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Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston

James Fenimore Cooper: Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleLionel Lincoln oder die Belagerung von Boston
publisherVerlag von S. G. Liesching
printrunZweite Auflage
year1851
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150324
modified20170303
projectid025dd028
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Achtzehntes Kapitel.

Todt, für'n Ducaten, todt!

Hamlet.    

 

In Lionel wogten noch die wirren Gefühle, welche durch die vorhergehende Scene angeregt waren, als nach einem Vorspiel von ganz besonders schweren und lauten Tritten, wie wenn Jemand auf Krücken sich näherte, der Besuch durch eine Thüre eintrat, die derjenigen, durch welche Cäcilie verschwunden war, gerade gegenüber stand. Im nächsten Augenblick begrüßte den Genesenden die volle, fröhliche Stimme seines Freundes:

»Gott segne Dich, Leo, und segne uns Alle, denn wir bedürfen's!« rief Polwarth und eilte auf ihn zu, um den Willkomm des Freundes, der ihm voll Freudigkeit die Arme entgegenstreckte, durch einen herzlichen Händedruck zu erwiedern. »Meriton hat mir gesagt, Du habest das ächte Merkmal wiederkehrender Gesundheit – wenigstens einen guten Appetit – wieder erlangt. Ich hätte beinahe den Hals gebrochen, so hastig bin ich heraufgeeilt, um Dir augenblicklich meinen Glückwunsch darzubringen; doch ging ich noch vorher, zwar ohne Mrs. Lechmere's Erlaubniß, in die Küche, um ihrem Koch zu zeigen, wie man die Hammelschnitte rösten muß, die sie für Dich zubereiten – ein Kapitalstückchen nach langem Fasten und so recht nahrhaft – Gott segne Dich, mein theurer Leo. Der Blick Deines hellen Auges ist für meine Fröhlichkeit eben so aufreizend, wie West-Indien-Pfeffer für meinen Magen!«

Polwarth hörte endlich auf, die Hände seines wiederbelebten Freundes zu schütteln, indem er mit heiserer Stimme endete; unter dem Vorwand, einen Stuhl zu holen, wandte er sich seitwärts, und hielt die Hand vor die Augen, seufzte dann laut und ließ sich schweigend in seinem Stuhle nieder. Während dieser Bewegung hatte Lionel Zeit, die veränderte Gestalt des Kapitäns zu betrachten. Seine Figur, obgleich noch rund und selbst korpulent, war doch in ihren Dimensionen sehr zusammengegangen, und um den Mangel eines jener untern Glieder, womit die Natur das Menschengeschlecht ausstattet, zu ersetzen, hatte er sich ein hölzernes Bein anfügen lassen müssen, das etwas kunstlos gearbeitet und grob mit Eisen beschlagen war. Diese letztere, traurige Veränderung zog Major Lincoln's Blick besonders auf sich, der noch einige Zeit mit verwundertem Blicke hinschaute, nachdem der Andere sich schon zu seiner vollen Zufriedenheit in einem der gepolsterten Stühle des Zimmers zurecht gesetzt hatte.

»Ich sehe, mein Fußgestell hat Dein Auge auf sich gezogen, Leo,« fing Polwarth aufs Neue an, indem er den hölzernen Stellvertreter mit erzwungener Gleichgültigkeit in die Höhe hob und ihn leicht mit seinem Stock berührte. »Es ist vielleicht nicht so fein gearbeitet, als wenn es von den Händen eines Phidias gedrechselt worden wäre, aber an einem Platze, wie Boston, ist es doch ein unschätzbares Glied, in so fern es weder Hunger noch Kälte empfindet!«

»Die Amerikaner bedrängen die Stadt,« sagte Lionel, und benützte freudig die Gelegenheit, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben – »sie fahren mit Nachdruck in der Belagerung fort?«

»Sie haben uns in schrecklicher, ja persönlicher Furcht erhalten, seit die seichten Wasser gegen das Hauptland hin gefroren sind, und ihnen den Weg bis in das Herz der Stadt eröffnet haben. Ihr virginischer Generalissimus, Washington, erschien kurze Zeit nach der Affaire auf der andern Halbinsel (ein verfluchtes Geschäft war das, Leo!) und mit ihm kam die ganze Zubehör einer großen Armee. Seit dieser Zeit zeigen sie eine kriegerische Haltung, obgleich sonst nur Weniges von Bedeutung vorfiel, ein gelegentliches Scharmützel etwa ausgenommen; dagegen halten sie uns, wie ebenso viele unruhige Tauben, in unserem Käfig gefangen.«

»Und Gage wüthet nicht über diese Einkerkerung?«

»Gage! – wir haben ihn gleich den Suppen, schon beim Ende des ersten Ganges fortgeschickt. Nein, nein – in dem Augenblick, als das Ministerium merkte, daß wir die Löffel bei Seite gelegt und in vollem Ernst zu den Gabeln gegriffen hatten, wählten sie den schwarzen BillyGeneral Howe, Gage's Nachfolger in der Statthalterschaft von Neuengland. Anm. d. Uebers. zu unserem Anführer: und nun stehen wir kampfbereit den Rebellen gegenüber, welche schon einmal erfahren haben, daß unser Führer kein Kind bei dem großen Gastmahl des Krieges ist.«

»Ja, unterstützt von Männern wie Clinton und Bourgoyne, und mit der Blüthe der Armee in seiner Hand, kann die Stellung leicht behauptet werden.«

»Bei einer inneren und äußeren Entkräftung, wie in unserem Falle, ist keine Stellung leicht zu behaupten, Major Lincoln.«

»Und ist denn der Fall so verzweifelt?«

»Das magst Du selbst beurtheilen, mein Freund. Als das Parlament den Hafen von Boston schloß, waren die Kolonien voll Unzufriedenheit darüber, und nun, da wir ihn geöffnet haben, und herzlich froh wären, ihre Zufuhren zu erhalten – nun will's der T–l, daß auch nicht eine Barke freiwillig in den Hafen einläuft. – Ah! Meriton, Ihr bringt die Schnitte, wie ich sehe; stellt sie nur hier neben Euren Herrn und holt noch einen Teller – ich habe diesen Morgen nur sehr mittelmäßig gefrühstückt. – So sind wir gänzlich auf unsere eigenen Resourcen beschränkt. Aber selbst diese lassen die Rebellen uns nicht in Frieden genießen. – Das Ding da ist vortrefflich gerathen – wie reizend das Blut dem Messer folgt! – Sie sind so weit gegangen, sogar Privatschiffe auszurüsten, welche uns die nothwendigsten Lebensbedürfnisse abschneiden, und Der ist glücklich, dem eine Mahlzeit, wie diese, zu Gebot steht.«

»Ich hätte nicht geglaubt, daß die Kräfte der Amerikaner die Sachen je auf einen solchen Grad würden treiben können.«

»Was ich hier erwähnt habe, obwohl für's Leben von Wichtigkeit, ist doch noch nicht die Hälfte vom Ganzen. Ist Einer auch so glücklich, die Materialien zu einem guten Tische sich zu verschaffen – Ihr hättet eine Zwiebel über dieser Platte abreiben sollen, Mr. Meriton – so weiß er erst nicht, wo er Holz zum Kochen finden soll.«

»Wenn ich die Bequemlichkeit rings um mich her betrachte, muß ich fast glauben, mein lieber Freund, daß Deine Einbildungskraft das Elend übertreibt.«

»Bilde Dir ja nicht so thörichtes Zeug ein, denn wenn Du hinaus kommst, wirst Du Alles nur zu wahr finden. Wenn wir in dem Artikel Nahrung auch noch nicht, wie die Leute zu Jerusalem, genöthigt sind, einander selbst aufzuspeisen, so sind wir doch die Hälfte der Zeit hindurch noch schlimmer daran, weil wir seit Langem fast alles gesunden Brennholzes beraubt sind. Laß nur einmal ein unglückliches Stück Boot durch das Eis hindurch an die Stadt heranschwimmen und geh' dann hinaus und sieh' das Ringen und Scharmützeln um seinen Besitz, das augenblicklich zwischen den Yankees und unseren erfrorenen Fingern Statt haben wird, und Du wirst mir gewiß glauben. Es ist noch ein Glück, wenn die wassergetränkten Reliquien einer Schiffslände ohne eine Kanonade durchschlüpfen! Ich erzähle Dir all' Das nicht als ein Mißvergnügter, Leo; denn, Gott sey Dank, ich habe nur halb so viele Zehen warm zu halten, als andere Leute, und was das Essen betrifft, so kann ich mich mit Wenigem begnügen, da meine körperliche Konstitution nunmehr so elend herabgekommen ist.«

Lionel schwieg voll Trauer, als der Freund über sein eigenes Unglück zu scherzen versuchte; dann aber, mit einem für einen jungen Mann in seiner Lage sehr natürlichen Uebergang, rief er:

»Aber wir gewannen den Tag, Polwarth! und trieben die Rebellen aus ihrer Schanze wie die Spreu vor dem Wirbelwind!«

»Hum!« stöhnte der Kapitän, indem er sein hölzernes Bein bedächtig auf seinen anderen kostbareren Kameraden legte und es traurig betrachtete – »hätten wir besseren Gebrauch von den gütigen Gaben der Natur gemacht und ihre Stellung umgangen, statt der Bestie gerade unter die Krallen zu rennen, Viele wären noch besser mit ihrem Zubehör versehen aus dem Felde zurückgekommen, als jetzt so Manche unter uns herumgehen. Aber der schwarze William liebt Schlachtgetöse und wollte bei dieser Gelegenheit sein Gelüste bis auf die Hefe befriedigen.«

»Er muß Clinton für seine so zeitige Anwesenheit dankbar seyn!«

»Hat der Teufel wohl je am Märtyrerthum seine Freude? Die Anwesenheit von tausend Rebellen wäre ihm selbst in jenem Augenblick willkommener gewesen; auch hat er nicht ein einziges Mal nach seinem gutmüthigen Helfer hingelächelt, seit dieser sich auf so unwillkommene Art zwischen ihn und seinen Feind geworfen. Wir hatten genug damit zu thun, um an unsere Todten und Verwundeten zu denken und unsere Eroberung zu behaupten, sonst würde wohl etwas mehr als finstere Blicke und unfreundliche Mienen auf die That gefolgt seyn.«

»Ich wage es kaum, mich nach den Unfällen des Tages zu erkundigen: so viele würdige Namen müssen bei dem Verluste aufgezählt werden!«

»Es ist wohl unmöglich, daß zwölf bis fünfzehnhundert Mann aus einer solchen Armee aufs Haupt geschlagen werden und dennoch alle tüchtigen Jungen davonkommen sollten. Gage, so viel ich weiß, gibt den Verlust auf etwa eilfhundert an; aber freilich, nachdem man so viel gegen die Yankees geprahlt hat, kann man ihre Tapferkeit nicht auf einmal in ihrem Glanze anerkennen. Ein Mann geht selten auf Einem Bein, er macht denn vorher ein Bischen Halt, wie ich aus Erfahrung sagen kann – setze darum dreizehn als Mittelzahl, und Du wirst Dich nicht stark verrechnen. – Ja, in der That, es waren wohl brave junge Leute unter ihnen! jene schurkischen, leichtfüßigen Bursche, die ich noch so zeitig aufgab, wurden tüchtig gepfeffert – und da waren die Füsiliere; die hatten kaum noch so viele Leute übrig, um ihre Ziege zu satteln!«Dieses Regiment hielt, einer Sage zur Folge, eine Ziege mit vergoldeten Hörnern. Einmal im Jahr feierte es ein Fest, bei welchem das bärtige Thier eine bedeutende Rolle spielte. In der Schlacht von Bunker-Hill zeichnete sich jenes Corps eben so sehr durch seinen Muth wie durch seine Verluste aus.

»Und die Marinesoldaten! sie müssen hart gelitten haben; ich sah Pitcairn vor mir fallen!« sagte Lionel und fuhr zaudernd fort – »ich fürchte sehr, unser alter Kamerad, der Grenadier, kam nicht glücklicher davon.«

»Ja, leider!« rief Polwarth, indem er einen verstohlenen Blick auf seinen Gefährten warf. – »Ach, Mac war dießmal nicht so glücklich als früher in Deutschland – hm – Mac – er hatte doch eine verdammte Manier an sich, Leo; ein verteufelt eigensinniger Bursche in militärischen Sachen, aber ein so edles Herz und so bereit, seinen Theil an dem Tafel-Aufwande zu tragen, als irgend Einer in Sr. Majestät Diensten! Ich setzte in demselben Boot mit ihm über den Fluß und er unterhielt uns mit seinen wunderlichen Gedanken über die Kriegskunst. Nach Mac's Begriffen sollten die Grenadiere Alles allein ausfechten. – Eine verdammt sonderbare Art war es doch, die Mac an sich hatte!«

»Es gibt Wenige unter uns ohne Eigenheiten, und ich möchte wünschen, daß dieselben niemals anstößiger wären, als die unbedeutenden Vorurtheile des armen Dennis M'Fuse es gewesen.«

»Ja, ja,« fuhr Polwarth fort und räusperte sich heftig, als wäre er entschlossen, sich um jeden Preis die Kehle frei zu machen, »er war in Kleinigkeiten, wie z. B. der Kenntniß des Kriegs und in Sachen der Disciplin etwas eingebildet, bei allen wichtigen Dingen aber so leicht zu behandeln, wie ein Kind. Er liebte seinen Spaß, aber es war unmöglich, einen weniger schwierigen und anspruchsloseren Gaumen an einer Tafel zu finden! Das größte Uebel, das ich ihm wünschen könnte, wäre – daß er wieder auflebte, und in diesen harten Zeiten, wo die Dinge nur vergleichungsweise trefflich zu nennen sind, die sinnreiche Versorgung genießen könnte, welche sein eigener Scharfsinn von der Begehrlichkeit unseres alten Hauswirths, des Meisters Seth, erpressen half.«

»So ist dieser denkwürdige Anschlag nicht gänzlich zu nichte geworden?« fragte Lionel, der von ganzem Herzen den Gegenstand der Unterhaltung zu ändern wünschte. »Ich hätte gedacht, die Amerikaner seyen zu wachsam, um den Verkehr zuzugeben.«

»Seth war zu listig, um sich solchen nehmen zu lassen. Die Preise wirkten wie ein Schlaftrunk auf sein Gewissen und unter Deinem Namen, wie ich glaube, hat er einen Freund von hinlänglichem Gewicht unter den Rebellen gefunden, der ihn bei diesem Handel beschützt. Seine Zufuhren erscheinen zweimal in der Woche und so regelmäßig, wie bei einem wohlgeordneten Essen das Fleisch auf die Suppe folgt.«

»So könnt Ihr also mit dem Lande verkehren und dieses wieder mit der Stadt? Wenn auch Washington bei der Sache ein Auge zudrückt, so würde ich doch den finstern Blick Howe's fürchten.«

»Ei, um allen Verdacht eines unrichtigen Spieles vorzubeugen und zu gleicher Zeit der Sache der Menschheit zu dienen – so lautet, wie du weißt, die Erklärung, – hat unser weiser Wirth für passend befunden, einen Narren als seinen Agenten bei dem Verkehr zu gebrauchen – einen Burschen von ziemlicher Bekanntheit, wie Du Dich erinnern wirst, – einen gewissen Simpel mit Namen Job Pray.«

Lionel schwieg auf einige Augenblicke, während seine Rückerinnerungen immer mehr aufzuleben und seine Gedanken sich wieder auf die Scenen zu richten anfingen, welche während der ersten Monate seiner Anwesenheit zu Boston vorgefallen waren. Es ist leicht möglich, daß ein peinliches, obwohl nur allgemeines und unbestimmtes Gefühl sich in sein Nachsinnen einmengte, denn offenbar suchte er einen so unwillkommenen Gast zu verjagen, indem er das Gespräch mit einer Miene erzwungener Fröhlichkeit wieder aufnahm.

»Ah, ich erinnere mich Job's wohl – der Bursche, einmal gesehen und gekannt, wird nicht leicht wieder vergessen. Er zeigte sonst große Anhänglichkeit an mich; doch, wie die ganze Welt, werde auch ich, da ich einmal im Unglück bin, vernachlässigt.«

»Du thust dem Jungen Unrecht: er frägt – freilich in seiner schläfrigen Art – nicht nur häufig nach Deinem Befinden, sondern scheint zuweilen sogar besser in der Sache unterrichtet als ich selbst, und pflegt meine häufigen Antworten auf seine Fragen dadurch zu vergelten, daß er von Deiner Besserung, statt Nachrichten zu empfangen, mir deren mittheilt und dieß besonders, seit die Kugel ausgezogen wurde.«

»Das wäre doch wirklich sonderbar,« erwiederte Lionel mit noch gedankenvollerer Stirne.

»Nicht so besonders auffallend, Leo, als man wohl anfangs glauben sollte! dem Burschen mangelts gar nicht an Scharfsinn, wie er schon bei seiner Auswahl unter den Gerichten an unserem alten Abendtische beurkundete. – Ach! Leo, Leo, wir mögen noch manchen scharfprüfenden Gaumen finden, wo aber sollen wir wieder einen solchen Freund hernehmen? – Einen, der ißt und scherzt, trinkt und disputirt, – Alles in einem Athem, wie der arme Dennis, der nun für immer von uns gegangen ist! – Es war etwas Piquantes an Mac, das auf die Trübsal des Lebens, wie Gewürze auf den Appetit einwirkte.«

Meriton, der emsig an seines Herrn Rock bürstete – ein Geschäft, das er täglich verrichtete, obgleich das Kleid so lange Zeit nicht getragen worden war – warf einen verstohlenen Blick auf das abgewendete Auge des Majors, und da er in seinem Ausdruck den Entschluß zu schweigen bemerkte, unternahm er es, in eigener unwürdiger Person das Gespräch fortzuführen.

»Ja, Sir, ein netter Gentleman war Kapitän M'Fuse, und Einer, der so tapfer für den König focht, als irgend ein Herr in der Armee, das sagen Alle. – Es war nur Jammerschade, daß eine solche schöne Gestalt von einem Mann keinen besseren Begriff vom Anzug hatte; doch das, Sir, ist nicht Allen gegeben! Aber Jedermann sagt, es ist ein höchst schmerzlicher Verlust, obwohl manche Offiziere in der Stadt sind, welche sich so wenig um ihre Ausstattung bekümmern, daß sicherlich, wenn sie erschlagen würden, auch nicht ein Mensch sie vermißte.«

»Ach! Meriton,« rief der herzliche Polwarth, »Du bist ein Bursche von mehr Beobachtungsgeist, als ich vermuthet hätte. Mac vereinigte alle Eigenschaften eines Mannes in sich, wenn auch einige davon nicht zur Reife gelangt seyn mögen. Es war ein Wohlschmack in seinem Humor, der jeder Unterhaltung, in die er sich mischte, zur Würze diente. Habt Ihr den armen Jungen bei seinem letzten irdischen Aufzug auch recht hübsch ausgestattet, Meriton?«

»Ja, freilich, Sir, wir bereiteten ihm ein prachtvolles Leichenbegängniß, wie es nur immer außerhalb London gesehen werden kann. Außer den königlichen Irländern waren alle Grenadiere ausgerückt, das heißt, Alles, was nicht verwundet war, was fast die Hälfte betrug. Da ich die Hochachtung kannte, welche Herr Lionel für den Kapitän hegte, kleidete ich ihn mit eigener Hand an – putzte seinen Schnurrbart, Sir, ordnete sein Haar mehr nach der Stirn und da ich sah, daß Seine Gnaden ein bischen grau zu werden anfingen, streute ich ein wenig Puder auf und Kapitän M'Fuse lag so schön in seinem Sarge, als irgend ein Herr in der Armee, mag er auch seyn, wer er wolle.«

Polwarth gingen die Augen über, und er blies durch die Nase mit einem Geräusch, das dem Ton einer Clarinette nicht unähnlich war, ehe er antwortete:

»Zeit und Strapazen hatten allerdings dem Haupt des armen Burschen einen Anflug von Frost gegeben; doch ist's ein Trost, zu wissen, daß er als Soldat und nicht von den Händen dieses allgemeinen Schlächters – der Natur – gestorben, so wie, daß er nach seinem Tode dem Verdienste gemäß beerdigt worden!«

»In der That, Sir,« sagte Meriton feierlich, »wir veranstalteten einen großen Zug – man kann bei solchen Festlichkeiten schon etwas Hübsches aus Sr. Majestät Uniformen machen und das Ganze gewährte einen wundervollen Anblick! – Haben Sie gesprochen, Sir?«

»Ja,« sagte Lionel ungeduldig, »nimm das Tuch weg und geh, nach Briefen für mich zu fragen.«

Der Diener gehorchte ehrerbietig und nach einer kurzen Pause wurde das Gespräch von beiden Herren wieder aufgenommen; doch betraf es dießmal Gegenstände von weniger peinvoller Art als zuvor.

Polwarth war ausnehmend gesprächig, und so erhielt Lionel bald einen sehr umständlichen und – um dem Kapitän geziemende Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, dabei äußerst unpartheiischen Bericht sowohl über den Stand der feindlichen Streitkräfte, als über die Hauptbegebenheiten, welche seit dem Tage von Breeds bekannt geworden waren. Ein und zweimal wagte der Kranke eine Anspielung auf den Geist der Rebellen und die unerwartete Energie, die sie entwickelt hatten; doch Polwarth nahm dieß stets mit Stillschweigen auf, und antwortete nur mit einem melancholischen Lächeln oder höchstens mit einem bedeutungsvollen Wink auf seine unnatürliche Stütze. Natürlich vertauschte sein Freund nach dieser rührenden Anerkenntniß seines früheren Irrthums den Gegenstand mit anderen von weniger persönlicher Beziehung.

Er erfuhr, daß der königliche General seine harterkämpfte Eroberung auf der Halbinsel gegenüber behauptete, wo er aber eben so wirksam als in der Stadt Boston selbst belagert wurde. Während unterdessen der Krieg auf dem Punkte, wo er begonnen hatte, mit allem Ernste fortgeführt wurde, waren auch Feindseligkeiten in jeder der übrigen Kolonien, südlich vom St. Lorenzstrome und den großen Seen ausgebrochen, wo die Gegenwart der königlichen Truppen zum Angriffe einlud. Anfangs, so lange die Kolonisten mit dem hohen Enthusiasmus auftraten, wie ein plötzlicher Aufruhr ihn hervorzurufen pflegt, waren sie überall siegreich gewesen. Eine große Armee war organisirt worden, wie wir schon berichtet haben, und Divisionen derselben wurden auf verschiedenen Punkten zu Eroberungen verwendet, welche in diesem frühen Stadium des Kampfes als für das Hauptresultat wichtig angesehen wurden. Doch die Folgen ihrer unvollständigen Mittel und einer getheilten Macht waren schon sichtbar geworden. Nach einer Reihe unbedeutender Siege war Montgomery in dem höchst verzweifelten aber unglücklichen Versuche, die unüberwindliche Festung Quebec wegzunehmen, gefallen, und von dem Augenblick an, als die Amerikaner aufhörten, die Angreifenden zu seyn, wurden sie allmählig gezwungen, ihre Streitkräfte zu sammeln, um der mächtigen Anstrengung der Krone zu begegnen, welche man allgemein als nahe bevorstehend betrachtete. Da Tausende ihrer Mitunterthanen in dem Mutterlande starken Widerwillen gegen den Krieg zeigten, so gab das Ministerium in einer Beziehung dem Einflusse jenes freien Geistes, der zuerst in Brittanien tiefe Wurzel faßte, nach und wandte seinen Blick nach denjenigen Staaten von Europa, welche mit Menschenleben Handel trieben; von ihnen suchte es Söldlinge zu erhalten, welche den Trotz der Kolonisten brechen sollten. So wurde die Angst bei den Furchtsamen unter den Amerikanern durch Gerüchte von ungeheuren Schwärmen von Russen und Deutschen erregt, die sich über ihr Land ergießen sollten, um sie Alle zu Sclaven zu machen. Kein Schritt ihrer Feinde war vielleicht mehr dazu geeignet, sie in den Augen der Amerikaner recht tief verhaßt zu machen, als diese Maßregel, wodurch Fremde herbeigeführt wurden, um einen rein häuslichen Zwist zu entscheiden. So lange ausschließlich blos solche Leute, welche in jenen, von beiden Völkern anerkannten Grundsätzen von Recht und Gesetz erzogen waren, in dem Streite zugelassen wurden, gab es noch, für beide gemeinsam, einzelne sichtbare Punkte, welche den Streit weniger hartnäckig machen und mit der Zeit zu einer dauernden Versöhnung führen konnten. So aber schlossen die Amerikaner nicht mit Unrecht, daß ein Kampf, der durch Sclaven entschieden worden, nichts als schimpfliche Unterwerfung für den Besiegten zur Folge haben könne. Es war, wie wenn man die Scheide weggeworfen und mit Uebergehung der Vernunft das Resultat einzig der Entscheidung des Schwertes überlassen hätte. Als weiteres Mittel der Entfremdung, welche durch diese Maßregeln allmählig und in immer höherem Grade zwischen dem Volke des Mutterlandes und dem der Kolonien herbeigeführt wurde, muß man noch die Veränderung betrachten, die bei dem Letzteren eben dadurch in seiner Gewohnheit, die Person des angestammten Fürsten zu betrachten, hervorgerufen ward.

Während der langen Zeit des erbitterten Streites und der Anschuldigungen, welche dem Blutvergießen vorherging, hatten die Kolonisten, in vollster Ausdehnung, nicht nur in ihrer Sprache, sondern auch in ihren Gefühlen jenen angenommenen Satz des britischen Gesetzes anerkannt, welcher behauptet, daß ›der König nie Unrecht thun könne.‹ In dem ganzen weiten Umkreise eines Reichs, in welchem man die Sonne niemals untergehen sieht, konnte der englische Monarch sich keiner Unterthanen rühmen, die seiner Familie und Person treuer ergeben waren, als die Männer, welche nun gegen das, was sie mit guten Glauben einen verfassungswidrigen Eingriff seiner Macht nannten, in Waffen standen. Bis daher war das volle Gewicht ihres Unwillens mit Recht auf die Rathgeber des Fürsten gefallen, von welchem man glaubte, daß er nichts von den Mißbräuchen wisse, die in seinem Namen verübt wurden, und an denen er auch wahrscheinlich unschuldig war. Aber als der Streit heftiger wurde, fand man, daß seine natürlichen Gefühle ziemlich stark nach den Staatsakten schmeckten, welche er mit seinem Namen sanktioniren mußte. Bald erhoben sich aus dem Munde Derjenigen, welche die besten Quellen der Erkundigung zur Hand hatten, leise Gerüchte, welche behaupteten, die Gefühle des Souveräns seyen in der Aufrechthaltung Dessen, was er für seine Prärogative hielt, tief betheiligt, und eben so beurkunde er ein hohes Interesse für die Erweiterung der Machtvollkommenheit jenes Körpers, der diejenigen Repräsentanten seines Reichs umfaßte, mit welchem er in Person verkehrte und auf die er durch seine Gegenwart Einfluß übte. Es dauerte nicht lange, so war diese Meinung auch auswärts verbreitet und so wie einmal die Gemüther sich von ihrer alten Anhänglichkeit und den früheren Vorurtheilen zu entwöhnen begannen, geschah es, in Folge eines sehr natürlichen Gefühls, daß sie das Haupt mit den Gliedern verwechselten, indem sie vergaßen, daß ›Freiheit und Gleichheit‹ keinen Theil des Fürstenrechtes bilde. Der Name des Monarchen fiel täglich mehr in Mißachtung und darin, daß die Schriftsteller der Kolonisten freier auf seine Person und Macht anzuspielen wagten, zeigte sich das Glimmern jenes Lichtes, welches unter den Nationalsymbolen der Erde ein Vorläufer des Aufgangs jener ›Sterne des Westens‹ war. Bis dahin hatten Wenige an Unabhängigkeit gedacht und noch Keinem war es eingefallen, ganz offen davon zu sprechen, wiewohl die Kolonisten durch die Ereignisse im Stillen zu dieser schließlichen Maßregel vorbereitet waren.

Die Unterthanentreue gegen den Fürsten war jetzt das letzte und einzige Band, das noch gelöst werden mußte, denn die Kolonien hatten bereits in allen Angelegenheiten, sowohl innerer als auswärtiger Politik, die Regierung selbst an sich gerissen, so weit dieß überhaupt einem Volke möglich war, dessen Recht, so zu handeln, nicht allgemein anerkannt wurde. Bei der edlen Natur Georgs III., dem jede Verstellung unwürdig schien, waren gegenseitiges Mißfallen und Entfremdung die natürlichen Folgen der Reaktion in der Gesinnung zwischen dem Fürsten und seinem westlichen Volke.Die Vorurtheile des Königs von England waren in seiner isolirten Stellung unvermeidlich, seine Tugenden aber und die Reinheit seines Charakters gehörten ausschließlich ihm selbst an. Seine Anrede an unsern ersten Minister nach Abschluß des Friedens kann nicht zu oft wiederholt werden: »Ich war,« sprach er, »der letzte Mann in meinem Königreiche, der eure Unabhängigkeit anerkannte, und werde auch der letzte seyn, der ihr zu nahe tritt.«

Alles dies, mit vielen weiteren Einzelheiten, wurde hastig von Polwarth preisgegeben, der bei aller epikuräischen Vorliebe einen hellen Verstand und eine sehr reine Gesinnung besaß. Lionel hörte unverwandt zu und schloß die ersehnte und interessante Unterhaltung auch nicht eher, als bis er von seiner eigenen Schwäche und durch den Schlag einer benachbarten Glocke gemahnt wurde, daß er die Grenzen der Klugheit zu weit überschreite. Sein Freund half sodann den erschöpften Reconvalescenten zu Bette bringen und hinkte, nachdem er ihm eine Welt von gutem Rath nebst einen warmen Händedruck gegeben, mit einem Geräusch aus dem Zimmer, das Lionel's Herzen mit jedem Tritte ein Echo erpreßte.

 

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