Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > James Fenimore Cooper >

Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston

James Fenimore Cooper: Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleLionel Lincoln oder die Belagerung von Boston
publisherVerlag von S. G. Liesching
printrunZweite Auflage
year1851
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150324
modified20170303
projectid025dd028
Schließen

Navigation:

Zwölftes Kapitel.

Dieß Schauspiel stellt eine Mordthat vor, die einst in Wien geschah:
Gonzago ist des Herzogs Nam', der seines Weibs Baptista: Sollt
Seh'n im Augenblick: 's ist gar ein schelmisch Stück.

Hamlet.    

 

Die durch die Ereignisse des Tags herbeigeführte Bewegung und tiefe Gereiztheit hatte sich in der Stadt noch nicht gelegt, als Lionel sich wieder auf ihren engen Gassen fand. Männer eilten schnell an ihm vorüber, als hätten sie ein ungewöhnliches und wichtiges Geschäft zu verrichten und mehr als einmal bemerkte der junge Krieger das triumphirende Lächeln der Weiber, wenn sie neugierig aus den halbgeöffneten Fenstern auf die Scene blickten und die Abzeichen seiner Uniform entdeckten. Starke Truppenabtheilungen marschirten in verschiedenen Richtungen, wie sich zeigte, um die Wachen zu verstärken, während die wenigen einzelnen Offiziere, denen er begegnete, seine herannahende Person mit ängstlicher Vorsicht beobachteten, als fürchteten sie in jeder Gestalt, auf die sie trafen, einen gefährlichen Feind zu finden.

Die Thore des Provinzhauses waren offen und, wie gewöhnlich, durch Bewaffnete bewacht. Als Lionel gemächlich vorüberging, bemerkte er, daß der Grenadier, mit welchem er am vergangenen Abend gesprochen, wieder vor dem Portal des Gouverneurs Wache stand.

»Eure Erfahrung betrog Euch nicht, alter Kamerad,« sagte Lionel und hielt einen Augenblick, ihn anzureden – »wir haben einen warmen Tag gehabt.«

»So erzählen sie in der Kaserne, Euer Gnaden,« erwiederte der Soldat; »unsere Kompagnie war nicht mit ausgerückt und wir müssen jetzt doppelt Wache stehen. Ich hoffe zu Gott, das nächste Mal, wenn's was zu thun gibt, wird man die Grenadiere vom –sten nicht dahinten lassen; – es wäre für den Ruhm der Armee gut gewesen, wenn sie heute im Feld gestanden wären.«

»Warum glaubt Ihr das, alter Veteran? die Mannschaft, die ausgerückt war, hat sich brav gehalten, wie man wohl sagen darf; doch es war unmöglich, sich gegen eine solche Menge unter den Waffen zu behaupten.«

»Es ist nicht meine Sache, Euer Gnaden, zu bestimmen, ob Dieser sich gut gehalten hat und Jener schlecht,« antwortete der alte Krieger; »aber wenn ich höre, daß zweitausend Mann brittischer Truppen vor all' dem Gesindel, das dieses Land stellen kann, den Rücken gewandt und ihren Marsch beschleunigt haben, dann möcht' ich, die Flügelkompagnien vom –sten wären zur Hand gewesen, und wär's auch nur, damit ich sagen könnte, ich selbst habe mit eigenen Augen den schändlichen Auftritt mit angesehen.«

»Wo kein Mißverhalten ist, gibt es auch keine Schande.«

»Es muß doch irgendwo ein Mißverhalten gewesen seyn, Euer Gnaden, oder so etwas hätte gar nicht vorfallen können. – Bedenken Euer Gnaden, die Blüthe der Armee! Etwas muß nicht ganz richtig gewesen seyn; und wenn ich auch selbst den letzten Theil der Affaire von den Hügeln mit ansehen konnte, so vermag ich doch immer noch kaum, es für wahr zu halten.«

Er schüttelte den Kopf, während er seine Rede endigte und fuhr fort, in seinem gemessenen Schritt auf der angewiesenen Stelle auf und ab zu marschiren, als wollte er den beschämenden Gegenstand nicht weiter verfolgen. Lionel ging langsam und in tiefen Gedanken weiter, indem er über jenes tiefgewurzelte Vorurtheil nachsann, das selbst diesen niederen Diener der Krone mit Verachtung auf eine ganze Nation herabblicken ließ, weil man sie Alle als Abhängige zu betrachten gewohnt war.

Der Dock Square war stiller als gewöhnlich und die Töne der Völlerei, die man sonst um diese Stunde aus den nahe liegenden Wirthshäusern vernehmen konnte, waren heute nicht zu hören. Der Mond war noch nicht aufgegangen und Lionel ging schnellen Schritts unter den dunkeln Bogen des Marktes weiter, denn jetzt erinnerte er sich wieder, daß Einer, an dem er so innigen Antheil nahm, auf sein Erscheinen harre. Job, der stillschweigend gefolgt war, glitt an der Zugbrücke an ihm vorüber und stand an der geöffneten Thüre des alten Gebäudes, als Lionel dessen Schwelle erreichte. Er fand den weiten Raum in der Mitte des Waarenhauses, wie gewöhnlich, finster und leer, obgleich das schwache Licht einer Kerze durch die Spalten einer Wand schimmerte, welche ein Zimmer in einem der Thürmchen, das Abigail Pray bewohnte, von den roheren Theilen des Gebäudes trennte. Leise Stimmen kamen aus diesem Zimmer, und Major Lincoln, in der Vermuthung, er werde den alten Mann und Job's Mutter im Gespräch zusammen treffen, wandte sich nach dem Burschen, um ihn vorangehen zu heißen und sich durch ihn anmelden zu lassen. Aber der Junge hatte die wispernden Töne ebenfalls vernommen und dieselben, wie es schien, mit feinerem Ohre aufgefaßt, denn er drehte um und rannte blitzschnell zur Hausthüre hinaus, ohne in seiner Geschwindigkeit nachzulassen, bis Lionel, der die Bewegungen des Burschen mit Erstaunen beobachtete, seine wankende Gestalt unter den Fleischbänken des Marktplatzes verschwinden sah. So von seinem Führer verlassen, suchte sich Lionel tappend den Weg nach dem Orte, wo er, wie er glaubte, die Thüre nach dem Thurme finden mußte. Das Licht betrog ihn, denn als er ihm nahe kam, drang sein Auge durch eine der Wandritzen und er wurde abermals ein unvorsätzlicher Zeuge einer jener Zusammenkünfte, welche die sonderbare und geheimnißvolle Schicksalsverwandtschaft zwischen der reichen und hochgeachteten Mrs. Lechmere und der elenden Bewohnerin des Waarenhauses bezeugten. Bis zu diesem Augenblicke hatte die Eile der Ereignisse und der Andrang der Betrachtungen, die während der geschäftvollen Zeit der letzten vierundzwanzig Stunden dem jungen Mann durch den Sinn gezogen waren, die Rückerinnerung an die geheime Bedeutung der sonderbaren Unterredung, bei der er schon einmal Zuhörer gewesen, unmöglich gemacht. Als er aber jetzt seine Tante in diesen Höhlen der Armuth fand, welche sie wohl schwerlich, (denn dieß zu glauben war er nicht schwach genug) durch ihren Wohlthätigkeitssinn zu besuchen geleitet worden, stand er vor Neugierde wie an den Boden gewurzelt; er konnte dießmal ihrem Andrange nicht länger wiederstehen und versuchte sich damit zu entschuldigen, daß, so sagte ihm ein starker Verdacht, diese geheimen Mittheilungen auf irgend eine Weise mit seiner Person zusammenhingen.

Mrs. Lechmere hatte ihre Person augenscheinlich auf eine Art vermummt, welche diesen geheimnißvollen Besuch vor jedem zufälligen Beobachter ihrer Schritte verbergen sollte; doch war der Saum ihres großen Hutes so weit aufgeschlagen, daß man ihre Züge, besonders das harte Auge, deutlich wahrnehmen konnte, das seine selbstischen weltlichen Blicke immer noch unter den Spuren der Altersermattung, die bei ihr sichtbar war, hervorschoß. Sie saß, so wohl um ihre Gebrechlichkeit zu unterstützen, als auch um ihrer Hoheit nichts zu vergeben, die sie in Gegenwart Niederer nie hintansetzte, während ihre Gefährtin in einer Stellung vor ihr stand, welche mehr Zwang als Ehrfurcht verrathen konnte.

»Eure Schwachheit, thöricht Weib,« sagte Mrs. Lechmere in jenem zurückstoßenden Ton, den sie so gut anzunehmen wußte, wenn sie einschüchtern wollte, – »wird jetzt Euer Verderben werden. Ihr seyd es der Achtung vor Euch selbst, Eurem Charakter und selbst Eurer Sicherheit schuldig, mehr Festigkeit zu beweisen und Euch über schwachen, thörichten Aberglauben erhaben zu zeigen.«

»Mein Verderben? – mein Charakter?« entgegnete Abigail, während sie mit wildem Blick und zitternder Lippe um sich schaute; »was ist Verderben, Madame Lechmere, wenn diese Armuth es nicht ist? oder wie kann der Verlust des guten Namens noch herbere Schmach auf mich häufen, als ich sie jetzt schon für meine Sünden zu erdulden verdammt bin?«

»Vielleicht,« sagte Mrs. Lechmere und versuchte einen freundlicheren Ton anzunehmen, obwohl das Mißvergnügen noch zu deutlich in ihrem Gesichte zu lesen war, »habe ich in der Hast bei meines Großneffen Empfang meine gewöhnliche Freigebigkeit vergessen.«

Das Weib nahm das Silberstück, das Mrs. Lechmere ihr langsam zuschob und hielt es einige Augenblicke in der offenen Hand, indem sie es mit leerem Blick anstarrte, was die Andere für Unzufriedenheit ansehen mochte.

»Die Unruhen und der abnehmende Werth des Eigenthums haben mein Einkommen fühlbar vermindert,« fuhr die reichgekleidete und üppige Mrs. Lechmere fort; »aber wenn dieß für Eure unmittelbaren Bedürfnisse zu wenig ist, will ich noch eine Krone hinzufügen.«

»Es ist genug – 's ist genug,« sagte Abigail, indem sie mit einem krampfhaften Griffe die Hand über dem Gelde zuschloß – »ja, ja, 's ist genug. O, Madame Lechmere, so erniedrigend und sündig auch diese verdammte Leidenschaft ist, so wollte ich doch, kein schlimmerer Beweggrund als Geiz hätte je mein Verderben verursacht!«

Lionel glaubte, seine Tante werfe einen unruhigen und verwirrten Blick auf ihre Gefährtin, dem er einen Ausdruck beilegte, welcher ihm verrieth, daß selbst zwischen diesen sonderbaren Vertrauten Geheimnisse obwalteten; doch die augenblickliche Ueberraschung, die sich in ihren Zügen malte, verschwand bald vor jenem Blicke strenger, bewachter Förmlichkeit, der sie für gewöhnlich charakterisirte, und sie antwortete mit einer Kälte, als ob sie jeden Versuch eines Anerkenntnisses ihrer gemeinsamen Uebertretungen zurückweisen wollte:

»Das Weib schwatzt, als wäre sie nicht bei sich! Was für ein anderes Verbrechen hat sie begangen, als denen unsere Natur überhaupt unterworfen ist?«

»Wahr, wahr,« sagte Abigail Pray mit einem halbunterdrückten hysterischen Lachen – »'s ist unsere sündige Natur, wie Sie sagen: Aber ich werde nervenschwach, glaube ich, so wie ich alt und schwach werde, Madame Lechmere, und vergesse mich oft selbst. Der Blick auf's Grab, das mir so nahe steht, vermag wohl Gedanken der Reue selbst in Solchen hervorzurufen, die noch viel abgehärteter, als ich sind.«

»Thörichtes Kind!« sagte Mrs. Lechmere, und suchte ihre bleichen Züge zu verbergen, indem sie mit zitternder Hand – ein Zeichen, mehr des Schreckens als der Altersschwäche, ihren großen Hut herabzog, »wie kannst Du so frei vom Tode sprechen, da Du noch ein Kind bist?«

Lionel hörte die bebende, hohle Stimme seiner Tante, wie sie ihr in der Brust zu ersterben schien, aber nichts weiter war deutlich zu vernehmen, bis sie nach einer langen Pause ihr Antlitz wieder erhob und mit strengem, unbeugsamem Auge um sich blickend fortfuhr:

»Genug dieser Thorheit, Abigail Pray! – Ich bin gekommen, um von Eurem sonderbaren Hausgenossen ein Mehreres zu hören –«

»O, 's ist nicht genug, Madame Lechmere,« unterbrach sie das in ihrem Gewissen erschütterte Weib; wir haben so wenig Zeit für Reue und Gebet übrig, daß wir deren nie genug finden können, fürcht' ich, um unsere schwere Uebertretungen zu verantworten. Lassen Sie uns vom Grabe reden, Madame Lechmere, so lange wir noch diesseits der Ewigkeit sind und es vermögen.«

»Ja, sprecht vom Grab, so lange ihr noch außerhalb seiner dumpfen Hülle wandelt; es ist die Heimath des Alters,« tönte eine dritte Stimme, deren hohle Laute wohl aus einer Gruft hätten hervorgehen können: »ich bin hier, in das heilsame Thema mit einzustimmen.«

»Wer – wer – im Namen Gottes, wer bist Du?« rief Mrs. Lechmere, indem sie Gebrechlichkeit und innere Zerknirschung über der neuen Aufregung vergaß und unwillkührlich von ihrem Sitze aufstand; »sage mir, ich beschwöre Dich, wer bist Du?«

»Einer, betagt wie Du selbst, Priscilla Lechmere, stehend an der Schwelle jener endlosen Heimath, von der Du so eben noch gesprochen. So redet weiter, ihr verlassenen Weiber; denn habt ihr je Etwas begangen, das Verzeihung erheischte, so ist's im Grab, wo ihr die himmlische Gnade findet, die eurer Unwürdigkeit geboten wird.«

Indem Lionel seine Stellung etwas veränderte, ward es ihm möglich, das ganze Zimmer zu übersehen. Am Eingang stand Ralph in unbeweglicher Haltung, die eine Hand gegen Himmel erhoben, mit der andern nachdrucksvoll nach unten deutend, gleichsam im Begriff, die Geheimnisse des Grabes zu enthüllen, das bald, so zeigten seine hingeschwundenen Glieder und die verfallenen Züge seines Antlitzes, auch ihn als Bewohner aufzunehmen drohte, während seine forschenden Augen mit jenem schnellen, durchdringenden Blick von einem Gesicht zum andern hin und herwanderten, den Abigail Pray so passend als ›versengend‹ bezeichnet hatte. Wenige Schritte von dem alten Mann stand noch immer Mrs. Lechmere, kalt und regungslos wie Marmor, ihr Hut zurückgefallen, die todtenähnlichen Züge unverhüllt, Schreck und Erstaunen in jedem Muskel; den Mund offen, die Augen auf den Eindringenden geheftet, starrte sie nach ihm so unverrückt, als ob der Meißel des Bildhauers sie in diese Stellung versetzt hätte. Abigail bedeckte ihre Augen mit der Hand und begrub das Gesicht in den Falten ihres Gewandes, während heftiges krampfhaftes Zittern ihren Körper erschütterte und die Tiefe der Bewegung verrieth, die sie zu verbergen suchte. Betroffen von dem Anblick, dessen Zeuge er war, und über die anscheinende Unempfindlichkeit seiner Tante, deren hohes Alter solche Scenen gefährlich machte, betroffen, war Lionel eben im Begriff, in das Zimmer zu stürzen, als Mrs. Lechmere so weit wieder zu sich kam, daß sie sprechen konnte und der Jüngling jeden andern Gedanken in einer brennenden Neugierde verlor, die durch seine Lage vollkommen gerechtfertigt wurde.

»Wer ist's, der mich mit dem Namen Priscilla anredet?« fragte Mrs. Lechmere; »es lebt Keiner mehr, der auf solche Vertraulichkeit Anspruch hätte.«

»Priscilla – Priscilla!« wiederholte der Greis, indem er auf eine Art um sich blickte, als ob er noch eine dritte Person suchte, »es ist ein süßer, lieblicher Klang meinem Ohr und noch gibt es eine außer Dir, welcher er zukommt, wie Du wohl weißt.«

»Sie ist todt; Jahre sind vorübergegangen, seit ich sie in ihrem Sarge gesehen und ich möchte sie vergessen und alle gleich ihr, die sich meines Blutes unwürdig bewiesen haben.«

»Sie ist nicht todt!« schrie der Alte mit einer Stimme, welche gleich den überirdischen Tönen eines Geistes der Luft durch die nackten Sparren des Gebäudes hallte; »sie lebt – sie lebt – ja! sie lebt!«

»Lebt!« wiederholte Mrs. Lechmere, vor der eindringenden Bewegung des Andern einen Schritt zurückweichend; »was bin ich so schwach, darauf zu hören! es ist unmöglich!«

»Lebt!« rief Abigail Pray und schlug die Hände wie im Todeskampfe zusammen. »O, wollte Gott, sie lebte noch! aber sah ich sie nicht, einen aufgeschwollenen entstellten Leichnam? legte ich nicht mit diesen meinen Händen das Grabgewand um ihre einst so liebliche Gestalt? O, nein – sie ist todt – todt – und ich bin eine –«

»Das ist ein Wahnsinniger, der solche Mährchen behauptet,« rief Mrs. Lechmere mit einer Schnelligkeit, welche den Beisatz unterbrach, den die Andere sich eben hatte zulegen wollen. »Das unglückliche Mädchen ist schon lange todt, wie wir wissen; was sollen wir mit einem Rasenden streiten?«

»Einem Rasenden!« wiederholte Ralph mit dem Ausdruck des beißendsten Spottes; »nein – nein – nein – wohl gibt es einen solchen, wie wir Beide wohl wissen, aber nicht ich bin der Wahnsinnige – eher bist Du selbst verrückt, Weib; schon Einen hast Du rasend gemacht, willst Du noch einen Zweiten dazu bringen?«

»Ich!« sagte Mrs. Lechmere, ohne vor dem glühenden Blick, dem sie begegnete, zurückzuschrecken – »der Gott, der Vernunft verleiht, kann seine Gaben nach seinem Willen zurückfordern; nicht ich bin's, die solche Gewalt ausübt.«

»Wie sagst Du, Priscilla Lechmere?« schrie Ralph, indem er ihr mit unhörbarem Schritt so nahe trat, daß er unbemerkt ihren regungslosen Arm mit seinen eigenen abgezehrten Fingern erfassen konnte; »ja – ich will Dich Priscilla nennen, so wenig Du auch den Namen verdienst – läugnest Du Deine Macht, den Verstand zu zerrütten? – Wo ist denn das Haupt Deines gepriesenen Geschlechts? Der stolze Baronet von Devonshire, der reiche, geachtete und nicht glückliche Gefährte von Fürsten – Dein Neffe Lionel Lincoln? Ist er in den Hallen seiner Väter? – Führt er die Armeen seines Königs? – Regelt und wahrt er seinen Haushalt? – oder ist er der Bewohner einer dumpfigen Zelle? – er ist's, wie Du weißt – Du weißt, er ist's – und, Weib, Deine elenden Ränke haben ihn dahin gebracht.«

»Wer ist's, der so zu mir zu sprechen wagt?« fragte Mrs. Lechmere, indem sie all' ihre Kraft sammelte, um diese Anklagen niederzuschlagen – »wenn mein unglücklicher Neffe Dir in der That bekannt ist, wird Dein eigenes Wissen diese niedrige Anklage zurückweisen.« –

»Mir bekannt! Ich möchte fragen, was ist mir nicht bekannt? Ich habe auf Dich gesehen seit einem Menschenalter, hab' Deine Thaten beobachtet, Weib, und Nichts, was Du gethan, ist mir verborgen – ich sage Dir, ich weiß Alles. Auch von diesem sündigen Weib hier weiß ich Alles – sage selbst, Abigail Pray, hab' ich Dir nicht von Deinen geheimsten Uebertretungen erzählt?«

»O! ja – ja: er ist in der That mit Dingen bekannt, welche ich bis jetzt vor jedem andern Auge, außer dem unseres Gottes, verborgen geglaubt hätte,« rief Abigail in abergläubischem Schrecken.

»Auch Du bist mir nicht unbekannt, beklagenswerthe Wittwe John Lechmere's, und so auch Priscilla, – weiß ich nicht Alles?«

»Alles!« rief abermals Abigail.

»Alles!« wiederholte kaum hörbar Mrs. Lechmere, und sank in gänzlicher Bewußtlosigkeit in ihren Stuhl zurück. Das athemlose Interesse, das er an dem bisher Vorgegangenen genommen, konnte Lionel nicht länger zurückhalten, seiner Tante zu Hülfe zu eilen. Abigail Pray, die, wie es schien, einigermaßen an solche Scenen mit ihrem Miethsmanne gewöhnt war, besaß jedoch noch Selbstbeherrschung genug, um seinen Bewegungen zuvorzukommen und als er die Thüre öffnete, fand er sie schon, Mrs. Lechmere in den Armen haltend und mit Anwendung der gewöhnlichen Mittel beschäftigt. Man mußte die Leidende eines Theils ihrer Kleidung entledigen und Abigail bat Lionel, sich zurückzuziehen, indem sie versicherte, daß sie vollkommen gut allein fertig werden könne; sie bat ihn darum nicht allein aus diesem Grunde, sondern weil sie auch überzeugt war, daß nichts für die wiedererwachende Kranke gefährlicher werden könnte, als seine unvermuthete Anwesenheit. Nach augenblicklichem Zaudern folgte Lionel den ernstlichen Bitten des Weibes, da er wieder Zeichen des wiederkehrenden Lebens an der Ohnmächtigen bemerkte; er verließ das Zimmer und tappte weiter bis an den Fuß der Treppe, entschlossen nach Ralph's Zimmer hinaufzusteigen, um mit einem Male eine Erklärung über das zu verlangen, was er so eben gesehen und gehört hatte. Er fand den Greis in seinem Thurme sitzend, die Augen mit der Hand vor dem schwachen Licht der elenden Kerze bedeckend, und das Haupt wie in tiefen Gedanken auf die Brust herabgesenkt. Lionel näherte sich, ohne, wie es schien, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und war genöthigt, zu sprechen, um seine Gegenwart anzuzeigen.

»Ich habe durch Job Ihre Aufforderung erhalten,« sagte er, »und habe ihr gehorcht.«

»Es ist gut,« erwiederte Ralph.

»Vielleicht sollte ich hinzusetzen, dass ich ein erstaunter Zeuge Ihrer Unterredung mit Mrs. Lechmere gewesen und die kühne und unerklärliche Sprache gehört habe, welche Sie gegen diese Dame anzunehmen für gut fanden.«

Der alte Mann erhob das Haupt und Lionel sah glänzende Strahlen aus seinen Augen hervorbrechen, während er antwortete:

»So hörten Sie die Wahrheit und waren Zeuge ihrer Wirkung auf ein schuldiges Gewissen.«

»Ich hörte aber diese Wahrheit, wie Sie sie nennen, in Verbindung mit Namen, welche, wie Sie wissen, für mich die theuersten sind.«

»Bist Du dessen gewiß, Knabe?« entgegnete Ralph und blickte dem Andern fest in's Gesicht; »ist nicht Jemand in letzter Zeit Dir theurer geworden, als die Urheber Deines Daseyns? – Sprich und bedenke, daß Du mit Einem von nicht gewöhnlicher Kenntniß redest.«

»Was meinen Sie, Sir? Liegt es in der Natur, daß wir Jemand Anderes lieben wie einen Vater?«

»Fort mit dieser kindischen Einfalt!« fuhr der Andere ernsthaft fort; »die Enkelin dieses elenden Weibs da unten – liebst Du sie nicht? und kann ich Vertrauen in Dich setzen?«

»Welches Vertrauen kann es geben, das mit der Neigung für ein so reines Wesen, wie Cäcilie Dynevor, unverträglich wäre?«

»Ach!« murmelte der Alte mit unterdrücktem Ton, »ihre Mutter war rein, und warum sollte das Kind seiner Eltern unwürdig seyn?« Er hielt inne und eine lange und auf Seiten Lionel's peinliche und verwirrende Stille folgte, welche endlich durch Ralph mit den abgerissenen Worten unterbrochen wurde: »Sie waren heute im Feld, Major Lincoln!«

»Dessen müssen sie gewiß seyn, da ich Ihrer gütigen Vermittlung mein Leben verdanke. Aber wie können Sie der Gefahr einer Gefangennehmung trotzen und Ihre Person in die Gewalt ihrer Feinde geben? Ihre Anwesenheit und thätige Hülfe bei den Amerikanern muß Vielen außer mir in der Armee bekannt seyn.«

»Und werden sie wohl daran denken, ihre Feinde in den Straßen von Boston zu suchen, wenn die Hügel außerhalb mit Bewaffneten sich füllen? Meine Wohnung in diesem Gebäude ist nur drei Personen – dem Weib da unten, das mich nicht zu verrathen wagte, ihrem würdigen Sohn und Ihnen – bekannt. Meine Schritte geschehen heimlich und schnell, wenn man sie am wenigsten erwartet. Gefahr kann Einen, wie ich bin, nicht berühren.«

»Aber,« sagte Lionel und stockte verlegen, »darf ich die Anwesenheit eines Mannes verhehlen, den ich als einen Feind meines Königs kenne?«

»Lionel Lincoln, Sie überschätzen Ihren Muth,« unterbrach ihn Ralph lächelnd – »Sie dürfen nicht das Blut dessen vergießen, der Ihr eigenes geschont hat; – doch genug davon – wir verstehen uns, und einem betagten Greise, wie ich, sollte die Furcht fremd seyn.«

»Nein, nein« – murmelte eine leise feierliche Stimme aus einem dunkeln Winkel des Zimmers, wohin Job ungesehen sich geschlichen und nun in Sicherheit niedergekauert hatte – »Ihr könnt Ralph nicht erschrecken!«

»Der Junge ist ein braver Junge und kann das Gute vom Bösen unterscheiden; was bedarf der Mensch mehr in dieser verderbten Welt?« murmelte Ralph in jenem raschen, undeutlichen Tone, der seine Weise charakterisirte.

»Woher kommst Du, Bursche, und warum verließest Du mich so plötzlich?« fragte Lionel.

»Job ist gerade auf dem Markt gewesen, um zu sehen, ob er nicht etwas Gutes für Nab finden kann,« erwiederte der Tölpel.

»Hoffe nicht, mich mit diesem Unsinn zu hintergehen! Wird man wohl zu irgend einer Stunde der Nacht Lebensmittel verkaufen, selbst wenn Du Geld dazu hättest?«

»Nun das ist doch ein Beweis, daß des Königs Offiziere nicht Alles wissen,« sagte der Schwachkopf und lachte vor sich hin – »hier ist eine Pfund-Note, von altem Gehalt, so gut als je eine von der Bai-Kolonie ausgestellt wurde, und Fleisch ist nicht so rar, daß ein Mann, der einen Pfund-Wechsel alten Gehalts in der Tasche hat, nicht nach Alt-Funnel hinab gehen kann, wenn's ihm beliebt, trotz aller Parlaments-Akten.«

»Du hast die Todten geplündert!« rief Lionel, als er bemerkte, daß Job außer der erwähnten Note noch einige Silberstücke in der Hand hatte.

»Heißet Job nicht einen Dieb!« entgegnete der Junge mit drohender Miene; »noch gilt das Gesetz in der Bai, wenn das Volk es auch nicht gebraucht, und Recht wird Allen geschehen, wenn die Zeit kommt. Job erschoß einen Grenadier, ist aber kein Dieb!«

»So wurdest Du für Deinen heimlichen Gang in letzter Nacht bezahlt, thörichter Junge, und wurdest durch Geld verlockt, in die Gefahr zu rennen. Laß es Dein letztes Mal seyn – in Zukunft, wenn Du dessen bedarfst, komme zu mir um Unterstützung!«

»Job würde für den König keine Gänge thun und wenn er ihm auch seine goldene Krone geben wollte mit all' ihren Diamanten und Flittern; denn Job will einmal nicht und es gibt kein Gesetz, das ihn zwingen könnte!«

Um den Jungen zu besänftigen, machte Lionel einige freundliche, begütigende Bemerkungen, doch der Andere würdigte ihn keiner Antwort, sondern fiel mürrisch in seinen Winkel zurück, als wollte er sich von den Anstrengungen des Tags durch einige Augenblicke des Schlafes erholen. Unterdessen war Ralph in tiefe Träumerei versunken, und der junge Krieger erinnerte sich, daß es schon spät an der Zeit war und er noch keine Auskunft über jene rätselhaften Anklagen erhalten hatte. Er berührte deßhalb diesen Gegenstand auf eine Weise, wie er sie für die geeignetste hielt, um die gewünschte Aufklärung zu erhalten. So wie Lionel der Bewegung seiner Tante gedachte, erhob sein Gefährte wieder das Haupt und ein Lächeln wie das des Triumphs zuckte über das verfallene Antlitz des Greises, der mit Nachdruck auf seine Brust deutend antwortete:

»Hier war's, Knabe, hier – nichts Geringeres als die Macht des Gewissens und eine Kenntniß der Dinge, wie die meine, konnte dieses Weib in Gegenwart eines andern menschlichen Wesens sprachlos dahin strecken.«

»Worin besteht aber diese außerordentliche Kenntniß? Ich bin gewissermaßen der natürliche Beschützer von Mrs. Lechmere, und unabhängig von meinem eigenen Interesse an Ihrem Geheimniß, habe ich ein Recht, in ihrem Namen eine Erklärung jener so ernsten Behauptungen zu fordern.«

»In ihrem Namen!« wiederholte Ralph. »Warten Sie, ungestümer junger Mann, bis sie Ihnen befiehlt, in der Untersuchung weiter zu dringen – dann soll mit der Stimme des Donners geantwortet werden.«

»Wenn nicht aus Gerechtigkeit gegen meine bejahrte Tante, so gedenken Sie wenigstens Ihres wiederholten Versprechens, mir die traurige Geschichte von dem Unglück meines Hauses zu enthüllen, von der Sie Kenntniß zu haben behaupten.«

»Ja, von ihr und noch von vielem Andern besitze ich Kenntniß,« erwiederte der Alte und lächelte gleichsam im Bewußtseyn seines Wissens und seiner Macht; »wenn Sie daran zweifeln, so gehen Sie hinab und fragen Sie die arme Bewohnerin dieses Narrenhauses – oder die schuldvolle Wittwe von John Lechmere.«

»Nein, ich zweifle an Nichts, als an meiner eigenen Geduld; die Augenblicke fliehen rasch dahin und noch soll ich Alles erst erfahren, was ich zu wissen wünsche.«

»Dieß ist weder die Zeit noch der Ort, wo Sie die Geschichte hören sollen,« antwortete Ralph; »ich habe schon gesagt, wir werden jenseits des Kollegienhauses zu diesem Zwecke zusammentreffen.«

»Wer aber kann nach den Ereignissen dieses Tages sagen, wann wohl ein Diener der Krone sich in Sicherheit dorthin wird wagen können?«

»Wie!« rief der Alte mit lautem bitterem Lachen, »hat der Junge die Stärke und die Willenskraft der verachteten Kolonisten so bald erprobt? Doch ich verpfände Dir mein Wort, daß Du dennoch in Sicherheit die Stelle erblicken sollst. – Ja, ja, Priscilla Lechmere, Deine Stunde hat geschlagen und Dein Urtheil ist gefällt für immer!«

Lionel erwähnte nochmals seiner Tante und deutete auf die Nothwendigkeit hin, bald wieder bei ihr zu seyn, da er unten schon Fußtritte hörte, welche verkündeten, daß Anstalten zu ihrem Aufbruch gemacht würden. Aber seine Bitten und Vorstellungen blieben nun gänzlich unbeachtet; sein betagter Gefährte schritt rasch in seinem kleinen Zimmer auf und ab und murmelte unzusammenhängende Reden, worin allein der Name Priscilla unterschieden wurde; sein Angesicht zeigte den inneren Kampf heftiger, verzehrender Leidenschaften. Wenige Augenblicke darauf hörte man Abigail's grelle Stimme ihrem Sohn auf eine Weise rufen, welche deutlich verrieth, wie sie wohl wisse, daß er irgendwo im Gebäude versteckt seyn müsse. Job hörte ihren wiederholten Ruf, bis ihre Stimme zornig und drohend wurde, worauf er sachte aus seiner Ecke hervorkroch und sich mit gesenkter Stirn und zögerndem Schritt nach der Treppe bewegte. Lionel war unschlüssig, was er thun sollte. Seine Tante wußte noch nichts von seiner Anwesenheit und er dachte, wenn Abigail Pray sein Erscheinen gewünscht hätte, würde sie ihn wohl auf irgend eine Art in ihre Aufforderung eingeschlossen haben. Auch hatte er seine besonderen Gründe, zu wünschen, daß seine Besuche bei Ralph Geheimniß blieben. So beschloß er, unter dem Schutze der Dunkelheit die Bewegungen unten abzuwarten und sich einzig von den Umständen leiten zu lassen. Er nahm beim Weggehen keinen Abschied von seinem Gefährten, denn lange Gewohnheit hatte ihn soweit an die excentrische Manier des Alten gewöhnt, daß er wohl einsah, wie jeder Versuch, dessen Aufmerksamkeit von seinen düsteren Gedanken abzuleiten, in einem Augenblick so tiefer Aufreizung gänzlich unnütz seyn würde.

Von dem Anfang der Treppe aus, wo Lionel sich aufstellte, erkannte er Mrs. Lechmere, welcher Job mit einer Laterne voranging; sie bewegte sich mit festerem Schritt, als er hatte hoffen können, gegen die Thüre zu und er hörte Abigail ihrem halsstarrigen Sohne befehlen, daß er ihrem Besuch bis zu der nächsten Ecke leuchten solle, wo, wie es schien, ein Wagen ihrer wartete. Auf der Schwelle wandte sich Mrs. Lechmere um, und da gerade das Licht von Abigail's Kerze auf ihre Züge fiel, war Lionel im Stand, genau auf ihr kaltes, strenges Auge zu merken, das all' seinen weltlichen Ausdruck wieder erlangt hatte, obwohl es einigermaßen noch durch einen Schatten ungewöhnlich tiefen Nachdenkens gemildert war.

»Laßt den Auftritt von heute Abend vergessen seyn, gute Abigail,« sprach die Dame. »Euer Miethsmann ist ein namenloses Wesen, das irgend eine nichtige Erzählung aufgeschnappt hat und unsere Leichtgläubigkeit benützen will, um sich zu bereichern. Ich will mir die Sache weiter bedenken, aber in keiner Weise haltet fernere Gemeinschaft mit ihm. – Ich muß Euch ausquartieren, treues Weib; diese Wohnung ist Eurer und Eures pflichtgetreuen Sohnes unwürdig – ich muß Euch besser logirt sehen, gute Abigail, wahrhaftig, ich muß.«

Lionel konnte bemerken, wie ein leichter Schauder über die Gestalt ihrer Gefährtin hinlief, als seine Tante auf den zweifelhaften Charakter Ralph's anspielte; aber ohne eine Antwort zu geben, stand Abigail an der geöffneten Thüre, um ihren scheidenden Gast zu entlassen. In dem Augenblick, als Mrs. Lechmere verschwand, glitt Lionel die Treppe hinab und stand vor dem erstaunten Weibe.

»Wenn ich Euch sage, daß ich Alles gehört habe, was heute Abend vorging,« sagte er heftig, »dann werdet Ihr einsehen, daß jeder weitere Versuch, mir noch länger etwas zu verbergen, Thorheit wäre – ich verlange nun so viel von Eurem Geheimniß, als mein oder der Meinen Glück betrifft.«

»Nein, – nein,« fuhr das erschreckte Weib auf – »nicht von mir, Major Lincoln – nicht von mir, um's Himmels Willen, nicht von mir – ich habe geschworen, es bei mir zu behalten und ein Eid – –« Die Bewegung unterbrach ihre Rede und ihre Stimme wurde undeutlich.

Lionel bereute seine Heftigkeit, und beschämt darüber, daß er von einem Weibe ein Bekenntnis hatte erpressen wollen, suchte er ihre Gefühle zu besänftigen und versprach ihr, für heute keine weitere Mittheilung mehr verlangen zu wollen.

»Gehen Sie – gehen Sie« – begann sie abermals und winkt ihm, sie zu verlassen, – »mir wird dann wieder wohl werden! – verlassen Sie mich, auf daß ich wieder allein sey mit jenem schrecklichen Manne und mit meinem Gott!«

Lionel bemerkte ihren Ernst und gab widerstrebend nach; er traf Job auf der Schwelle und fühlte jetzt keine weitere Besorgniß mehr für ihre Sicherheit.

Major Lincoln sann während seines raschen Gangs nach der Tremontstraße angestrengt über Alles nach, was er gesehen und gehört hatte. Er erinnerte sich der Mittheilungen, durch welche Ralph ein so mächtiges Interesse in ihm erregt hatte, und glaubte dabei in der Schuld, welche seine Tante verrathen, ein Unterpfand zu finden, welches die Wahrheit von dem Mitwissen des Alten bestätigte. Von Mrs. Lechmere sprangen seine Gedanken zu ihrer lieblichen Enkelin über und einen Augenblick lang war er in Verlegenheit, wenn er sich ihr widersprechendes Benehmen gegen ihn zu erklären versuchte; – das eine Mal war sie innig, frei und selbst zärtlich, und dann, wie bei der kurzen einsamen Unterredung von heute Abend, war sie wieder kalt, gezwungen, zurückstoßend. Weiter gedachte er endlich der Ursache, welche ihn hauptsächlich bewogen hatte, dem Regiment nach seinem Vaterlande zu folgen und diese Erinnerung war von jenem trüben Schatten begleitet, den solche Gedanken jedesmal auf seine Züge zu werfen pflegten. Als er nach Hause kam, überzeugte er sich von der sicheren Rückkehr Mrs. Lechmere's, welche sich mit ihren Verwandtinnen bereits in ihr Zimmer zurückgezogen hatte. Lionel folgte augenblicklich ihrem Beispiel und nachdem die Aufregung dieses merkwürdigen, ereignißvollen Tages sich gelegt hatte, folgte ihr ein tiefer Schlaf, der wie die Ruhe des Todes auf seine Sinne herabfiel.

 

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.