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Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston

James Fenimore Cooper: Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleLionel Lincoln oder die Belagerung von Boston
publisherVerlag von S. G. Liesching
printrunZweite Auflage
year1851
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150324
modified20170303
projectid025dd028
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Siebenzehntes Kapitel.

Sie spricht, doch sagt sie nichts; was ist es auch?
Ihr Auge redet – und so antwort' ich.

Romeo.    

 

Die Schlacht von Bunker-Hill war gefochten worden, während noch das Gras auf den Wiesen lag; jetzt aber hatte bereits der scharfe Frost des Novembers die Hitze des Sommers verdrängt, die Blätter waren gefallen, die Stürme und die kalten Tage des Februars waren herbeigekommen, und noch konnte Major Lincoln das Lager nicht verlassen, worauf man ihn gelegt hatte, nachdem er in gänzlicher Bewußtlosigkeit von den Höhen der Halbinsel war weggetragen worden. Während dieser ganzen langen Periode trotzte die versteckte Kugel der äußersten Geschicklichkeit der brittischen Chirurgen und ihre ganze Wissenschaft und Erfahrung konnte die Herrn nicht zu dem Wagstücke vermögen, gewisse Arterien und Sehnen in dem Körper des Erben von Lincoln zu durchschneiden, welche, wie man glaubte, dem hartnäckigen Blei den Ausgang versperrten, das nach allgemeiner Uebereinstimmung allein der Genesung des Kranken im Wege stand. Diese Unentschlossenheit war eine von den Plagen, welche der arme Lionel seinem hohen Stande verdankte, denn wäre Meriton, statt seines Herrn, krank darnieder gelegen, der Fall wäre höchst wahrscheinlich viel früher entschieden worden. Endlich kam ein junger, unternehmender Arzt, der die Welt noch vor sich hatte, aus Europa an; dieser, entweder größere Geschicklichkeit oder mehr Kühnheit als seine Collegen besitzend, – denn beide sind in ihren Resultaten oft ganz dieselben – hatte sich ohne Zögern für die Zweckmäßigkeit einer Operation entschieden. Der Medicinal-Stab der Armee rümpfte über solche Neuerung die Nasen und begnügte sich für den Anfang mit diesem stillen Zeichen seiner Verachtung. Als aber die Freunde des Patienten, wie es gewöhnlich geschieht, dem Flüstern der Hoffnung Gehör gaben und dem zuversichtlichen Manne der Sonde gestatteten, seine Instrumente zu gebrauchen, wurden die Stimmen seiner Mitgenossen nicht nur laut, sondern schreiend. Es gab selbst einen oder zwei Tage, wo sogar die vom Wachen ermüdeten und abgematteten Subalternen der Armee die Gefahren oder das Ungemach der Belagerung vergaßen, um mit ernster, wißbegieriger Miene auf das unverständliche Kauderwälsch der Weisen des Lagers zu horchen, und Manche von Denen, welche dafür bekannt waren, daß sie vor ihren erklärten Feinden niemals Zeichen einer so schimpflichen Schwäche gezeigt hatten, erbleichten beim Anhören dieses Berichtes. Als aber bekannt wurde, daß die Kugel glücklich herausgenommen worden und der Kranke sich auf dem Wege der Besserung befinde – da folgte der ersten Aufregung eine Ruhe, welche für das Menschengeschlecht weit unheilverkündender war, als der vorangegangene Sturm. Der wagende Praktikus war in kurzer Zeit allgemein als der Gründer einer neuen Theorie anerkannt: von der Hälfte der gelehrten Körperschaften der Christenheit regnete es mit den Titeln M. D. (Medicinae Doctor) auf sein geehrtes Haupt herab, während manche seiner Bewunderer und Nachahmer mit vollem Rechte die nämlichen magischen Symbole mit Hinzufügung des ersten Buchstabens vom Alphabet als Anhängsel zu ihren Geschlechtsnamen gebrauchen konnten.Das Logogryph des Verfassers ist vielleicht so zu deuten: M. D. wozu ein A in die Mitte M. A. D. (mad) – zu deutsch wahnsinnig bedeutet. Anm. d. Uebers. Die alte Art des Räsonnements wurde geändert und den neuen Thatsachen angepaßt und noch ehe der Krieg sein Ende erreicht hatte, rechnete man, daß bereits einige Tausende von den Dienern der Krone und nicht Wenige von den patriotischen Kolonisten mit Hülfe dieser Entdeckung zu Grabe gegangen waren.

Wir könnten der sorgfältigen Erläuterung eines solchen Ereignisses ein ganzes Kapitel widmen, hätten nicht neuere Philosophen schon längst diese Kunst (bei welcher, wie natürlich, die Theorie zu unterliegen scheint) durch Erneuerung jener kühnen Abenteuer überboten, die uns gelegentlich in der Anatomie des Menschen manches Neue lehren, gerade so, wie die Seefahrer Neu-Englands in der Geographie eine Terra Australis entdecken konnten, wo Cook Nichts als Wasser gesehen oder wie Parry Venen und Arterien in demselben Theil des amerikanischen Festlandes auffindet, den man so lange als aus einem Knorpel bestehend sich gedacht hatte. Wir müssen übrigens die Wirkungen der erwähnten Operation auf die Wissenschaft der Chirurgie vor der Hand dahingestellt lassen, und wollen uns mit der Versicherung begnügen, daß sie sich an ihrem Gegenstande selbst als im höchsten Grade heilsam erwies. Sieben traurige Monate lang hatte Lionel in einem Zustande dagelegen, wo er, wie man wohl sagen konnte, nicht sowohl lebte als bloß existirte, da er der Vorfälle um ihn her nur wenig sich bewußt und zum Glück auch für den Schmerz fast unempfindlich war. Auf Augenblicke wollte die Lebensflamme wie eine ersterbende Lampe aufglimmen und dann wurde die Furcht und die Hoffnung seiner Umgebung abermals getäuscht, wenn der Patient wieder in jenen Zustand von Apathie zurückfiel, worin er so lange Zeit zugebracht hatte. Meriton hatte sich durch eine irrige Ansicht von seines Herrn Leiden verleiten lassen, ihm Schlaftrünke in reichlichem Maße zu reichen und kein kleiner Theil von Lionel's Unempfindlichkeit kam von dem übermäßigen Genusse des Laudanum her, das er der mißverstandenen Gutmütigkeit seines Dieners verdankte. In dem Augenblicke der Operation bediente sich der abenteuerliche Chirurg desselben betäubenden Medikaments und es verstrichen noch manche Tage einer dumpfen, schweren und beunruhigenden Apathie, bis seine Natur, von ihrem fremdartigen Inwohner befreit, ihre gesunden Funktionen wieder antreten konnte und neue Kraft zu sammeln begann. Durch einen besonders günstigen Glücksfall war der Arzt zu sehr mit seinen eigenen neuen Ehren beschäftigt, um seinen Erfolg – wie ein großer General seinen Sieg – secundum artem verfolgen zu können, und so ließ man den unvergleichlichen Doktor – Natur – die Heilung vollenden.

Nachdem die Nachwirkung der schmerzstillenden Mittel aufgehört hatte, fand sich der Kranke gänzlich frei von jedem Unwohlseyn und verfiel in einen süßen, erquickenden Schlummer, der ohne Unterbrechung mehrere Stunden fortdauerte. Er erwachte und fühlte sich wie neugeboren; sein Körper war gesund, der Kopf hell und munter, und seine Erinnerungen, wenn auch noch ein wenig wirr und unzusammenhängend, doch jedenfalls besser, als sie seit dem Augenblick gewesen, da er in dem Melée auf BreedsEs muß erinnert werden, daß die Schlacht von Bunker-Hill eigentlich auf Breed's Hill Statt hatte. Die Unrichtigkeit des Namens kommt daher, daß die Amerikaner ursprünglich jene erste Position hatten einnehmen wollen, in der Nacht aber die rechte Stelle verfehlt hatten. gefallen war. Diese Wiederbefähigung zu allen edleren Funktionen des Lebens geschah um die zehnte Stunde des Morgens und als Lionel mit Bewußtseyn die Augen öffnete, fielen seine Blicke auf die freundliche Beleuchtung einer klaren Sonne, die, von dem blendenden Lichte der Schneemassen draußen unterstützt, jeden Gegenstand in seinem Zimmer erhellte. Die Vorhänge an den Fenstern waren aufgezogen und jedes Stück des Hausgeräths war mit einer Nettigkeit geordnet, aus der die emsige Sorgfalt hervorleuchtete, mit welcher er in seiner Krankheit bewacht worden war. In einer Ecke freilich hatte sich Meriton in einem bequemen Stuhle auf eine Art zurecht gesetzt, welche größere Sorgfalt für den Diener als für den Herrn vermuthen ließ, indem er nach einer durchwachten Nacht seine Kräfte durch den verstohlenen und eben darum süßen Schlaf des Morgens wiederherzustellen suchte.

Eine Fluth von Rückerinnerungen tauchte mit einem Male in Lionel's Seele auf, und er bedurfte einiger Zeit, bis er das Wahre von dem Geträumten in so weit zu sondern vermochte, daß er sich eine einigermaßen deutliche Vorstellung von Allem dem machen konnte, was während des kleinen Zeitalters, das er verschlummert hatte, vorgefallen war. Er erhob sich ohne Mühe auf den Ellbogen, fuhr mit der Hand ein oder zwei Mal sachte über's Gesicht und versuchte dann seine Stimme in einem Aufruf an seinem Diener. Meriton schrack bei den wohlbekannten Tönen zusammen, und nachdem er sich emsig wie Einer, der durch eine Ueberraschung erwacht ist, die Augen gerieben, erhob er sich und gab die gewöhnliche Antwort.

»Nun, nun, Meriton!« rief Major Lincoln; »Du schläfst so gesund wie ein Rekrut, und ich vermuthe doch, Du bist wie ein Soldat mit zwiefach geschärfter Ordre zur Wachsamkeit aufgestellt worden.«

Der Diener stand mit offenem Mund, als ob er die Worte seines Herrn verschlingen wollte, und fuhr sich dann schnell hinter einander, wie zuvor, mit der Hand über die Augen, dießmal jedoch aus einem ganz verschiedenen Grunde.

»Gott sey's gedankt, Sir, Gott sey's gedankt! Sie sehen doch einmal wieder aus wie früher, und wir werden nun noch einmal wie sonst zusammen leben. Ja, ja, Sir – es wird schon gehen – schon jetzt wird's gehen. Es ist doch ein Wunder von einem Mann, der große Londoner Chirurg! und nun kehren wir nach Soho zurück und leben als Privatleute. Danken wir Gott, Sir, danken wir Gott! Sie lächeln wieder und ich hoffe, wenn irgend Etwas schief gehen sollte, werden Sie bald wieder im Stande seyn, mir einen jener Blicke zukommen zu lassen, woran ich so gewöhnt war und die mir alles Blut aus dem Herzen treiben, wenn ich weiß, daß ich vergeßlich gewesen bin!«

Der arme Bursche, der in langem Dienst große Anhänglichkeit für seinen Herrn gewonnen hatte, welche durch seine nunmehrige Sorgfalt als Krankenwärter noch bedeutend vermehrt worden war, sah sich genöthigt, mit seinen unzusammenhängenden Freudenbezeugungen inne zu halten, da er in der That in einen Strom von Thränen ausbrach. Lionel war zu sehr von diesem Beweise seiner Theilnahme gerührt, um die Unterredung fortzusetzen; er schwieg mehrere Minuten lang und versuchte während dieser Zeit, von dem schluchzenden Diener unterstützt, einige Kleidungsstücke anzulegen; dann wickelte er seinen Schlafrock fester um, und erhob sich, auf die Schulter seines Dieners gelehnt, von seinem Lager, worauf er sich in eben dem Stuhle, welchen der Andere verlassen hatte, sicher und bequem niedersetzte.

»Gut, Meriton, es ist schon recht,« sagte Lionel mit einem tiefen Seufzer, als ob er seinen Athem gehemmt fühlte; »'s ist schon gut, närrischer Bursche; ich hoffe, ich werde leben, um Dir noch manchen Verweis und auch noch einige Guineen geben zu können. – Ich bin geschossen worden, so viel ich weiß – –«

»Geschossen, Sir!« unterbrach ihn der Diener; – »Sie sind geradezu und gegen alles Gesetz ermordet worden! Zuerst wurden Sie geschossen, dann mit dem Bajonet getroffen und dann – setzte ein Haufen Reiter über Sie weg. – Ich habe das von einem von des Königs Irländer, der die ganze Zeit neben Ihnen lag und ebenfalls gerettet wurde, nur um seine Geschichte zu erzählen – ein guter ehrlicher Bursche ist Terence, und wenn so Etwas möglich wäre, daß Euer Gnaden aus Armuth einer Pension bedürften, – er würde mit Freuden Ihre Verwundungen vor der Kings Bench oder dem Kriegsbüreau zu Bridewell oder St. James beschwören, – ich bin gewiß, es wäre ihm Alles einerlei.«

»Wahrhaftig, ich muß bekennen,« sagte Lionel lächelnd, indem er gleichwohl mechanisch mit der Hand über den Leib fuhr, als sein Diener von dem Bajonet sprach – »der arme Bursche muß einige von seinen eigenen Wunden auf meine Person übergetragen haben – die Kugel nehme ich an, aber was Kavallerie und Stich betrifft, da muß ich doch protestiren.«

»Nein, Sir, die Kugel nehm' ich und sie soll mit mir in meiner Toilettschachtel zu den Häupten meines Grabes beerdigt werden,« sagte Meriton, indem er das platte Stückchen Blei in seiner offenen Hand vorzeigte, – »sie blieb diese dreizehn Tage in meiner Tasche, nachdem sie sechs lange Monate in den, wie sie's nennen, Muskeln, hinter dem Ding da, wie heißt 's doch nur, der Arterie gesteckt und Euer Gnaden gequält hatte. Aber so tief sie auch verborgen lag, wir brachten sie heraus! 's ist wahrlich ein Wundermann, der große Chirurg aus London!«

Lionel langte nach seiner Börse, welche Meriton regelmäßig jeden Morgen auf den Tisch gelegt hatte, um sie jedesmal Abends wieder wegzuräumen, und seinem Diener einige Guineen in die Hand drückend, sagte er:

»So viel Blei muß nothwendig einiges Gold zur Beimischung haben. Hebe das unscheinbare Ding auf und laß mich's nicht wieder sehen!«

Meriton nahm kalt die widerstrebenden Metalle und nachdem er die Augen auf die Guineen geworfen und rasch mit einem einzigen Blick ihre Summe überzählt hatte, steckte er sie gleichgültig in die eine Tasche, während er das Blei mit ausnehmender Sorgfalt für seine Erhaltung in der anderen versorgte. Dann wandte er sich zu seinen gewöhnlichen Tagesgeschäften.

»Ich erinnere mich wohl, auf den Höhen von Charlestown in einem Gefecht gewesen zu seyn und kann mir selbst den Augenblick noch denken, wo ich meinen Schuß erhielt,« fuhr sein Herr fort – »ich weiß auch noch Manches, was seitdem in diesem Zeitraum sich zutrug, der mir ein ganzes Leben zu seyn scheint. Aber bei alledem, Meriton, glaube ich, meine Ideen haben sich eben nicht durch Klarheit ausgezeichnet.«

»Mein Gott! Sir, Sie haben hundert und hundert Mal mit mir gesprochen, mich gezankt und gelobt, aber nie haben Sie so scharf gezankt, wie Sie es sonst wohl können, und nie so hell um sich gesehen und gesprochen, wie jetzt an diesem Morgen!«

»Ich bin im Hause der Mrs. Lechmere,« fuhr Lionel fort, indem er das Zimmer betrachtete – »ich kenne dieß Gemach und diese geheimen Thüren zu gut, um mich hierin zu irren.«

»Freilich, Sir, sind wir wieder hier; Madame Lechmere ließ Sie vom Schlachtfelde weg hierher in ihr eigenes Haus bringen und eins der besten ist es in Boston, ohne Zweifel. Ich denke, Madame würde doch gewissermaßen ihren Anspruch darauf verlieren, wenn uns irgend etwas Ernstliches begegnen sollte!«

»So etwas, wie ein Bajonet oder ein Trupp Reiter! aber wie kommst Du nur auf solche Gedanken?«

»Warum? Sehen Sie, Sir, wenn Madame Nachmittags hierher kam, was sie täglich that, ehe sie erkrankte, hörte ich, wie sie oft zu sich selbst sagte, wenn das Unglück es wollte, daß Sie sterben sollten, so würden mit Ihnen alle ihre Hoffnungen für ihr Haus zu Grabe getragen.«

»So ist es also Mrs. Lechmere, die mich täglich besucht,« sagte Lionel gedankenvoll; »ich erinnere mich einer weiblichen Gestalt, die um mein Bett schwebte, doch hatte ich sie für jugendlicher und rascher, als die Person meiner Tante gehalten.«

»Und Sie haben vollkommen Recht, Sir – Sie haben die ganze Zeit über eine Wärterin gehabt, wie man sie nur selten antreffen mag. Einen Molkentrank oder einen Haferschleim zu bereiten – darin kann sie's mit dem ältesten und häßlichsten Weib in den Hospitälern aufnehmen und nach meinem Geschmack ist der beste Gastwirth zu London ein Stümper gegen sie im Glühwein!«

»Dieß sind allerdings hohe Vorzüge; wer mag die Besitzerin derselben seyn?«

»Miß Agnus, Sir: eine sorgsame, vortreffliche Wärterin ist Miß Agnus Danforth! obwohl ich, was die Achtung für die Truppen betrifft, gerade nicht behaupten kann, daß sie sich hierin besonders auszeichnet.«

»Miß Danforth,« wiederholte Lionel und schlug enttäuscht die Augen nieder – »ich hoffe, sie hat all diese Mühe um meinetwillen nicht allein getragen. Es sind ja weibliche Geschöpfe genug im Hause – man sollte denken, solche Dienste gehörten für die Dienstboten – kurz, Meriton, war sie denn bei all diesen kleinen Hülfleistungen ohne Beistand und Unterstützung?«

»Ich half ihr, wie Sie wissen, Sir, so viel ich konnte; obwohl mein Glühwein nie so den rechten Fleck trifft, wie der von Miß Agnus.«

»Man sollte nach Deiner Erzählung meinen, ich hätte nichts als Portwein verschluckt in diesen sechs Monaten,« fiel Lionel ärgerlich ein.

»O Gott! Sir, Sie wollten oft von meinem Glase nicht einen Fingerhut voll nehmen, was ich immer für ein böses Zeichen ansah, denn das weiß ich gewiß, an dem Tranke lag es nicht, wenn er nicht genossen wurde.«

»Gut jetzt; ich habe genug von Deinem Lieblingsgetränk gehört! Mir wird schon übel bei dem bloßen Namen – aber, Meriton, haben nicht Andere von meinen Freunden sich nach meinem Befinden erkundigt?«

»Freilich, Sir – der kommandirende General sendet jeden Tag einen Adjutanten oder Diener und Lord Percy hinterließ seine Karte mehr als –«

»Pah! das sind Höflichkeitsbesuche; aber ich habe Verwandte in Boston – Miß Dynevor, hat sie die Stadt verlassen?«

»Nein, Sir,« sagte der Diener gleichgültig, und nahm mit kühler Miene sein Geschäft wieder auf, indem er die Gläser auf dem Nachttische ordnete; »sie ist nicht besonders lebhaft, diese Miß Cäcilie.«

»Sie ist doch nicht krank, hoff' ich?«

»Herr Gott! mich durchfährts einmal mit Freude und dann wieder mit Furcht, wenn ich Sie so rasch und kräftig sprechen höre. – Nein, sie ist nicht eigentlich leidend, aber sie hat nicht das Leben und die Sachkenntniß, wie ihre Cousine, Miß Agnus.«

»Warum glaubst Du das, Bursche?«

»Weil sie träumerisch ist, Sir, und nicht auch eines der leichten Damengeschäfte in der Familie übernimmt. Ich habe sie in dem nämlichen Stuhle, in dem Sie sich jetzt befinden, Stunden lang sitzen sehen, ohne daß sie sich gerührt hätte; höchstens eine Nervenzuckung, wenn Sie seufzten oder ein wenig aufwärts durch Euer Gnaden Nase athmeten; – ich habe mir so meine Gedanken gemacht, Sir, und habe gefunden, sie könnte wohl poetisiren; jedenfalls liebt sie sehr, was ich Ruhe nenne.«

»In der That!« sagte Lionel, der das Gespräch mit einem Eifer verfolgte, der einem schärfern Beobachter aufgefallen seyn würde – »was hast Du für einen Grund zu vermuthen, daß Miß Dynevor sich mit Reimen befasse?«

»Weil sie oft ein Stückchen Papier in der Hand hat, Sir; und ich sah sie dasselbe Ding wieder und abermals wieder überlesen, bis sie es, wie ich wetten wollte, auswendig wußte – und so machen's ja Ihre Dichter immer bekanntlich mit dem, was sie selbst schreiben.«

»Vielleicht war es ein Brief?« rief Lionel so rasch, daß Meriton ein Glas, das er eben reinigte, auf Unkosten von dessen Inhalt zu Boden fallen ließ.

»Gott steh' uns bei, Herr Lionel, wie kräftig Sie sprechen und wieder so ganz, wie in den alten Zeiten!«

»Ich bin, glaube ich, erstaunt darüber, zu finden, daß Du so viel von der göttlichen Kunst verstehst, Meriton.«

»Uebung macht den Meister, wie Sie wissen, Sir,« sagte der geckenhafte Diener – »ich kann nicht sagen, daß ich je viel darin geleistet, obwohl ich einige Verse über ein niedliches Ferkel schrieb, das zu Ravenscliffe starb, als wir das letzte Mal dort waren; auch erwarb ich mir großen Eclat durch einige Zeilen auf eine Vase, welche Lady Bab's Kammerzofe eines Tags in einer Balgerei zerbrach, als ich, wie das närrische Ding behauptet, sie küssen wollte, während doch alle die, welche mich kennen, genugsam wissen, daß ich keine Vasen zu zerbrechen brauche, um von ihres Gleichen Küsse zu erhalten.«

»Sehr gut,« erwiederte Lionel; »ein ander Mal, wenn ich mehr bei Kraft bin, werde ich mir das Vergnügen erbitten, sie zu überlesen – jetzt aber gehe in die Speisekammer, Meriton, und schaue Dich um; ich fühle die Zeichen wiederkehrender Gesundheit sehr stark in mir.«

Der erfreute Diener entfernte sich augenblicklich und überließ seinen Herrn dem Spiele seiner eignen geschäftigen Phantasie.

Mehre Minuten verstrichen, ehe der junge Mann sein Haupt erhob, das er mit der Hand gestützt hatte und dieß geschah auch erst, als er leichte Fußtritte neben sich zu vernehmen glaubte. Sein Gehör hatte ihn nicht getäuscht, denn Cäcilie Dynevor stand wenige Schritte von dem Lehnstuhle entfernt, der seine eigene Person zum größten Theil vor ihrem Blicke verbarg. Er konnte an ihrer Stellung und ihrem Schritt deutlich wahrnehmen, daß sie den Kranken da zu finden erwartete, wo sie ihn zuletzt gesehen und wo seine regungslose Gestalt so manchen traurigen Monat hindurch in gänzlicher Apathie gelegen hatte. Lionel folgte ihren Bewegungen mit den Augen und als das leichte Band ihres Morgenhäubchens von ihrem eignen Athem zur Seite geweht wurde, entdeckte er die unnatürliche Blässe ihrer Wangen. Als sie aber die Falten der Bettvorhänge zurückzog und den Kranken vermißte – der Gedanke ist nicht schneller, als die Wendung, mit der sie sich nach dem Stuhle umdrehte. Hier begegnete sie den Augen des Jünglings, die mit Entzücken nach ihr herüber strahlten, und jene Begeisterung, jenes fühlende Verstehen ausdrückten, welchem sie so lange entfremdet gewesen waren. Der Ueberraschung und dem Drange ihrer Gefühle nachgebend, flog Cäcilie zu seinen Füßen und, seine ausgestreckte Rechte mit ihren beiden Händchen umschließend, rief sie:

»Lionel, theurer Lionel, Sie sind besser! Gott sey gelobt, endlich sehen Sie sich selbst wieder ähnlich!«

Lionel wand sanft seine Hand aus dem warmen, unverhaltenen Druck ihrer zarten Finger los und zog ein Papier hervor, das sie unbewußt seiner eigenen Hand Preis gegeben hatte.

»Dieß, theuerste Cäcilie,« flüsterte er zu dem erröthenden Mädchen, »dieß ist mein eigener Brief, den ich schrieb, als ich mein Leben von naher Gefahr bedroht wußte, und der die reinsten Gefühle meines Herzens ausspricht – gestehen Sie mir denn, daß er nicht ohne Ursache so sorgsam aufbewahrt wurde!«

Cäcilie verbarg für einen Augenblick in brennender Scham das Antlitz in beiden Händen und überließ sich dann den Gefühlen, welche alle zumal in diesem Augenblick auf ihr Herz einstürmten, mit der ganzen Weichheit eines Weibes, indem sie plötzlich in einen Strom von Thränen ausbrach. Es wäre unnütz, bei den tröstenden, einschmeichelnden Reden des Jünglings zu verweilen, dem es bald gelang, seine Freundin nicht nur von ihren Seufzern, sondern selbst von ihrer Verwirrung zu befreien, so daß sie endlich ihr schönes Haupt zu seinem feurigen Blicke emporhob, der so glänzend, so vertrauensvoll auf sie herniederstrahlte, als seine innigsten Wünsche ihn nur immer machen konnten.

Lionel's Brief war zu deutlich, um ihren Stolz nicht zu befriedigen, und war zu oft überlesen worden, als daß auch nur ein einziges Wort desselben so bald vergessen werden konnte. Zudem hatte Cäcilie zu zärtlich und zu lange an seinem Lager gewacht, um sich etwa jetzt einer jener kleinen Koketterien hinzugeben, welche man zuweilen bei solchen Scenen trifft. Sie sagte Alles, was ein zärtliches, edles und bescheidenes Weib bei solcher Gelegenheit sagen kann und so viel ist gewiß, daß, wenn Lionel beim Erwachen auch gut ausgesehen hatte, doch das Wenige, was sie ihm zuflüsterte, seine jetzige Miene noch um's Zehnfache erheiterte.

»Und Sie erhielten meinen Brief an dem Morgen nach der Schlacht?« fragte Lionel, indem er sich freundlich zu ihr herabbeugte, während sie noch an seiner Seite knieete.

»Ja – ja – es war Ihr Befehl, daß er mir blos im Falle Ihres Todes zugesendet werden sollte; aber länger als einen Monat wurden Sie von uns allen zu den Todten gerechnet. – O, was war das für ein Monat!«

»Nun ist's vorüber, meine süße Freundin, und, Gott sey gelobt, ich darf jetzt neuer Gesundheit und einem schönen Glücke entgegensehen!«

»Gott sey gelobt, ja!« flüsterte Cäcilie, und Thränen entfielen abermals ihren Augen; – »ich möchte diesen Monat nicht noch einmal durchleben, Lionel, nicht für Alles, was diese Welt bieten kann!«

»Theuerste Cäcilie!« rief Lionel; »ich kann diese Güte, diese Leiden um meinetwillen einzig dadurch vergelten, daß ich Sie vor der rauhen Berührung der Welt schütze, so wie Ihr Vater Sie schützen würde, wenn er noch am Leben wäre.«

Sie blickte auf in sein Gesicht mit dem vollen Vertrauen eines Weibes in ihrem leuchtenden Auge.

»Sie werden es, Lionel, ich weiß, Sie werden es – Sie haben geschworen, und ich wäre eine Elende, wenn ich daran zweifeln könnte.«

Er schloß ihre nicht widerstrebende Gestalt in seine Arme und drückte sie an seine Brust. Im nächsten Augenblick ließ sich ein Geräusch vernehmen, als ob Jemand die Treppe heraufgestiegen käme. Cäcilie sprang auf und ließ dem entzückten Lionel kaum Zeit, die brennende Röthe zu bemerken, die ihr Gesicht überzog, als sie mit der Schnelle und Leichtigkeit einer Antilope aus dem Zimmer floh.

 

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