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Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston

James Fenimore Cooper: Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleLionel Lincoln oder die Belagerung von Boston
publisherVerlag von S. G. Liesching
printrunZweite Auflage
year1851
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150324
modified20170303
projectid025dd028
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Zwanzigstes Kapitel.

Hinweg! Lass' Nichts die Liebe trüben,
O Winifrida! fort mit Sorgen!
Nichts störe Dir den sel'gen Frieden,
Nicht Stolz von heut, nicht Furcht auf morgen!

Anonymus.    

 

Ein Glück vielleicht für die Ruhe aller Betheiligten war es, daß während der Zeit ihres sich erschließenden Vertrauens die Person der Mrs. Lechmere nicht zwischen das glänzende Bild voll Reinheit und Glück, das Cäcilie in jeder Miene und Handlung darbot, und zwischen das Auge ihres Liebhabers trat. Das besondere und einigermaßen sich widersprechende Interesse, welches diese Dame so oft bei allen Schritten ihres jungen Verwandten verrathen hatte, war nicht länger sichtbar, um seinen schlummernden Verdacht zu erwecken. Selbst jene unerklärlichen Scenen, in welche seine Tante auf so auffallende Weise verwickelt gewesen war, blieben bei der zunehmenden Neigung für ihre Enkelin vergessen; und traten sie ihm auch vor's Gedächtniß, so konnten sie höchstens, wie etwa eine lichte Wolke ihren vorüberziehenden Schatten über eine heitere, lachende Landschaft wirft, die lieblichen Gemälde seiner Phantasie beschatten. Nebst diesen sehr natürlichen Hülfsmächten – der Liebe und Hoffnung – hatte Mrs. Lechmere's Sache noch einen weiteren sehr mächtigen Helfer in Lionel's Herzen gefunden, und zwar durch einen Zufall, der sie für lange Zeit nicht nur in ihr Zimmer gebannt, sondern sogar auf's Krankenlager geworfen hatte.

An dem Tage, als Major Lincoln jene kritische Operation bestand, hatte seine Tante, wie man wußte, das Resultat derselben mit inniger Besorgnis erwartet. Sobald ihr die glückliche Beendigung berichtet worden, eilte sie mit so unvorsichtiger Hastigkeit auf sein Zimmer, daß bei der allgemeinen Gebrechlichkeit ihrer Jahre ein hinzugetretener Zufall ihr beinahe das Leben gekostet hätte. Ihr Fuß verwickelte sich, als sie die Treppe hinaufeilte, in ihre Schleppe und da sie den warnenden Zuruf von Agnes Danforth in einer Art achtloser Heftigkeit nicht beachtete, mit der sie schon öfter die anstandsvolle Förmlichkeit ihres Wesens verläugnet hatte, that sie in Folge dessen einen Fall, der sich sogar bei einer viel jüngeren Frau als verderblich hätte erweisen können. Die Verletzung welche sie davontrug, war schwer und innerlich; die Entzündung, wenn auch nicht gefährlich, hielt doch lange genug an, um die Besorgnisse ihrer Angehörigen zu erwecken. Doch wurden die Symptome allmählig schwächer und ihre Genesung stand nicht länger in Frage.

Da Lionel dieß Alles aus Cäcilien's Munde vernahm, so kann der Leser sich leicht denken, daß die Wirkung, welche durch das Interesse hervorgebracht wurde, welches die Tante für sein Wohlbefinden an den Tag gelegt hatte, durch die Quelle nicht vermindert wurde, aus der er diese Kenntnis schöpfte. Obgleich übrigens Cäcilie diesen so besonderen Beweis von Mrs. Lechmere's Anhänglichkeit an ihren Neffen mit vielem Ernste hervorhob, war es Lionel dennoch nicht entgangen, daß ihr Name in ihren häufigen Unterredungen nur selten und nie anders als mit ängstlichem Zartgefühl von Seiten seiner Freundin erwähnt wurde, welche in diesem Punkte äußerst empfindlich schien. Als jedoch bei ihrem stündlichen Zusammenseyn das Vertrauen auf ihrer Seite allmählig wuchs, begann er den Schleier, den weibliche Zurückhaltung über ihre innersten Gefühle gezogen hatte, leise zu lüften und durfte nun frei und ungehindert in einem Herzen lesen, dessen Unschuld und Wahrheit selbst eine schwierigere Untersuchung belohnt haben würde.

Als die Gesellschaft aus der Kirche zurückkehrte, eilten Cäcilie und Agnes unverzüglich auf das Zimmer der Kranken und ließen Lionel in dem kleinen getäfelten Besuchzimmer ganz allein, da Polwarth mit Hülfe des Renners nach seiner eigenen Wohnung sich verfügt hatte. Der junge Mann schritt, in tiefen Gedanken über die Scene, die er vor der Kirche mit angesehen hatte, einige Minuten lang im Zimmer auf und ab; dann und wann warf er dabei einen leeren Blick auf die phantastischen Verzierungen der Wände, unter denen die Hauptfigur seines eigenen Wappenschildes so häufig und in so rühmlicher Nachbarschaft zu sehen war. Endlich hörte er leichte Fußtritte nahen, die nun seinem Ohr zu vertraut geworden waren, um mißverstanden zu werden, und im nächsten Augenblick stand Miß Dynevor vor ihm.

»Mrs. Lechmere!« sagte er, indem er sie zu einem der Ruhebetten führte und sich an ihrer Seite niederließ; »Sie fanden sie besser, wie ich hoffe?«

»So wohl, daß sie heute Morgen eine Zusammenkunft mit Ihrem eigenen furchtbaren Selbst zu wagen beabsichtigt. In der That, Lionel, Sie haben allen Grund, für den innigen Antheil, den meine Großmutter an Ihrem Wohlergehen nimmt, dankbar zu seyn! So krank sie auch war, so haben doch ihre Nachfragen nach Ihrem Befinden niemals aufgehört und ich habe selbst gesehen, wie sie dem Arzte jede Antwort auf die Fragen über ihren eigenen kritischen Zustand verweigerte, bis er sie in ihrer Besorgniß um Sie beruhigt hatte.«

Während Cäcilie also sprach, traten ihr Thränen in die Augen und tiefere Röthe bedeckte ihre Züge.

»So sind Sie es demnach, der ich einen großen Theil meines Dankes schulde,« antwortete Lionel; »denn indem Sie mir erlaubten, mein Geschick mit dem Ihrigen zu verbinden, erhalte ich neuen Werth in Mrs. Lechmere's Augen. Haben Sie Ihre Großmutter mit dem ganzen Umfang meiner Vermessenheit bekannt gemacht? Sie weiß von unserem Bunde?«

»Konnte ich anders? So lange Ihr Leben in Gefahr war, hielt ich die Aeußerung meiner Theilnahme an Ihrer Lage in meiner eigenen Brust zurück; als wir uns aber der freudigen Hoffnung auf Ihre Genesung hingeben durften, übergab ich Ihren Brief den Händen meiner mir von der Natur bestellten Rathgeberin, und habe den Trost, zu wissen, daß ich ihre Billigung erhalte für meine – wie soll ich's nennen, Lionel? – würde nicht Thorheit das richtigere Wort seyn?«

»Nennen Sie es, wie Sie wollen, so lange Sie es nicht verläugnen. Ich habe bis jetzt aus zarter Rücksicht für ihre Lage unterlassen, die Absichten der Mrs. Lechmere zu erforschen; aber darf ich mir schmeicheln, Cäcilie, daß sie mich nicht abweisen wird?«

Das Blut schoß stürmisch über das schöne Antlitz der Miß Dynevor und bedeckte sogar Schläfe und Stirne mit seiner gesunden Röthe; doch bald war es verschwunden und Blässe zog über die zarten Wangen, während sie einen Blick des Vorwurfs auf ihren Geliebten richtete und ruhig, doch mit einem leisen Zeichen der Unzufriedenheit antwortete:

»Es mag das Unglück meiner Großmutter gewesen seyn, daß sie das Haupt ihrer eigenen Familie mit zu parteiischen Augen ansah; aber wenn dem so war, so sollte wenigstens nicht Mißtrauen der Lohn dafür seyn. Die Schwäche ist, ich darf wohl sagen, sehr natürlich, wenn auch nichts desto weniger eine Schwäche!«

Zum ersten Mal begriff Lionel die Ursache jenes veränderlichen Wesens, womit Cäcilie im Anfange seine Aufmerksamkeiten aufgenommen hatte, bis ihre Empfindlichkeit durch den Antheil an seiner Person beruhigt worden war. Ohne jedoch auch nur die leiseste Spur solchen Mitwissens zu verrathen, antwortete er:

»Dankbarkeit verdient keinen so abschreckenden Namen wie – Mißtrauen; auch erlaubt mir meine Eitelkeit nicht, Parteilichkeit zu meinen Gunsten – Schwäche zu nennen.«

»Das Wort ist ganz gut und richtig gewählt, wenn wir es auf die arme menschliche Natur anwenden,« sprach Cäcilie und lächelte wieder; »und Sie werden es vielleicht verzeihen, wenn Sie sich erinnern, daß unsere Schwächen zuweilen erblich sind.«

»Ich verzeihe Ihren ungütigen Verdacht wegen dieses edlen Geständnisses. Aber ich darf mich nun ohne Zaudern an Ihre Großmutter um ihre Einwilligung zu unserer augenblicklichen Verbindung wenden?«

»Sie werden wohl Ihr Hochzeitlied nicht in einer Zeit gesungen haben wollen, wo Sie im nächsten Augenblick vielleicht der Leichenrede eines Freundes anwohnen müßten?«

»Gerade der Grund, Cäcilie, den Sie gegen unsere unverweilte Trauung vorbringen, bestimmt mich, darauf zu dringen. So wie die Jahreszeit vorrückt, muß dieses Kriegsspiel enden. Howe wird entweder seine Bande durchbrechen und die Amerikaner von den Hügeln zurückzutreiben, oder sich einen andern Punkt zur thätigeren Kriegführung auswählen. In beiden Fällen bleiben Sie in einem zerrissenen und getheilten Lande zurück, in einem für Ihre Sicherheit zu zarten Alter, berufen, eher die Beschützerin, als der Pflegling Ihrer hülflosen Anverwandten zu seyn. Sicherlich werden Sie nicht zaudern, Cäcilie, meinen Schutz in einer solchen Zeit anzunehmen, und meine Bitte eben so sehr aus zarter Rücksicht für Sie selbst, wie für meine eigenen Gefühle zu erfüllen?«

»Fahren Sie fort,« antwortete sie; »ich bewundere Ihre Gewandtheit, wenn ich gleich Ihrer Beweisführung nicht huldigen kann. Doch glaube ich erstlich nicht, daß Ihr General die Amerikaner so leicht von ihren Posten vertreiben wird; denn nach einer sehr einfachen Progression, die selbst ich verstehe, werden Sie finden, wenn ein Hügel so viele hundert Menschen kostet, daß dann der Kauf des Ganzen zu theuer kommen würde – nein, Lionel, blicken Sie nicht so ernsthaft, ich flehe Sie darum! Gewiß, gewiß, Sie glauben nicht, daß ich leichtsinnig von einer Schlacht sprechen könnte, die Sie beinahe das Leben, und – und – mein Glück gekostet hätte.«

»Fahren Sie fort,« rief Lionel, und augenblicklich die Wolke von seiner Stirne verscheuchend, lächelte er zärtlich auf das liebliche Wesen herab; »ich bewundere Ihre Kasuistik und ehre Ihr Gefühl, kann aber ebenfalls Ihren Beweis bestreiten.«

Durch sein Benehmen wieder beruhigt, fuhr sie nach einem Augenblick der tiefsten Bewegung weiter fort:

»Aber denken wir uns auch, die Hügel seyen insgesammt erobert und der amerikanische General Washington, der, wenn auch Nichts als ein Rebell, jedenfalls ein sehr achtungswerther Mann ist, sey mit seinem Heere in das Land zurückgetrieben, so hoffe ich doch: dieß Alles wird wohl ohne den Beistand der Weiber geschehen können! Oder sollte Howe, worauf Sie hindeuten, seine Streitkräfte zurückziehen, wird er nicht die Stadt hinter sich lassen? In beiden Fällen würde ich ruhig da bleiben, wo ich bin; sicher in einer brittischen Garnison, oder noch sicherer unter meinen Landsleuten.«

»Cäcilie, Sie kennen eben so wenig die Gefahren, wie die rohe Gesetzlosigkeit des Kriegs! Wenn Howe den Platz auch räumen sollte, so würde es, glauben Sie mir, doch nur auf kurze Zeit geschehen; denn die Minister werden nie eine Stadt, welche wie diese so lange ihrer Macht getrotzt hat, an Männer überlassen, die sich gegen ihren gesetzmäßigen Fürsten in Waffen erhoben haben.«

»Sie haben sonderbarer Weise die letzten sechs Monate vergessen, Lionel, sonst würden Sie mich nicht der Unbekanntschaft mit dem Elend beschuldigen, das der Krieg über uns verhängen kann.« –

»Tausend Dank für das freundliche Geständniß, wie für diesen Wink, theuerste Cäcilie,« sagte der junge Mann, indem er mit der ganzen Beständigkeit, wie nicht minder mit aller Bereitwilligkeit eines Verliebten den Grund seines Beweises aufgab; »Sie haben mir Ihre Gefühle gestanden und würden sich nicht weigern, sie wieder zu gestehen?«

»Sicher nicht vor Jemand, dessen Selbstachtung ihn bewegen muß, der Schwäche zu vergessen; aber vielleicht würde ich Anstand nehmen, etwas so Thörichtes vor der Welt zu thun!«

»So will ich's Ihnen denn noch einmal an's Herz legen,« fuhr er fort, ohne die Koketterie zu beachten, welche sie affektirt hatte. »Glauben wir auch das Beste, so werden Sie zugeben, daß eine zweite Schlacht kein unerwarteter Vorfall wäre?«

Cäcilie schaute ihm mit ängstlichem Blick in's Gesicht, und schwieg.

»Wir Beide wissen, wenigstens weiß ich aus trauriger Erfahrung, daß ich nichts weniger als unverwundbar bin. Nun antworten Sie mir, Cäcilie – nicht als ein Weib, das mit sich kämpft, um den Stolz ihres Geschlechts aufrecht zu erhalten, sondern als das edle Wesen voll Herzlichkeit, wie ich Sie kenne – sollten die Begebenheiten der letzten sechs Monate sich wiederholen, was möchten Sie lieber? – sie abermals durchleben als meine heimlich Verlobte, oder nicht viel mehr als meine anerkannte Gattin, die nicht zu erröthen braucht, ihre Zärtlichkeit vor aller Welt zu zeigen?«

Miß Dynevor mußte erst die schweren Tropfen, die während dieser Worte an ihren dunkeln Wimpern hingen, von den zitternden Fransen abschütteln, welche ihre Augen verhüllten, ehe sie wieder zu ihm emporblicken konnte.

»Glauben Sie denn nicht, daß ich, so lange ich mich Ihnen verlobt wußte, schon genug erduldet habe; halten Sie noch engere Bande für nothwendig, um das Maaß meiner Leiden vollzufüllen?«

»Ich kann Ihnen nicht so, wie ich wollte, für diese schmeichelhaften Thränen danken, bevor nicht die Frage klar beantwortet ist.«

»Ist das auch edelmüthig, Lincoln?«

»Vielleicht nicht auf den ersten Schein, aber der That nach gewiß. Glauben Sie mir, Cäcilie, ich wünsche eben so sehr Sie vor einer rauhen Berührung der Welt zu wahren und zu schützen, als ich mein eigenes Glück in diesem Schritte suche!«

Miß Dynevor war nicht allein verwirrt, sondern auch betäubt; doch sagte sie mit leiser Stimme:

»Sie vergessen, Major Lincoln, daß ich Jemand zu befragen habe, ohne deren Zustimmung ich nichts versprechen kann.«

»So wollen Sie die Frage also der Weisheit Ihrer Tante anheimstellen? Sollte Mrs. Lechmere unsere unverzügliche Verbindung billigen, darf ich ihr dann sagen, daß ich von Ihnen bevollmächtigt bin, sie darum zu bitten?«

Cäcilie sagte Nichts; aber durch ihre Thränen lächelnd, überließ sie Lincoln ihre Hand mit so viel Zärtlichkeit, daß selbst ein weit weniger sanguinischer Mann keinen Anstand genommen haben würde, dieses Zeichen als eine Einwilligung auszulegen.

»So kommen Sie denn,« rief er, »lassen Sie uns auf Mrs. Lechmere's Zimmer eilen; sagten Sie nicht, sie erwarte mich?« Sie ließ ihn ihren Arm in den seinigen legen und sich von ihm aus dem Zimmer führen. Trotz der belebenden Hoffnung, womit Lionel seine Geliebte durch die Gänge des Hauses geleitete, nahte er doch Mrs. Lechmere's Gemach nicht ohne ein inneres Widerstreben. Er konnte unmöglich all' die Vorfälle, denen er noch vor gar nicht langer Zeit als Zeuge angewohnt hatte, gänzlich vergessen und den schwarzen Verdacht, der einmal in seinem Innern erwacht war, völlig aus seiner Brust verbannen. Sein jetziger Zweck jedoch drängte ihn vorwärts, und ein Blick auf das zitternde Wesen, das nun gänzlich auf ihn als seinen Beistand sich stützte, scheuchte jede Betrachtung, in der sie nicht die Hauptperson bildete, aus seiner Seele.

Das schwache Aussehen der Kranken, so wie die plötzliche Erinnerung, daß sie in Folge ihrer Angst um ihn so viel gelitten hatte, half indessen der Sache seiner Tante in so weit wieder auf, daß der junge Mann ihr nicht nur mit Herzlichkeit, sondern selbst mit einer an Dankbarkeit gränzenden Empfindung begegnete.

Mrs. Lechmere's Unpäßlichkeit hatte jetzt schon mehre Wochen gedauert, und ihre Züge, alt und eingefallen, wie sie schon durch den allgemeinen Nachlaß der Natur geworden waren, trugen noch überdieß starke Spuren von der Heftigkeit ihrer neulichen Krankheit. Ihr Gesicht hatte zudem, daß es bleicher und abgezehrter als gewöhnlich war, auch noch jenen ängstlichen Ausdruck ausgenommen, den schweres und langwieriges körperliches Leiden so oft auf dem menschlichen Antlitz zurückläßt. Ihre Stirne war jedoch mild und heiter, nur zuweilen war auf Augenblicke ein leichtes, unwillkührliches Zucken der Muskeln zu bemerken, welches verrieth, daß, wenn die Schmerzen auch im Allgemeinen vorüber waren, sie doch manchmal auf kurze Zeit wiederkehrten, um sie an ihre Krankheit zu mahnen. Sie empfing die Besuchenden mit einem Lächeln, das sanfter und einnehmender als gewöhnlich war, und durch die bleichen, sorgenvollen Züge noch eindrucksvoller wurde.

»Es ist gütig von dem Kranken, Cousin Lionel,« fing sie an, während sie ihrem jungen Verwandten die welke Hand darreichte, »daß er kommt, um den Gesunden zu besuchen; ich sage den Gesunden, denn nachdem wir so lange das Schlimmste für Sie gefürchtet, kann ich nicht zugeben, daß neben Ihren ernsthafteren Wunden meiner geringen Verletzung erwähnt werde.«

»Möchten Sie sich, Madame, doch eben so glücklich, wie ich, von den Folgen erholt haben,« erwiederte Lionel und nahm ihre Hand, die er mit vieler Wärme drückte. »Ich werde nie vergessen, daß Sie Ihre Krankheit der Angst um mich verdanken.«

»Lassen wir das, Sir; es ist ja natürlich, daß wir für Diejenigen uns ängstigen, welche wir lieben. Ich habe es erlebt, Sie wieder wohl zu sehen, und so Gott will, werde ich noch so lange leben, bis diese verruchte Rebellion überwältigt seyn wird.« Sie hielt inne und, einen Augenblick das junge Paar anlächelnd, das sich ihrem Bette genähert hatte, fuhr sie fort: »Cäcilie hat mir Alles gesagt, Major Lincoln.«

»Nein, nicht Alles, theure Madame,« fiel Lionel ein; »ich habe noch etwas beizufügen und gleich zum Anfang will ich gestehen, daß es ganz von Ihrer Milde und Weisheit abhängt, meine Vermessenheit zu unterstützen.«

»Vermessenheit ist ein unpassendes Wort, Cousin Lionel; wo vollkommene Gleichheit in Geburt, Erziehung und Vorzügen, und – wenn wir die Geschlechtsverschiedenheit beachten, könnte man sogar sagen – in Vermögen Statt findet, da mag sich solche wohl zu Ansprüchen erheben, und Vermessenheit ist in diesem Falle ein zu zweideutiges Wort. Cäcilie, mein Kind, gehe in mein Bibliothekzimmer; in dem kleinen geheimen Schiebfach meines Schreibtisches wirst Du ein Papier mit Deinem Namen finden; lies es, meine Liebe, und bringe es hierher.«

Sie deutete auf einen Sitz für Lionel, und als die Thüre hinter Cäcilie sich geschlossen hatte, nahm sie die Unterhaltung wieder auf.

»Da wir im Begriff stehen, von Geschäften zu reden, kann das verwirrte Mädchen eben so gut wegbleiben, Major Lincoln. Worin besteht die besondere Gunst, welche ich Ihrer Bitte gewähren könnte?«

»Wie jeder andere dreiste Bettler, dem Ihre Güte bereits in vollem Maaße zu Theil geworden, komme ich, mir das unverzügliche Geschenk des letzten und größten Pfandes, das Sie verleihen können, von Ihnen zu erbitten.«

»Meine Enkelin? Es bedarf keiner unnöthigen Zurückhaltung zwischen uns, Cousin Lionel, denn sie werden sich erinnern, daß auch ich eine Lincoln bin. Lassen Sie uns denn frei sprechen, wie zwei Freunde, die beisammen sind, um über eine Sache zu reden, welche beiden gleich sehr am Herzen liegt.«

»Dieß ist mein ernstlicher Wunsch. – Ich habe gegen Miß Dynevor die Gefahr der Zeiten und die kritische Lage des Landes geltend gemacht, – zwei Umstände, in welchen ich die dringendsten Gründe für unsere unverzügliche Verbindung gefunden habe.«

»Und Cäcilie –«

»War, wie sie immer ist – gütig, doch ihrer Pflicht eingedenk. Sie verweist mich ganz auf Ihre Entscheidung, von der sie sich allein leiten lassen will.«

Mrs. Lechmere gab nicht sogleich eine Erwiederung, aber ihre Züge verriethen den inneren Kampf ihrer Seele. Es war offenbar nicht Unzufriedenheit, was sie zu zaudern veranlaßte, denn ihr hohles Auge leuchtete von einem Strahl der Zufriedenheit, der nicht verkannt werden konnte; eben so wenig war es Ungewißheit, da ihr ganzes Antlitz eher eine nicht zu bemeisternde Bewegung, wie sie die plötzliche Erfüllung lang gehegter Wünsche verursacht, – als irgend einen Zweifel an der Klugheit derselben zu verrathen schien. Allmählich legte sich ihre Aufregung, und so wie ihre Gefühle wieder ruhiger wurden, füllten sich ihre starren Augen mit Thränen, und als sie sprach, lag eine Sanftheit in dem Zittern ihrer Stimme, wie Lionel sie nie zuvor an ihr bemerkt hatte.

»Sie ist ein gutes und folgsames Kind, meine einzige, meine gehorsame Cäcilie! Sie wird Ihnen keinen Reichthum bringen, Major Lincoln, der bei Ihren Schätzen in Anschlag käme, auch keinen stolzen Titel zur Vermehrung des Glanzes Ihres eigenen verehrten Namens; aber sie wird Ihnen bringen, was eben so gut, wenn nicht besser ist,– ja, ich bin gewiß, es muß besser seyn – ein reines, tugendhaftes Herz, das kein Falsch kennt!«

»Tausend und tausend Mal schätzenswerther in meinen Augen, meine würdige Tante!« rief Lionel, tief ergriffen von diesem Ausbruch natürlichen Gefühls, welches so wirksam das harte Wesen Mrs. Lechmere's gesänftigt hatte; »man gebe sie mir ohne Vermögen, ohne Namen in diese meine Arme, – sie wird nicht weniger mein Weib, nicht weniger ihr eigenes unschätzbares Selbst seyn!«

»Ich sprach bloß vergleichungsweise, Major Lincoln; das Kind des Obristen Dynevor und die Enkelin des Lord Viscount Cardonell kann keinen Grund haben, wegen ihrer Abstammung zu erröthen; auch wird die Abkömmlingin von John Lechmere keine aussteuerlose Braut werden! Wenn Cäcilie einst Lady Lincoln werden soll, wird sie nie nöthig haben, das Wappenschild ihrer eigenen Ahnen unter der blutigen HandDas Wappen der Lincoln. A. d. U. ihres Gemahls zu verbergen.«

»Möge der Himmel lange die Stunde abwenden, in der man für eines von uns beiden dieß Zeichen hervorsuchen müßte!« rief Lionel.

»Verstand ich nicht recht? war nicht Ihr Wunsch für eine augenblickliche Heirath?«

»Nie waren Sie weniger im Irrthum, theuerste Frau; aber sicher vergessen Sie nicht, daß noch außer uns, für Beide gleich theuer, ein Dritter lebt, der alle Ursache hat, noch viele Jahre der Gesundheit, und ich denke auch, des Glücks und der Vernunft für sich zu hoffen!«

Mrs. Lechmere blickte wild auf ihren Neffen und hielt zaudernd die Hand vor die Augen; und nicht eher zog sie dieselbe zurück, als bis ein allgemeiner Schauder ihre ganze geschwächte Gestalt erschüttert hatte.

»Sie haben recht, mein junger Cousin,« sprach sie endlich mit mattem Lächeln – »ich glaube, körperliche Schwäche hat mein Gedächtniß angegriffen. – Ich träumte von längst verflossenen Tagen. Sie standen vor mir in der Gestalt Ihres unglücklichen Vaters, während Cäcilie ihrer Mutter Antlitz trug, das Antlitz meiner eigenen, längst verlorenen, aber eigenwilligen Agnes! O! sie war mein Kind! mein Kind! und Gott hat aus Gnade für einer Mutter Flehen ihrer Fehler vergessen!«

Lionel trat vor der Heftigkeit der Kranken in sprachloser Verwunderung einen Schritt zurück. Die Röthe drang plötzlich in ihre blassen Wangen, und als sie schloß, faltete sie inbrünstig die Hände und sank auf die Kissen, die ihren Rücken stützten. Große Thränen drangen aus ihren Augen und tropften, langsam über die eingefallenen Wangen hinabrollend, auf die vor ihr ausgebreitete Bettdecke. Lionel griff nach der Glocke, aber eine ausdrucksvolle Gebärde seiner Tante verbot ihm, sie zu ziehen.

»Mir ist wieder wohl,« sagte sie, – »reichen Sie mir das Stärkungsmittel dort neben Ihnen.«

Mrs. Lechmere trank herzhaft aus dem Glase und in der nächsten Minute legte sich ihre Aufregung; in ihre Züge trat wieder ihre gewöhnliche kalte Ruhe und in ihr Auge derselbe harte Ausdruck, als ob Nichts vorgefallen wäre, was ihren gewohnten, frostig-weltlichen Blick hätte trüben können.

»Sie sehen an meiner gegenwärtigen Schwäche, Major Lincoln, wie viel besser die Jugend die Verheerungen einer Krankheit ertragen kann, als das Alter,« fuhr sie fort; »doch lassen Sie uns zu anderen und erfreulicheren Gegenständen zurückkehren. – Sie haben nicht nur meine Einwilligung, es ist vielmehr sogar mein eigener Wunsch, daß Sie sich mit meiner Enkelin vermählen. Ich betrachte dieß als ein Glück, das ich eher gehofft als zu erwarten gewagt habe und ich will frei bekennen, daß es für mich der Gipfel meiner Wünsche ist, dessen Erreichung den Abend meines Lebens nicht nur glücklich, sondern selbst gesegnet machen soll!«

»Wozu dann längeren Aufschub, meine theuerste Madame? In einer Zeit, wie die jetzige ist Niemand im Stand zu sagen, welche Ereignisse der neue Tag bringen kann und der Augenblick des Getümmels und der Kriegsunruhen ist nicht die Stunde, um Ehegelöbnisse zu registriren.«

Nach augenblicklichem Nachdenken antwortete Mrs. Lechmere:

»Wir haben eine gute, heilige Sitte in dieser frommen Provinz, den Tag, welchen der Herr zu seiner ausschließlichen Verehrung bestimmte, auch zu demjenigen zu wählen, an welchem wir in den ehrwürdigen Stand der Ehe eintreten. So wählen Sie denn für Ihre Vermählung zwischen diesem und dem kommenden Sonntage.«

Wie groß auch die Glut des Jünglings seyn mochte, so war er doch über die Kürze des ersten Zeitraums ein wenig erstaunt; aber der Stolz seines Geschlechtes wollte kein ferneres Zögern gestatten.

»So lassen Sie es den heutigen Tag seyn, wenn Miß Dynevor dazu vermocht werden kann, ihre Einwilligung zu geben.«

»Hier kommt sie schon, um Ihnen zu sagen, daß sie auf meine Bitten hin Ja sagen wird. Cäcilie, mein einziges süßes Kind, ich habe Major Lincoln versprochen, daß Du noch heute seine Frau werden willst.«

Miß Dynevor, welche bis in die Mitte des Zimmers gelangt war, ehe sie den Inhalt dieser Rede vernommen hatte; stand plötzlich still und regungslos, wie eine schöne Bildsäule, Erstaunen und Schrecken in ihren Zügen. Ihre Röthe kam und ging mit beunruhigender Schnelligkeit und das Papier fiel aus den zitternden Händen zu ihren Füßen, die in den Boden eingewurzelt schienen.

»Heute!« wiederholte sie mit kaum hörbarer Stimme – »sagten Sie heute, Großmutter?«

»Ja heute, mein Kind!«

»Warum dieß Widerstreben, diese Unruhe, Cäcilie?« sprach Lionel, indem er auf sie zutrat und sie sanft nach einem Sitze führte. »Sie kennen die Gefahr der Zeiten – Sie haben sich herabgelassen, Ihre Gefühle einzugestehen – so hören Sie; der Winter geht zu Ende, der erste Thau kann Ereignisse herbeiführen, welche unsere Lage völlig verändern müssen.«

»All' das mag in Ihren Augen von Gewicht seyn, Major Lincoln,« fiel Mrs. Lechmere mit einer Stimme ein, deren ungewöhnliche Feierlichkeit die Aufmerksamkeit ihrer Zuhörer fesselte; »aber ich habe noch andere und tiefere Beweggründe. Habe ich nicht allbereits die Gefahren und Nebel des Aufschubs erfahren? Ihr seyd jung und gut; warum solltet Ihr nicht glücklich seyn? Cäcilie, wenn Du mich liebst und verehrst, wie ich es von Dir glaube, so wirst Du heute noch seine Gattin!«

»Lassen Sie mir nur einige Bedenkzeit, theuerste Großmutter. Das Band ist so neu und so feierlich! Major Lincoln – theurer Lionel – Sie sind nicht gewohnt, ungroßmüthig zu seyn; ich überlasse mich ganz Ihrer Güte!«

Lionel sprach nicht und Mrs. Lechmere antwortete ruhig:

»Nicht seine Bitte, Kind, die meine ist es, die Du erfüllen wirst.«

Miß Dynevor erhob sich von ihrem Sitz an Lionel's Seite mit einer Miene beleidigten Zartgefühls und sagte mit trübem Lächeln zu ihrem Geliebten:

»Krankheit hat meine gute Mutter ängstlich und schwach gemacht – wollen Sie meine Bitte entschuldigen, mit ihr allein zu seyn?«

»Ich verlasse Sie, Cäcilie,« sagte er; »wenn Sie aber mein Stillschweigen irgend einem andern Beweggrund, als der zarten Rücksicht für Ihre Gefühle zuschreiben, so sind Sie eben so ungerecht gegen sich selbst, wie gegen mich.«

Sie sprach ihre Dankbarkeit nur in Blicken aus und er entfernte sich unverzüglich, um das Resultat ihrer Unterredung in seinem eigenen Zimmer abzuwarten. Die halbe Stunde, welche Lionel hier zubrachte, erschien ihm länger als ein halbes Jahr; doch nach Verfluß dieser kurzen Zeit erschien Meriton, um ihm anzukündigen, Mrs. Lechmere erbitte sich nochmals seine Gegenwart in ihrem Zimmer.

Ihr erster Blick versicherte Major Lincoln, daß seine Sache triumphirt hatte. Seine Tante war auf ihre Kissen zurückgesunken, und der kalte, berechnende Ausdruck ihres Gesichts verrieth eine so selbstsüchtige Zufriedenheit, daß der junge Mann beinahe hätte bereuen können, ihr Vorhaben nicht mißlungen zu sehen. Als jedoch sein Blick auf das thränenvolle, schüchterne Auge der erröthenden Cäcilie fiel, da fühlte er, daß, wenn sie überhaupt die Seine werden konnte, ohne ihren Gefühlen Gewalt anzuthun, er dann nur wenig sich darum kümmere, auf wessen Veranlassung sie eingewilligt hatte.

»Wenn ich mein Schicksal von Ihrer Güte erwarten darf, so weiß ich, ich darf hoffen!« sprach Lionel, indem er auf sie zutrat: – »soll es dagegen von meinem Verdienste abhängen, dann bin ich der Verzweiflung preisgegeben.«

»Vielleicht war es thöricht, Lincoln,« antwortete sie und lächelte durch ihre Thränen, indem sie ungezwungen ihre Hand in die seine legte, – »wegen einiger Tage mich zu sträuben, wenn ich doch einmal mich bereit fühle, mein ganzes Leben Ihrem Glücke zu weihen. Es ist der Wunsch meiner Großmutter, daß ich mich unter Ihren Schutz stellen möge.«

»So wird uns dieser Abend für immer vereinen?«

»Es ist Ihrem Edelmuthe nicht der Zwang auferlegt, daß es gerade am heutigen Abend Statt finden müßte, wenn irgend eine und auch nur die geringste Schwierigkeit sich entgegenstellte.«

»Aber es ist keine vorhanden, kann keine vorhanden seyn,« unterbrach sie Lionel. »Zum Glücke sind die Vermählungsfeierlichkeiten der Kolonie höchst einfach und wir erfreuen uns der Beistimmung Aller Derer, welche mit Recht sich einzumischen haben.«

»So geht denn, meine Kinder, und vollendet Eure kurzen Vorkehrungen,« sagte Mad. Lechmere; »es ist ein feierliches Band, welches ihr knüpft! es muß, es wird ein glückliches seyn!«

Lionel drückte die Hand seiner verlobten Braut und entfernte sich, Cäcilie warf sich in die Arme ihrer Großmutter und machte ihren Gefühlen in einem Strom von Thränen Luft. Madame Lechmere stieß ihr Kind nicht zurück, im Gegentheil, sie drückte es ein- oder zweimal an ihr Herz, aber auch jetzt noch hätte ein aufmerksamer Beobachter bemerken können, daß ihre Blicke mehr weltlichen Stolz als jene natürlichen Regungen verriethen, welche eine solche Scene hätte hervorbringen sollen.

 

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