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Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston

James Fenimore Cooper: Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleLionel Lincoln oder die Belagerung von Boston
publisherVerlag von S. G. Liesching
printrunZweite Auflage
year1851
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150324
modified20170303
projectid025dd028
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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Du bist zu ähnlich Banquo's Geist; drum nieder!

Macbeth.    

 

Major Lincoln fand die Königskapelle in jeder Beziehung von dem ehrwürdigen, aber entheiligten Gebäude, welches er so eben verlassen hatte, sehr verschieden. Beim Eintreten spielte das Licht seiner Laterne auf dem Scharlach, der manchen der Betstühle bedeckte und wurde von den glitzernden Verzierungen der schimmernden Orgel in Strahlen zurückgeworfen. Die sorgfältig gearbeiteten Säulen mit ihren schlanken Schäften und erhabenen Kapitälen warfen gestaltlose Schatten nach dem dunkeln Hintergrunde, und die Gallerien und das Täfelwerk der Decke schienen dadurch mit eingebildeten Phantomen bevölkert. Erst nachdem diese leichte Täuschung geschwunden war, wurde der Wechsel in der Temperatur fühlbar. Die Wärme, welche während der verschiedenen Andachtsstunden den Tag über erhalten worden, war noch nicht ganz verflüchtigt, denn trotz des Mangels, der Stadt und Besatzung drückte, wußte der begünstigte Tempel, in welchem der Stellvertreter des Souveräns seine Andacht zu verrichten pflegte, nichts von den gewöhnlichen Entbehrungen des Platzes. Job wurde beordert, die ersterbende Glut der Oefen mit frischem Holze zu entzünden, und da der Simpel die Kirchenvorräthe recht gut zu finden wußte, war sein Geschäft mit einer Schnelligkeit abgethan, die nicht wenig durch sein eigenes Leiden beschleunigt wurde.

Als das Geräusch der Vorbereitung aufgehört hatte, nahm Lionel einen Stuhl vom Chor, während Job neben dem knisternden Ofen, den er geheizt hatte, in jener Stellung niederkauerte, die er gewöhnlich einnahm und welche so rührend das innerliche Bewußtseyn seiner eigenen Unterordnung ausdrückte. Als die behagliche Wärme über die halbnackte Gestalt des Armen sich ergoß, sank sein Haupt auf die Brust herab und er fiel sogleich, wie ein ermüdeter Jagdhund, der endlich Ruhe und Obdach gefunden, in einen tiefen erquickenden Schlummer. Ein thätigerer Geist würde nach der Ursache geforscht haben, welche seinen Gefährten bewegen konnte, zu dieser ungewöhnlichen Stunde ein solches Asyl aufzusuchen. Aber Job wußte nichts von Neugierde; das gelegentliche Aufglimmen seines Verstandes erstreckte sich selten über jene heiligen Vorschriften hinaus, die ihm, noch ehe Krankheit seine Fähigkeiten untergraben hatte, mit so vieler Sorgfalt gelehrt worden waren, und eben so wenig überstieg es jene populären Grundsätze der Zeit, die einen so wesentlichen Bestandtheil der Gedanken in dem Ideenkreise eines Neuengländers bildeten.

Anders war es mit Major Lincoln. Seine Uhr sagte ihm, daß noch manche lange Minute verrinnen mußte, bis er seine Braut zu sehen hoffen konnte, und so schickte er sich an, mit so vieler Geduld zu warten, als mit seinen Jahren und den obwaltenden Umständen sich vertragen wollte. In kurzer Zeit wurde die Stille der Kapelle nur noch durch die vorübergehenden Windstöße draußen und durch das dumpfe Prasseln des Ofens unterbrochen, neben welchem Job in einem Zustande glücklichen Vergessens hinschlummerte.

Lionel versuchte, seine flüchtigen Gedanken zu ordnen und sie auf die feierliche Ceremonie vorzubereiten, bei welcher er demnächst als handelnde Person auftreten sollte. Da er die Aufgabe schwierig fand, so erhob er sich, ging nach einem von den Fenstern, und schaute hinaus in die Einsamkeit und auf die Wirbelwinde von Schnee, welche durch die Straßen trieben, indem er, trotz dem daß seine Vernunft ihm sagte, wie er seine Freunde jetzt noch nicht erwarten durfte, dennoch mit gespannter Aufmerksamkeit auf die Tritte der Herankommenden lauschte. Er setzte sich sodann wieder nieder und ließ die forschenden Blicke mit einer Art innerer Bangigkeit umherwandern, als ob Jemand in dem umringenden Düster mit der geheimen Absicht, sein Glück zu stören, verborgen liegen könnte. Es war eine so wilde, fieberische Romantik in den Vorfällen dieses Tags, daß er in manchem Augenblick kaum an ihre Wirklichkeit glauben konnte und zu hastigen Blicken auf den Altar, auf seinen Anzug, selbst auf den fühllosen Gefährten neben ihm seine Zuflucht nehmen mußte, um diesen Wahn zu verscheuchen. Abermals schaute er aufwärts nach den unstäten, formlosen Schatten, welche an den Wänden hinschwebten, und seine früheren Besorgnisse vor einem verborgenen Uebel erwachten wieder mit einer Lebhaftigkeit, die sich fast zu einer Vorahnung in ihm steigerte. So unleidlich wurde ihm zuletzt unter diesen Eindrücken, daß er durch die entfernteren Chorgänge hinwandelte und ängstlich in die Betstühle schaute; hinter jede der Säulen warf er scharfe forschende Blicke, und als Belohnung für seine Unruhe gewann er nichts als den hohlen Wiederhall seiner eigenen Fußtritte.

Nachdem er von seinem Rundgange zurückgekehrt war, näherte er sich dem Ofen und fühlte in diesem Augenblicke krankhafter Aufregung sogar ein starkes Verlangen, wenigstens Job's Stimme zu vernehmen. Er berührte den Simpel leise mit dem Fuß, worauf dieser mit jener Raschheit erwachte, welche die plötzliche, oft gestörte Beschaffenheit seiner gewöhnlichen Ruhe kund gab.

»Höre, Job, Du bist heute Abend ungewöhnlich finster,« hub Lionel an, indem er seine Unruhe durch verstellten Scherz zu verscheuchen suchte, »Du würdest Dich sonst doch nach dem Grunde erkundigen, warum ich der Kirche zu dieser außerordentlichen Stunde meinen Besuch abstatte.«

»Bostoner Leute lieben ihre Versammlungshäuser,« erwiederte der Simpel.

»Ja aber sie lieben auch ihre Betten, und die eine Hälfte genießt nun das, wornach Dich so sehr zu gelüsten scheint.«

»Job liebt Essen und Wärme.«

»Und Schlaf auch, wenn man aus Deiner Betäubung einen Schluß ziehen darf.«

»Schlaf ist süß; Job fühlt keinen Hunger, während er schläft.«

Lionel schwieg im schmerzlichen Gefühl der Leiden, welche die so deutlich ausgesprochene Hülflosigkeit des Andern ihn wahrnehmen ließ.

»Ich erwarte den baldigen Besuch des Pfarrers, einiger Damen und des Kapitäns Polwarth.«

»Job liebt Kapitän Polwarth – er ist immer sehr auf Lebensmittel bedacht.«

»Genug davon, Junge! Kannst Du denn an nichts denken, als an Deinen Magen!«

»Gott machte den Hunger,« sagte Job düster »und Nahrung machte er auch; aber der König behält Alles für seine Lärmteufel!«

»Gut, horch auf und merke, was ich Dir sage. – Eine von den Damen, welche kommen werden, ist Miß Dynevor; Du kennst Miß Dynevor, Job? – die schöne Miß Dynevor?«

Cäcilien's Reize hatten jedoch nicht ihren gewohnten Eindruck auf das stumpfe Auge des Einfältigen geübt, denn dieser sah den Sprecher mit seiner gewöhnlichen theilnahmlosen Miene an.

»Gewiß, Job, kennst Du Miß Dynevor!« wiederholte Lionel mit einer Gereiztheit, über die er zu jeder andern Zeit gewiß selbst zuerst gelächelt hätte – »sie hat Dir oft Geld und Kleider gegeben.«

»Ja, Mad. Lechmere ist ihre Großmutter!«

Dies war freilich eine der geringsten Empfehlungen, welche seine Herrin in Lionel's Auge besaß, der in innerlichem Unwillen einen Augenblick schwieg, ehe er wieder begann:

»Laß ihre Verwandten seyn, wer sie wollen, sie soll diese Nacht noch mein Weib werden. Du wirst dableiben und der Ceremonie als Zeuge anwohnen, dann wirst Du die Lichter auslöschen und Dr. Liturgy den Kirchenschlüssel wieder zustellen. Morgen früh kannst Du zu mir kommen, und Dir Deine Belohnung holen.«

Der Junge erhob sich mit wichtiger Miene und antwortete:

»Ja, ja; Major Lincoln will sich verheirathen und ladet Job zur Hochzeit! Nun mag Nab ihre Sermone über Stolz und hoffärtiges Wesen halten, so lange sie will, Blut ist doch Blut und Fleisch bleibt Fleisch, was sie auch sagen mag!«

Von dem wilden Ausdrucke betroffen, der in des Simpels Auge leuchtete, forderte Major Lincoln eine Erklärung seiner zweideutigen Rede. Ehe aber Job Zeit zur Antwort fand, und sein leerer Blick verrieth bereits wieder, daß seine Gedanken abermals in ihre gewöhnlichen engen Gränzen zurückgetreten waren – zog ein Geräusch die Aufmerksamkeit Beider nach dem Eingang der Kapelle. Die Thür öffnete sich im nächsten Augenblick und die Figur des Geistlichen, mit Schneegüssen überpudert, und in eine Masse von Gewändern zum Schutz gegen die Kälte eingehüllt, schritt den Hauptgang der Kirche herauf. Lionel beeilte sich, ihn zu empfangen und ihn nach dem Sitze zu geleiten, den er noch eben selbst eingenommen hatte.

Als Dr. Liturgy sich seiner Hüllen entkleidet hatte und in seinen Amtsgewändern erschien, verrieth sein wohlwollendes Lächeln und der ganze Ausdruck seines Gesichts, daß er durch den Zustand, worin er die Vorkehrungen antraf, sehr befriedigt war.

»Ich wüßte nicht, Major Lincoln, warum eine Kirche nicht eben so behaglich als ein Studierzimmer seyn sollte,« fing er an, und rutschte mit seinem Stuhl etwas näher zum Ofen. »Es ist eine puritanische und dissenterische Idee, daß die Religion etwas Strenges und Düsteres in ihrem Wesen habe; warum sollten wir uns denn gerade unter Mühseligkeit und Unbehagen versammeln, um ihren heiligen Pflichten nachzukommen?«

»Vollkommen wahr, Sir,« erwiederte Lionel, der ängstlich durch eines der Fenster schaute – »ich habe noch nicht zehn schlagen hören, und doch sagt mir meine Uhr, daß es um diese Zeit ist.«

»Die Witterung macht die Stadtuhren sehr ungeregelt. Es gibt so viele unvermeidliche Uebel, die ein Erbtheil des Fleisches sind, daß wir uns bemühen sollten, bei allen Gelegenheiten uns glücklich zu fühlen – in der That ist es eine Pflicht – –«

»Es liegt nicht in der Natur der Sünde, gefallene Menschen glücklich zu machen,« sagte eine tiefe knurrende Stimme hinter dem Ofen.

»Wie! was! haben Sie gesprochen, Major Lincoln? – eine höchst sonderbare Ansicht für einen Bräutigam!«

»Es ist jener geistesschwache Junge, den ich hieher gebracht habe, um das Feuer zu schüren, der uns einige Lehren seiner Mutter zum Besten gibt; nichts weiter, Sir.«

Mittlerweile hatte Dr. Liturgy einen Blick nach dem zusammengekrümmten Job geworfen und so die Unterbrechung sich erklärend, setzte er sich wieder in seinem Stuhle zurecht, während er mit einem hochmüthigen Lächeln weiter fortfuhr:

»Ich kenne den Burschen, Sir; ich sollte ihn wenigstens kennen. Er ist in der Schrift bewandert und streitet gern über religiöse Gegenstände. Schade, daß der geringe Verstand, den er besitzt, in seiner Kindheit nicht besser gepflegt wurde; da haben sie nun mit Spitzfindigkeiten seinen schwachen Geist vollends verwirrt. Wir – ich meine, wir von der wahren Kirche – nennen ihn oft den Bostoner Calvin – ha, ha, ha! – Der alte Cotton durfte sich kaum in Feinheit mit ihm messen! – Aber da wir einmal von der Staatskirche sprechen, – glauben Sie nicht, daß eine der Folgen, welche diese Empörung nach sich ziehen kann, die seyn wird, daß die Wohlthaten unseres Amtes sich weiter in den Kolonien verbreiten und daß wir auch die Zeiten vor uns sehen werden, wo die wahre Kirche ihre Erbschaft in diesen frommen Provinzen antreten kann?«

»O ganz gewiß!« sagte Lionel, abermals ängstlich nach dem Fenster sich wendend; »wollte Gott, sie wären da!«

Der Geistliche, in dessen Augen Vermählungen etwas zu Gewöhnliches waren, als daß sie sein Mitgefühl hätten erregen können, verstand den ungeduldigen Bräutigam wörtlich und erwiederte demgemäß:

»Ich bin erfreut, Sie also sprechen zu hören, Major Lincoln, und hoffe, wenn eine Bill auf Amnestie beantragt wird, ihre Stimme auf Seiten eines solchen Vorschlags zu finden.«

In diesem Augenblick erblickte Lionel den wohlbekannten Schlitten, der langsam durch die einsame Straße sich heranbewegte; einen Freudenausruf ausstoßend, stürzte er nach der Thüre, um seine Braut zu empfangen. Dr. Liturgy endigte seine Sentenz für sich allein und indem er sich aus seiner bequemen Lage erhob, nahm er das Licht und trat zu dem Altar. Die Leuchter waren schon zum Voraus, während sie angezündet wurden, in Ordnung gestellt worden, sein Buch lag offen vor ihm, das Gewand war geordnet und auch seine Züge hatten den gehörigen Grad von Feierlichkeit angenommen – so stand er denn ruhig und erwartete mit geziemender Würde die Annäherung derer, über welche er den Segen der Ehe aussprechen sollte. Job stellte sich in den Schatten des Gebäudes und betrachtete mit kindischer Scheu die Stellung und den imponierenden Anblick des Priesters.

Darauf trat eine Gruppe aus dem Dunkel der entfernteren Theile der Kirche hervor und näherte sich langsam dem Altare. Voran Cäcilie, auf Lionel's Arm gelehnt, den er ihr eben so gut zur Unterstützung als aus Artigkeit geboten hatte. Sie hatte in der Vorhalle ihre wärmeren Ueberkleider abgelegt und erschien in einem Anzug, der eben so sehr zu der unerwarteten Heimlichkeit als zu der Feier der Ceremonie paßte. Ein seidener Mantel mit feinem Pelzwerk verbrämt, fiel anspruchslos um ihre Schultern und verhüllte zum Theil durch seine Falten die Verhältnisse ihrer schönen Gestalt. Darunter trug sie ein Gewand von demselben kostbaren Zeug, das nach der Mode jener Zeit so geschnitten war, daß es die Umrisse des Oberkörpers deutlich hervorhob. An dem Kleide hinunter reihte sich ein feiner Spitzenbesatz und breite Borten von demselben kostbaren Gewebe bedeckten den zurückgeschlagenen Rand ihrer Robe und ließen theilweise die kostbare Kleidung durchblicken. Doch auch die Schönheit und Einfachheit ihres Anzugs (er war für diesen Tag einfach) verlor sich und diente vielmehr unbemerkt nur dazu, die melancholische Schönheit ihres Gesichts noch reizender zu machen.

Als sie sich dem Priester nahten, warf Cäcilie mit einer anmuthigen Bewegung ihren Mantel auf das Gitter des Chorstuhls und begleitete Lionel mit festem Schritt bis an den Fuß des Altars. Ihre Wangen waren bleich, doch wie es schien mehr aus erzwungener Entschlossenheit als aus Furcht; ihre Augen dagegen strahlten voll Zärtlichkeit und stillen Nachdenkens. Von den beiden Geweihten Hymens zeigte sie, wenn auch nicht größere Fassung, doch gewiß mehr stille Ruhe für die beabsichtigte Handlung und die meiste Aufmerksamkeit auf die Pflicht vor ihnen, denn während Lionel's Blicke unruhig in dem Gebäude hinschweiften, als ob er irgend einen verborgenen Gegenstand erwartete, der aus der Dunkelheit hervorbrechen sollte, waren die ihrigen in süßer, ernster Spannung auf den Priester geheftet.

Auf ihren angewiesenen Plätzen hielten sie still, und nachdem den Beiden, Agnes und Polwarth, welche allein folgten, ein Augenblick Zeit vergönnt worden war, um ebenfalls an den Altar zu treten, ließen sich die leisen aber tiefen Töne des Geistlichen vernehmen.

Dr. Liturgy hatte aus der Feierlichkeit der Stunde und der einsamen Stille des Gebäudes einen entsprechenden Grad von Begeisterung für sich entnommen. Während er zur Eröffnung der Ceremonie seine Ermahnung vortrug, machte er lange und häufige Pausen zwischen den Gliedern der Sätze, indem er auf jede der Vorschriften einen besonderen, eindringlichen Nachdruck legte. Als er aber zu den Schlußworten gelangte:

»So Jemand gerechten Grund wüßte, warum sie nicht gesetzlich verbunden werden könnten, der trete auf und spreche oder enthalte sich fürder jeder weiteren Einsprache –«

Da erhob er seine Stimme und richtete die Augen nach den entfernteren Theilen der Kapelle, als ob er sich an eine in dem Dunkel verborgene Menge wendete. Die Gesichter aller Anwesenden folgten unwillkührlich der Richtung seines Blicks und dem Wiederhalle seiner Töne folgte ein Moment athemloser Erwartung, der nur durch den ganz besonders milden Charakter der Scene erklärt werden konnte. In diesem Augenblick, nachdem Jedes Athem geschöpft und Alle sich wieder nach dem Altare gewendet hatten, erhob sich ein unförmlicher Schatten auf der Gallerie und dehnte sich längs der getäfelten Decke aus, bis man seine gigantischen Umrisse wie ein böses Gespenst fast gerade über ihnen schweben sah.

Der Geistliche unterbrach die halbausgesprochene Sentenz. Cäcilie faßte krampfhaft Lionel's Arm, während ein Schauder, der sie bis zur Vernichtung zu erschüttern schien, ihre ganze Gestalt durchbebte.

Das Schattenbild zog sich langsam und mit einer phantastischen Gebärde zurück; ein ausgestreckter Arm wurde sichtbar, der sich über die Wölbung der Decke und an den Wänden hinab dehnte, als ob er seine Opfer erfassen wollte.

»So Jemand gerechten Grund wüßte, warum sie nicht gesetzlich verbunden werden könnten, der trete auf und spreche, oder enthalte sich fürder jeder weiteren Einsprache« – wiederholte der Priester mit stärkerer Stimme, als ob er mit seiner Aufforderung das ganze Weltall vorladen wollte.

Und abermals erhob sich der Schatten und zeigte dießmal die gewaltigen Umrisse eines menschlichen Antlitzes, welchem die Phantasie in solchem Augenblick leicht Ausdruck und Leben verleihen konnte. Seine Züge schienen in heftigem Kampfe zu arbeiten; die Lippen bewegten sich, als ob das luftige Wesen zu überirdischen Ohren spräche. Zunächst kamen zwei Arme und erhoben sich mit gefaltetem Händen über der emporstarrenden Gruppe, als ob sie ihren Segen über sie spenden wollten und mit einem Male war Alles verschwunden, – die Decke erhielt wieder ihr eigenthümliches düsteres Weiß und die Halle blieb still, gleich den Gräbern, welche sie umringten.

Noch einmal sprach der aufgeregte Priester seine Aufforderung und noch einmal war jedes Auge wie durch einen geheimen Impuls nach jener Stelle hingezogen, wo die Gestalt, vielleicht ohne die Substanz eines Menschen zu weilen schien. Doch der Schatten ward nicht mehr gesehen. Nachdem Dr. Liturgy einige Augenblicke vergeblich gewartet hatte, fuhr er in seiner Handlung weiter fort, ohne daß eine weitere Unterbrechung bis zu dem Ende der Ceremonie erfolgte; doch war in der Stimme des Geistlichen ein wachsendes Zittern sehr deutlich zu bemerken.

Cäcilie sprach ihr Gelübde und schwur ihren Eid mit tief bewegter Stimme, während Lionel, der auf irgend ein besonderes Unglück gefaßt war, sich bis zu Ende der Handlung in einer erzwungenen Ruhe behauptete. So wurden sie vermählt; und als der Segen gesprochen wurde, war nicht ein Laut, auch nicht das leiseste Wispern in der ganzen Gruppe zu vernehmen. Schweigend entfernten sich Alle vom Altar und schickten sich an, den Ort zu verlassen. Cäcilie stand geduldig: sie ließ Lionel ihre Gestalt in die Falten ihres Mantels einhüllen, und statt daß sie ihm sonst ihren Dank für seine Sorgfalt zugelächelt hätte, erhob sie bloß die angstvollen Blicke nach der Decke, mit einem Ausdruck, der nicht mißverstanden werden konnte. Selbst Polwarth war stumm, und Agnes vergaß ihre Glückwünsche und all' jene Ergießungen, von denen ihr Herz so eben noch so voll gewesen war.

Der Geistliche murmelte, in Betreff der Kerzen und des Feuers, einige Worte der Vorsicht zu Job, und folgte der sich entfernenden Gruppe mit einer Schnelligkeit, die er der späten Stunde zuschreiben wollte; dennoch hatte er trotz seines eingebildeten Muthes die Sicherheit des Gebäudes gänzlich unbeachtet gelassen, da die Kapelle dem alleinigen Besitze des karg ausgestatteten aber unerschrockenen Sohnes von Abigail Pray überantwortet blieb.

 

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