritte bewachte und sich in der Kapelle versteckte; vielleicht um einen böswilligen Possen zu spielen – vielleicht auch ohne alle Absicht.«

»Er wählte einen feierlichen Augenblick, um seine Possen zu treiben!«

»Vielleicht war's Einer, der gerade genug Verstand hatte, um seinem thörichten Betruge einen theatralischen Effekt zu geben. Aber sollen wir durch einen so elenden Anschlag um unser Glück betrogen werden; oder sollen wir unglücklich seyn, weil es in Boston nicht an einem Narren fehlte?«

»Ich mag wohl schwach und thöricht, ja selbst unreligiös seyn in meinem Schrecken, Lincoln,« antwortete sie endlich, indem sie die besänftigten Blicke nach seinem ängstlichen Antlitze emporschlug und zu lächeln versuchte; »aber solch ein Ereigniß greift ein Weib gerade an dem Punkte an, wo sie am empfindlichsten ist. – Du weißt, daß ich jetzt gegen Dich keinen Rückhalt mehr haben kann. Die Ehe ist bei uns das Band, das ›alle Segnungen in Eine zusammenknüpft‹; aber ist es nicht schrecklich in dem Augenblick, wo das Herz seiner eigenen Sicherheit voll ist, solche geheimnißvollen Vorzeichen zu schauen, die, mögen sie nun wahr seyn oder nicht, auf die Aufforderung der Kirche antworten?«

»Und doch ist dieses Band für uns deßwegen um nichts weniger wichtig und ebenso fest und theuer, wie immer, meine einzige Cäcilie. Glaube mir, was auch der Stolz der Männlichkeit von hoher Bestimmung, von glorreichen Thaten sprechen mag, die nämlichen Gefühle liegen tief in unserer Natur und müssen von Denen, die wir lieben und nicht von Andern, die unserer Eitelkeit fröhnen, gesänftigt werden. Warum wolltest Du also zugeben, daß dieser Frost Deine besten Gefühle in der Knospe verderbe?«

Es lag in seiner Empfindung so Vieles, was die Aengstlichkeit einer Braut besänftigen konnte und er zeigte soviel zarte Teilnahme in seinem Betragen, daß es ihm zuletzt gelang, Cäcilien von ihren fieberischen Besorgnissen zu befreien. Während er sprach, ergoß sich eine zarte Röthe über ihre kalten, bleichen Wangen, und als er geendet hatte, erglänzten ihre Augen in schönem Vertrauen und suchten in freudiger, aber verschämter Lust seine eigenen Blicke. Sie wiederholte sein Wort ›Frost‹ mit einem Nachdruck, der nicht mißdeutet werden konnte und in wenigen Minuten hatte er vollends jedes ängstliche Vorgefühl verscheucht, das ihre edlen Geisteskräfte auf Augenblicke überwältigt hatte.

Aber obgleich Major Lincoln so wohl und mit so vielem Erfolg gegen die Schwachheit seiner Braut gesprochen hatte, so vermochte er selbst dennoch keineswegs, einen so treffenden Beweis bei sich selbst geltend zu machen. Die krankhafte Reizbarkeit seiner Seele war durch die Ereignisse dieses Abends auf höchst beunruhigende Art erregt worden, wenn auch sein warmes Interesse für Cäcilien's Glück ihm Kraft gegeben hatte, sie so lange zu unterdrücken, als er die Größe und die Art ihrer Besorgnisse gewahrte. Aber genau in dem Maße, als er sie in ein Vergessen des Vergangenen hineinredete, wurden seine eigenen Erinnerungen lebhafter und stärker, und trotz seiner Selbstbeherrschung wäre er wohl nicht im Stande gewesen, den Sturm seiner unruhigen Gedanken vor seiner Gefährtin zu verbergen, wenn nicht Agnes erschienen wäre, um ihnen den Wunsch Mrs. Lechmere's auszudrücken, welche Braut und Bräutigam auf ihrem Zimmer empfangen wollte.

»Komm', Lincoln,« sagte seine liebliche Gefährtin und erhob sich bei der Einladung, »wir sind egoistisch gewesen, da wir vergaßen, welch' innigen Antheil meine Großmutter an unserem Glücke nimmt. Wir hätten diese Pflicht erfüllen sollen, ohne ihre Mahnung zu erwarten.«

Ohne eine andere Antwort, als einen zärtlichen Druck der Hand, nahm Lionel ihren Arm und folgte Agnes in die kleine Halle, welche nach dem oberen Theil des Hauses führte.

»Sie wissen den Weg, Major Lincoln,« mit diesen Worten beurlaubte sich Miß Danforth; »und wenn auch nicht, so kann Mylady Braut ihn recht gut zeigen. Ich muß gehen und einen weltlichen Blick auf das kleine Mahl werfen, welches ich anordnete, das aber, wie ich fürchte, nur weggeworfene Mühe seyn wird, da Kapitän Polwarth verschmäht hat, uns seine Geschicklichkeit bei Tische zu zeigen. Wahrhaftig, Major Lincoln, ich wundere mich, wie ein Mann von so viel Masse, wie Ihr Freund, sich durch einen Schatten den Magen konnte verderben lassen?«

Cäcilie sogar lächelte über die Laune ihrer Cousine und zwar in jenen süßen, weiblichen Tönen, welche andere so leicht anstecken: doch der ängstliche Ausdruck, der sich auf ihres Gatten Stirne sammelte, verscheuchte ihre Fröhlichkeit wieder.

»Gehen wir hinauf, Lincoln,« sagte sie augenblicklich, »und überlassen wir die tolle Agnes ihren Haushaltungssorgen und ihrer Thorheit.«

»Ja, geht nur,« rief die Andere und wandte sich nach dem Speisezimmer – »Essen und Trinken ist nicht ätherisch genug für Eure hohe Glückseligkeit; hätte ich doch nur ein Gastmahl, das solcher sentimentalen Genüsse würdig wäre! Laß' sehen – Thautropfen und Liebesthränen, in gleichen Quantitäten, versüßt von Amors Lächeln, nebst einem Gerichte Seufzer, im Mondschein ausgestoßen, als piquante Würze, wie Polwarth sagen würde, das würde so Etwas nach Eurem Geschmack abgeben. Die Thautropfen möchten bei dieser ungütigen Witterung und in einer solchen Nacht schwer zu bekommen seyn; wenn aber Seufzer und Thränen allein ausreichen, so ist das arme Boston reich genug an Materialien!«

Lionel und seine halb erröthende, halb lächelnde Gefährtin hörte die verhallenden Töne ihrer Stimme, während sie mit dieser Mischung von Scherz und Mißlaune in ein entferntes Zimmer trat, und im nächsten Augenblick war beides – Agnes und ihre Stimmung vergessen, da das Brautpaar sich jetzt vor Mrs. Lechmere befand.

Der erste Blick, welchen Major Lincoln auf seine Verwandte warf, erregte ihm ein peinliches Herzklopfen. Mrs. Lechmere hatte sich im Bette aufrichten lassen, und saß nun, von Kissen gestützt, fast aufrecht in demselben. Ihre runzlichen, abgemagerten Wangen waren mit einer unnatürlichen Röthe bedeckt, die zu auffallend mit den Spuren kontrastirte, welche Alter und heftige Leidenschaften mit unauslöschlichem Finger auf die übriggebliebenen verfallenen Ueberreste ihrer Züge eingegraben hatten, die einst durch große, wenn auch keineswegs anziehende Schönheit ausgezeichnet gewesen waren. Ihre harten Augen hatten ihren gewöhnlichen Ausdruck weltlicher Sorge verloren, und strahlten dafür in einem Glanze, leuchteten von Blitzen einer Freude, die nicht länger zurückgedrängt werden konnte. Kurz ihre ganze Erscheinung gab Lionel die deutliche Ueberzeugung, daß, wie groß auch immer die Gluth seiner eigenen Gefühle bei seiner Verbindung mit ihrer Enkelin gewesen seyn mochte, er zuletzt doch nur die theuersten Wünsche eines so weltlichen, so berechnenden Wesens erfüllt hatte, eines Wesens überdieß, das, wie er sich jetzt lebhaft erinnerte, ihm alle Ursache zu dem Glauben gegeben hatte, daß eine vielleicht schwere Schuld auf ihrer Seele laste. Die Kranke schien ein Verbergen ihrer ausgelassenen Freude nicht länger für nöthig zu halten, denn, die Arme ausstreckend, rief sie ihrem Kind mit ungewöhnlich heller Stimme, welche durch eine Art unheiligen Triumphs noch schneidender und harscher tönte:

»Komm' in meine Arme, mein Stolz, meine Hoffnung, meine gehorsame, meine würdige Tochter! Komm' und empfange einer Mutter Segen – den Segen – den Du so sehr verdienst!«

Selbst Cäcilie, so warm und tröstend die Sprache ihrer Großmutter war, zauderte einen Augenblick, als sie die unnatürlichen Töne vernahm, in welchen die Aufforderung ausgesprochen wurde, und nahte sich ihrer Umarmung mit kälterer Miene, als ihrer hingebenden und arglosen Natur gewöhnlich war. Diese geheime Zurückhaltung dauerte übrigens nur einen Augenblick; denn als sie sich von Mrs. Lechmere's umschließenden Armen heftig an ihre Brust gepreßt fühlte, blickte sie auf in das Gesicht ihrer Großmutter, um ihr gleichsam durch ihr eigenes unverstelltes Lächeln und ihre Thränen für so viele Liebe zu danken.

»Nun denn, Major Lincoln, hier haben Sie meinen größten, ich hätte fast gesagt, meinen einzigen Schatz!« fuhr Mrs. Lechmere fort: – »sie ist ein gutes, edles und gehorsames Kind und der Himmel wird sie dafür segnen, wie ich.« Indem sie sich vorwärts beugte, fuhr sie mit weniger erregter Stimme fort: »Küsse mich, meine Cäcilie, meine Braut, meine Lady Lincoln! denn bei diesem geliebten Namen darf ich Dich jetzt nennen, wie er denn auch, nach den Gesetzen der Natur, gar bald der Deine seyn wird.«

Cäcilie, durch die unzarte Freudenäußerung ihrer Großmutter verletzt, wand sich sanft aus ihren Armen und trat mit zu Boden geschlagenen Blicken und mit brennenden Wangen willig zur Seite, um Lionel sich nahen und seinen Theil an den Glückwünschen empfangen zu lassen. Dieser stand still, um einen kalten, widerstrebenden Kuß auf die dargebotene Wange der Mrs. Lechmere zu drücken, und murmelte wenige unzusammenhängende Worte von seinem gegenwärtigen Glück und der Verpflichtung, welche sie ihm auferlegt habe. Trotz des offenbaren, verletzenden Triumphs, der die sonst so kalte und vorsichtige Weise der Kranken überwältigt hatte, mischte sich doch ungebeten ein starker Zug natürlichen Gefühls in ihre Anrede an den Bräutigam. Die stolze und unnatürliche Gluth ihrer Augen milderte sich durch eine Thräne, während sie zu sprechen begann.

»Lionel, mein Neffe, mein Sohn,« sagte sie – »ich habe versucht, Sie auf eine Art zu empfangen, wie sie dem Haupte eines alten, ehrwürdigen Geschlechts geziemen mag; aber wären Sie auch ein regierender Fürst, ich habe jetzt mein Letztes und Bestes für Sie gethan! – Lieben Sie Cäcilien – verehren Sie sie – seyen Sie ihr mehr als Gemahl – ersetzen Sie dem theuren Kinde ihre ganze Verwandtschaft, denn sie verdient Ihre ganze Liebe! Nun ist mein letzter Wunsch erfüllt! – Nun kann ich mich selbst nach einem heißen und mühsamen Lebenstage in der Stille eines langen, ruhigen Abends auf den letzten großen Wechsel vorbereiten, dem ich entgegengehe!«

»Weib!« sprach plötzlich eine Stimme im Hintergrund, – Du betrügst Dich!«

»Wer,« rief Mrs. Lechmere und erhob ihren Körper in krampfhaftem Schreck, als ob sie aus dem Bette springen wollte – »wer spricht hier?«

»Ich bin's!« antwortete die wohlbekannte Stimme Ralphs, während er von der Thüre auf ihr Lager zuging. – »Ich, Priscilla Lechmere, Einer, der Deine Thaten wie Dein Urtheil kennt!«

Das erblaßte Weib fiel auf ihre Kissen zurück und haschte nach Athem; die Röthe ihrer Wangen verschwand, die Zeichen des Alters und der Krankheit nahmen wieder Besitz von ihren Zügen, ihr Auge verlor seinen freudigen Glanz und ein starrer Blick des Schreckens und der Verzweiflung trat an seine Stelle. Doch schien ein einziger Augenblick des Nachdenkens hinreichend, um ihren Geist und mit ihm all ihre tiefen Leidenschaften wieder zu beleben. Sie winkte mit einer heftigen Bewegung der Hand den Eingedrungenen von sich und nachdem sie mit Anstrengung ihre Sprache wieder gewonnen, rief sie mit einer Stimme, die durch ihre überwältigende Aufregung doppelte Stärke erhalten hatte:

»Warum werde ich in solch einem Augenblick in der Stille meines Krankenzimmers herausgefordert? Entfernt diesen Wahnsinnigen oder Betrüger, welches von beiden er seyn mag, aus meinen Augen!«

Sie sprach ihren Befehl zu tauben Ohren. Lionel konnte sich weder rühren noch antworten. Seine ganze Aufmerksamkeit gehörte Ralph, über dessen hohle Züge ein Lächeln kalter Gleichgültigkeit hinzog, welches zeigte, wie wenig er die angedrohte Gewaltthat beachtete. Selbst Cäcilie, welche mit der ganzen Hingebung eines Weibes gegen den, den sie liebt, an Lionel's Arme hing, blieb von Letzterem unbeachtet, sein ganzes Bewußtseyn wurde von der Theilnahme verschlungen, welche das plötzliche Wiedererscheinen eines Mannes in ihm erregte, dessen sonderbarer, geheimnißvoller Charakter seit langer Zeit so manche Hoffnungen und Besorgnisse in seiner eigenen Brust hervorgerufen hatte.

»Eure Thüren werden bald für Jeden offen stehen, dem hier einzutreten belieben wird,« antwortete kalt der alte Mann: »warum sollte ich aus einem Hause vertrieben werden, wo herzlose Haufen so bald nach Gutdünken ein und ausgehen werden? Bin ich nicht alt genug; oder stimmt mein Aussehen nicht hinlänglich zum Grabe, um zu Eurem Gefährten zu passen? Priscilla Lechmere, Du hast gelebt, bis die Blüthe Deiner Wangen der Farbe des Todes Platz machte; Deine Grübchen sind zu gefurchten, runzlichen Falten geworden und die Strahlen Deines glänzenden Auges haben sich in den Blick der Sorge umgewandelt; aber Du hast noch nicht der Reue gelebt.«

»Welche Sprache ist dieß?« rief seine Zuhörerin, während sie vor seinem festen, glühenden Blicke innerlich zusammen schauderte. »Warum bin ich allein von der Welt zu solcher Verfolgung auserlesen? – Sind meine Sünden nicht mehr zu tragen und soll ich allein daran erinnert werden, daß frühe oder spät Alter oder Tod uns heimsuchen wird? – Ich habe lange die Schwächen des Lebens gekannt und darf in Wahrheit sagen, daß ich auf ihre endlichen Folgen vorbereitet bin.«

»Das ist gut,« erwiederte der unbewegte und scheinbar unbewegliche Dränger: – »nimm denn und lies den feierlichen Rathschluß Deines Gottes; und möge Er Dir Stärke verleihen, um so große Zuversicht zu rechtfertigen.«

Indem er sprach, reichte er Mrs. Lechmere mit ausgestreckter welker Hand einen offenen Brief hin, welcher, wie Lincoln's rascher Blick ihm sagte, seinen eigenen Namen auf der Aufschrift trug. Ungeachtet dieses starken Eingriffs in seine Rechte verhielt sich der junge Mann ruhig, als er diese zweite grobe Einmischung in seine geheimsten Angelegenheiten von Seite des Andern entdeckte; dagegen bewachte er mit regem Eifer den Eindruck, den diese befremdende Mittheilung auf seine Tante äußern würde.

Mrs. Lechmere nahm den Brief aus der Hand des Fremden mit einer Art bezauberter Unterwürfigkeit, welche bewies, wie vollständig sein Auftreten sie unter seinen Willen gebeugt hatte. Sobald ihr Blick auf den Inhalt fiel, wurde er starr und wild. Das Schreiben war übrigens kurz und das Lesen bald beendigt. Noch faßte sie es krampfhaft mit ausgestrecktem Arm, obgleich der leere Ausdruck ihres Gesichts zeigte, daß sie es vor ein empfindungsloses Auge hielt. Ein Augenblick der Stille und athemloser Verwunderung trat ein. Ihr folgte ein Schauder, der den ganzen Körper der Kranken erschütterte, ihre Glieder zuckten heftig, bis das Rascheln des zusammengefalteten Papiers bis in den entferntesten Winkel des Zimmers gehört wurde.

»Dieß trägt meinen Namen,« rief Lionel, über ihre Bewegungen erschrocken, und nahm das Papier aus ihrer nicht widerstrebenden Hand, »und hätte zuerst meinem eigenen Auge begegnen sollen.«

»Laut – laut, theurer Lionel,« bat ein schwaches aber ernstes Flüstern neben ihm; »laut, ich flehe Dich darum, laut!«

Es war vielleicht nicht sowohl Willfährigkeit gegen diese rührende Aufforderung, worin Cäcilien's ganze Seele zu liegen schien, als der überwältigende Andrang der in ihm entstandenen Aufregung, was Major Lincoln veranlaßte, ihre Bitte zu erfüllen. Mit einer Stimme, die durch seine Bewegung die Ruhe der Verzweiflung gewonnen, las er den verhängnißvollen Inhalt des Schreibens in einem Tone, der Lionel's Gattin in seiner Bestimmtheit bei der Stille des Ortes wie die prophetische Warnung eines Gestorbenen vorkam. Das Schreiben lautete kurz:

»Der Zustand der Stadt hat eine genaue Aufmerksamkeit auf die Lage der Mrs. Lechmere, wie ihre Verletzungen sie eigentlich erfordert hätten, unmöglich gemacht. Ein innerer Brand ist eingetreten und ihr gegenwärtiges Wohlseyn ist nur der Vorbote des Todes. Ich halte es für meine Pflicht zu erklären, daß, wenn sie auch noch manche Stunden leben kann, es doch nicht unwahrscheinlich ist, daß sie noch in der heutigen Nacht sterben wird.«

Unter dieser kurzen aber schrecklichen Ankündigung stand die wohlbekannte Unterschrift des sie besuchenden Hausarztes. Dieß war allerdings ein Umstand, der eine plötzliche Aenderung hervorbrachte. Alle hatten geglaubt, die Krankheit sey gewichen, während nun deutlich wurde, daß sie heimtückisch an den Lebenskräften der Kranken gezehrt hatte. Lionel ließ das Schreiben fallen und rief in seiner plötzlichen Ueberraschung mit lauter Stimme:

»Sterben – und noch heute Nacht! In der That! Das ist eine unerwartete Abrufung.«

Das unglückliche Weib ließ nach dem ersten Augenblick empfindungslosen Schreckens ihre Blicke ängstlich von Gesicht zu Gesicht wandern und lauschte aufmerksam auf die Worte des Schreibens, wie sie von Lionel's Lippen kamen, als wolle sie mit ihrer letzten Kraft das Glimmen der Hoffnung in dem bestürzten Ausdruck ihrer Gesichter entdecken. Aber die Sprache ihres Arztes war zu klar, zu deutlich und bestimmt, um verdreht oder mißverstanden zu werden. Gerade ihre Kälte gab ihr einen schrecklichen Anstrich der Wahrheit.

»Und glaubt Ihr's denn?« fragte sie mit einer Stimme, deren gedämpfter Ton hinlänglich verrieth, wie sie um keinen Preis eine bejahende Versicherung hören wollte. »Sie! Lionel Lincoln, den ich für meinen Freund gehalten hatte.«

Lionel wandte sich schweigend von dem traurigen Anblick ihres Elendes ab, aber Cäcilie kniete jetzt neben dem Bette der Kranken nieder, und erhob, ein schönes Bild frommer Hoffnung, die gefalteten Hände, indem sie murmelte:

»Der ist kein Freund, theuerste Großmutter, der mit schmeichelnder Hoffnung eine scheidende Seele bethören wollte! Aber es gibt eine bessere, eine sicherere Stütze, als diese ganze Welt gewähren kann!«

»Und auch Du,« rief das verzweifelnde Weib, indem sie sich mit einer Kraft und Energie aufrichtete, welche die gelehrte Kunst ihres Arztes herauszufordern schien – »auch Du verlässest mich? Du, die ich in der Kindheit bewacht, im Leiden gepflegt, im Glück verzärtelt, ja! und in Tugend auferzogen habe – Ja, das kann ich kühn vor dem Angesichte der ganzen Welt behaupten. – Du, die ich zu dieser ehrenvollen Heirath gebracht – und Du willst mir mit schwarzem Undank alles Dieses lohnen?«

»Meine Großmutter! Meine Großmutter! sprich nicht so grausam zu Deinem Kinde! Stütze Dich jetzt um Beistand auf jenen Fels der Jahrhunderte, so wie ich mich auf Dich einst gestützt habe!«

»Weg, weg – schwaches, thörichtes Kind! Das Uebermaß des Glücks hat Dich sinnlos gemacht! Komm Du her, mein Sohn! laß uns von Ravenscliffe, dem Sitze unserer Ahnen, sprechen und von den Tagen, die wir noch unter seinem gastlichen Dache verleben werden. Das thörichte Mädchen, das Du zum Weibe genommen, möchte mich gerne erschrecken!«

Lionel schauderte vor Entsetzen, als er die erzwungenen, abgebrochenen Laute ihrer Stimme hörte, während sie also die sehnsüchtigen Wünsche ihres Herzens aussprach. Er wandte sich abermals weg von dem Anblick und begrub einen Augenblick das Gesicht in beide Hände, als wollte er die Welt und ihre Nichtswürdigkeit zumal vor seinen Augen verschließen.

»Meine Großmutter! blicken Sie nicht so wild auf uns!« fuhr die beklommene Cäcilie fort – »noch können Sie Stunden, ja Tage vor sich haben.« Sie schwieg einen Augenblick, um dem unstäten, hoffnungslosen Blick eines Auges zu folgen, das verzweifelnd an den Gegenständen im Zimmer hinglitt; dann, mit milder Zuversicht auf ihre eigene Reinheit – ihr Antlitz mit beiden Händen bedeckend, rief sie in ihrem schweren Kampf:

»Mutter meiner Mutter! Wollte Gott, ich könnte für Dich sterben!«

»Sterben!« wiederholte dieselbe mißtönende Stimme, wie zuvor, aus einer Kehle, die bereits bei der beschleunigten Annäherung des Todes zu röcheln anfing – »wer wird sterben mitten unter den Festlichkeiten einer Hochzeit? – Weg – verlaß mich! – Auf Dein Zimmer und auf Deine Knie, wenn Du willst – aber verlaß mich!«

Sie folgte mit einem Blicke bitteren Hasses Cäcilien's entschwindender Gestalt, welche in der mitleidigen, frommen Absicht, ihrer Großmutter Befehle buchstäblich zu vollziehen, gehorchte; dann fuhr die Sterbende fort:

»Das Mädchen ist der Aufgabe nicht gewachsen, die ich ihr auferlegte. Alle von meinem Geschlecht sind schwach gewesen, außer ich – meine Tochter – meines Gemahls Nichte – –«

»Was willst Du mit dieser Nichte?« begann hier Ralph's furchtbare Grabesstimme, das krampfhafte Umherirren ihrer Seele unterbrechend – »dieses Weib Deines Neffen – die Mutter dieses Jünglings? Sprich, Weib, so lange noch Zeit und Vernunft Dir gegönnt sind!«

Lionel näherte sich aufs Neue ihrem Lager, von einem Antriebe geleitet, den er nicht länger zurückhalten konnte, und redete sie feierlich an:

»Wenn Du etwas von dem fürchterlichen Unglücke weißt, das meine Familie befallen,« sagte er, »oder auf irgend eine Weise zu dessen Entstehung beigetragen hast, so entlaste Deine Seele und stirb in Frieden! Schwester meines Großvaters! ja mehr noch, Mutter meines Weibes! Ich beschwöre Dich, rede – was weißt Du von meiner mißhandelten Mutter?«

»Schwester Deines Großvaters – Mutter Deines Weibs,« wiederholte Mrs. Lechmere langsam und auf eine Art, die hinlänglich den wirren, unstäten Gang ihrer Gedanken andeutete – »Beides ist wahr!«

»Sprich mir von meiner Mutter, wenn Du die Bande des Blutes anerkennst – erzähle mir von ihrem dunklen Schicksal!«

»Sie ist in ihrem Grab – todt – ja – ja – ihre gerühmte Schönheit von häßlichen Würmern aufgezehrt! Was willst Du weiter wissen, toller Knabe? Möchtest Du gar noch ihre Gebeine im Leichenhemde sehen?«

»Die Wahrheit!« schrie Ralph; »bekenne die Wahrheit und Deine eigene verfluchte Theilnahme an der That!«

»Wer spricht?« wiederholte Mrs. Lechmere und stimmte ihren Ton wieder zu dem zitternden Fall der Schwäche und des Alters herab, während sie zu gleicher Zeit um sich schaute, als ob eine plötzliche Erinnerung ihr Gehirn durchkreuzte; »sicher hörte ich Töne, die ich kennen sollte!«

»Hier – sieh mich an – hefte das umherirrende Auge auf mich, wenn es noch Kraft hat zu sehen,« schrie Ralph – »ich bin's, der zu Dir spricht, Priscilla Lechmere.«

»Was willst Du? Meine Tochter? Sie ist in ihrem Grab! Ihr Kind? Sie ist einem Andern vermählt. – Du kommst zu spät! Du kommst zu spät! Wollte Gott, Du hättest sie zu rechter Zeit von mir verlangt – –«

»Die Wahrheit – die Wahrheit – die Wahrheit!« fuhr der Greis fort – »die heilige und unverhüllte Wahrheit! Diese gib uns und nichts Anderes!«

Eine so kräftige und feierliche Aufforderung erweckte die letzte Kraft des Weibes, dessen innerste Seele vor diesem Rufe zu erbeben schien. Sie machte eine Anstrengung sich zu erheben, und rief:

»Wer sagt, daß ich sterbe? Ich bin erst siebenzig! und gestern erst war ich noch Kind – ein reines unbeflecktes Kind! Er lügt – er lügt! Ich habe keinen tödtlichen Brand in mir – ich bin stark und habe noch Jahre zu leben und zu bereuen.«

Zwischen die Pausen ihrer Antwort hörte man immer wieder die Stimme des alten Mannes.

»Die Wahrheit – die Wahrheit – die heilige, unverhüllte Wahrheit!«

»Laßt mich aufstehen und nach der Sonne schauen,« fuhr das sterbende Weib fort. »Wo seyd ihr? Cäcilie, Lionel – meine Kinder, verlaßt ihr mich schon? Warum verfinstert ihr das Zimmer? Gebt mir Licht – mehr Licht! mehr Licht! bei Allem im Himmel und auf Erden, überlaßt mich nicht dieser schwarzen, fürchterlichen Finsterniß!«

Ihr Anblick war so graß verzweiflungsvoll geworden, daß selbst Ralph's Stimme verstummte, während sie ununterbrochen die Pein ihrer Seele auszurasen fortfuhr:

»Warum zu Jemand, wie ich, vom Tode reden? – Meine Zeit ist zu kurz gewesen! – gebt mir Tage – gebt mir Stunden – gebt mir Augenblicke! Cäcilie, Agnes, – Abigail; wo seyd ihr? – helft mir oder ich falle!«

Sie erhob sich mit verzweifelter Anstrengung und griff wild nach der leeren Luft. Sie erreichte Lionel's ausgestreckte Hand, erfaßte sie in sterbender Umklammerung, lächelte bei der trügerischen Sicherheit, welche ihr dieß gewährte und fiel wieder rückwärts, während ihr sterbliches Theil unter einem allgemeinen Schauder in einen Zustand ewiger Ruhe überging.

Als das Rufen der Sterbenden geendet hatte, folgte eine so tiefe Stille, daß selbst die vorübergehenden Windstöße gehört wurden, welche zwischen den Dächern der Stadt seufzten und leicht in solchem Augenblicke für das Wehklagen körperloser Geister über ein so furchtbares Ende gehalten werden konnten.

 

 << Kapitel 24  Kapitel 26 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.