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Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston

James Fenimore Cooper: Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleLionel Lincoln oder die Belagerung von Boston
publisherVerlag von S. G. Liesching
printrunZweite Auflage
year1851
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150324
modified20170303
projectid025dd028
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Vierzehntes Kapitel.

Du sollst mich treffen zu Philippi.

Julius Cäsar.    

 

In dieser Periode fieberischer Aufregung, während der Anschein und die Entbehrungen des Kriegs ohne dessen eigentliche Gefahr oder Thätigkeit herrschten, hatte Lionel über dem mächtigen Interesse, das der Stand der öffentlichen Angelegenheiten hervorrief, seine persönlichen Gefühle nicht gänzlich vergessen. Früh am Morgen nach jenen nächtlichen Scenen zwischen Mrs. Lechmere und den Bewohnern des Waarenhauses hatte er sich wieder dahin begeben, um die tiefe Angst seiner Seele zu beschwichtigen und endlich eine vollständige Aufklärung über all' jene Geheimnisse sich zu verschaffen, welche der Hauptgrund gewesen waren, der ihn mit einem Manne verband, welcher – außer um seiner Sonderbarkeiten willen – nur wenig bekannt war.

Die Wirkungen des Kampfes vom vorherigen Tage waren schon auf dem Markte sichtbar, wo Lionel im Vorübergehen nur wenige oder fast gar keine Landleute bemerkte, während sie sonst gewöhnlich um diese Stunde den Platz angefüllt hatten. In der That öffneten sich die Fenster der Buden nur mit Vorsicht und die Leute blickten zur Sonne empor, als hielten sie es für unmöglich, daß sie jetzt noch ebenso wie in Zeiten der Ruhe leuchte und wärme; Eifersucht und Mißtrauen waren an die Stelle der Sicherheit in den Straßen der Stadt getreten. Trotz der frühen Stunde waren nur Wenige noch zu Bette und Die, welche sich zeigten, verriethen in ihren Blicken, daß sie die Nacht wachend zugebracht hatten. Zu diesen gehörte auch Abigail Pray, welche ihren Gast in ihrem Thürmchen empfing, während noch Alles gerade so um sie herlag, wie er es am verflossenen Abend getroffen hatte, so daß er nichts verändert fand, als ihr eigenes Auge, das, zu Zeiten einem in ihr garstiges Gesicht eingesetzten kostbaren Edelsteine ähnlich, jetzt trüb und eingesunken erschien und auffallender als gewöhnlich an dem allgemeinen Anschein von Elend Theil nahm, von welchem das Weib umgeben war.

»Ich bin zu einer etwas ungewöhnlichen Stunde bei Euch eingedrungen, Mrs. Pray,« sagte Lionel beim Eintreten, »aber Geschäfte von der höchsten Wichtigkeit verlangen, daß ich Euren Miethsmann spreche – vermutlich ist er oben; es wird gut seyn, wenn Ihr meinen Besuch anmeldet.«

Abigail schüttelte den Kopf mit feierlicher Miene und antwortete mit gedämpfter Stimme: »Er ist fortgegangen!«

»Fortgegangen!« rief Lionel – »wohin? und wann?«

»Das Volk scheint von dem Zorne Gottes getroffen, Sir,« antwortete das Weib – »alt und jung, krank und gesund stürzen sie wie wahnsinnig dahin, Blut zu vergießen und es geht über Menschen Vermögen, zu sagen, wo der Strom gehemmt werden mag.«

»Aber was hat dieß mit Ralph zu schaffen? wo ist er? Weib, Ihr wollt doch kein falsches Spiel mit mir treiben?«

»Ich! Verhüte der Himmel, daß ich je wieder falsch seyn sollte! und gegen Sie unter allen Geschöpfen Gottes am allerwenigsten! Nein, Major Lincoln, der wunderbare Mann, der nur deßwegen so lang gelebt zu haben scheint, um unsere geheimsten Gedanken zu lesen, so wie ich nie gedacht hätte, daß ein Mensch sie lesen könnte – er hat mich verlassen und ich weiß nicht, ob er je wiederkehren wird.«

»Je wieder! Ihr habt ihn doch nicht mit Gewalt von Eurem elenden Dache weggetrieben!«

»Mein Dach ist wie das der Vögel der Luft – es ist das Dach eines Jeden, der so unglücklich ist, keines zu haben. Es gibt nirgends einen Fleck auf dieser Erde, Major Lincoln, den ich mein nennen könnte – einst zwar wird es einen solchen geben – ja, ein enges Haus wird für uns alle besorgt werden und Gott gebe, daß das meine so ruhig seyn möge, wie man den Sarg gewöhnlich schildert! Ich lüge nicht, Major Lincoln – nein, dießmal bin ich rein von Betrug – Ralph und Job sind zusammen weggegangen, aber wohin, weiß ich nicht, wenn nicht etwa, um zu dem Volk außerhalb der Stadt zu stoßen – sie verließen mich, als der Mond aufging und jener Fürchterliche gab mir noch beim Abschied eine Warnung, welche in meinen Ohren wiedertönen wird, bis sie einst unter den dumpfen Schauern des Grabs taub geworden seyn werden.«

»Weggegangen, um zu den Amerikanern zu stoßen und mit Job!« wiederholte Lionel nachsinnend und ohne auf Abigail's Schlußworte zu hören. »Euer Junge wird durch diese Tollheit noch in Gefahr gerathen, Mrs. Pray, und Ihr solltet besser auf ihn Acht haben.«

»Job gehört nicht zu Denen, welchen Gott etwas zurechnet, und kann eben so wenig wie andere Kinder behandelt werden,« erwiederte das Weib. – »Ach, Major Lincoln, ein gesunderer, kräftigerer und schönerer Knabe war in der ganzen Baiprovinz nicht zu sehen, bis das Kind sein fünftes Jahr erreicht hatte! da kam des Himmels Gericht über Mutter und Sohn. – Krankheit machte ihn so, wie Sie ihn nun sehen, ein Wesen mit der Gestalt, aber ohne die Vernunft des Menschen, und ich ward die Elende, die ich nun bin. Aber Alles wurde mir vorhergesagt und ich habe Warnungen genug über meine ganze Zukunft erhalten! denn steht nicht geschrieben, daß Er ›heimsuchen werde die Sünden der Väter an den Kindern bis in's dritte und vierte Glied?‹ Gott sey Dank, meine Sorgen und Sünden enden mit Job, denn nie wird es einen Dritten geben, der dadurch leiden könnte.«

»Wenn irgend eine Sünde schwer auf Eurem Herzen liegt,« hub Lionel jetzt an, »so sollte jede Betrachtung der Gerechtigkeit sowohl als der Reue Euch bewegen, Eure Irrthümer Denen zu bekennen, deren Glück vielleicht von dieser Kenntniß, wenn überhaupt eine solche vorhanden ist, abhängen mag.«

Das ängstliche Auge der Frau erhob sich, dem Blick des jungen Mannes zu begegnen; doch vor dem durchdringenden Strahl, der sie traf, zurückschreckend, wandte sie es rasch auf den Wirrwarr und die Unordnung ihres unaufgeräumten Zimmers. Lionel wartete eine Zeit lang auf eine Antwort; als er aber fand, daß sie in hartnäckigem Schweigen verharrte, fuhr er fort:

»Nach Dem, was bis jetzt vorgegangen, müßt Ihr einsehen, wie ich guten Grund zu dem Glauben habe, daß mein Gefühl bei Eurem Geheimniß sehr nahe betheiligt ist; so legt mir denn das Bekenntniß jener Schuld ab, die Euch so schwer niederzudrücken scheint und zur Belohnung Eures Vertrauens verspreche ich Euch Verzeihung und Schutz.«

Als Lionel so unumwunden den Punkt berührte, der seinem Herzen am nächsten war, wich das Weib erschrocken von ihrer Stelle neben ihm zurück und ihr Gesicht verlor, je länger er fortfuhr, immer mehr jenen deutlichen Ausdruck der Zerknirschung und nahm dafür einen erzwungenen Blick des Erstaunens an, welcher bewies, daß sie in der Verstellung kein Neuling war, wie stark auch immer die vorübergehenden Mahnungen ihres Gewissens seyn mochten.

»Schuld!« wiederholte sie langsam und mit zitternder Stimme; »wir sind allesammt schuldig und wären ohne das Blut des Mittlers verlorene Geschöpfe.«

»Sehr wahr; Ihr habt aber von Verbrechen gesprochen, die eben so gut gegen menschliche wie gegen göttliche Gesetze anstoßen.«

»Ich! Major Lincoln! – ich, eine frevelnde Uebertreterin des Gesetzes?« rief Abigail, indem sie sich scheinbar mit Ordnen ihres Zimmers zu schaffen machte – »Leute wie ich haben weder Zeit noch Muth, die Gesetze zu verletzen. Major Lincoln quält eine arme verlassene Frau, um dann heute Abend den Herrn am Tisch seine Scherze Preis zu geben – das ist gewiß, wir alle haben unsre Bürde von Schuld, die wir verantworten müssen – sicherlich hat Major Lincoln den Pfarrer Hunt letzten Sonntag nicht über die Sünden der Stadt predigen hören!«

Lionel erröthete tief über die arglistige Behauptung des Weibes, daß er die Schwäche ihres Geschlechts und ihre unbeschützte Lage habe benutzen wollen, und insgeheim über ihre Doppelzüngigkeit höchlich ergrimmt, wurde er vorsichtiger in seiner Sprache und versuchte durch Güte und Sanftmuth die gewünschte Mittheilung von ihr zu erhalten. Aber sein Scharfsinn begegnete auf Seiten Abigail's einer List, welche der seinigen mehr als gewachsen war und sie antwortete blos noch mit Ausdrücken der Verwunderung, wie er ihre Sprache für etwas mehr als die gewöhnliche Anerkennung der Irrthümer habe halten können, welche überall als gemeinsamer Antheil unsrer sündigen Natur anerkannt seyen. Darin gerade bewies das Weib keine hervorragende Eigenheit, denn die größere Zahl Solcher, welche in ihren Bekenntnissen und Klagen über die verderbte Natur unseres Herzens am lautesten schreien, nehmen es in der Regel am empfindlichsten auf, wenn man ihnen besondere Vergehungen zuzumuthen wagt. Je ernster und dringender der junge Mann seine Fragen stellte, desto behutsamer wurde sie, bis er zuletzt voll Aerger über ihre Halsstarrigkeit und mit dem geheimen Verdacht, sie habe mit ihrem Miethsmanne ein böses Spiel getrieben, in tiefem Verdruße ihr Haus verließ, entschlossen, ihre ferneren Schritte genau zu beobachten und wenn der Augenblick gekommen, seinen Angriff so einzurichten, daß er sie nicht allein zum Bekenntniß bringen, sondern auch Schaam und Reue in ihr hervorrufen könnte.

Von diesem augenblicklichen Aerger angetrieben und unfähig, den schlimmen Verdacht, der sich gegen seine Tante in ihm regte, zu unterdrücken, beschloß der junge Mann, diesen nämlichen Morgen noch ihr Haus, das er bis jetzt als Gast bewohnt hatte, zu verlassen. Wenn Mrs. Lechmere überhaupt wußte, daß Lionel Zeuge ihrer Unterredung mit Ralph gewesen war, so konnte sie die Nachricht davon nur durch Abigail erhalten haben; jedenfalls war ihr Empfang beim Frühstück von der Art, daß auch nicht das Geringste von einem solchen Wissen in ihrem Benehmen durchblickte. Sie hörte seine Entschuldigungen wegen des beabsichtigten Auszugs mit sichtlicher Bestürzung und mehr als einmal, als Lionel von seiner wahrscheinlichen Lebensweise in der nächsten Zukunft sprach, da die Feindseligkeiten nun einmal begonnen hatten – von der größeren Unruhe, die seine Anwesenheit einer Dame von ihren Gewohnheiten und Jahren verursachen würde – von seiner großen Besorgniß ihretwegen – kurz, von Allem, was er zur Entschuldigung seines Schrittes aufzufinden vermochte – sah er ihre Augen ängstlich und mit einem Ausdruck auf Cäcilien gerichtet, der zu anderer Zeit ihn verleitet haben würde, Mißtrauen gegen die Beweggründe ihrer Gastfreundschaft zu fassen. Die junge Dame selbst hörte jedoch den Vorschlag mit sichtlicher Zufriedenheit und als ihre Großmutter an ihre Ansicht appellirte und sie befragte, ob er einen einzigen guten Grund für sein Vorhaben vorgebracht habe, antwortete sie mit einer Lebhaftigkeit, die ihrer früheren Weise gänzlich fremd war:

»Gewiß, theure Großmama, den besten von allen Gründen – seinen Willen. Major Lincoln ist unsrer und unsres langweiligen Alltagslebens überdrüssig und nach meiner Ansicht fordert wahre Höflichkeit von uns, daß wir ihn ohne ein Wort der Widerrede nach der Kaserne ziehen lassen.«

»Meine Beweggründe müssen sehr mißverstanden worden seyn, wenn ein Wunsch, Sie zu verlassen –«

»O, Sir, es bedarf keiner Erklärung. Sie haben so viele Gründe vorgebracht, Cousin Lionel, daß die wahre und eigentliche Ursache noch im Hintergrund gelassen wurde. Sie muß und kann keine andere als Langweile seyn.«

»Dann will ich bleiben,« erwiederte Lionel, »denn alles Andere ist besser, als den Verdacht der Unempfindlichkeit auf sich zu laden.«

Cäcilie schien sowohl erfreut als überrascht zu seyn. Sie spielte einen Augenblick verlegen mit ihrem Theelöffel, biß sich im Verdruß in die schönen Lippen und sagte dann in freundlicherem Ton:

»So muß ich Sie von diesem Verdachte entbinden. Ziehen Sie in Ihre eigene Wohnung, wenn's Ihnen angenehm ist und wir wollen ihre unbegreiflichen Gründe hinsichtlich der Veränderung nicht länger bezweifeln. Zudem werden wir Sie ja als einen Verwandten ohne Zweifel jeden Tag sehen.«

Lionel hatte nun keine weitere Entschuldigung, bei seinem einmal ausgesprochenen Entschluß nicht zu beharren und ungeachtet Mrs. Lechmere sich von ihrem interessanten Neffen mit Zeichen des Widerstrebens trennte, die mit ihrer gewöhnlichen kalten und förmlichen Weise in sonderbarem Widerspruch standen, geschah der gewünschte Auszug doch noch im Lauf des nämlichen Morgens.

Nach dieser Aenderung verfloß wieder Woche an Woche ganz in derselben Art, wie wir es im vorigen Kapitel beschrieben haben. Fortwährend langten Verstärkungen an, Generale auf Generale erschienen am Platze, um den unentschlossenen Gage in der Führung des Kriegs zu unterstützen. Die Furchtsamen unter den Kolonisten erbleichten, als sie die langen Listen so stolzer und hochgepriesener Namen ablesen hörten. Da war Howe, ein Mann von edler Familie, die schon lange durch ihre Waffenthaten berühmt gewesen war und deren Haupt bereits sein Blut auf amerikanischem Boden vergossen hatte; Klinton, ein anderer Sprößling aus berühmtem Hause, durch seine persönliche Unerschrockenheit und die Güte seines Privatcharakters noch mehr als durch die rauhen Eigenschaften des Kriegers hervorleuchtend, und der feine, ritterliche Bourgoyne, der bereits auf den Feldern von Portugal und Deutschland einen Namen sich erworben hatte, den er in den Wildnissen von Amerika zu verlieren bestimmt war. Neben diesen verdienten Erwähnung Pigot, Grant, Robertson und der Erbe von Northumberland, von denen Jeder eine Brigade in dem Kampfe für seinen Fürsten führte; außerdem noch ein Heer von untergeordneten Führern, welche ihre Jugend unter den Waffen verlebt hatten und nun in dem Kampfe gegen die ungeübten Landleute von Neu-England ihre Erfahrung auf dem Schlachtfelde bewähren sollten. Als ob diese Zahl noch nicht genügte, um ihre unerfahrenen Gegner zu überwältigen, hatte der Waffenstolz noch außerdem viele Jünglinge aus den adeligen und ritterlichen Geschlechtern des brittischen Reichs auf dem Punkte versammelt, auf welchen Aller Augen gerichtet waren; unter ihnen war Einer, der nachmals zu den Lorbeeren seiner Ahnen den schönsten Kranz des Kriegsruhms fügte, der gemeinsame Erbe von Hastings und Moira – der glänzende, aber bis jetzt noch unerprobte Knabe von Rawdon. Unter solchen Gefährten, von denen Manche schon in England seine Genossen gewesen waren, schwanden Lioneln die Stunden rasch dahin und so blieb ihm nur wenig Muße übrig, um über die Ursachen nachzudenken, die auch ihn auf den Kampfplatz hergeführt hatten.

An einem warmen Abend gegen die Mitte des Juni traf es sich, daß Lionel bei offenen Thüren von seinem besonderen Zimmer aus, das nach dem Gemache führte, welches Polwarth zu dem ›vertrauten Tisch‹ wie er es nannte, bestimmt hatte – Zeuge des folgenden Auftritts wurde. M'Fuse saß an einem Tisch mit der drolligen Amtsmiene eines hochweisen Rathsherrn, während Polwarth neben ihm die doppelte Funktion des Richters und des Schreibers auszuüben schien. Vor diesem furchtbaren Tribunal stand Seth Sage, um sich, wie es schien, wegen gewisser Verbrechen zu verantworten, die er, so lautete die Anklage, auf dem Schlachtfelde sich hatte zu Schulden kommen lassen. Es war Lionel unbekannt geblieben, daß sein Hauswirth an der neulichen Auswechslung nicht hatte Antheil nehmen dürfen, und er war neugierig, zu erfahren, was wohl die versteckte Schelmerei, die er in der gravitätischen Miene seiner Freunde entdeckte, bedeuten mochte; so legte er die Feder nieder und horchte auf folgendes Zwiegespräch:

»Nun, verantworte Dich für Dein Vergehen, Du dummer Bursche mit dem weisen Namen,« begann M'Fuse mit einer Stimme, die durch ihre rauhen Kadenzen nicht verfehlte, jene Art von Scheu hervorzubringen, welche der Sprecher, wie der Ausdruck seines Auges zu besagen schien, hervorzurufen trachtete. »Sprecht Euch aus mit dem Freimuth eines Mannes und der Zerknirschung eines Christen, so Ihr nämlich welche fühlt. Warum soll ich Euch nicht lieber gleich nach Irland schicken, auf daß Ihr Euch Euren Nachtisch holt an den drei Balken – der eine davon ist übers Kreuz gelegt, der bloßen Bequemlichkeit halber. Habt Ihr eine Einwendung dagegen, so nennt sie ohne Verzug, bei der Liebe, die Ihr für Eure eigene eckige Ungestalt heget.«

Die Schelme verfehlten ihren Zweck nicht ganz, da Seth ein gut Theil mehr Unruhe verrieth, als man selbst in gefährlichen Lagen an dem Manne zu sehen gewohnt war. Nachdem er sich geräuspert und um sich geblickt, um in den Augen der Zuschauer zu lesen, auf welche Seite ihr Mitgefühl sich neige, antwortete er mit höchst lobenswerther Festigkeit:

»Weil's wider's Gesetz ist.«

»Fort mit den endlosen Spitzfindigkeiten Eures Gesetzes,« rief M'Fuse, »und ärgert nicht ehrbare Leute mit seiner Spitzbüberei, als wären wir nichts weiter als eben so viele Anwälte in dicken Perücken! An's Evangelium solltet Ihr denken, Ihr gottloser Verworfener! und das Eures letzten Endes wegen, das Euch eines Tags mit höchst unschicklicher Eile über den Hals kommen wird.«

»Zur Sache, Mann,« unterbrach Polwarth, welcher bemerkte, daß die ausschweifende Phantasie seines Freundes ihn bereits von dem gewünschten Ziele abzulenken begann: »oder ich will selbst die Sache vortragen und zwar in einem Styl, der einem Mandamus-RatheEin eigener Rath, der im Beginne der Unruhen von dem Ministerium niedergesetzt worden war, von den Kolonisten jedoch mit dem entschiedensten Widerspruche aufgenommen wurde. A. d. U. Ehre machen sollte.«

»Die Mandamus sind alle gegen die Charte und ebenso gegen's Gesetz,« fuhr Seth fort, dessen Muth zu steigen anfing, je mehr das Gespräch sich seinen politischen Grundsätzen näherte; »und meiner Ansicht nach ist es vollkommen klar – wenn die Minister fest auf deren Aufrechthaltung beharren, so wird's noch große Unordnungen, wenn nicht wirklichen Kampf, im Lande geben, denn alle Provinzen sind Ein Feuer!«

»Unordnungen, Du unbewegliche Schlechtigkeit! Du kalter Meuchelmörder!« tobte M'Fuse; »nennt ihr nicht gar den Kampf von einem ganzen Tag eine Unordnung? oder das Auflauern hinter Hecken, wobei ihr die Mündung eurer Muskete dem Job Pray auf den Kopf und den Kolben auf einen Wollenkrautstengel legt und so auf eure Mitgeschöpfe zielt – heißt ihr das eine ehrliche Art zu fechten? Nun antwortet mir nach der Wahrheit und verachtet die Lüge, so wie Ihr am Samstag nichts Anderes als Stockfisch essen würdet – wer waren die beiden Leute, die in jener unglücklichen Stellung unter den Wollstauden, die ich Euch schon beschrieben habe, mir gerade in's Gesicht feuerten?«

»Verzeiht, Kapitän M'Fuse,« fiel Polwarth ein, »wenn ich behaupte, daß Euer Eifer und Unwillen mit Eurer Ueberlegung auf und davon gehen. Wenn wir den Gefangenen also in Angst jagen, werden wir den Zweck unserer Justiz vereiteln. Ueberdieß liegt eine Behauptung in Eurer Rede, Sir, der ich widersprechen muß. Ein wirklicher Stockfisch ist nicht zu verachten, besonders wenn er, um den Dampf zu erhalten, in einem Umschlag zwischen zwei gröberen Fischen servirt wird. Ich habe schon meine eigene Gedanken darüber gehabt, einen Samstagsklub zu formiren, um den Reichthum der Bai ganz zu genießen und die Kochkunst des Stockfisches zu vervollkommnen!«

»Und laßt mich Euch sagen, Kapitän Polwarth,« erwiederte der Grenadier, indem er sein Auge stolz auf den Andern richtete, »daß Eure epikuräische Vorliebe Euch auf den Gipfel des Kannibalismus führt, denn sicher darf man das so nennen, wenn Ihr vom Essen sprecht, während das Leben eines Mitgeschöpfs vor dem Richterstuhle seinem Ende entgegensieht.«

»Ich denke,« fiel Seth den Beiden in die Rede, da ihm aller Zank höchst zuwider war und er die Symptome eines Bruches unter seinen Richtern zu bemerken glaubte, »der Kapitän wünscht zu wissen, wer die beiden Leute waren, die kurze Zeit, bevor er den Schuß in die Schulter erhielt, nach ihm gefeuert haben?«

»Kurze Zeit, du wunderbarer Heuchler! Sie war so kurz, als Flinte und Pulver sie nur machen konnten.«

»Vielleicht herrscht hier ein kleines Mißverständniß, denn ein großer Theil der Truppen war sehr wirr. – –«

»Willst Du etwa damit gar zu verstehen geben, ich sey vor den Feinden meines Königs trunken gewesen?« schrie wild der Grenadier. »Horcht auf, Ihr, Meister Sage, ich frage Euch in Gutem, wer die beiden Leute waren, welche auf die beschriebene Art nach mir feuerten? bedenkt wohl, daß ein Mann müde werden kann, Fragen vorzulegen, wenn sie nicht beantwortet werden.«

»Ei,« antwortete Seth, der, wie sehr er auch in Ausflüchten geübt war, doch mit religiösem Schauder vor einer unmittelbaren Lüge zurückwich, »ich glaube fast, daß sie – – der Kapitän ist gewiß, daß der Ort, den er meint, gerade über Menotomy war?«

»So gewiß als ein Mensch es seyn kann,« sagte Polwarth, »der seine Augen zu gebrauchen weiß.«

»Dann kann Kapitän Polwarth über die Sache Zeugniß geben?«

»Ich glaube, Major Lincoln's Pferd trägt noch bis auf diesen Augenblick etwas Weniges von Eurem Blei bei sich, Meister Sage.«

Seth wich von dieser Anhäufung von Beweisen gegen ihn, und da er überdem wußte, daß der Kapitän ihn buchstäblich gerade in dem Augenblick, als er sein Feuer erneuern wollte, zum Gefangenen gemacht hatte, so entschloß er sich wohlweislich, aus der Noth eine Tugend zu machen und aufrichtig zu gestehen, daß er bei dem Beibringen der Wunden mitgeholfen habe. Das Aeußerste übrigens, was seine Vorsicht ihm zu sagen erlaubte, war:

»Da ich sehe, daß hier nicht wohl ein Irrthum obwalten kann, so möchte ich fast annehmen, die beiden Leute seyen hauptsächlich Job und ich gewesen.«

»Hauptsächlich, Du Spitzbube voll Ungewißheit!« rief M'Fuse. »Wenn irgend ein Haupt war in eurem feigen Mörderkomplott, das einen Christen verwundete und ein Pferd verletzte, welches, wenn auch nur ein dummes Vieh, doch gleichwohl besseres Blut in sich trägt, als es in euren Betteladern rinnt – so war's eure eigene häßliche Gestalt. Aber ich freue mich, daß Ihr endlich zum Geständniß gekommen seyd! Ich kann Euch jetzt mit Ruhe und Zufriedenheit im Herzen hängen sehen! Wenn Ihr noch irgend Etwas zu sagen habt, so sputet Euch und sprecht, warum ich Euch nicht mit dem ersten Schiff nach Irland bringen lassen soll, begleitet von einem Brief an meinen Lordlieutenant mit der höflichen Bitte, daß er Euch schnelle Beförderung und ein anständiges Begräbniß gewähren möge.«

Seth gehörte zu einer Klasse seiner Landsleute, welche, bei einem Ueberfluß an Scharfsinn, im wörtlichen Verstand auch keine Spur von Scherz kannte. Getäuscht durch den Anschein von Zorn, der sich auch in der That in die angenommene Weise des Grenadiers gemischt hatte, während er bei dem aufregenden Gegenstand des ihm selbst widerfahrenen Unrechts verweilte, wurde der Glaube des Gefangenen an den heiligen Schutz des Gesetzes sehr erschüttert, und er begann sehr ernsthaft über die Unsicherheit der Zeiten, sowie über den Despotismus der Militärgewalt nachzudenken. Der wenige Humor, den er von seinen puritanischen Vorfahren geerbt, obgleich ungemein scharf, war doch von ganz anderer Art, als der schnellbesonnene, herzhafte Witz des Irländers, dessen Stimmung Seth, weil er sie selbst nicht kannte, darum eben auch nicht begreifen konnte; und auf diese Art schien es, so weit eine sehr sichtbare Unruhe ihre Absichten fördern mochte, als ob die beiden Verschworenen mit ihrem Plane vollkommen glücklich gewesen. Polwarth war der Erste, der mit seiner Verlegenheit Mitleid fühlte und mit sorgloser Miene bemerkte:

»Vielleicht kann ich einen Vorschlag machen, wodurch Mr. Sage seinen Nacken von dem Stricke loskaufen und zu gleicher Zeit einem alten Freund einen wesentlichen Dienst leisten kann.«

»Hörst Du das, Du, der Menschen und Vieh verwechselt!« rief M'Fuse. »Nieder auf Deine Kniee und danke Herrn Peter Polwarth für seine mitleidige Gesinnung.«

Seth war nicht unerfreut, so freundliche Absichten aussprechen zu hören; aber durch Gewohnheit bei allem Handel vorsichtig, unterdrückte er jedes Zeichen seiner Freude und sagte mit einer Miene der Ueberlegung, die dem abgefeimtesten Händler in King-Street Ehre gemacht haben würde: »er möchte erst gerne die Bedingungen hören, ehe er seine Entscheidung abgebe.«

»Sie sind einfach folgende,« erwiederte Polwarth: »Ihr sollt noch heute Abend Paß und Freiheit erhalten unter der Bedingung, daß Ihr diesen Vertrag unterzeichnet, durch welchen Ihr Euch verbindlich macht, unsern Tisch, so lange der Ort belagert ist, wie gewöhnlich mit gewissen Artikeln an Speise und Nahrung, wie hierbei verzeichnet worden, zu versehen und dieselben zu den ausgesetzten Preisen zu liefern: – ich denke, auch der ärgste Jude am Herzogsplatze wird gegen Letztere nichts einzuwenden haben. Nehmt das Instrument hier, lest es und unterzeichnet, damit wir innerlich verdauen mögen.«

Seth nahm das Papier und prüfte es mit jener Schärfe, die er auf Alles anzuwenden gewohnt war, was seine pekuniären Interessen berührte. Er machte Einwendungen gegen den Preis jedes einzelnen Artikels, welche sämmtlich seines hartnäckigen Widerstandes wegen abgeändert werden mußten; überdieß bestand er auf der Beifügung einer Klausel, wonach ihm für den Fall, daß der Verkehr durch die Obrigkeiten der Kolonie verboten würde, die sodann eintretende Geldstrafe vergütet werden sollte. Hierauf fuhr er fort:

»Wenn der Kapitän die Sache auf sich nehmen und die Verantwortung tragen will, so bin ich bereit, den Handel abzuschließen.«

»Will der Bursche nicht gar noch Vergütung bei einem Handel, der um sein Leben geht!« rief der Grenadier; »doch wir wollen meinetwegen seiner Habsucht nachgeben, Polly, und die Garantie für seine Habe auf uns nehmen. Kapitän Polwarth und ich verpfänden unser Wort, daß sie unverkümmert erhalten werden soll. Laßt mich den Artikel einmal in Augenschein nehmen,« fuhr der Grenadier fort, und blickte höchst ernsthaft auf die verschiedenen Punkte der Urkunde – »meiner Treu, Päter,Irischer Dialekt. A. d. U. Du hast Dich für eine tüchtige Speisekammer vorgesehen. Rindfleisch, Hammel-, Schweinefleisch, Rüben, Kartoffeln, Melonen und andere Früchte; – halt, da ist ein Schnitzer, der einem englischen Tisch einen ganzen Monat lang zu lachen gäbe, wenn ein Irländer ihn gemacht hätte! als ob die Kartoffel nicht eben so gut wie die Melone eine Frucht wäre. Was zum Henker, da sehe ich doch auch nicht ein Wort, wo von einem guten Trunk die Rede wäre: nichts als Eßwaaren! – Hör' Bursche, nimm Deine fünf Sinne zusammen, und ich will wetten, wir bekommen auf eine oder die andere Art doch eine Mahlzeit zusammen.«

»Würde es nicht auch gut seyn,« fragte Seth, »den letzten Pakt in der Schrift für den Nothfall beizusetzen?«

»Hört, wie der Bursche sich verwahrt!« rief M'Fuse; »er hat das ausdrückliche Ehrenwort von zwei Kapitäns zu Fuß und will es noch gegen ihre gemeinsame Unterschrift austauschen! Die Forderung ist zu vernünftig, um sie zu verweigern, Polly, und wir würden uns eines pekuniären Selbstmordes schuldig machen, wenn wir sie verwerfen wollten. So mache einen kleinen Artikel zum Schluß, der den Irrthum aufklärt, in welchen der Herr verfallen ist.«

Polwarth zögerte nicht, dieß zu vollführen und in wenigen Minuten war Alles zur völligen Zufriedenheit beider Partheien abgemacht. Die beiden Krieger wünschten sich Glück zu dem Gelingen eines Plans, der die Hauptübel einer Belagerung von ihrem eigenen Tische fern zu halten versprach und Seth fand keine Schwierigkeit dabei, einer Uebereinkunft beizutreten, welche, wenn er ihre Rechtsbeständigkeit vor einem Gerichtshof auch bezweifeln mochte, ihm wenigstens die Aussicht auf einen hübschen Profit eröffnete. Der Gefangene wurde nun für frei erklärt und angewiesen, mit so wenig Geräusch als möglich und unter dem Schutze des Passes, den er in Händen hatte, sich aus der Stadt zu begeben. Seth überlas noch zum letzten Mal und mit größter Aufmerksamkeit den Vertrag und entfernte sich dann, mit dem vorläufigen Entschluß, die Bedingungen einzuhalten, wobei er nicht wenig froh war, daß er von dem Grenadier loskam, dessen halb komischer, halb ernster Blick ihm mehr Angst verursachte, als jeder andere Umstand, der je zuvor seine Schlauheit beschäftigt hatte. Nach dem Verschwinden des Gefangenen wandten sich die zwei Würdigen wieder zu ihrem nächtlichen Banket, herzlich lachend über den glücklichen Erfolg ihrer denkwürdigen Erfindung.

Lionel ließ Seth ohne ein Wort aus dem Zimmer gehen; als der Mann aber seine eigene Wohnung mit zögerndem und ungewissem Schritte verließ, folgte der junge Krieger, ohne merken zu lassen, daß er Zeuge des Vorgefallenen gewesen, ihm auf die Straße, in der lobenswerthen Absicht, sein eigenes Wort noch für die Sicherung von Jenes' Haus und Habe zu verpfänden. Doch war es keine leichte Aufgabe, der Eile eines Mannes gleich zu kommen, der kaum erst einer langen Haft entronnen war und nun geneigt schien, seinen Gliedern in froher, ungehemmter Bewegung volle Freiheit zu gewähren. Seth's Schnelligkeit dauerte unverändert fort, bis er Lincoln weit in die untern Stadttheile geführt hatte, wo Letzterer ihn mit einem Manne zusammentreffen sah, mit welchem er plötzlich unter einen Bogen trat, der nach einem finsteren und engen Hofe führte. Lionel beschleunigte seine eilenden Schritte und als er den Eingang erreichte, erhaschte er gerade noch mit einem Blick die schmächtige Gestalt Dessen, den er verfolgte, wie sie eben durch das entgegengesetzte Hofthor schlüpfte, während er selbst im nämlichen Augenblick mit dem Manne zusammenstieß, der Seth offenbar veranlaßt hatte, vom Wege abzuweichen. Indem Lionel ein wenig auf die Seite trat, fiel das Licht einer Lampe voll auf die Gestalt des Andern und er erkannte ihn sogleich als den thätigen Leiter des Caucus (wie die politische Versammlung genannt wurde, welcher er beigewohnt hatte), obgleich dieser dermaßen entstellt und vermummt war, daß, hätten nicht zufällig die Falten seines Mantels sich geöffnet, der Unbekannte an seinem nächsten Freund hätte vorübergehen können, ohne erkannt zu werden.

»Wir treffen uns wieder!« rief Lionel, mit der Schnelligkeit der Ueberraschung; »obgleich es scheinen möchte, daß die Sonne nie auf unsere Zusammenkünfte herabscheinen soll.«

Der Fremde schrack zusammen und verrieth deutlich den Wunsch, seinen Weg fortzusetzen, indem er sich stellte, als ob der Andere sich in der Person geirrt habe; nach kurzem Zaudern jedoch, wie wenn er sich plötzlich besänne, drehte er sich um und näherte sich Lionel mit anmuthiger Würde:

»Das dritte Mal soll einen besonderen Reiz haben!« antwortete er. »Ich bin sehr glücklich, Major Lincoln nach den Gefahren, denen er kürzlich begegnete, unverletzt zu finden.«

»Die Gefahren sind wahrscheinlich von Denen, die der Sache unseres Herrn übel wollen, übertrieben worden,« erwiederte Lionel kalt.

Es lag ein ruhiges aber stolzes Lächeln in dem Gesicht des Fremden, während er antwortete: »Ich will nicht gegen die Behauptung eines Mannes streiten, der an den Thaten jenes Tags so bedeutenden Antheil genommen. – Sie werden sich noch erinnern, daß, wenn auch der Marsch nach Lexington, gleich unsern eigenen zufälligen Zusammenkünften, im Dunkeln geschah, doch eine glänzende Sonne dem Rückzug leuchtete.«

»Man brauchte Nichts zu verbergen;« entgegnete Lionel, über die stolze Ruhe des Andern piquirt – »der Mann freilich, mit dem ich spreche, muß sich scheuen, am hellen Tag durch Boston's Straßen zu wandeln.«

»Der Mann, mit dem Sie sprechen, Major Lincoln,« erwiederte der Fremde, indem er Lioneln einen Schritt näher trat, »hat einst bei Tag und Nacht durch die Straßen von Boston zu wandeln gewagt, als Ihres Königs Eisenfresser in der Sicherheit des Friedens einherstolzirten, und nun, da er eine Nation sich erheben sah, um ihre Anmaßungen niederzuschlagen, soll er vielleicht davor zurückschrecken, seinen vaterländischen Boden zu betreten?«

»Das ist eine kühne Sprache für einen Feind mitten im brittischen Lager! Fragen Sie sich selbst, was meine Pflicht von mir fordert?«

»Das ist eine Frage, die zwischen Major Lincoln und seinem eigenen Gewissen liegt,« erwiederte der Fremde, »obgleich mir wohl bekannt ist,« fügte er nach einer augenblicklichen Pause und in milderem Tone hinzu, gleichsam als ob er der Gefahr seiner Lage gedenke – »daß die Herren von seinem Namen und Geschlecht sich nie zu Angebern herbeigelassen haben, so lange sie in dem Lande ihrer Geburt wohnten.«

»Und auch ihren Nachkommen wird dieses fremd bleiben. Aber laßt das die letzte unserer Zusammenkünfte seyn, bis wir uns als Freunde begegnen können, oder so wie Feinde sollten, um sodann mit unseren Degenspitzen solche Sätze weiter zu besprechen.«

»Amen,« sagte der Unbekannte und ergriff die Hand des jungen Mannes, welche er mit der Wärme edler Nacheiferung drückte – »diese Stunde mag nicht mehr sehr ferne seyn und möge Gott der gerechten Sache lächeln.«

Ohne weiter ein Wort zu sagen, zog er die Falten seines Mantels fester um sich und eilte so rasch davon, daß Lionel, selbst wenn es sein Wille gewesen wäre, kein Mittel hätte finden können, sein Weiterschreiten zu hemmen. Da nun alle Hoffnung, Seth noch einzuholen, verloren war, kehrte der junge Krieger langsam und gedankenvoll nach seiner Wohnung zurück.

Die zwei oder drei folgenden Tage waren durch das deutliche Hervortreten mehr als gewöhnlicher Zurüstungen unter den Truppen bemerkbar und es wurde bekannt, daß Offiziere von Rang das Terrain auf der gegenüberliegenden Halbinsel genau rekognoscirt hatten. Lionel wartete geduldig den Lauf der Ereignisse ab; als aber die Wahrscheinlichkeit, in den activen Dienst einzutreten, sich täglich mehrte, erwachte von Neuem der Wunsch in ihm, die Verschwiegenheit des Bewohners vom Waarenhaus auf die Probe zu stellen und zu diesem Behuf einen neuen Versuch zu machen: so nahm er am Abend des vierten Tages seit obigem Zusammentreffen mit dem Unbekannten in der erwähnten Absicht seinen Weg nach dem Dock Square. Es war schon lange, seit der Zapfenstreich die Stadt zu jener tiefen Ruhe gebracht hatte, welche gewöhnlich dem Lärm einer Garnison folgt und er traf im Weitergehen Niemand als die Schildwachen, die auf ihrem kurzen Weg hin und herschritten oder gelegentlich einen Offizier, der zu dieser späten Stunde von einem Gelag oder von seinem Dienste zurückkehrte. Die Fenster des Waarenhauses waren dunkel und seine Bewohner, wenn es wirklich deren hatte, in tiefem Schlummer begraben. Ruhelos und aufgeregt verfolgte Lionel seine Wanderung durch die engen und düsteren Gassen des Nordes, bis er sich unerwartet an dem Eingang zu dem freien Raume fand, der von den Todten auf Copp's Hill eingenommen wird. Auf dieser Anhöhe hatte der englische General eine Batterie schweren Geschützes auffahren lassen und Lionel, um dem Anruf der Schildwache auszuweichen, wandte sich etwas auf die eine Seite und stieg nach dem Gipfel des Hügels empor, wo er, auf einen Stein sich niederlassend, über sein eigenes Schicksal und die Lage des Landes nachzusinnen begann.

Die Nacht war finster, doch die leichten Dünste, die über dem Platze zu hängen schienen, öffneten sich zuweilen, wodurch das schwache Sternenlicht zu Zeiten hervorschimmerte und die schwarzen Rumpfe der Kriegsschiffe, die vor der Stadt vor Anker lagen, nebst den schwachen Umrissen der Ufer gegenüber in ungewissem Düster sichtbar machte. Stille der Mitternacht ruhte auf der Scene, und wenn der laute Ruf ›Alles gut‹! von den Schiffen und Batterien emporstieg, folgte dem Schrei so tiefe und unerschütterliche Ruhe, als ob das Weltall unter dieser Andeutung von Sicherheit sorglos schlummere. – In einem solchen Augenblick, wo selbst das leichte Wehen der Nachtluft gehört wurde, drang das Geräusch eines Plätscherns im Wasser, wie es entsteht, wenn ein Ruder mit äußerster Vorsicht bewegt wird, zu dem Ohr des jungen Kriegers. Er lauschte aufmerksam und als er die Augen nach der Richtung wandte, wo die leisen Töne herkamen, sah er einen kleinen Kahn über die Oberfläche des Wassers hingleiten und auf das sandige Ufer am Fuß des Hügels mit so leichter, gleichförmiger Bewegung zutreiben, daß kaum eine Welle darob am Land sich kräuselte. Neugierig, wer wohl um diese Stunde und auf so geheimnißvolle Weise im Hafen umherschiffen möchte, war Lionel eben im Begriff, sich zu erheben und hinabzugehen, als er die dunkle Gestalt eines Menschen aus dem Boote an's Land gehen und den Hügel in gerader Linie gegen seine eigene Stellung heraufklimmen sah. Den Athem an sich haltend und in den tiefen Schatten zurückgedrückt, der von einem Punkte oberhalb des Hügels herabfiel, wartete Lionel, bis die Gestalt sich bis auf zehen Schritte genähert hatte, wo sie still hielt und wie es schien, gleich ihm bemüht war, jeden andern Ton, jedes Gefühl vor dem einen Endzwecke – dem der angestrengtesten Aufmerksamkeit, zu unterdrücken. Der junge Krieger lockerte zuvor seinen Degen in der Scheide, ehe er begann:

»Wir haben einen abgelegenen Ort und eine geheime Stunde gewählt, Sir, um unsern Betrachtungen nachzuhängen.«

Hätte die Gestalt die unerreichbare Natur eines körperlosen Wesens besessen, sie hätte diese gerade durch das Unerwartete so erschütternde Anrede nicht mit größerer Apathie aufnehmen können, als der Mann, an den sie gerichtet war. Er wandte sich langsam gegen den Sprechenden, und schien ihn ernst zu betrachten, ehe er mit leiser, drohender Stimme antwortete:

»Dort ist ein Grenadier mit Muskete und Bajonet auf dem Hügel und geht zwischen den Kanonen auf und ab; wenn Der hier Leute sprechen hört, wird er uns zu Gefangenen machen, selbst wenn Major Lincoln darunter ist.«

»Ha! Job,« rief Lionel – »wie treffe ich Dich hier, herumstreifend wie ein Dieb in der Nacht? – zu welcher Unglückspost bist Du heute Nacht wieder verwendet worden?«

»Wenn Job ein Dieb ist, weil er kommt, um die Gräber auf Copp's zu besuchen, so sind's derer zwei.«

»Wohl gesprochen, Junge!« sagte Lionel lächelnd; »aber noch einmal, mit welchem Auftrag bist Du zu dieser ungewöhnlichen und verdächtigen Stunde zur Stadt zurückgekehrt?«

»Job liebt es, zu den Gräbern zu gehen, ehe der Hahn kräht; man sagt, die Todten gehen um, wenn die Lebenden schlafen.«

»Und möchtest Du denn Gemeinschaft pflegen mit den Todten?«

»Es ist sündhaft, ihnen viele Fragen vorzulegen, und die Ihr an sie richten wollt, müssen in des Allheiligen Namen gethan werden,« antwortete der Bursche in so feierlichem Ton, daß, an diesem Ort und zu dieser Stunde, Lionel's Blut dadurch zu erstarren anfing – »aber Job ist gern in ihrer Nähe, um sich an die Dünste zu gewöhnen, bis er einst selbst gerufen wird, um Mitternacht im Grabtuch umherzuwandeln.«

»Horch!« sagte Lionel – »was ist das für ein Geräusch?«

Job lauschte einen Augenblick eben so angestrengt wie sein Gefährte, ehe er antwortete:

»Ich höre kein Geräusch, als das Säuseln des Winds in der Bai oder das Branden der See, welche an dem Strand der Eilande hinrauscht.«

»Keines von beiden,« sagte Lionel; »ich vernahm das leise Summen von hundert Stimmen, oder mein Gehör hat mich getäuscht.«

»Mag seyn, die Geister reden zu einander;« antwortete der Junge – »man sagt, ihre Stimmen seyen gleich rauschenden Winden.«

Lionel fuhr mit der Hand über die Stirne und versuchte seine frühere Geistesstimmung wieder zu gewinnen, welche durch das feierliche Wesen seines Gefährten sonderbar verwirrt worden war; er entfernte sich langsam von der Stelle, während der Schwachsinnige ihm schweigend auf der Ferse folgte. Er hielt nicht eher, als bis er die inneren Winkel der Mauer, die das Feld der Todten einschloß, erreicht hatte, wo er stille stand, und auf die Einfriedung sich stützend, abermals aufmerksam horchte.

»Bursche, ich weiß nicht, wie Dein thörichtes Geschwätz mein Gehirn verwirrt haben kann,« sagte er, »aber das ist sicher, daß sonderbare überirdische Töne heute Nacht an diesem Ort sich hören lassen. Beim Himmel! da ist wieder ein Gemurmel, als ob die Luft über dem Wasser mit lebenden Wesen erfüllt wäre; und hörst Du, schon wieder – mich dünkt, ich vernehme ein Geräusch, als ob schwere Lasten auf den Boden niederfielen!«

»Ei,« sagte Job, »das sind die Schollen auf den Särgen; die Todten kehren wieder in ihre Gräber zurück, und es ist Zeit, daß wir vor ihnen den Grund räumen.«

Lionel zögerte nicht länger, sondern lief mehr als er ging, indem er sich von dem Orte mit einem geheimen Schauder entfernte, den er zu jeder andern Zeit einzugestehen sich geschämt haben würde; auch bemerkte er nicht eher, daß Job ihn begleitete, als bis er Linnstreet eine Strecke hinabgegangen war. Hier redete ihn sein Gefährte in seinem gewöhnlichen, ruhigen und ausdruckslosen Tone an:

»Das ist das Haus, welches der Gouverneur baute, der einst um Geld in See ging!« sagte er – »er war früher ein armer Knabe, wie Job, und nun soll sein Enkel ein großer Lord seyn, und der König schlug auch den Großvater zum Ritter. Es ist fast das Nämliche, ob einer sein Geld aus der See oder aus dem Land gewinnt; der König macht ihn dafür zum Lord.«

»Du achtest die königliche Gunst sehr gering, Bursche,« erwiederte Lionel, indem er im Vorbeigehen einen kurzen Blick auf ›Phipp's Haus‹ warf – »Du vergißt, daß ich einst einer von Deinen verachteten Rittern seyn werde!«

»Ich weiß es,« sagte Job; »und auch Ihr kommt von Amerika – mir scheint, alle armen Jungen gehen von Amerika aus zum König, um große Lords zu werden, und alle Söhne der großen Lords kommen nach Amerika, um sich zu armen Jungen machen zu lassen; – Nab sagt, Job sey auch der Sohn eines großen Lords!«

»Dann ist Nab eben so thöricht wie ihr Kind,« sagte Lionel; »aber Knabe, ich möchte Deine Mutter heute Morgen sehen, und ich erwarte von Dir Nachricht, zu welcher Stunde ich sie besuchen kann.«

Job antwortete nicht und Lionel bemerkte, als er den Kopf umwandte, daß der Junge ihn plötzlich verlassen hatte und bereits wieder zu seinem Lieblingsplatze unter den Gräbern zurückgeschlichen war. Beunruhigt über die wilden Launen des Blödsinnigen, eilte Lionel in seine Wohnung und warf sich zu Bett; doch hörte er noch oft und immer wieder den lauten Ruf ›Alles gut‹, ehe die sonderbaren Phantasien, die fortwährend seinen Geist beschäftigten, ihn zu der Ruhe, die er suchte, gelangen ließen.

 

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