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Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston

James Fenimore Cooper: Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleLionel Lincoln oder die Belagerung von Boston
publisherVerlag von S. G. Liesching
printrunZweite Auflage
year1851
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150324
modified20170303
projectid025dd028
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Fünfzehntes Kapitel.

Kein Zweifel, wir sind feinere Leute, als diese einfachen Pächter, mit denen wir nun zusammentreffen werden. Unsere Hüte haben eine breitere Krämpe, der Degen hängt uns zierlicher zur Seite und wir machen eine bessere Figur in einem Ballsaal; aber vergessen wir nicht, daß auch der vollendetste MaccaroniSo nennen die Engländer spottweise einen ›Stutzer‹. A. d. U. unter uns in Peking für einen tölpischen Bauern gelten würde.

Brief eines alten Offiziers.    

 

Der tiefe Schlaf des Morgens war auf seine Sinne herabgefallen, als Gesichte aus der Vergangenheit und Zukunft sich in die Träume des jungen Kriegers mischten. Die Gestalt seines Vaters stand vor ihm, wie er sie in seiner Kindheit gesehen hatte, schön in Verhältnissen und in der Blüthe männlicher Kraft; sie schaute auf ihn mit jenem Blicke gütigen aber melancholischen Wohlwollens, welcher stets ihren Ausdruck beseelt hatte, seit Lionel des Wittwers einzige Freude geworden war. Indem sein Herz bei diesem Anblicke höher zu schlagen anfing, schwand die Gestalt hinweg und ihr folgten phantastische Gebilde, welche unter den Gräbern auf Copp's umherzutanzen schienen: an ihrer Spitze erschien Job Pray, der unter wilden Sprüngen, die etwas von den geisterhaften Schrecken des Todes an sich hatten, gleich einem Wesen aus einer andern Welt, zwischen den Gräbern dahinglitt. Ein lauter plötzlicher Donnerschlag fuhr dazwischen und die Schatten flohen wieder in ihre stillen Wohnungen, aus welchen er sie noch manchmal mit ihren eisig starren Blicken, ihren gespenstigen Gesichtern nach ihm herüberlauern sah, gerade wie wenn sie ihre Macht kennten, das Blut des Lebenden erstarren zu machen. Seine Gesichte wurden jetzt peinlich deutlich und sein Schlaf ward von ihrer Lebhaftigkeit übermannt, als seine Sinne endlich diese unnatürlichen Bande sprengten und er erwachte. Die Morgenluft wehte durch seine offenen Vorhänge und das Licht des Tags hatte sich schon über die dämmernden Dächer der Stadt ergossen. Lionel erhob sich aus dem Bett und durchschritt mehreremal das Zimmer in vergeblicher Anstrengung, die Bilder, die seinen Schlaf heimgesucht hatten, von sich abzuschütteln, bis die Töne, welche die Luft zu ihm herübertrug, zu deutlich wurden, um noch länger von einem geübten Ohr mißverstanden zu werden.

»Ha,« murmelte er vor sich hin; »ich habe doch nur zur Hälfte geträumt; das sind nicht Töne eines eingebildeten Sturmes, sondern Kanonen; sie sprechen deutlich genug für einen Krieger!«

Er öffnete das Fenster und schaute auf die Scene hinab. Der Donner des Geschützes ertönte rasch und schwer, und Lionel warf die Augen umher, um die Ursache dieses ungewöhnlichen Vorfalls zu entdecken. Gage hatte bis jetzt die Politik befolgt, die Ankunft seiner Verstärkungen abzuwarten, ehe er einen Schlag auszuführen sich entschloß, der, wie er beabsichtigte, entscheidend werden sollte; die Amerikaner, das wußte man wohl, waren zu kärglich mit Kriegsmunition versehen, um auch nur Eine Ladung Pulver in einem von den eitlen Angriffen neuerer Belagerungsweise nutzlos zu vergeuden. Die Kenntniß dieser Thatsachen mußte die Neugierde noch um Vieles vermehren, womit Major Lincoln in das Geheimniß einer so eigenthümlichen Störung einzudringen versuchte. Fenster nach Fenster in den anliegenden Gebäuden zeigte bald, wie sein eigenes, verwunderte und bestürzte Zuschauer. Hier und dort sah man einen halbgekleideten Soldaten oder einen geschäftigen Städter mit einer Hast über die stillen Straßen hineilen, welche die Heftigkeit ihrer Neugierde beurkundete. Hin und wieder erblickte man Frauen, welche wild aus ihren Wohnungen hervorstürzten, und als die Töne in freier Luft mit zehnfacher Gewalt ihr Ohr trafen, sich erschreckt wieder in ihre Häuser zurückzogen. Lionel rief drei oder vier der Vorübereilenden an; aber Diese, die Augen wild nach seinem Fenster emporwerfend, rannten weiter ohne Antwort zu geben, als ob die Noth zu dringend wäre und kein Sprechen weiter erlaubte. Da er solchergestalt sein wiederholtes Fragen fruchtlos fand, kleidete er sich hastig an und ging auf die Straße hinab. Indem er aus der Hausthüre trat; lief ein halbbekleideter Artillerist eilends an ihm vorüber, der mit der einen Hand seine Kleidung ordnete, während er in der andern Einiges von den besonderen Werkzeugen des Corps trug, in dem er diente.

»Was bedeutet das Feuern, Sergeant,« fragte Lionel, »und wohin eilt Ihr in dieser Verwirrung?«

»Die Rebellen, Euer Gnaden, die Rebellen!« rief der Soldat, rückwärts gewendet, doch ohne seine Eile zu unterbrechen, »und ich gehe zu meinen Kanonen!«

»Die Rebellen!« wiederholte Lionel; »was können wir von einem Haufen von Landleuten in einer solchen Stellung zu fürchten haben? – – der Bursche hat heimlich seinen Posten verlassen und Besorgniß für sich selbst mischt sich mit diesem Eifer für seinen König!«

Das Stadtvolk stürmte jetzt in Schaaren aus seinen Wohnungen und Lionel, ihrem Beispiel folgend, nahm seinen Weg nach der nahegelegenen Höhe von Beacon Hill. Er eilte mit noch zwanzig Anderen den steilen Weg zur Plattform aufwärts, ohne eine Sylbe mit Leuten zu wechseln, die eben so wie er selbst über diese frühzeitige Unterbrechung ihres Morgenschlummers erstaunt schienen. In wenigen Minuten stand er auf der kleinen grasigen Ebene, umringt von Hunderten neugieriger Zuschauer. Die Sonne hatte eben den dünnen Nebelschleier über den Gewässern weggezogen und ließ das Auge unter der aufsteigenden Dunstschichte über ein weites Feld hinschweifen. Mehrere Schiffe lagen in den Kanälen Charles und Mystick vor Anker, um die nördlichen Zugänge der Stadt zu decken, und als Lionel eine weiße Rauchsäule um die Masten einer Fregatte sich winden sah, war er nicht länger im Zweifel darüber, woher das Feuern kommen könne. Noch sah er staunend hin und konnte sich die Gründe nicht erklären, welche eine solche kriegerische Schaustellung nöthig machen mochten; da brachen ungeheure Rauchschichten aus der Seite eines Linienschiffs hervor, das ebenfalls seine tiefmäuligen Kanonen öffnete, und diesem Beispiel folgten augenblicklich einige fliegende Batterien nebst den kleineren Fahrzeugen, bis das weite Amphitheater von Hügeln rings um Boston von dem Echo von hundert Feuerschlünden wiederhallte.

»Was soll das Alles bedeuten, Sir,« rief ein junger Offizier von Lionel's Regiment, indem er sich an diesen wandte – »den Seeleuten ist es wahrhaftig ernst, sie laden ihre Kanonen mit Kugeln, wie ich an dem Sausen ihrer Schüsse vernehme!«

»Ich kann mich keines bessern Standpunktes rühmen, als der Ihrige ist,« erwiederte Lionel; »und vermag bis jetzt auch nirgends einen Feind zu entdecken. Da die Geschütze nach der gegenüberliegenden Halbinsel gerichtet scheinen, so glaube ich fast, ein Streifcorps der Amerikaner versucht, das Gras, das frisch gemäht dort drüben auf den Wiesen liegt, zu verwüsten.«

Der junge Offizier war in Begriff, dieser Meinung beizupflichten, als sie eine Stimme über ihren Köpfen rufen hörten:

»Da feuert eine Kanone von Copp's! Sie sollen nicht denken, sie können das Volk mit ihrem höllischen Lärmen erschrecken; laßt sie nur drauf los donnern, bis die Todten aus ihren Gräbern hervorkommen – die Baileute werden doch den Hügel behaupten!«

Jedes Auge richtete sich augenblicklich aufwärts und mit Verwunderung und Ergötzen entdeckten die Zuschauer Job Pray, der in dem Roste des Leuchtthurms saß; seine sonst so ausdruckslose Miene glänzte vor Freude, während er unablässig seinen Hut hoch in den Lüften schwang, als Kanone auf Kanone sich vernehmen ließ und den erschütternden Lärm des Geschützes vermehrte.

»Nun, Bursche!« rief Lionel; »was siehst Du? und wo sind die Baileute, von welchen Du sprichst?«

»Wo?« erwiederte der Narr und schlug die Hände in kindischem Entzücken zusammen; »nun da, wo sie einzogen in finsterer Mitternacht und wo sie nun stehen werden am hellen vollen Mittag. Die Baileute können zuletzt noch in die Fenster von Alt-Funnel hinabschauen, und jetzt laßt die Regulären herankommen – man wird den gottlosen Mördern das Gesetz lehren!«

Etwas gereizt über die Sprache Job's, rief ihm Lionel in ärgerlichem Tone zu:

»Komm herab von diesem Käfig, Bursche, und erkläre Dich deutlicher, oder der Grenadier dort wird dich von Deinem Sitz herunterholen und Dich an den Pfahl da stellen, um Dir ein wenig von der heilsamen Zurechtweisung angedeihen zu lassen, die Du so nöthig hast.«

»Ihr verspracht, daß die Grenadiere Job nicht wieder peitschen sollten,« antwortete der Blödsinnige, indem er in dem Roste niederkauerte und mit trübem, ängstlichem Blick auf seinen angedrohten Züchtiger herabschielte; »und Job gelobte Euch dafür Gänge zu thun und nicht Eine von des Königs Kronen zum Lohne zu nehmen.«

»So komm herab, im Augenblick, und ich will unseres Kontraktes gedenken.«

Durch diese Versicherung, die in einem freundlicheren Tone gegeben worden, beruhigt, sprang Job sorglos von seinem eisernen Sitze herab, und indem er sich an dem Pfeiler festklammerte, glitt er rasch auf den Boden, wo Major Lincoln ihn augenblicklich beim Arm faßte. »Wo sind die Baileute? ich frage Dich noch einmal.«

»Dort!« antwortete Job und wies über die niederen Dächer der Stadt hinweg nach der Richtung der Halbinsel gegenüber. »Sie graben ihren Keller auf Breeds, und befestigen jetzt gerade ihre Unterpfeiler, und dann sollt Ihr sehen, zu welchem Aufbau sie das Volk einladen werden.«

In dem Augenblick als der Ort genannt wurde, waren Aller Augen, die bis jetzt auf die Schiffe selbst geschaut hatten, anstatt den Gegenstand ihrer Feindseligkeit zu suchen – alsbald nach der grünen Anhöhe emporgerichtet, welche ein wenig zur Rechten von dem Dorfe Charlestown sich erhob und jeder Zweifel schwand sofort bei dieser Entdeckung. Der hohe, kegelförmige Gipfel von Bunker-Hill lag nackt und unbesetzt, wie am vorhergehenden Tag; aber am Ende eines etwas niedrigeren Kammes, der sich eine kleine Strecke in die See ausdehnte, war eine kleine Erdbank aufgeworfen worden, deren Zweck kein militärisches Auge verkennen konnte. Diese Redoute, schmal und kunstlos, wie sie war, beherrschte durch ihre Lage den ganzen inneren Hafen von Boston und bedrohte sogar einigermaßen die Besatzung der Stadt selbst. Die plötzliche Erscheinung dieses zauberähnlichen Werkes war es, was die schlummernden Seeleute in Allarm gebracht hatte, nachdem die Nebel des Morgens zerstreut waren, worauf die Schanze alsbald die Zielscheibe für das sämmtliche Geschütz der ganzen Flotte in der Bai wurde. Erstaunen über die Dreistigkeit ihrer Landsleute machte die Städter verstummen, während Major Lincoln und die wenigen Offiziere, die neben ihm standen, mit einem Blicke erkannten, daß dieser Schritt von Seite ihrer Gegner in dem Gang der Belagerung eine Krisis herbeiführen müsse. Umsonst wandten sie ihre verwunderten Blicke nach der nahe liegenden Höhe und ringsum nach den verschiedenen Punkten der Halbinsel; vergeblich suchten sie jene schirmenden Punkte, womit man gern im Kriege solche Vertheidigungswerke zu decken pflegte. Die Landleute gegenüber hatten mit feiner Berechnung gerade den Punkt besetzt, wo sie ihrem Feind am empfindlichsten schaden konnten; ohne Rücksicht auf die entstehenden Folgen hatten sie in wenig kurzen Stunden, eingehüllt in den Mantel der Nacht, ihr Werk mit einer Geschicklichkeit aufgeworfen, die einzig nur von ihrer Kühnheit übertroffen wurde. Schon bei dem ersten Blicke mußte sich diese Wahrheit dem Beschauer aufdrängen, und Major Lincoln fühlte seine Wangen erglühen, als er sich des dumpfen, undeutlichen Gemurmels erinnerte, das die Nachtluft zu seinen Ohren geweht, und jene unerklärlichen Gesichte sich zurückrief, welche ihn sogar die ganze Nacht verfolgt hatten, bis es der Wahrheit und dem Lichte des Tages gelungen war, sie zu zerstreuen. Er winkte Job, ihm zu folgen und verließ in raschem Schritte den Hügel; als sie den Gemeindegrund erreicht hatten, wandte er sich mit den Worten an seinen Gefährten:

»Bursche, Du warst in dieses Werk der Mitternacht eingeweiht!«

»Job hat genug zu thun bei Tag und braucht nicht bei Nacht zu arbeiten, wo nur die Todten ihre Ruheplätze verlassen,« erwiederte der Junge und es lag dabei in seinem Blick eine solche Geistesstumpfheit, daß der Andere sogleich seinen Unwillen entwaffnet fühlte.

Lionel lächelte, indem er abermals seiner eigenen Schwäche gedachte und sagte vor sich hin:

»Die Todten! ha, das sind die Werke von Lebenden, und kühne Männer sind es, die es gewagt haben, eine solche That auszuführen. Aber sage mir, Job – denn umsonst würdest Du versuchen, mich länger zu hintergehen – in welcher Anzahl verließest Du die Amerikaner dort auf dem Hügel, als Du in vergangener Nacht über den Charleskanal setztest, um die Gräber auf Copp's zu besuchen?«

»Beide Hügel waren bedeckt,« antwortete der Andere – »Breeds mit dem Volk und Copp's mit den Gespenstern – Job glaubt, die Todten waren aufgestanden, um ihre Kinder so nahe bei sich graben zu sehen.«

»Wahrscheinlich;« sagte Lionel, welcher für's Beste hielt, den wilden Ideen des Knaben beizupflichten, um seine List zu entwaffnen – »aber sind auch die Todten unsichtbar, so können doch die Lebenden gezählt werden.«

»Job zählte fünfhundert Mann, die bei Sternenlicht mit Hacken und Schaufeln dem Bunker über die Nase hinzogen, und dann hielt er inne, denn er wußte nicht mehr, ob sieben- oder achthundert zunächst käme.«

»Und nachdem Du aufhörtest zu zählen, folgten da noch Andere nach?«

»Die Baikolonie ist nicht so arm an Leuten, daß sie bei einem Aufstand nicht ihrer tausend mustern könnten.«

»Aber ihr hattet doch einen Meister als Aufseher bei eurer Arbeit; war's etwa der Wolfsjäger von Connecticut?«

»Dazu braucht man nicht aus der Provinz zu gehen, um einen Werkmeister zu finden, der einen Keller aushebt! Dickey Gridly ist ein Bostonerkind.«

»So! Der ist der Führer! dann haben wir nichts zu fürchten, wenn der Jägersmann aus Connecticut nicht an ihrer Spitze steht.«

»Meint Ihr, der alte Prescott von Peperell wird den Hügel verlassen, so lange er noch ein Körnchen Pulver zu verschießen hat? – nein, nein, Major Lincoln, Ralph selbst ist kein besserer Krieger und Ihr könnt Ralph nicht erschrecken!«

»Wenn sie aber ihre Kanonen oft abfeuern, wird ihr geringer Schießvorrath bald aufgebracht seyn und dann müssen sie ohne Gnade Reißaus nehmen.«

Job lachte höhnisch und mit dem Anschein tiefer Verachtung:

»Ja, wenn die Baileute so dumm wären wie des Königs Truppen und solche dicke Kanonen gebrauchten! aber das Geschütz der Kolonie bedarf nur geringe Ladung und es ist auch nur wenig da. Laßt die höllischen Lärmer nur nach Breeds hinaufgehen; das Volk wird sie das Gesetz lehren!«

Lionel hatte nun von dem Blödsinnigen Alles herausgebracht, was er über die Lage und Stärke der Amerikaner von ihm zu erfahren hoffen konnte und da die Augenblicke zu kostbar waren, um sie in nutzlosem Gespräch zu vergeuden, befahl er dem Jungen, auf die Nacht in seinem Quartier zu erscheinen und verließ ihn. In seinem eigenen Hause angekommen, schloß sich Major Lincoln in sein Studierzimmer ein und verbrachte mehre Stunden mit Schreiben oder Prüfen von wichtigen Papieren. Ein Brief besonders wurde geschrieben, gelesen, zerrissen, wieder geschrieben und so fünf und sechs Mal, bis er ihn endlich siegelte und das wichtige Papier mit einer Art Sorglosigkeit adressirte, welche anzeigte, daß seine Geduld durch die verschiedenen Proben erschöpft worden war. Diese Dokumente wurden Meriton mit der Weisung übergeben, sie an ihre verschiedenen Adressen abzuliefern, wofern er nicht vor dem nächsten Tag Gegenbefehl erhielte, worauf der junge Mann hastig ein spätes und leichtes Frühstück zu sich nahm. Während er noch in seinem Kabinet eingeschlossen war, hatte Lionel mehrere Male die Feder bei Seite geworfen, um zu lauschen, denn der Lärm in der Stadt drang bis zu seiner Einsamkeit und verrieth die Aufregung und Kampflust, die in den Straßen der Stadt herrschte. Nachdem er zuletzt die Aufgabe, die er sich gestellt, vollendet hatte, nahm er seinen Hut und schlug mit hastigen Schritten den Weg nach der Mitte des Platzes ein.

Kanonen rasselten über das Pflaster, Munitionswagen hinten drein, und Offiziere und Bedienungsmannschaft folgten in eiligem Schritt dicht hinter ihren Geschützen. Adjutanten, mit wichtigen Befehlen beauftragt, sprengten wüthend durch die Straßen; dann und wann sah man auch einen Offizier, der sein Quartier mit einer Haltung verließ, in welcher männlicher Stolz mächtig gegen innerliche Trauer ankämpfte, während er noch den letzten angstvollen Blick auffing, der seiner entschwindenden Gestalt von treuen Augen nachgesendet wurde, die bis jetzt mit Vertrauen und Liebe den seinigen zu begegnen gewohnt gewesen waren. Doch blieb bei dem allgemeinen Getöse und dem Glanz der Scene nur wenige Zeit übrig, um bei solchen vorübergehenden Zeichen von Familienweh zu verweilen. Zu Zeiten drangen Töne kriegerischer Musik durch die Windungen der krummen Straßen oder Truppenabtheilungen zogen vorüber und verfolgten ihren Weg nach dem Einschiffungsplatz. Als Lionel gerade an der Ecke einer Straße einen Augenblick still hielt, um die feste Haltung eines vorüberziehenden Grenadiercorps zu bewundern, fiel sein Auge auf die mächtige Gestalt und die strengen Züge M'Fuse's, der an der Spitze seiner Kompagnie mit jenem Ernst einhermarschirte, welcher die Genauigkeit des Schritts unter die wichtigen Vorfälle des Lebens zählte. Nicht weit von ihm entfernt war Job Pray, der seine Schritte nach dem Takt des militärischen Marsches abmaß und das glänzende Schauspiel mit stumpfer Verwunderung betrachtete, während sein Ohr, ihm selbst unbewußt, die begeisternden Töne der Musik begierig verschlang. Diesem schönen Corps folgte unmittelbar ein Bataillon, an welchem Lionel alsbald die Aufschläge seines eigenen Regiments erkannte. Der warmherzige Polwarth führte ihre vorderen Reihen und mit der Hand winkend rief er:

»Gott grüß Dich, Leo, Gott grüße Dich! – endlich einmal kommen wir zum schönen, geschlossenen Kampf und all das Treibjagen hat jetzt ein Ende.«

Die Klänge der Hörner übertönten seine Stimme und Lionel konnte blos noch seinen herzlichen Gruß erwiedern, worauf er alsbald, durch den Anblick seiner Kameraden an seinen Vorsatz erinnert, sich umwandte und seinen Weg zu der Wohnung des kommandirenden Generals verfolgte.

Das Thor des Provinzhauses war mit Kriegsleuten vollgepfropft, einige warteten auf Vorlaß, andere gingen ein und aus. Alle trugen die Miene von Leuten, welche Aufträge von Bedeutung zu vollziehen haben. Der Name Major Lincoln's war kaum angekündigt, als ein Adjutant erschien und ihn mit einer Höflichkeit und Eile vor den Statthalter führte, welche einige Herrn, die schon seit Stunden gewartet hatten, einigermaßen für ungerecht hielten.

Lionel jedoch, der sich wenig aus einem Gemurmel, das er nicht hörte, machen konnte, folgte seinem Führer und wurde in ein Gemach geleitet, wo ein Kriegsrath so eben seine Berathungen geendigt hatte. Auf der Thürschwelle mußte er einem Offizier Platz machen, der sich in Eile beurlaubte und dessen mächtige Gestalt in tiefen Gedanken etwas niedergebeugt erschien, als er das dunkle, kriegerische Antlitz einen Augenblick erhob, um für die tiefe Verbeugung des jungen Kriegers seinen Dank zu erwiedern. Um diesen Führer sammelte sich sogleich eine Gruppe junger Männer und als sie alle miteinander sich entfernten, konnte Lionel aus ihren Reden so viel zusammenreimen, daß sie ihren Weg nach dem Schlachtfelde nahmen. Das Zimmer war mit Offizieren von Rang angefüllt; hie und da sah man daneben einen Mann in Bürgerkleidung, dessen düstere, verlegene Blicke ihn als einen jener Mandamus-Rathgeber ankündigten, deren üble Anweisung das Uebel beschleunigt hatte, welches ihre Weisheit nun nimmer wieder gut zu machen vermochte. Aus einem kleinen Kreise dieser hartgetäuschten Bürgerlichen trat Gage's anspruchslose Gestalt Lioneln entgegen und bildete durch die Einfachheit seines Anzugs einen auffallenden Kontrast zu dem kriegerischen Glanze, der um ihn her schimmerte.

»Womit kann ich Major Lincoln dienen?« fing er an und reichte dem jungen Mann mit Herzlichkeit die Hand, erfreut, wie es schien, von seinen lästigen Rathgebern befreit zu seyn, die er mit so wenig Umständen verlassen hatte.

»›Wolf's Eigne‹ marschirten so eben an mir vorüber nach den Booten und ich habe mir die Freiheit genommen, mich zu Euer Excellenz mit der Frage zu drängen, ob es jetzt nicht Zeit wäre, daß ihr Major seinen Dienst wieder bei ihnen anträte?«

Ein Schatten des Nachdenkens lagerte sich für einen Augenblick auf den ruhigen Zügen des Generals, worauf er mit freundlichem Lächeln antwortete:

»Es wird nichts weiter als ein Vorpostengefecht geben und muß in Kurzem abgethan seyn. Wollte ich aber jedem braven Manne, der sich heute von Muth angefeuert fühlt, seine Forderung gewähren, so möchte dieß leicht dem Dienste Seiner Majestät das Leben manches Offiziers kosten, das dann durch ein solches Stückchen Boden zu theuer erkauft wäre.«

»Darf ich mir aber wohl erlauben, zu bemerken, daß die Familie der Lincoln aus der Provinz stammt und daß ihr Beispiel bei einer solchen Gelegenheit nicht verloren gehen sollte?«

»Die Loyalität der Kolonien ist hier zu gut repräsentirt, als daß es noch eines weiteren Opfers bedürfte,« sagte Gage und warf dabei einen sorglosen Blick auf die Gruppe hinter ihm. – »Mein Kriegsrath hat über die zu verwendenden Offiziere bereits verfügt und ich bedaure, daß Major Lincoln's Name dabei ausgelassen wurde, da ich jetzt sehe, daß ihm dieß peinlich fällt; aber ein kostbares Leben darf nicht leichtsinnig und ohne Noth ausgesetzt werden.«

Lincoln verbeugte sich und nachdem er noch die wenigen Nachrichten, die er von Job Pray gesammelt, mitgetheilt hatte, wandte er sich ab und fand sich neben einem andern Offizier von hohem Rang, der lächelnd den Ausdruck getäuschter Erwartung in seinen Zügen beobachtete, und seinen Arm ergreifend, ihn mit einer Ungezwungenheit aus dem Zimmer führte, welche seiner zierlichen Gestalt vollkommen anstand.

»So sollen auch Sie, Lincoln, wie ich selbst, am heutigen Tage nicht für den König fechten,« fing er an, als sie das Vorzimmer erreichten. »Howe hat das Glück der heutigen Affaire, wenn überhaupt Glück bei einer so gewöhnlichen Gelegenheit seyn kann. Doch allons; begleiten Sie mich als Zuschauer nach Copps, da man uns unsern Antheil an dem Drama selbst verweigert; vielleicht können wir dabei Stoff, wenn auch nicht für ein Epos, so doch vielleicht zu einer Pasquinade sammeln.«

»Entschuldigen Sie, General Bourgoyne,« sagte Lionel, »wenn ich die Sache mit ernsteren Augen als Sie betrachte.«

»Ach! ich hatte vergessen, daß Sie Percy's Gefährte auf seiner Jagd nach Lexington waren!« unterbrach ihn der Andere; »so wollen wir's denn eine Tragödie nennen, wenn das Ihrem Humor besser zusagt. Was mich betrifft, Lincoln, ich habe diese krummen Straßen und düsteren Häuser herzlich satt, und da ich einigen Geschmack für die Poesie der Natur in mir fühle, so hätte ich längst den verlassenen Feldern dieser Landleute einen Besuch abgestattet, wenn ich eben so sehr die Macht wie den Willen dazu gehabt hätte. Aber hier kommt Clinton auf uns zu; auch er geht nach Copp's, wo wir Alle eine Lection in der Kunst, Krieg zu führen, nehmen können, wenn wir die Art studiren, wie Howe seine Bataillone schwenkt.«

Ein Krieger von mittlerem Alter trat jetzt zu ihnen; seine kräftige Figur, wenn ihr auch die Grazie und Leichtigkeit des Gentleman abging, der Lincoln noch am Arm führte – hatte dafür einen ächt martialischen Charakter, der dem Blick des ruhigen und bürgerlichen Gage gänzlich fremd war. Gefolgt von ihren verschiedenen Begleitern, verließ die ganze Gesellschaft augenblicklich das Gouvernementsgebäude, um auf der schon öfter erwähnten Anhöhe ihren Standpunkt einzunehmen.

Als sie auf die Straße kamen, verließ Bourgoyne den Arm seines Gefährten und ging mit geziemender Würde an der Seite seines Mitgenerals. Lionel benützte freudig diese Aenderung, um sich ein wenig von der Gruppe zurückzuziehen; er folgte ihren Schritten in solcher Entfernung, daß es ihm dadurch möglich wurde, alle die Aeußerungen des Gefühls von Seiten der Einwohner zu beobachten, welche der Stolz die beiden Andern übersehen ließ. Schreckenbleiche weibliche Gesichter blickten aus jedem Fenster auf sie herab, während die Dächer der Häuser bis zu den Spitzen der Kirchthürme hinauf sich mit gleich neugierigen, aber dabei kühneren Zuschauern zu füllen anfingen. Die Trommeln rasselten nicht länger durch die engen Straßen; nur manchmal hörte man den schrillen Ton einer Pfeife vom Wasser her, der die Bewegung der Truppen in der Richtung der Halbinsel gegenüber verkündigte. Alles übertönte der unaufhörliche Donner des Geschützes, der seit Tagesanbruch noch keinen Augenblick aufgehört hatte, unermüdet die Luft zu durchrollen, bis das Ohr, an seine Gegenwart gewöhnt, auch die schwächeren Töne, deren wir gedacht, unterscheiden lernte.

Die niedrigeren Theile der Stadt, in welche die Gesellschaft jetzt hinabkam, erschienen von Allem, was Leben hat, völlig verlassen; die offenen Fenster, die unverschlossenen Thüren verriethen den Drang der Gefühle, der die Bevölkerung auf solche Punkte geführt hatte, welche für die Beobachtung des herannahenden Kampfes günstiger gelegen waren. Dieser Beweis heftiger Neugierde erregte selbst die Sympathieen unserer alten und versuchten Krieger: sie beschleunigten ihre Schritte und bald stiegen alle von den düstern Gebäuden nach der fernen und unbeschränkten Aussicht auf dem Hügel empor.

Die ganze Scene lag nun vor ihnen ausgebreitet. Fast gerade ihnen gegenüber lag das Dorf Charlestown, das sich mit seinen öden Gassen und den schweigenden Dächern wie eine Stätte des Todes ausnahm; wenn selbst noch einige Zeichen von Leben an seinen offenen Zugängen sichtbar waren, so waren es nur einzelne Gestalten, welche schnell durch die Einsamkeit hineilten, als ob sie ungeduldig wären, einen dem Unheil geweihten Boden zu verlassen. Auf dem entgegengesetzten Punkt, an der südöstlichen Seite der Halbinsel, in einer Entfernung von etwa tausend Ruthen war der Grund schon von Menschenmassen in Scharlach bedeckt, deren Waffen in der hellen Mittagssonne glänzten. Zwischen diesen beiden Punkten, doch mehr in der unmittelbaren Nähe des schweigsamen Dorfes, erhob sich aus einer vom Wasser begränzten Ebene jener schon beschriebene kreisförmig abgerundete Hügel, bis er eine Höhe von etlichen fünfzig bis sechzig Fuß erreichte, wo er dann zu einem niedrigen Kamme anwuchs; hier erblickte man das kleine Erdwerk, das bis jetzt all' diese Bewegung verursacht hatte. Die Wiesen zur Rechten lagen noch vor ihnen, still und lachend wie in den ruhigsten Tagen der Provinz, nur Lionel's aufgeregte Phantasie ließ ihn eine dumpfe Stille fühlen, welche über den vernachläßigten Brennöfen gegenüber und über der ganzen Landschaft ausgebreitet lag, und mit der jetzt nahenden Scene in düsterem Einklange zu stehen schien. Weit zur Linken, über den Wassern des Charles-Canals, hatte das amerikanische Lager seine Tausende über die Hügel ergossen; die ganze Bevölkerung der Gegend, auf viele Meilen in's Land hinein, war nach diesem Punkte zusammengeströmt, um Zeuge eines Kampfes zu seyn, von welchem das Schicksal ihrer Nation abhing. Beacon Hill stieg wie eine Pyramide lebender Gesichter aus der erschreckenden Stille der Stadt Boston empor: jedes Auge war auf den entscheidenden Punkt geheftet; Menschen hingen an den Raaen der Schiffe und schwebten in achtloser Sicherheit an Karnissen, Kuppeln und Kirchthürmen; jeder andere Sinn schwieg vor dem Alles verschlingenden Drange des Zuschauens. Die Kriegsschiffe waren tief in die Flüsse oder vielmehr in die engen Arme der See, welche die Halbinsel bildeten, eingedrungen, oder sandten ihre eisernen Geschosse mit unermüdlichem Eifer über die niedere Landenge hin, welche allein eine Verbindung zwischen den sich aufopfernden Männern auf dem Hügel und ihren entfernten Landsleuten eröffnete. Während Bataillon nach Bataillon auf dem Punkte landete, bestrichen Kanonenkugeln von der Batterie auf Copp's und von den Kriegsschiffen das natürliche Glacis vor der Schanze, fuhren tief in die Erdbrustwehr oder fielen mit Heftigkeit auf die leeren Seiten der luftigeren Höhe herab, die einige hundert Ruthen rückwärts davon lag. Die schwarzen, rauchenden Bomben schienen über dem Grunde zu schweben, als verweilten sie noch, um sich die Stelle auszulesen, wo sie ihren tödtlichen Brennstoff verbreiten wollten.

Trotz dieser schreckenden Vorbereitungen und der unaufhörlichen Gefahr während dieses langen, ängstlichen Morgens, hatten die standhaften Landleute auf dem Hügel keinen Augenblick in ihren rastlosen Anstrengungen eingehalten, um den Posten, den sie mit so vieler Kühnheit besetzt hatten, bis auf's Aeußerste zu behaupten. Umsonst erschöpften die Engländer alle Mittel, ihre hartnäckigen Feinde auseinander zu jagen – Hacke, Schaufel und Spaten fuhren fort, ihr Werk zu verrichten, ein Wall nach dem andern stieg mitten unter dem Lärm und der Gefahr der Kanonade aus dem Boden empor, standhaft und unausgesetzt währte die Arbeit, gerade als ob die phantastischen Gedanken Job Pray's sich verwirklichen sollten und die Schanzenden nur mit den friedlichen Arbeiten ihres gewöhnlichen Lebens beschäftigt wären. Diese Festigkeit hatte aber nichts mit jenem stolzen Trotze gemein, den eine ausgebildete Dressur auch der gewöhnlichsten Seele einzupflanzen vermag; denn unbekannt mit dem Schimmer militärischen Gepränges, in der einfachen und rohen Kleidung ihres Standes, nur mit solchen Waffen ausgerüstet, wie sie von den Hacken über dem eigenen Kamin herab genommen worden, selbst ohne eine Fahne, die ihre ermuthigenden Falten über ihren Häuptern hätte wehen lassen, – so standen sie einzig und allein durch die Rechtmäßigkeit ihrer Sache und jene tiefen moralischen Grundsätze unterstützt, welche sie von ihren Vätern überkommen hatten, und welche, das wollten sie am heutigen Tage beweisen, unverkümmert auch auf ihre Kinder vererbt werden sollten. Es wurde erst später bekannt, daß sie diese Anstrengungen und Gefahren ertrugen, während sie selbst aller Hülfsmittel entbehrten, die in Augenblicken der Ruhe und Sicherheit zur Erfrischung der Lebensgeister so nothwendig sind; dagegen hatten auf der andern Seite ihre Feinde in der Zeit, so lange sie die Ankunft ihrer letzten Truppen erwarteten, mit voller Ruhe ein Mahl zu sich genommen, das für Hunderte unter ihnen das letzte seyn sollte. Der entscheidende Moment schien nun heranzunahen. Eine allgemeine Bewegung entstand unter den brittischen Bataillonen, die nun, nachdem die zögernden Boote mit dem Reste der Abtheilungen angelangt waren, längs dem Ufer, von dem Höhenkamme gedeckt, sich auszubreiten begannen; Offiziere sprengten von Regiment zu Regiment und überbrachten die letzten Befehle ihres Führers. In diesem Augenblick erschien ein Corps der Amerikaner auf der Höhe von Bunker Hill, zog eilends die Straße herab und verschwand in den Wiesen zur Linken ihrer eigenen Schanze. Diesem Trupp folgten andere, welche gleich ihm dem Feuer der Schiffe trotzend durch die Gefahren des Engpasses brachen und sich beeilten, mit ihren Kameraden in der Niederung sich zu vereinigen. Da beschloß mit einem Mal der brittische General, der Ankunft weiterer Verstärkungen zuvorzukommen und ertheilte endlich den lang erwarteten Befehl, sich zu dem Angriffe bereit zu machen.

 

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