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Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston

James Fenimore Cooper: Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleLionel Lincoln oder die Belagerung von Boston
publisherVerlag von S. G. Liesching
printrunZweite Auflage
year1851
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150324
modified20170303
projectid025dd028
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Einundzwanzigstes Kapitel.

Kommt, Bruder Franz, seyd kurz; nur nach der einfachen Trauungsformel.

Viel Lärmen um Nichts.    

 

Major Lincoln hatte richtig bemerkt, daß die Heirathsgesetze in Massachusetts, welche noch dem ursprünglichen Zustande des Landes angepaßt waren, ihrer unauflöslichen Verbindung nur wenige Hindernisse in den Weg legten. Cäcilie war aber im Schooße der englischen Kirche auferzogen und hing mit einer Liebe an ihren Formen und Ceremonien, für die ihre Feierlichkeit und Schönheit eine hinlängliche Erklärung bietet. Wenn die Kolonisten auch noch oft den wöchentlichen Festtag zu Trauungen wählten, so hatte doch die Reformwuth den Altar aus ihren meisten Tempeln ausgeschlossen und es war nicht gewöhnlich unter ihnen, Verlobungen in öffentlichen Gotteshäusern zu feiern. In dem jetzigen Falle jedoch zeigte sich so viel schwer zu rechtfertigende Hast und so wenig geziemende Vorbereitung, daß Miß Dynevor, ängstlich bemüht, einem Akte, dessen Wichtigkeit sie lebhaft fühlte, alle gebührende Feierlichkeit zu leihen, ihren Wunsch ausdrückte, das Gelübde an dem Altare, vor dem sie so lange zu beten gewohnt gewesen und unter dem Dache abzulegen, wo sie schon einmal, seitdem die Sonne aufgegangen, den Dank ihres reinen Herzens für die Erhaltung eines Mannes zum Himmel gesendet hatte, der nun so bald ihr Gatte werden sollte.

Mrs. Lechmere hatte erklärt, die Aufregung des Tages und ihre schwache Gesundheit würden sie unvermeidlich hindern, der Ceremonie als Zeuge anzuwohnen, und so war kein genügender Grund vorhanden, ihrer Enkelin jenen Wunsch zu versagen, obgleich er mit den Gewohnheiten des Ortes nicht ganz übereinstimmte. Aber an dem Altar vermählt werden und öffentlich vermählt werden, das waren zwei verschiedene Feierlichkeiten, und um das eine zu bewirken und das andere zu vermeiden, war es nöthig, die Handlung auf eine späte Stunde des Tages zu verlegen und das Ganze in den Mantel des Geheimnisses zu hüllen, – eine Vorsicht, welche die so ganz geregelten Verhältnisse der beiden Theile außerdem nicht nöthig gemacht haben würden.

Miß Dynevor hatte Niemand zur Vertrauten als ihre Cousine. Ihre Gefühle erhoben sich weit über die gewöhnlichen eitlen Betrachtungen, welche Zeit und Vorbereitungen bei solchen Gelegenheiten hervorrufen: so waren ihre kurzen Vorkehrungen auch bald beendigt und sie erwartete den bestimmten Augenblick ohne Unruhe, wenn auch nicht ohne Bewegung.

Lionel hatte weit mehr zu besorgen. Er wußte, daß die leiseste Kunde von einer solchen Scene eine neugierig zudringende Menge in und um die Kirche versammeln würde und beschloß deßhalb, seine Plane in aller Stille anzuordnen und ganz geheim zu halten. Um einem unerwarteten Zwischenfalle zu begegnen, wurde Meriton zu dem Geistlichen gesendet und dieser ersucht, eine beliebige Stunde des Abends für eine Unterredung mit Major Lincoln zu bestimmen. Die Antwort lautete, daß Dr. Liturgy von neun Uhr an von den Pflichten des Tages frei und jeden Augenblick zu dem Empfange des Majors bereit sey. So blieb keine andere Wahl, und die zehnte Stunde wurde Cäcilien als die Zeit bezeichnet, wo sie ihn vor dem Altare treffen sollte. Major Lincoln vertraute nicht zu viel auf Polwarth's Verschwiegenheit, und begnügte sich deshalb, seinem Freunde zu sagen, er werde sich am nämlichen Abend noch vermählen, weshalb er ihn bitte, als Brautführer pünktlich in der Tremontstraße einzutreffen, wobei er der Vorsicht wegen die Stunde für alle noch folgenden Geschäfte hinlänglich früh bestimmte. Sein Reitknecht und Kammerdiener hatten entsprechende besondere Befehle, und so war denn Alles noch lange vor dem wichtigen Augenblick auf eine Weise vorbereitet, daß ein Fehlschlagen seiner Erwartungen ihm als unmöglich erscheinen mußte.

Es lag wohl in Lionel's Gemüth der Keim einer, vielleicht etwas krankhaften Romantik, welche jetzt der Grund war, weshalb die verborgenen Schritte, die er vorhatte, ihm einen großen, geheimen Reiz darboten. Jedenfalls war er nicht ganz frei von einem Anstrich jener melancholischen, kränkelnden Laune, welche wir als charakteristisches Merkmal seines Stammes bezeichnet haben: auch fühlte er sich darum nicht eben weniger glücklich, weil er ein wenig unglücklich war. Doch hatte er, entweder durch die Thätigkeit seines Geistes oder in Folge der trefflichen Erziehung, welche er genossen, und die ihn frühzeitig für sich selbst zu handeln genöthigt, den bösen Geist in seinem Innern so weit bezwingen gelernt, daß dessen Einfluß für Andere und oft auch für ihn selbst unmerklich wurde, und so war er eben der Mann geblieben, wie wir ihn auf diesen Blättern darzustellen versucht haben – nicht ohne Fehler, aber sicherlich mit vielen hohen und edlen Tugenden geschmückt.

Als der Tag sich seinem Ende näherte, versammelte sich der kleine Familienzirkel in der Tremontstraße in gewohnter Weise, um das Abendessen einzunehmen, wie es zu jener Zeit in allen Kolonien herkömmliche Sitte war. Cäcilie war blaß und manchmal konnte man ein leichtes Zittern in der kleinen Hand bemerken, wenn sie die Geschäfte bei der Tafel verrichtete; doch lag dabei eine erzwungene Ruhe in ihren feuchten Augen, welche die Entschlossenheit bezeugte, die sie zu ihrem Beistand aufgeboten hatte, um die Wünsche ihrer Großmutter zu erfüllen. Agnes Danforth war still und nachdenklich, obwohl zuweilen ein gelegentlicher Blick merken ließ, was sie von der Heimlichkeit und Ueberraschung der herannahenden Vermählung dachte. Es konnte übrigens scheinen, als ob die Wichtigkeit des bevorstehenden Schrittes dazu gedient habe, die Braut über die kleinen Affektationen ihres Geschlechtes zu erheben; denn sie sprach ungescheut von den zu treffenden Vorbereitungen, indem sie ihr eigenes Interesse an deren Erfüllung nicht verhehlte und selbst zu fürchten schien, daß noch irgend eine Störung bevorstehen könnte.

»Wenn ich abergläubisch wäre, Lincoln, und an Vorbedeutungen glaubte,« sprach sie unter Anderem, »so würden Stunde und Wetter mich wohl vor diesem Schritt zurückschrecken. Sehen Sie, der Wind bläst schon über die endlosen Wüsten des Oceans, und der Schnee treibt im Wirbelwind durch die Straßen!«

»Es ist noch nicht zu spät, meine Befehle zu widerrufen, Cäcilie,« antwortete er, indem er sie ängstlich betrachtete; »ich habe alle meine Maaßregeln ganz wie ein großer General genommen, so daß ich ebenso leicht vorrücken als mich zurückziehen kann.«

»Könnten Sie sich denn vor einem so wenig furchtbaren Wesen, wie ich bin, zurückziehen?« fragte sie lächelnd.

»Sie verstehen mich gewiß dahin, daß ich nur den Ort der Trauung zu verändern wünschen kann. Ich fürchte, Sie und unsere gütige Cousine dem Sturme auszusetzen, der, wie Sie bemerkten, nachdem er so lange den Ocean durchwühlt, nunmehr, froh zu seyn scheint, daß er Land vor sich findet, an dem er seine Wuth auslassen kann.«

»Ich habe Ihre Meinung nicht mißdeutet, Lionel, noch müssen Sie die meinige mißverstehen. Ich will in dieser Nacht Ihre Gattin werden und zwar mit Freuden; welchen Grund also könnte ich haben, jetzt mehr als früher an Ihnen zu zweifeln? Doch meine Gelübde müssen am Altar dargebracht werden.«

Agnes, welche bemerkte, daß ihre Cousine mit unterdrückter Bewegung sprach, die ihr das Reden erschweren mußte, unterbrach sie hier in munterem Tone:

»Und was den Schnee betrifft, so kennen Sie die Bostoner Mädchen sehr wenig, wenn Sie glauben, ein Eiszapfen habe etwas Schreckliches für sie. Weißt Du noch, Cäcilie, als wir noch Kinder waren, wie manchen Zank wir davontrugen, wenn wir in einem weit schlimmeren Sturme als dieser hier im Handschlitten an Beaconhill herabfuhren.«

»Wir haben im zehnten Jahre manche thörichten, kindischen Streiche ausgeführt, Agnes, die nun im zwanzigsten uns nicht mehr anstehen würden.«

»Himmel, wie spricht sie doch schon ganz wie eine Matrone!« fiel die Andere ein, indem sie Augen und Hände in verstellter Verwunderung gen Himmel richtete; »nichts Geringeres als die Kirche wird eine so ehrsame Dame befriedigen! Major Lincoln, so machen Sie sich denn ihretwegen keine weiteren Sorgen und fangen Sie nur einmal an, die Oberröcke und Mäntel zusammenzuzählen, die zu Ihrem eigenen Schutze nöthig seyn möchten.«

Lionel gab eine lebhafte Antwort, und das Gespräch wurde von ihm und Agnes mit einigem Witze fortgeführt, wobei selbst Cäcilie mit Ergötzen zuhörte. Als der Abend weiter vorgeschritten war, erschien Polwarth in geziemendem Anzug und mit einem Gesicht, das für die vorliegende Veranlassung in die gehörigen Falten eines wohlanständigen Ernstes gelegt war. Die Ankunft des Kapitäns erinnerte Lionel, daß es schon spät war und ohne Zögern beeilte er sich, dem Freunde seine Plane mitzutheilen.

Wenige Minuten vor zehn sollte Polwarth die Damen in einem bedeckten Schlitten nach der Kapelle begleiten, welche kaum einen Steinwurf von ihrer Wohnung entfernt war; dort wollte der Bräutigam mit dem Geistlichen bereit seyn, sie zu empfangen. Den Kapitän wegen näherer Auskunft an Meriton verweisend und ohne darauf zu warten, bis der Andere sein Erstaunen über den sonderbaren Plan ausgedrückt, sprach Major Lincoln wenige Worte zarter Ermuthigung zu Cäcilien, schaute nach der Uhr, warf seinen Mantel um, nahm den Hut und ging.

Wir verlassen Polwarth, während er die Bedeutung all' dieser geheimnißvollen Schritte aus der muthwilligen und ergötzten Agnes herauszulocken versucht (Cäcilie hatte sich gleichfalls zurückgezogen) und begleiten den Bräutigam auf seinem Wege nach der Wohnung des Geistlichen.

Major Lincoln fand die Straßen gänzlich verlassen. Die Nacht war nicht finster, denn der Vollmond stand hinter den Wolkenmassen, welche der Sturm in schwarzen, drohenden Schichten vor sich hertrieb, und die einen schönen Kontrast mit der leichten Schneedecke auf den Hügeln und Gebäuden der Stadt bildeten. Manchmal wehte ein Windstoß dünne Schneeschichten von einem Dache und ganze Viertel wurden in Nebel gehüllt, wenn der gefrierende Dunst darüber hinstrich. Zu Zeiten heulte der Wind zwischen den Kaminen und Thürmchen in stetigem dumpfem Brausen und dann gab es wieder Augenblicke, wo die Elemente gebändigt schienen, als hätten sie ihre Wuth erschöpft und als ob der Winter, nachdem er seine Macht gezeigt, dem allmähligen aber unmerklichen Herankommen des Frühlings zu weichen bereit sey. Es lag etwas in dem Charakter der Jahreszeit und jener späten Stunde, was ganz besonders mit dem aufgeregten Temperament des jungen Bräutigams zusammenstimmte. Selbst die Einsamkeit der Straße und das hohle Brausen des Windes, das flüchtige ungewisse Licht des Mondes, welches auf die umgebenden Gegenstände einzelne vorübergehende Strahlen warf und dann wieder von einem schwarzen Schleier wandelnder Wolken verhüllt wurde, dieß Alles trug dazu bei, seine Stimmung um Vieles zu erheitern. Er setzte seinen Weg durch den Schnee mit jener besonderen Art von Freude fort, der wir Alle in Augenblicken wilden, und doch willkommenen Selbstvergessens zu Zeiten uns hingeben. Seine Gedanken schwankten zwischen Betrachtungen über den Zweck dieser Stunde und über das unvorhergesehene Eintreffen von Umständen, welche seinen Plan in ein so romantisch-mystisches Gewand gekleidet hatten. Ein oder zweimal zuckte ein peinlicher, finsterer Gedanke, der mit dem Geheimniß von Mrs. Lechmere's Leben zusammenhing, durch diese freudigen Phantasieen, wurde aber rasch wieder von dem Bilde der Geliebten aus seinem Herzen verscheucht, wenn er sich erinnerte, wie sie mit so edlem Vertrauen, mit so ergebungsvoller Zärtlichkeit seine ferneren Handlungen erwartete.

Da Dr. Liturgy's Wohnung an dem Nordende lag, welches damals eines der fashionablen Stadtviertel war, so sah sich Lionel durch die Entfernung zur Eile genöthigt, um noch pünktlich am bestimmten Orte einzutreffen. Jung, thatkräftig und voll Hoffnung schritt er mit großer Schnelligkeit über das unebene Pflaster hin und bemerkte, als er vor den Geistlichen gelassen wurde, mit Vergnügen an seiner Uhr, daß seine Eile selbst die sprüchwörtliche Geschwindigkeit der Zeit im Laufe überholt hatte.

Der ehrwürdige Herr war in seinem Studierzimmer und erholte sich am warmen Feuer von den anstrengenden Verrichtungen des Tages in dem bequemen Umfang eines weiten Armstuhles; vor sich hatte er einen Krug, der mit einem Gemische von Cider und Ingwer nebst anderen Artikeln, welche Polwarth's Kenntniß in den Gewürzen Ehre gemacht haben würden, gefüllt war. Statt der vollen ehrsamen Perücke trug er ein Sammtkäppchen, die Schuhe, ohne Schnallen, hatten seine Fersen aus ihrer Gefangenschaft befreit, – kurz, die ganze Einrichtung war die eines Mannes, der nach des Tages Last und Mühe die Freuden eines ruhigen Abends zu genießen entschlossen ist. Seine Pfeife, obwohl sie gefüllt auf einem Tischchen neben ihm lag, war nicht angezündet, aus Höflichkeit gegen den Gast, den er noch um diese Stunde erwartete. Da er oberflächlich mit Major Lincoln bekannt war, erschien eine Einführung als unnöthig und die beiden Herrn saßen bald einander gegenüber; der eine sich bemühend, eine Verlegenheit zu bekämpfen, deren er sich vor der Enthüllung seines sonderbaren Begehrens nicht erwehren konnte; der Andere mit nicht geringer Neugierde abwartend, was wohl der Grund seyn könnte, warum ein Parlamentsmitglied und Erbe von zehn Tausenden des Jahrs in so unfreundlicher Nacht sich herausgewagt habe.

Endlich gelang es Lionel, dem erstaunten Priester seine Wünsche verständlich zu machen, worauf er schwieg, um die erwartete Billigung seines Vorschlags zu vernehmen.

Dr. Liturgy hatte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zugehört, als hätte er irgend einen leitenden Faden erhaschen wollen, der ihm das Geheimniß eines so außerordentlichen Schrittes erklären sollte; als der junge Mann geendet hatte, zündete er, sich selbst unbewußt, seine Pfeife an und begann, dichte Rauchwolken von sich zu blasen, wie Einer, welcher fühlt, daß Etwas bevorsteht, was sein Vergnügen zu verkürzen droht und der deßhalb entschlossen ist, seine Zeit so gut als möglich zu nützen.

»Vermählt! In der Kirche vermählt zu werden? und nach dem Abend-Gottesdienst?« murmelte der Schmaucher zwischen den langausgeholten Zügen aus seiner Pfeife – »es ist meine Pflicht – allerdings – Major Lincoln – meine Pfarrkinder zu trauen.«

»In dem gegenwärtigen Falle, Sir, wo ich weiß, daß meine Bitte gegen die Regel verstößt,« unterbrach ihn der ungeduldige Lionel, »darf ich Ihr Interesse bei der Sache nicht vergessen.« Während er sprach, nahm er eine wohlgefüllte Börse aus der Tasche und legte, mit einer Miene zarter Schonung, ein Häufchen Gold neben das silberne Brillenfutteral des Geistlichen, als ob er ihm gleichsam den Unterschied im Werth der beiden Metalle bemerklich machen wollte. Dr. Liturgy machte eine dankende Verbeugung und blies unmerklich den Rauchstrom aus dem entgegengesetzten Mundwinkel, so daß ihm der Anblick der glitzernden Gabe frei blieb. Zu gleicher Zeit erhob er die Ferse des einen Schuhes und warf einen Blick nach dem zugezogenen Fenster, um sich von dem Stande des Wetters zu überzeugen.

»Könnte die Ceremonie nicht im Hause der Mrs. Lechmere verrichtet werden?« fragte er: »Miß Dynevor ist ein zartes Kind und ich fürchte, die kalte Luft der Kapelle möchte ihr nicht zuträglich seyn.«

»Es ist ihr Wunsch, vor den Altar zu treten und Sie fühlen selbst, daß es mir nicht zukömmt, ihrer Entscheidung in einer solchen Sache entgegenzutreten.«

»Eine fromme Neigung allerdings; doch hoffe ich, daß sie den Unterschied zwischen der unsichtbaren und sichtbaren Kirche kennen wird. Die Gesetze in den Kolonien sind zu lax im Punkte der Heirathen, Major Lincoln; auf eine sündliche, gefährliche Weise lax!«

»Da es aber nicht in unserer Macht steht, sie zu ändern, mein guter Herr, wollen Sie mir wohl erlauben, daß ich, unvollkommen wie sie sind, ihre Einrichtung mir zu Nutze mache?«

»Sonder Zweifel – das Taufen, Vermählen und Begraben macht einen Theil meines Amtes aus, und es ist dieß eine Pflicht, welche, wie ich oft sage, der Anfang, das Mittel und das Ende unseres Daseyns in sich begreift. – Aber erlauben Sie mir, Ihnen ein Wenig von meinem Getränk anzubieten, Major Lincoln – wir in Boston nennen's einen ›Samson‹: Sie werden finden, daß der ›Danite‹ einen warmen Begleiter in einer Februarnacht und in einem solchen Klima abgibt.«

»Wenn Stärke die Haupteigenschaft ist, welche in Betracht kommt, so trägt die Mischung diesen Namen nicht mit Unrecht,« erwiederte Lionel, nachdem er sich die Lippen benetzt hatte.

»Ah! Sie nehmen's nach dem Schooße der Delilah – doch es ziemt sich nicht für Einen in meinem Gewande, mich mit jener Buhlerin abzugeben.«

Er belachte seinen eigenen Witz und lieh seinem Glase eine mehr geistige als geistliche Zuthat, indem er fortfuhr:

»Wir unterscheiden ›Samson ohne Haar‹ und ›Samson mit dem Haar‹ und ich halte mich für den Rechtgläubigeren, indem ich den Mann der Stärke in seiner ursprünglichen Schönheit vorziehe. Ich bringe es Ihnen, Major Lincoln; möge die Mitte Ihrer Tage Ihnen so viel Glück bieten, als die reizende junge Dame, welche Sie jetzt zu heirathen im Begriffe sind, Ihnen nur immer zu schaffen im Stande ist; und möge Ihr Ende, Sir, das eines guten Christen und eines getreuen Unterthanen seyn!«

Lionel, der dieses Kompliment für ein Zeichen seines Erfolges nahm, erhob sich jetzt und sprach noch wenige Worte über ihr Zusammentreffen in der Kirche. Der Geistliche, der offenbar keine große Lust zu der Handlung hatte, machte allerlei kleine Einwendungen gegen das ganze Verfahren, welche aber bald durch die Gründe des Bräutigams beschwichtigt waren. Zuletzt war jeder Einwurf glücklich aus dem Wege geräumt, einen einzigen ausgenommen und diesen erklärte der epikuräische Pfarrherr standhaft für ein sehr ernstes Hinderniß ihres ganzen Vorhabens. Man hatte die Feuer in der Kirche ausgehen lassen und sein Küster war an diesem nämlichen Abend von seiner Seite aus der Kapelle hinweggetragen worden, behaftet mit allen Zeichen jener schrecklichen Pestilenz, welche damals an dem Platze wüthete und durch ihre Gefahr die Schrecken und Entbehrungen der Belagerung noch erhöhte.

»Ein offenbarer Fall von Blattern, ich versichere Sie, Major Lincoln,« fuhr er fort; »und ohne Zweifel durch einige Abgesandte der gottverfluchten Rebellen in die Stadt gebracht.«

»Ich habe gehört, daß jede der beiden Partheien die andere anklagt, ihre Zuflucht zu solchen unverzeihlichen Mitteln der Drangsal genommen zu haben,« antwortete Lionel; »doch da ich unsern eigenen Anführer über solche Schlechtigkeit erhaben weiß, so kann ich mich auch nicht entschließen, einen andern Mann ohne Beweise eines solchen Verbrechens zu beschuldigen.«

»Viel zu mild, Sir – viel zu mild! Doch mag die Krankheit kommen, woher sie will, ich fürchte, mein Küster wird ihr als Opfer fallen.«

»Ich will die Aufgabe, das Feuer wieder anzufachen, auf mich nehmen,« sagte Lionel; »die Asche muß noch in den Oefen glühen und wir haben ja noch eine Stunde vor uns.«

Der Mann der Kirche war viel zu gewissenhaft, um das Gold zurückzubehalten, ohne vollen Anspruch auf seinen Besitz erlangt zu haben, und hatte sich schon längst zur Nachgiebigkeit entschlossen, so sehr auch insgeheim sein Fleisch sich dagegen sträubte; so war ihr Plan denn bald vollendet und Lionel beurlaubte sich, nachdem er zuvor noch den Kirchenschlüssel zur Hand genommen hatte.

Als Major Lincoln wieder auf die Straße kam, ging er eine Strecke weit geradeaus in der Richtung der Kapelle; er blickte ängstlich auf den verlassenen Gassen umher, ob er nicht etwa einen unbeschäftigten Soldaten entdecken könnte, der die Verrichtungen des abwesenden Küsters besorgen sollte. Er ging ziemlich lange vergebens, denn Alles, was Leben hatte, schien in die Häuser eingeschlossen, selbst die Zahl der Lichter an den Fenstern begann auf eine Art sich zu vermindern, woraus man sehen konnte, daß die Stunde der Ruhe gekommen war. Am Eingang nach dem Dock-Square hielt er still, ungewiß, wo er sich nach Beistand umsehen sollte – da entdeckte er endlich die Gestalt eines Menschen, der an den Thurmwänden des alten schon oft erwähnten Waarenhauses hinkroch. Ohne einen Augenblick zu zögern, näherte er sich dem Orte, wo er die Gestalt bemerkte; diese rührte sich nicht von der Stelle, und gab auch sonst kein Zeichen von sich, als ob sie seine Nähe beachte. Trotz des trüben Mondlichtes war es doch so hell, daß ihm der hohe Grad von Elend, worin der Gegenstand vor ihm zu schmachten schien, auffallen mußte. Das zerrissene dünne Gewand verrieth hinlänglich den Grund, warum der Unbekannte hinter einer Mauerecke vor den schneidenden Winden Schutz suchte, während seine körperlichen Entbehrungen an der gierigen Hast zu erkennen waren, womit er an einem Beine nagte, das wohl, trotz der in der Garnison herrschenden äußersten Theurung an dem Tische des niedersten Privatmannes weggeworfen worden wäre. Bei dem plötzlichen Anblick so herben menschlichen Leidens vergaß Lionel sein gegenwärtiges Vorhaben, und sprach mit freundlicher Stimme zu dem unglücklichen Wesen:

»Ihr habt da einen kalten Ort, um Euer Nachtessen einzunehmen, und wie mir scheint, auch ein kärgliches Mahl.«

Ohne im Kauen seiner erbärmlichen Nahrung einzuhalten oder auch nur seine Augen zu erheben, antwortete der Andere:

»Der König konnte den Hafen schließen und die Schiffe daraus entfernen; aber er hat nicht die Macht, kaltes Wetter im Monat März von Boston fern zu halten.«

»So wahr ich lebe, Job Pray! Komm mit mir, Junge; ich will Dir ein besseres Mahl geben und einen wärmeren Platz, es zu genießen – aber erst sage mir: kannst Du uns eine Laterne und ein Licht von Deiner Mutter verschaffen?«

»Ihr könnt heute Abend nicht in's Waarenhaus,« antwortete der Junge bestimmt.

»Und gibt's denn keinen andern Ort, wo solche Dinge zu kaufen wären?«

»Dort hat man sie feil,« sagte Job und wies auf ein niederes Gebäude an der entgegengesetzten Seite des Platzes, durch dessen eines Fenster ein schwaches Licht flimmerte.

»So nimm dieß Geld und kauf' sie für mich ohne Zögern.«

Job zauderte mit schlechtverhehltem Widerwillen.

»Geh, Bursche; ich bedarf beides im Augenblick und was Du von dem Gelde herausbekommst, kannst Du als Belohnung für Dich behalten.«

Der Junge zeigte sich nicht länger abgeneigt, zu gehen, sondern antwortete für einen Menschen von seinem schwachen Geist mit großer Behendigkeit.

»Job will gehen, wenn Ihr ihn von dem übrigen Gelde etwas Speise für Nab kaufen lassen wollt.«

»Gewiß, kauf' davon, was Du willst, und überdieß verspreche ich Dir, daß weder Du noch Deine Mutter an Nahrung oder Kleidung je wieder Mangel leiden sollt.«

»Job ist hungrig,« sagte der Simpel; »doch sie sagen, Hunger nage an einem jungen Magen nicht so heftig als an einem alten. Glaubt Ihr, der König wisse, was das heißt, hungrig seyn und frieren?«

»Ich weiß nicht, Bursche – aber recht gut weiß ich, daß wenn ein Leidender, wie Du, vor ihn hinträte, sein Herz ihn drängen würde, ihm zu helfen. Geh', geh'; kaufe Dir auch etwas zu essen, wenn sie dort dergleichen haben.«

In wenigen Minuten sah Lionel den Simpel mit der verlangten Laterne aus dem Hause herauskommen, in welches er auf seinen Befehl gerannt war.

»Hast Du etwas zu essen bekommen?« fragte Lionel und winkte Job, mit seinem Lichte voranzugehen. »Ich hoffe, Du hast in Deiner Eile, mir zu dienen, Dich selbst nicht ganz vergessen.«

»Job hofft, er hat die Pestilenz nicht geerbt,« erwiederte der Bursche, indem er zu gleicher Zeit gierig ein kleines Stückchen Brod verschlang.

»Was geerbt? was hoffst Du nicht geerbt zu haben?«

»Die Pestilenz – sie sind voll von der bösen Krankheit in jenem Hause.«

»Meinst Du die Blattern?«

»Ja; einige nennen's die Blattern, andere heißen's das böse Uebel und noch andere die Pestilenz. Der König kann den Handel ausschließen, aber nicht eben so die Kälte und die Pestilenz von Boston abhalten – doch wenn das Volk die Stadt wieder einnimmt, dann wird es schon wissen, was man damit zu thun hat – man wird sie alle in die Pesthäuser schicken!«

»Ich hoffe, ich habe Dich nicht unwissend einer Gefahr ausgesetzt, Job! – es wäre besser gewesen, wenn ich selbst gegangen wäre, denn ich bin in meiner Kindheit gegen die schreckliche Krankheit inoculirt worden.«

Job hatte durch die Besorgniß, die er vor der Gefahr geäußert, bereits den Vorrath seines schwachen Verstandes an diesem Gegenstande erschöpft, und gab keine Antwort, sondern ging immer weiter über den Platz hin, bis sie dessen Ende erreichten, wo er sich umwandte und fragte, welchen Weg er einschlagen sollte.

»Nach der Kirche,« sagte Lionel, »und rasch vorwärts, Bursche.«

Als sie Cornhill betraten, traf sie die volle Wuth des Sturms, in welchem Major Lincoln, den Kopf gesenkt und den Mantel fest um sich geschlagen, dem Lichte folgte, das auf dem Pflaster vor ihm hinschwebte. Durch diese Einhüllung gewissermaßen von der Welt ausgeschlossen, kehrten seine Gedanken wieder zu ihrem früheren Gegenstande zurück und in wenigen Minuten hatte er vergessen, wo er war und wem er folgte. Aus dieser Zerstreuung wurde er bald durch die Bemerkung aufgeweckt, daß er einige Stufen hinabzusteigen hatte, worauf er, in der Meinung, er habe den Ort seiner Bestimmung erreicht, das Haupt erhob, und seinem Führer gedankenlos in den Thurm eines weitläufigen Gebäudes folgte. Doch auf einmal merkte er an der Verschiedenheit in der Bauart zwischen diesem Gebäude und der Königs-Kapelle, daß hier ein Irrthum obwalten müsse; er fing an, den Jungen über seine Thorheit zu schelten und fragte ihn, warum er ihn hierher gebracht habe.

»Das ist, was Ihr eine Kirche nennt,« sagte Job, »ich heiße es ein Versammlungshaus. – Es ist kein Wunder, daß Ihr den Ort nicht kennt – denn was das Volk als einen Tempel aufgebaut, hat der König in einen Stall verwandelt!«

»In einen Stall!« rief Lionel. – Einem starken Pferdegeruche folgend ging er vorwärts und öffnete die innere Thüre, worauf er sich plötzlich zu seinem nicht geringen Erstaunen in eine Halle versetzt sah, welche zu einer Reitschule hergerichtet zu seyn schien. Weder der Platz, noch dessen Bestimmung war zu verkennen. Die nackten Gallerien und viele der ursprünglichen Verzierungen standen noch, aber die Einrichtungen unten waren zerstört und statt derselben war der Boden zur Bequemlichkeit für die Uebungen der Reiter mit Erde bedeckt. Die Entheiligung des Ortes verletzte gerade jetzt seine Gefühle am meisten, während er auf dem Boden stand, wo er sich erinnerte, die ernsten, frommen Kolonisten so oft in Menge zum Gottesdienst versammelt gesehen zu haben. Er nahm Job die Laterne aus der Hand und eilte in einer Verstimmung aus dem Gebäude, welche selbst der achtlose Simpel leicht bemerken konnte. Als er die Straße erreichte, fielen seine Augen auf die Lichter und die stille Würde des Provinzhauses und so mußte er noch daran erinnert werden, daß diese muthwillige Verhöhnung der Gefühle der Kolonisten gerade unter den Fenstern des Statthalters vorgenommen worden war.

»Thoren, ihr Thoren!« murmelte er bitter vor sich hin: »statt wie Männer drein zu schlagen, habt ihr wie Kinder gespielt und habt eure Mannhaftigkeit und selbst euren Gott vergessen, um einer thörichten Grille nachzugeben!«

»Und nun verhungern diese nämlichen Pferde aus Mangel an Heu: so trifft sie das Gericht!« sagte Job, der an der Seite des Andern hinschwankte. – »Sie hätten besser gethan, selbst in die Versammlung zu gehen und die Auslegung des Worts mit anzuhören, als unvernünftige Thiere in ihrem Hohn an einen Ort zu bringen, welchen der Herr so oft zu besuchen pflegte!«

»Sage mir, Junge, welcher andern Handlungen der Thorheit und des Wahnsinns hat die Armee sich schuldig gemacht?«

»Was! habt Ihr nicht gehört vom alten Nord? Sie haben den größten Tempel in der Bai in Brennholz verwandelt! Wenn sie den Muth hätten, sie würden die gottlose Hand selbst an den Funnel legen!«

Lionel gab keine Antwort. Er hatte gehört, daß der Mangel in der Garnison, durch die rastlose Thätigkeit der Amerikaner noch gesteigert, diese genöthigt hatte, manche Häuser, so wie auch die genannte Kirche als Brennholz zu verwenden. Er sah in der Handlung nichts weiter als ein gewöhnliches Hülfsmittel bei der allgemeinen Noth des Soldaten. In ihr war nichts von jener achtlosen Verhöhnung der Volksgefühle, welche man durch die obenerwähnte Entweihung der ehrwürdigen Wände des Schwestergebäudes an den Tag gelegt hatte, welches durch ganz Neu-England mit einer gewissen Verehrung als der ›Alte Süd‹ bekannt war. Düster setzte er seinen Weg durch die stillen Straßen fort, bis er den begünstigteren Tempel erreicht hatte, in welchem der Ritus der englischen Kirche beobachtet wurde, und dessen Dach durch den zufälligen Umstand, daß es den Titel ihres irdischen Monarchen trug, in den Augen der Truppen doppelte Heiligkeit gewann.

 

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