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Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston

James Fenimore Cooper: Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleLionel Lincoln oder die Belagerung von Boston
publisherVerlag von S. G. Liesching
printrunZweite Auflage
year1851
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150324
modified20170303
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Eilftes Kapitel.

Fluel. Ist's nicht erlaubt, so's Eurer Majestät beliebt –
      Zu sagen, wie viel wohl getödtet worden?

König Heinrich V.    

 

Eine starke Abtheilung der königlichen Truppen faßte auf der Höhe Posto, welche den Zugang zu ihrer Stellung beherrschte und unterdessen drangen die Uebrigen tiefer in die Halbinsel oder wurden durch die Boote der Flotte nach der Stadt Boston geführt.Die Halbinsel Charlestown ist fast ganz von tiefen Wassern umringt und mit dem anstoßenden Land nur durch eine Erdzunge von wenigen Ruthen Breite verbunden. Dicht vor diesem Eingang, gleich einem Wall, steht der schon öfter erwähnte Bunker-Hill. Lionel und Polwarth passirten die Landenge mit dem ersten Transport der Verwundeten; der Major hatte für seine Person Nichts weiter bei dem Detaschement zu schaffen und der Kapitän behauptete mit aller Hartnäckigkeit, daß seine körperlichen Leiden ihm einen unbezweifelten Anspruch darauf gäben, seine Lage ebenfalls unter die Unglücksfälle des Tags einzuschließen. Kein Offizier in des Königs Armee empfand vielleicht weniger Verdruß über das Resultat des eben geendigten Einfalls als Major Lincoln; denn ungeachtet der Anhänglichkeit an seinen Fürsten und sein adoptirtes Vaterland war er doch höchst empfindlich für den Ruf seiner wirklichen Landsleute – ein Gefühl, das unserer Natur Ehre bringt und den Menschen nie verläßt, so lange es nicht ihre reinsten, edelsten Eingebungen verläugnet. Mußte er auch den hohen Preis beklagen, um welchen seine Kameraden gelehrt worden waren, den Charakter Derer besser zu schätzen, deren langes, stilles Dulden für Kleinmüthigkeit gegolten hatte, so freute er sich doch darüber, daß jetzt den Netteren unter ihnen die Augen für die Wahrheit geöffnet werden müßten und daß den Jungen und Gedankenlosen der Mund durch Schaam für immer geschlossen war. Wenn auch aus Gründen der Klugheit die wirklichen Verluste der beiden Corps wahrscheinlich geheim gehalten wurden, so erfuhr man doch bald, daß er auf Seiten der Armee ungefähr ein Sechstel der ganzen Anzahl betrug.

Auf der Werfte trennte sich Lionel von Polwarth. Der Letztere versprach, sobald als möglich wieder in der besonderen Wohnung seines Freundes einzutreffen, wo er für die gezwungene Enthaltsamkeit und die Entbehrungen seines langen Marsches Trost zu finden hoffte; der Erstere schlug den Weg nach der Tremontstraße ein, um die Unruhe zu verscheuchen, welche, wie das geheime und schmeichelnde Flüstern der Hoffnung ihm zu glauben eingab, seine junge schöne Verwandtin um seinetwillen fühlen mochte. An jeder Ecke traf er Gruppen ernster Stadtbewohner, die mit gespitzten Ohren auf die Einzelheiten des Kampfes horchten, während einige Wenige, durch so muthige Proben ihrer Landsleute beschämt, welche sie früher in den Augen ihrer Unterdrücker verächtlich zu machen sich bemüht hatten – gedemüthigt und leise davonschlichen. Die Meisten aber betrachteten den Vorübergehenden, dessen unordentliche Kleidung seine Theilnahme an der Affaire ankündigte, mit Blicken ernsten Wohlgefallens. Als Lionel an Mrs. Lechmere's Thüre klopfte, wußte er nichts mehr von Ermüdung und als sie sich öffnete, als Cäcilie in der Halle vor ihm stand und in jedem Zug ihres reizenden Gesichtes die Größe ihrer Bewegung sich abmalte – da hatte er all' jene drohenden Gefahren vergessen, denen er kaum erst entronnen war.

»Lionel!« rief die junge Dame, indem sie die Hände vor Freude in einanderschlug, »er ist's und unverletzt!« Das Blut stieg ihr aus dem Herzen empor und ergoß sich rasch über ihr Antlitz bis zur Stirne aufwärts: sie selbst, ihr Verschämen mit den Händen verbergend, brach in einen Strom von Thränen aus und floh aus seiner Nähe.

Agnes Danforth empfing ihn mit unverstellter Freude; sie wollte sogar nicht eine einzige Frage an ihn richten, um ihre brennende Neugierde zu befriedigen, bis sie sich vollkommen von seiner gänzlichen Unversehrtheit überzeugt hatte. Dann freilich bemerkte sie mit triumphirendem Ausdruck:

»Ihr Marsch hat eine hübsche Begleitung gehabt, Major Lincoln; von den oberen Fenstern aus habe ich einige von den Ehren mit angesehen, welche das gute Volk von Massachusetts Bai seinen Besuchern erwiesen.«

»Bei meiner Seele, wäre es nicht wegen der schrecklichen Folgen, die er haben muß, ich freute mich, so gut wie Sie, über die Ereignisse des heutigen Tages,« sagte Lionel; »denn ein Volk ist seiner Rechte nur dann sicher, wenn es geachtet wird.«

»So erzählen Sie mir denn Alles, Cousin Lincoln, damit ich wisse, wie weit ich mich meiner Verwandtschaft rühmen darf.«

Der junge Mann gab ihr einen kurzen, aber klaren und unparteiischen Bericht über den ganzen Hergang, welchem die schöne Neugierige mit unverholenem Interesse zuhörte.

»Nun denn,« rief sie aus, als er geendet hatte, »so haben jene beißenden Spöttereien für immer ein Ende, die so lange unsere Ohren beleidigt haben! Aber Sie wissen,« fuhr sie mit leichtem Erröthen fort, indem ein äußerst komisches Lächeln ihr schelmisches Antlitz überstrahlte, »ich war in dem Glücksspiel von heute doppelt betheiligt, – durch mein Vaterland und meine treue Liebe!«

»O! seyen Sie ganz ruhig; Ihr Anbeter ist zurückgekehrt, ganz an Körper, und nur die Seele von Ihrer Grausamkeit verwundet – er machte den Weg mit wundervoller Behendigkeit und zeigte sich als einen wahrhaften Krieger in der Gefahr.«

»Nein, Major Lincoln,« erwiederte Agnes, trotz ihres Lachens nochmals erröthend, »Sie wollen mich doch nicht glauben machen, daß Peter Polwarth vierzig Meilen zwischen einem Auf- und Niedergang der Sonne marschirt ist.«

»Ehe die Sonne zweimal hinabsank, hat er die That vollbracht, wenn Sie dabei eine kleine promenade à cheval auf meinem eigenen Streitroß ausnehmen wollen, welches Jonathan mich zu verlassen nöthigte, wofür sodann unser Freund sich desselben bemächtigte und trotz der Gefahren jeder Art, die ihm dabei begegneten, sich muthig in dessen Besitz behauptete.«

»Wirklich,« rief das muthwillige Mädchen und schlug die Hände in angenommenem Erstaunen zusammen, obgleich Lionel ihre innerliche Freude über diese Nachricht in den Zügen ihres Gesichts zu lesen glaubte – »die Wunderthaten des Mannes übersteigen allen Glauben! man muß die Treuherzigkeit unseres Vaters Abraham besitzen, um solche Wunder für möglich zu halten! obwohl ich nach dem Zurückschlagen von zweitausend brittischen Kriegern durch einen Haufen Landleute schon im Voraus darauf gefaßt bin, eine bedeutende Dosis meiner Leichtgläubigkeit in Anspruch genommen zu sehen.«

»So ist denn der Augenblick günstig für meinen Freund,« flüsterte Lionel, indem er sich erhob, der dahineilenden Gestalt Cäcilien's zu folgen, die er in das Gemach gegenüber schlüpfen sah, während Polwarth selbst in's Zimmer trat. »Leichtgläubigkeit, behauptet man, ist die große Schwäche Ihres Geschlechts, und ich muß Sie einen Augenblick diesem Erbfehler überlassen und dieß noch dazu in der gefährlichen Gesellschaft des Gegenstandes unserer Unterhaltung.«

»Nun würden Sie doch die Hälfte Ihrer Hoffnungen auf Beförderung und Ihre ganze Aussicht auf Krieg darum geben, Kapitän Polwarth, wenn Sie wüßten, wie Ihr Charakter in Ihrer Abwesenheit mitgenommen worden!« rief Agnes, leicht erröthend. »Ich werde übrigens dem Dringen Ihrer Neugier kein Gehör schenken, aber lassen Sie sich's als Sporn zu besseren Thaten dienen, als die sind, welche Sie vollführten, seit wir uns das letztemal gesehen haben.«

»Ich hoffe, Lincoln hat meinen Diensten Gerechtigkeit erwiesen,« erwiederte der gut gelaunte Kapitän, »und hat namentlich nicht zu erzählen vergessen, wie ich sein Pferd aus den Händen der Rebellen befreite?«

»Wie, Sir,« unterbrach ihn Agnes unwillig – »wie nannten Sie das gute Volk von Massachusetts Bai?«

»Ich hätte, glaube ich, sagen sollen, die aufgeregten Bewohner des Landes. Ach! Miß Agnes, ich habe heute gelitten wie nie ein Mann zuvor, und Alles um Ihretwillen –«

»Um meinetwillen! – Ihre Worte bedürfen der Erläuterung, Kapitän Polwarth.«

»Das ist unmöglich,« entgegnete der Kapitän – »es gibt Gefühle und Handlungen, die so eng mit dem Herzen zusammenhängen, daß sie keine Erläuterung zulassen. Alles, was ich sagen kann, ist, daß ich durch Sie heute unaussprechlich gelitten habe, und was unaussprechlich ist, ist auch in hohem Grade unerklärlich.«

»Ich will das zu jenen Phrasen schreiben, welche gewöhnlich, wie ich glaube, bei der Beschreibung gewisser tête-à-têtes vorkommen – der Ausdruck eines unaussprechlichen Dings! Wahrlich, Major Lincoln hatte einigen Grund, zu glauben, er überlasse mich meiner Leichtgläubigkeit!«

»Sie verleumden Ihren eigenen Charakter, schöne Agnes!« sagte Polwarth, indem er sich zu einem traurigen Blicke zwang; »Sie sind weder barmherzig, noch leichtgläubig, sonst würden Sie schon lange meiner Erzählung geglaubt und mit meinem Unglück Mitleid gehabt haben.«

»Ist nicht Sympathie eine Art – eine Weise – kurz, ist nicht Sympathie ein schreckliches Symptom in einer gewissen Krankheit?« fragte Agnes, die Augen zu Boden geschlagen und mädchenhafte Verwirrung erkünstelnd.

»Wer kann es läugnen!« rief der Kapitän, »das ist für eine junge Dame der untrügliche Weg, ihre Neigung zu entdecken. Tausende haben gelebt, unbekannt mit ihren eigenen Neigungen, bis ihre Sympathien geweckt waren. Was bedeutet aber diese Frage, mein schöner Quälgeist? darf ich mir schmeicheln, daß Sie endlich Erbarmen haben mit meiner Pein?«

»Ich bin sehr in Angst, dieß möchte nur zu wahr seyn, Polwarth,« antwortete Agnes, kopfschüttelnd und immer noch mit ernstem Blick.

Polwarth rückte mit einer Miene der Bewegung näher an das ergötzte Mädchen, und versuchte, ihre Hand zu fassen, indem er sagte:

»Sie geben mich mit Ihrem süßen Geständniß einem neuen Leben zurück. Sechs Monate habe ich gelebt wie ein Hund vor Ihrem Zorn, aber ein gütiges Wort ist mir wie lindernder Balsam und gibt mich mir selbst wieder!«

»Dann ist meine Sympathie verflogen!« erwiederte Agnes. »Diesen langen angstvollen Tag hindurch kam ich mir älter vor, als meine gute ernste Großtante, und so oft gewisse Gedanken meine Seele durchkreuzten, dachte ich mir selbst, tausend Gebrechlichkeiten des Alters hätten mich umringt – Rheumatismen, Gicht, Asthmas und zahllose andere Ach und Weh, die einer jungen Dame von neunzehn doch gar übel anstehen. Aber Sie haben mich aufgeklärt und meine Besorgnisse gehoben, indem Sie es für nichts mehr als Sympathie erklärten. Sie sehen, Polwarth, was Sie für eine Frau bekämen, wenn ich je in einem schwachen Augenblick Ihre Hand annehmen sollte, denn schon jetzt habe ich die eine Hälfte Ihrer Last getragen.«

»Ein Mann ist nicht dazu gemacht, in beständiger Bewegung zu seyn, wie der Pendel dieser Uhr, Miß Danforth, und dennoch keine Müdigkeit zu fühlen,« sagte Polwarth, mehr gekränkt, als er sich selbst zu verrathen erlauben wollte; »dennoch, so schmeichle ich mir, ist kein Offizier in der leichten Infanterie – Sie verstehen mich, wenn ich sage, in der leichten Infanterie – der in diesen vierundzwanzig Stunden über mehr Land gekommen wäre, als der Mann, der trotz seiner Thaten sich beeilt, sich Ihnen zu Füßen zu werfen, selbst ehe er an seine gewohnte Ruhe denken mag.«

»Kapitän Polwarth,« begann nun Agnes, indem sie aufstand, »für das Kompliment, wenn es ein solches ist, danke ich; aber,« fuhr sie fort und jetzt verlor sich ihr angenommener Ernst in einem hohen, natürlichen Gefühl, das in ihrem dunkeln Auge leuchtete und ihr ganzes reizendes Gesicht übergoß, während sie die Hand fest auf's Herz drückte – »der Mann, der die Gefühle verdrängen will, welche die Natur hier eingepflanzt hat, muß nicht zu meinen Füßen zurückkehren, wie Sie es nennen, von einem Schlachtfelde, wo er gegen meine Verwandten gestritten und mein Vaterland zu unterjochen geholfen hat. Sie werden mich entschuldigen, Sir, aber da Major Lincoln hier zu Hause ist, werden Sie mir erlauben, Sie auf einige Minuten seiner Gastfreundschaft zu überlassen.«

Sie entfernte sich, als Lionel eben wieder eintrat, an dem sie auf der Schwelle vorübereilte.

»Ich möchte wahrlich lieber Kondukteur in einer Postkutsche oder gar ein Laufbube, ja Alles lieber seyn, als ein Verliebter!« rief Polwarth – »das ist ein Hundeleben, Leo, und dieses Mädchen behandelt mich wie einen Karrengaul! Aber was sie für ein Auge hat! ich hätte meine Cigarre daran anzünden können – mein Herz ist ein Aschenhaufen. Aber was fehlt Dir, Leo? Diesen ganzen verdammten Tag über habe ich keinen so trüben Blick an Dir gesehen.«

»Laß uns in mein eigenes Quartier gehen!« murmelte der junge Mann, der in Haltung und Miene die Zeichen der höchsten Verwirrung an sich trug – »es ist Zeit, uns von den Leiden unseres Marsches zu erholen.«

»Für all das ist bereits vorgesehen,« sagte Polwarth und hinkte mit den drolligsten Grimassen, so gut er konnte, hinter den hastigen Schritten seines Freundes einher. »Mein erstes Geschäft, als ich Dich verließ, war, einen Wagen von einem Freund zu entlehnen, in welchem ich nach Deiner Wohnung fuhr; mein zweites, dem kleinen Jemmy Craig zu schreiben und ihm meine Kompagnie zum Tausch gegen die seinige anzubieten – denn von dieser Stunde an entsage ich für alle Zeiten dem Leichtinfanterie-Dienst und werde die erste Gelegenheit ergreifen, wieder zu den Dragonern zu kommen; so bald ich dieses durchgesetzt habe, Major Lincoln, werde ich Dir einen Handel um mein heutiges Streitroß proponiren. Nachdem diese Pflicht erfüllt war – denn, wenn Selbsterhaltung irgend lobenswerth ist, war es für mich zur Pflicht geworden – fertigte ich einen Küchenzettel für Meriton, damit nichts vergessen werde, und hierauf eilte ich, wie Du selbst, zu den Füßen meiner Herrin. – Ach! Major Lincoln, Du bist ein glücklicher Junge; für Dich gibt's keinen andern Empfang als Lächeln und Reize so – –«

»Sprecht mir nicht von Lächeln, Sir,« unterbrach ihn Lionel heftig – »noch von den Reizen eines Weibes. Sie sind alle gleich launig und unbegreiflich.«

»Der Himmel sey uns gnädig!« rief Polwarth, ihn voll Verwunderung anstarrend: »so ist denn hier für Niemand Gnade, der für den König kämpft! Es besteht eine ganz eigene Verbindung zwischen Cupido und Mars, Liebe und Krieg; denn ich selbst, nachdem ich mich den ganzen Tag wie ein Sarazene, ein Türke, ein Yenghis Khan, kurz Alles andere, nur nicht wie ein guter Christ herumgeschlagen, kam hieher mit der besten Absicht in der Welt und wollte dieser verräterischen Hexe in allem Ernst meine Hand, nebst meiner Stelle und Polwarth Hall anbieten, doch sie verschmäht mich mit einem Unwillen, einem beißenden Spott, der gerade so einladend ist wie der Gruß eines Hungernden. Aber was für ein Auge das Mädchen hat und welche Röthe, wenn sie etwas mehr als gewöhnlich aufgeregt ist! Also auch Du, Lionel, bist wie ein Hund behandelt worden!«

»Wie ein Narr, der ich bin,« sagte Lionel, indem er mit großen hastigen Schritten über die Straße hineilte, wodurch sein Gefährte zu weit hinter ihm zurückblieb, um weitere Unterhaltung zu pflegen, bis der Ort ihrer Bestimmung erreicht war. Hier fanden sie, zur nicht geringen Verwunderung Beider, eine Gesellschaft versammelt, die keiner von ihnen zu treffen erwartet hatte. An einem Seitentisch saß M'Fuse und versuchte sich mit besonderem Wohlbehagen an einigen Stücken kalten Fleisches vom gestrigen Abendessen, wobei er seine Bissen mit tiefen Zügen von seines Wirths bestem Weine hinunterspülte. In der einen Ecke des Zimmers stand Seth Sage, der wie ein in Haft Befindlicher aussah, mit vorn zusammengebundenen Händen, an welchen noch ein langer Strick herabhing, der im Nothfall als Halfter hätte benutzt werden können. Gegenüber von dem Gefangenen, denn das war er wirklich, stand Job, das Beispiel des Kapitäns der Grenadiere nachahmend, von dem der Simpel dann und wann einen Bissen von dem Mahle in den Hut geworfen bekam. Meriton und mehrere andere Bediente des Hauses warteten auf.

»Was gibt's hier?« rief Lionel und betrachtete die Scene mit neugierigem Blick; »welche Schuld hat Mr. Sage begangen, daß er diese Bande trägt?«

»Das geringe Verbrechen des Verraths und des Todtschlags,« erwiederte M'Fuse, »in sofern es überhaupt ein Mord genannt werden kann, wenn einer in der offenen Absicht, zu tödten, auf einen andern Menschen schießt.«

»Das kann's nicht,« sagte Seth, die Augen vom Boden erhebend, an dem sie bis jetzt in ernstem Schweigen gehaftet hatten; »man muß in gottloser Absicht tödten, um einen Mord zu begehen.«

»Hör' einer den Schuft, wie er das Gesetz auslegt, als wäre er Lord Oberrichter der Kings Bench,« fiel der Grenadier ein, »und was war Eure eigene gottlose Absicht anders, Ihr lauernder Vagabund, als mich zu tödten? Ha! Ich will Euch dafür verurtheilen und hängen lassen.«

»Es ist gegen die Vernunft, zu glauben, daß irgend ein Gericht einen Mann des Mords an einem Andern überführen werde, wenn dieser nicht todt ist,« fuhr Seth fort – »es ist keine Jury in der Bai-Kolonie zu finden, die das thun wird.«

»Bai-Kolonie! Ihr mörderischer Dieb und Rebell!« schrie der Kapitän; »ich werde Euch nach England transportiren lassen, ja, ja, Beides soll Euch zu Theil werden, transportirt und gehangen sollt Ihr werden. Bei Gott, ich will Euch mit mir nach Irland zurückführen, will Euch selbst in dem grünen Eiland aufhängen und Euch mitten im Winter in einen Sumpf begraben – –«

»Aber worin besteht denn sein Verbrechen,« fragte Lionel, »daß es solche Drohungen veranlassen kann?«

»Der Schurke war draußen – –«

»Draußen!«

»Ja, draußen! – Verdammt auch, Sir, ist nicht das ganze Land, gleich eben so vielen Bienen auf's Suchen eines Korbs, ausgewesen? Ist Ihr Gedächtniß so kurz, Major Lincoln, daß Sie schon jetzt vergessen haben, wie diese Schurken über Thal und Hügel, durch Dick und Dünn Ihnen nachgestellt haben!«

»Und wurde denn Mr. Sage unter unsern heutigen Feinden getroffen?«

»Sah ich ihn nicht dreimal in eben so viel Minuten auf meine eigene werthe Person losdrücken?« entgegnete der ärgerliche Kapitän, »und zerbrach er nicht den Griff meines Degens? und habe ich nicht ein Stück Blei, einen Bockschuß heißt er's, als ein Geschenk von dem Dieb in meiner Schulter stecken?«

»Es ist gegen alles Gesetz, einen Mann Dieb zu nennen,« fiel Job ein, »wenn Ihr's nicht gegen ihn beweisen könnt; aber es ist nicht gegen's Gesetz, in Boston aus- und einzugehen, so oft man will.«

»Hört Ihr die Schurken! Sie kennen jeden Winkelzug des Gesetzes so gut oder besser als ich selbst, der ich der Sohn eines Raths von Cork bin. Ich möchte behaupten, Du warst auch unter ihnen und verdienst den Galgen so gut als Dein sauberer Gefährte da.«

»Wie?« fiel Lionel ein, sich rasch von Job abwendend, um einer Antwort desselben zuvorzukommen, welche die Sicherheit des Schwachsinnigen hätte gefährden können – »Ihr mischtet Euch nicht nur in den Aufruhr, Mr. Sage, sondern stelltet sogar dem Leben eines Mannes nach, der, man möchte wohl sagen, fast ein Bewohner Eures eigenen Hauses ist?«

»Ich glaube,« antwortete Sage, »es ist am Besten, nicht zu viel zu sprechen, da ich sehe, daß Niemand voraussagen kann, was geschehen wird.«

»Hört nur die List des verruchten Sünders! er hat nicht einmal die Gnade, seine eigenen Sünden, wie ein ehrlicher Mann einzugestehen,« fiel M'Fuse ein, »aber ich kann ihm diese geringe Mühe ersparen. – Ich hatte es endlich genug, müssen Sie wissen, Major Lincoln, mich wie ein schädliches Gewürm vom Morgen bis in die Nacht beschießen zu lassen, ohne diesen Herrn, die auf den Hügeln draußen sind, ihre Komplimente einigermaßen zu erwiedern. Deßhalb, sehen Sie, benützte ich eine Wendung, um einen Haufen der uncivilisirten Teufel in die Mitte zu nehmen! Dieser Bursche hier zielte drei gute Schüsse nach mir, bis wir hart an sie kamen und ihnen mit dem Stahl den Garaus machten, Allen, bis auf diesen Kerl, den ich, da er eine höchst empfehlende Miene für den Galgen besitzt, mit mir hereinnahm, wie Sie sehen, um ihn zur Erwiederung für seine Freundschaft bei der nächsten günstigen Gelegenheit aufzuhängen.«

»Wenn dem so ist, müssen wir ihn den Händen der geeigneten Obrigkeit überliefern,« sagte Lionel, über den verwirrten Bericht des zornigen Kapitäns lächelnd, »denn wir müssen erst sehen, welches Verfahren mit den Gefangenen in diesem eigenthümlichen Streite beobachtet werden wird.«

»Ich würde gar nicht an die Sache denken,« antwortete M'Fuse, »hätte mich nicht der verstockte Bursche mit seinem Bockschuß nur so, wie ein Thier des Feldes behandelt und sein Ziel dabei jedesmal genommen, gerade so, als ob ich ein toller Hund gewesen wäre. Du Schurke, nennst Du Dich einen Menschen und zielst auf Dein Mitgeschöpf wie auf ein unvernünftig Thier?«

»Ei,« sagte Seth mürrisch, »wenn man einmal sich hübsch ordentlich zum Kampf entschlossen hat, so halte ich für's Beste, sein Ziel gehörig zu nehmen, um Zeit und Munition zu sparen.«

»Ihr erkennt also die Beschuldigung an?« fragte Lionel.

»Da der Major ein gemäßigter Mann ist und Vernunft hören mag, will ich den Handel mit ihm vernünftig besprechen,« sagte Seth, der sich anschickte, näher auf die Sache einzugehen. »Sehen Sie, ich hatte heute Morgen ein kleines Geschäft zu Concud –«

»Concord!« rief Lionel –

»Ja, Concud,« erwiederte Seth, indem er großen Nachdruck auf die erste Sylbe legte und mit einer Miene der höchsten Unschuld weiter fortfuhr; – »es liegt hier herum, so etliche zwanzig oder einundzwanzig Meilen – –«

»Verdammt Eure Concords und Eure Meilen dazu!« rief Polwarth; »ist wohl ein Mann in der ganzen Armee, der diesen trügerischen Ort vergessen könnte? – Doch weiter in Eurer Vertheidigung, aber sprecht mit uns nicht von der Entfernung, die wir die Straße nach Zollen gemessen haben.«

»Der Kapitän ist hastig und rasch!« sagte der bedächtige Gefangene – »da ich aber einmal da war, verließ ich die Stadt in Gesellschaft Einiger, die ich daselbst getroffen, und nach einiger Zeit entschlossen wir uns zur Rückkehr – und so, als wir ungefähr eine Meile jenseits der Stadt an eine Brücke kamen, erlitten wir eine beträchtlich rauhe Behandlung von einigen von des Königs Truppen, die dort standen –«

»Was thaten sie?«

»Sie feuerten auf uns und tödteten zwei von unserer Gesellschaft, neben andern drohenden Handlungen. Es waren einige unter uns, welche die Sache ziemlich ernst aufnahmen, und es entstand auf einige Minuten ein scharfes Zusammentreffen, bis endlich das Gesetz siegte.«

»Das Gesetz!«

»Allerdings – es ist gegen alles Gesetz, das wird der Major hoffentlich zugeben, friedliche Männer auf der offenen Landstraße zu erschießen!«

»Fahrt fort in Eurer Erzählung, nach Eurer eigenen Weise.«

»Das ist so ziemlich das Ganze davon,« sagte Seth vorsichtig. »Das Volk nahm sich dieses und einige andere Vorfälle, die zu Lexington sich ereignet hatten, zu Herzen, und ich denke, der Major weiß das Uebrige.«

»Aber was hat alles das mit Eurem Mordversuch gegen mich zu thun, Ihr Heuchler?« fragte M'Fuse; – »bekennt Alles, Ihr Dieb, damit ich Euch mit leichtem Gewissen hängen kann.«

»Genug,« sagte Lionel; »der Mann hat bereits hinreichend eingestanden, um uns zu rechtfertigen, wenn wir ihn der Bewachung Anderer übergeben – setzt ihn auf die Hauptwache, als einen der heutigen Gefangenen.«

»Ich hoffe, der Major wird auf das Meinige Acht haben,« schloß Seth, der sich augenblicklich zum Fortgehen anschickte, aber an der Schwelle noch einmal stehen blieb und mit den Worten endete: »ich werde mich wegen jeder Beschädigung an ihn halten.«

»Euer Eigenthum soll geschützt werden, und ich hoffe, Euer Leben wird nicht in Gefahr seyn,« antwortete Lionel, indem er den Wächtern mit der Hand zum Abgehen winkte. Seth wandte sich und verließ seine eigene Wohnung mit der nämlichen ruhigen Miene, die ihn den ganzen Tag über bezeichnet hatte; nur zuweilen brachen, wie das Aufglimmen eines erlöschenden Feuers, gelegentliche Blitze aus seinem rastlosen schwarzen Auge hervor. Trotz der drohenden Anklage, die er vernommen, verließ er das Haus in der festen Ueberzeugung, daß, wenn sein Fall nach den Rechtsprincipien behandelt werden würde, die Jedermann in der Kolonie so gut verstand, – es bald erwiesen seyn müsse, daß er sowohl, als seine Gefährten sich ganz an das Gesetz gehalten hatten.

Während dieser sonderbaren und so charakteristischen Unterredung hatte Polwarth, mit der einzigen Ausnahme, deren wir gedachten, seine Zeit einzig zu Vorbereitungen auf das Abendessen verwendet.

Als Seth mit seinen Geleitern verschwand, warf Lionel einen verstohlenen Blick auf Job, der ein ruhiger und dem Anschein nach unbehelligter Zuschauer der Scene gewesen, und wandte dann seine Aufmerksamkeit plötzlich auf seine Gäste, wie wenn er besorgte, die Thorheit des Schwachsinnigen möchte dessen Antheil an den heutigen Thaten gleichfalls verrathen. Die Einfalt des Burschen machte jedoch die freundlichen Plane des Majors zunichte, denn ohne das geringste Zeichen von Furcht bemerkte er alsbald:

»Der König kann Seth Sage nicht dafür hängen lassen, daß er wieder gefeuert hat, nachdem die teuflischen Soldaten zuerst angefangen.«

»Vielleicht waret auch Ihr auswärts, Meister Salomo,« rief M'Fuse, »und belustigtet Euch zu Concord mit einer kleinen Anzahl auserlesener Freunde?«

»Job ging nicht weiter als bis Lexington,« antwortete der Bursche, »und er hat keinen andern Freund bei sich gehabt, als die alte Nab.«

»Der Teufel hat die Gemüther des Volks ergriffen!« fuhr der Grenadier fort; – »Advokaten und Doktoren – Priester und Sünder – Alt und Jung – Groß und Klein fiel uns an auf unserm Marsch, und hier ist ein Narr noch weiter bei der Zahl! Ich möchte behaupten, der Bursche hat sicher auch einen Mord versucht am heutigen Tage!«

»Job verachtet solche Gottlosigkeit; er erschoß nur einen Grenadier und traf einen Offizier in den Arm.«

»Hören Sie, Major Lincoln!« schrie M'Fuse, von seinem Sitze aufspringend, den er bis jetzt trotz der Bitterkeit seiner Worte standhaft behauptet hatte; »hören Sie diese Schale von einem Menschen, dieses Schattenbild, wie er sich rühmt, einen Grenadier getödtet zu haben!«

»Halt!« – unterbrach ihn Lionel und hielt seinen erzürnten Gefährten beim Arm; »erinnern Sie sich, daß wir Soldaten sind und daß dieser Bursche nicht als ein zurechnungsfähiges Geschöpf betrachtet werden kann. Kein Tribunal würde je ein solch unglückliches Wesen zum Galgen verurtheilen und überhaupt ist er so harmlos wie ein Kind – –«

»Der Teufel hol' solche Kinder – ein feiner Bursche ist er, einen Mann von sechs Fuß zu tödten! und mit einer Vogelflinte, ich wollte wetten. Ich will den Schuft nicht hängen, Major Lincoln, da es Ihr besonderer Wunsch ist – ich will ihn nur lebendig begraben.«

Job blieb vollkommen unbeweglich und der Kapitän, beschämt über seinen Grimm gegen so bewußtlose Schwachheit, ließ sich bald überreden, seine Rachegedanken aufzugeben, fuhr aber noch lange mit seinen Drohungen gegen die Provinzialen fort und murmelte noch weitere Klagen über ›diese unmännliche Art‹ der Kriegführung, bis das so dringend ersehnte Mahl zu Ende war.

Nachdem Polwarth das Gleichgewicht in seinem System durch ein herzhaftes Abendessen wieder hergestellt hatte, stahl er sich zu Bett und M'Fuse nahm ohne weitere Umstände von einem Zimmer in Mr. Sage's Wohnung Besitz. Die Diener zogen sich gleichfalls zurück und Lionel, der die letzte halbe Stunde in melancholischem Schweigen da gesessen hatte, fand sich nun unerwartet mit dem Simpel allein. Job hatte mit ausnehmender Geduld auf diesen Augenblick gewartet: als aber die Thüre hinter Meriton, der zuletzt abtrat, sich schloß, machte er eine Bewegung, welche eine Mittheilung von mehr als gewöhnlicher Wichtigkeit anzeigte, und endlich gelang es ihm auch, die Aufmerksamkeit seines Gefährten auf sich zu ziehen.

»Thörichter Junge!« rief Lionel, als er dem leeren Auge des Andern begegnete, »habe ich Dich nicht gewarnt, Dir nicht gesagt, daß gottlose Menschen Dein Leben in Gefahr bringen würden! Wie kam's, daß ich Dich heute gegen die Truppen in Waffen sah?«

»Wie kamen die Truppen in Waffen gegen Job? – Sie sollen nicht glauben, sie können in der Bai-Kolonie umherziehen, ihre gottlosen Trommeln und Trompeten rühren, Häuser niederbrennen und auf das Volk schießen und gar keinen Lärm deßwegen finden!«

»Weißt Du, daß Du Dein Leben durch Dein eigenes Geständniß innerhalb dieser zwölf Stunden zweimal verwirkt hast; einmal wegen Mords und dann wegen Verraths gegen Deinen König? Du hast bekannt, einen Mann getödtet zu haben!«

»Ja,« sagte der Junge mit ungestörter Einfalt, »Job erschoß den Grenadier; aber er ließ das Volk nicht auf Major Lincoln schießen.«

»Wahr, wahr,« sagte Lionel hastig – »ich danke Dir mein Leben und diese Schuld soll um jeden Preis abgetragen werden. Aber warum hast Du Dich so gedankenlos in die Hände Deiner Feinde gegeben? was bringt Dich in dieser Nacht hieher?«

»Ralph sagte mir, ich sollte kommen, und wenn Ralph zu Job sagte, ›geh' in des Königs Gemach‹ – er würde gehen.«

»Ralph!« rief Lionel, in seinem eilenden Gange durch das Zimmer inne haltend; »und wo ist er?«

»Im alten Waarenhaus, und er hat mich geschickt, Euch zu sagen, Ihr möchtet zu ihm kommen – und was Ralph sagt, muß geschehen.«

»Er auch hier! Ist der Mann toll? – sollte nicht seine Furcht ihn lehren –«

»Furcht!« unterbrach ihn Job mit kindischer Verachtung – »Ihr könnt Ralph nicht erschrecken! Die Grenadiere konnten ihn nicht schrecken, die leichte Infanterie ihn nicht treffen, obgleich er den ganzen Tag nichts genoß, als den Rauch von ihren Flinten – Ralph ist ein ganzer Krieger!«

»Und er erwartet mich, sagst Du, in Deiner Mutter Logis?«

»Job weiß nicht, was Logis ist, aber Ralph ist im alten Waarenhaus.«

»Komm denn,« sagte Lionel und nahm seinen Hut, »laß uns zu ihm gehen – ich muß ihn vor den Folgen seiner eigenen Raschheit schützen und sollte es mich auch meine Stelle kosten!«

Indem er noch sprach, verließ er das Zimmer und der Einfältige folgte ihm dicht auf den Fersen, sehr zufrieden, daß er seinen Auftrag erfüllt hatte, ohne größere Schwierigkeiten dabei getroffen zu haben.

 

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