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Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston

James Fenimore Cooper: Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleLionel Lincoln oder die Belagerung von Boston
publisherVerlag von S. G. Liesching
printrunZweite Auflage
year1851
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150324
modified20170303
projectid025dd028
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Neuntes Kapitel.

Häng' unser Banner auf den Außenwall:
Der Feldruf ist: Sie kommen.

Macbeth.    

 

Lionel war von Mrs. Lechmere's Wohnung bis an den Fuß von Beacon Hill gegangen und selbst einen Theil des steilen Abhangs hinaufgestiegen, ehe er sich wieder erinnerte, warum er zu dieser ungewöhnlichen Stunde so in sich selbst vertieft umherwandere. Da er aber kein Geräusch hörte, das den augenblicklichen Aufbruch der Truppen verrathen hätte, so folgte er, sich unbewußt, seinem Gefühle, das gerade in diesem Augenblick ihn zur Mittheilung gegen Andere untauglich machte und stieg vollends bis zum Gipfel der Anhöhe hinauf. Auf diesem erhabenen Standpunkt machte er Halt, um den Schauplatz zu betrachten, der im Dunkel der Nacht zu seinen Füßen ausgebreitet lag, während seine Gedanken von den schmeichelnden Ahnungen, denen er sich hingegeben, zu der Betrachtung der dringenderen Geschäfte dieser Stunde zurückkehrten. Da erhob sich aus der Stadt selbst ein fernes Gemurmel, wie das Summen verheimlichter Bewegung; Lichter sah man längs den Straßen hingleiten oder an den Fenstern hinziehen, und zwar auf eine Weise, welche zeigte, daß die Kunde von dem Zuge sich nun allgemein in den Wohnungen verbreitet hatte. Lionel schaute hinüber nach dem Gemeindegrund und lauschte lange und ängstlich, aber vergebens, um nur einen einzigen Laut zu vernehmen, der ein ungewöhnliches Geräusch unter den Soldaten hätte verrathen können. Mehr gegen das Innere hin war dichte Dunkelheit der Nacht herabgesunken, die das Amphitheater von Hügeln, welche die Stadt umschloßen, einhüllte und über Thäler und Niederungen zwischen ihnen und dem Wasser einen undurchdringlichen Schleier von Finsterniß ausbreitete. Allerdings gab es Augenblicke, wo er hin und wieder von dem Volk am jenseitigen Ufer einzelne Zeichen zu vernehmen glaubte, welche wohl andeuten sollten, daß sie von der bevorstehenden Landung benachrichtigt seyen; wenn er aber aufmerksamer horchte, konnte er höchstens, so weit sein Ohr zu reichen vermochte, das dumpfe Blöcken des Viehs auf den Wiesen, oder das Plätschern der Ruder von einer Booten-Linie vernehmen, welche weithin längs des Ufers sich erstreckend, sowohl die Art als die Ausdehnung der Wachsamkeit verrieth, die bei dieser Gelegenheit für nöthig erachtet wurde.

Während Lionel an dem Rande der kleinen Plattform stand, die durch Abheben der Spitze des natürlichen Kegels gebildet worden war, und über die wahrscheinlichen Folgen der Maaßregel nachsann, welche von seinen Vorgesetzten ergriffen worden, hatte sich ein schwaches Licht über das Gras ergossen und glänzte, plötzlich emporsteigend, in starken Strahlen auf dem Becken des Leuchtthurms.

»Schurke!« rief ein Mann, der aus seinem Versteck am Fuß des Pfahls hervorsprang und sich vor ihn hinstellte, so daß er ihm gerade in's Gesicht schaute; »wagst Du es, den Leuchtthurm anzuzünden?«

»Als Antwort möchte ich zuerst fragen, wie Ihr wagen könnt, ein so rohes Wort auf mich anzuwenden; doch ich sehe die Ursache Eures Irrthums,« sagte Lionel. »Das Licht kommt dort vom Monde her, der gerade aus dem Ocean emportaucht.«

»Ich erkenne meinen Irrthum,« erwiederte der rauhe Beleidiger. – »Beim Himmel, ich hätte im Anfang geschworen, daß es der Leuchtthurm sey!«

»So müßt Ihr denn an die hergebrachte Hexerei dieses Landes glauben, denn Nichts als Zauberei hätte mich in Stand setzen können, in solcher Entfernung das Brennholz anzuzünden.«

»Ich weiß nicht, 's ist ein sonderbares Volk, unter das wir gerathen sind; – vor Kurzem haben sie uns die Kanonen aus dem Arsenale gestohlen, – ich hätte das Ding ewig für unmöglich gehalten. Es war vor Ihrer Ankunft, Sir, denn nun glaube ich die Ehre zu haben, mit Major Lincoln vom Siebenundvierzigsten zu sprechen.«

»Dießmal sind Sie der Wahrheit näher, als bei Ihrer ersten Vermuthung über meinen Charakter,« sagte Lionel; »aber habe ich etwa einen der Herrn von unserm Tisch vor mir?«

Der Unbekannte erklärte sich nun für einen Subalternen in einem andern Regiment, der aber die Person des Majors recht wohl kenne. Er fügte hinzu, er sey beordert worden, auf dem Hügel Wache zu halten, um zu verhindern, daß nicht einer der Einwohner den Leuchtthurm anzünde oder ein anderes Zeichen gebe, das die Kunde von dem beabsichtigten Einfall in das Land bringen könnte.

»Die Sache gewinnt einen ernsteren Anschein, als ich vermuthete,« erwiederte Lionel, als der junge Mann seine Erläuterung geendet hatte; »der Kommandirende muß mehr beabsichtigen als wir denken, wenn er auf diese Art Offiziere zum Dienst von Gemeinen verwendet.«

»Wir armen Subalternen wissen nur wenig und kümmern uns noch weniger um das, was er meint,« rief der Fähndrich; »allerdings muß ich aber gestehen, daß ich keinen genügenden Grund sehen kann, warum brittische Truppen sich in den Mantel der Nacht hüllen sollen, um gegen eine Handvoll zögernder, quäckender Bauern zu marschiren, die am hellen Tage vor dem Anblick unserer Uniformen auseinander laufen würden. Hätte ich meinen Willen, der Theer dort über uns sollte eine Meile hoch lodern, um die Helden vom Connecticutflusse herbeizurufen; die Hunde würden vor zwei vollen Grenadierkompagnien zurückschrecken. – Ha! hören Sie, Sir? da ziehen sie nun, der Stolz unsrer Armee! Ich kenne sie an ihrem schweren Tritt.«

Lionel horchte aufmerksam, und unterschied deutlich den abgemessenen Schritt eines wohldisciplinirten Corps, das rasch über den Gemeindegrund daherzog und gegen die Wasserseite hin zu marschiren schien. Er sagte seinem Gefährten ein hastiges gute Nacht und eilte den Abhang des Hügels hinab; in der Richtung der Töne weiter schreitend, gelangte er in einem und demselben Augenblick mit den Truppen an's Ufer. Zwei dunkle Menschenmassen hielten in fester Ordnung, und als Lionel längs der Kolonne hinging, schätzte sein geübtes Auge die Stärke der versammelten Truppen nur wenig unter tausend Mann. Eine Gruppe von Offizieren stand am Strande beisammen und dieser näherte er sich, indem er richtig vermuthete, daß der Führer des Zugs in ihrer Mitte sich befinden würde. Dieser Offizier war, wie sich zeigte, der Obristlieutenant vom Zehnten, welcher in eifriger Unterhaltung mit dem alten Marinemajor begriffen war, auf den schon die Schildwache vor dem Provinzhaus angespielt hatte. An den Ersteren dieser Beiden wandte sich der junge Krieger und bat um die Erlaubniß, das Detaschement als Freiwilliger begleiten zu dürfen. Nach wenigen erläuternden Worten ward sein Gesuch genehmigt, obgleich Jeder vermied, den geheimen Zweck des Zugs auch nur leise zu berühren.

Lionel fand nun seinen Burschen, der den Truppen mit seines Herrn Pferden gefolgt war, und nachdem er diesem seine Befehle ertheilt hatte, ging er, seinen Freund Polwarth aufzusuchen, den er auch bald in steifer militärischer Haltung an der Spitze des ersten Pelotons bei der Kolonne der leichten Infanterie entdeckte. Da sowohl nach der Stellung, welche die Truppen einnahmen, als auch nach den Booten, die sich an diesem Punkte versammelt hatten, mit Gewißheit angenommen werden konnte, daß das Detaschement die Halbinsel nicht auf dem gewöhnlichen Verbindungswege zu Land verlassen sollte, so blieb keine andere Wahl, als geduldig den Befehl zum Einschiffen abzuwarten. – Der Aufschub war indeß nur kurz, und da die vollkommenste Ordnung beobachtet wurde, hatten die Truppen bald ihre Sitze eingenommen und die Boote stießen schwerfällig vom Lande ab, eben als die Strahlen des Mondes, die einige Zeit auf den Hügeln gespielt und die Thurmspitzen der Stadt vergoldet hatten, sich mild über die Bai ergossen und die geschäftige Scene beleuchteten – ein Bild, nicht unähnlich dem plötzlichen Aufziehen des Vorhangs bei der Eröffnung eines interessanten Drama's. Polwarth hatte sich, zur großen Erleichterung seiner Beine, an Lionel's Seite niedergelassen, und als sie sachte in dem Mondlicht hinfuhren, schwanden vor der Lieblichkeit der Witterung und vielleicht auch vor der ruhigen Behaglichkeit der jetzigen Lage all' jene bösen Ahnungen aus seiner Seele, welche die Betrachtung über die Schwierigkeiten eines Partheigängerzugs so natürlich begleitet hatten.

»Es gibt Augenblicke, wo ich an dem Leben eines Seemanns Geschmack finden könnte,« hub er an, während er sich nachläßig zurücklehnte und mit der einen Hand im Wasser spielte. – »Dieß Herumfahren in Booten ist eine leichte Arbeit und muß ein Kapitalmittel gegen schwere Verdauung seyn, insofern man dabei frische Luft mit möglichst wenig heftiger Bewegung genießt. Unsere Seeleute müssen drum ein fröhliches Leben führen!«

»Sie sollen über den Widerstreit ihrer Pflichten mit denen der Seeoffiziere unzufrieden seyn,« sagte Lionel, »und ich habe oft mit angehört, wie sie sich über Mangel an Raum, um ihre Beine zu gebrauchen, beklagten.«

»Ha!« meinte Polwarth, »das Bein ist ein Glied an dem Menschen, für welches ich weniger als für jeden andern Theil des Körpers eine wirkliche Nothwendigkeit einsehe. Ich denke mir oft, in der Bildung der animalischen Geschöpfe muß ein arger Mißgriff geschehen seyn, so z. B. kann einer ein recht guter Seemann seyn ohne Beine – ein guter Geiger, ein Schneider erster Qualität, ein Advokat, ein Doktor, ein Prediger, ein recht erträglicher Koch, kurz Alles andere, nur kein Tanzmeister. Ich sehe keinen Nutzen an einem Bein, als daß man etwa die Gicht daran hat – auf jeden Fall ist ein Bein von zwölf Zoll eben so gut als eins von einer Meile Länge und das Uebrige könnte man auf die edleren Theile der thierischen Natur verwenden, wie auf das Gehirn und den Magen.«

»Du vergißt den Offizier der leichten Infanterie,« sagte Lionel lachend.

»Du kannst ihm ein paar Zolle weiter geben, und am Ende, wie denn überhaupt jedes Ding in dieser argen Welt nur vergleichungsweise trefflich ist, käme es doch auf's Nämliche heraus und nach meinem System wäre einer eben so tauglich zur leichten Infanterie ohne Beine als mit denselben; dabei würde er noch obendrein mit einem guten Theil ermüdender Manöver, besonders mit diesem neuen Exercitium verschont bleiben. Dann hätten wir wohl einen köstlichen Dienst, Leo, denn man könnte von ihm sagen, er allein fasse alle Poesie des Kriegslebens in sich, wie Du hier sehen kannst. Weder die Einbildungskraft noch der Körper können mehr verlangen, als wir in diesem Augenblick genießen, und welchen Nutzen, möchte ich fragen, gewähren uns nun unsere Beine? Sie sind höchstens überflüssiger Ballast in diesem Boot. Sieh nur, da haben wir den sanften Mond, noch sanftere Sitze, einen glatten Wasserspiegel, eine Appetit erregende Luft – auf einer Seite eine schöne Landschaft, welche, wenn auch nur undeutlich gesehen, als fruchtbar und reich bis zum Ueberfluß bekannt ist; auf der andern eine malerische Stadt, versehen mit den Gewürzen aus jedem Klima – selbst diese schuftigen Gemeinen sehen in ihren Scharlachröcken und glitzernden Waffen viel milder aus unter den Strahlen dieses Mondes. Sahst Du Miß Danforth bei Deiner Visite in der Tremontstraße, Major Lincoln?«

»Dieses Vergnügen ward mir nicht verweigert.«

»Wußte sie von diesen kriegerischen Vorgängen?«

»Es war etwas ausnehmend Kampflustiges in ihrer Laune.«

»Sprach sie von der leichten Infanterie oder von Einem, der in dem leichten Corps diene?«

»Dein Name wurde allerdings erwähnt,« erwiederte Lionel etwas trocken – »sie gab zu verstehen, die Hühnerhäuser wären in Gefahr.«

»Ach! sie ist doch ein Millionenmädchen! ihre Säuren selbst sind lieblich! die Würzen wurden nicht vergessen, als der Stoff zu ihrer Bildung gemischt wurde; ich wollte, sie wäre hier – fünf Minuten Mondschein für einen Verliebten sind einen ganzen Sommer brennender Sonne werth – es wäre ein Meisterstreich, sie zu einem unserer malerischen Märsche zu verleiten; Dein Kamerad ist gerade der Mann dazu, Alles durch Ueberraschung einzunehmen – Weiber und Festungen! Wo sind nun unsere Linienkompagnien – die Artillerie und Dragoner – die Ingenieurs und der Stab? in der Nachtmütze schnarchen sie alle mit einander, während wir hier das wahre Dessert des Daseyns genießen. – Ich wünschte, ich könnte eine Nachtigall hören!«

»Dort hast Du eine einsame Grille, die Dir ihre Weisen zirpt, als ob sie ein Klaglied über unsere Ankunft anstimmte.«

»Zu kläglich und viel zu monoton, 's ist gerade, als wenn man einen ganzen Monat lang nichts als Ferkel zu essen hätte. Aber wie, sind unsere Pfeifen eingeschlafen?«

»Die Vorsicht eines ganzen Tags sollte wohl durch die geschwätzigen Laute unserer Musik verhöhnt werden?« sagte Lionel; »Deine fröhliche Laune geht mit Deiner Ueberlegung durch. Ich sollte denken, die Aussicht auf einen fatiguirenden Marsch müßte Dein Blut etwas gekühlt haben.«

»Was, Fatigue!« rief Polwarth, »wir werden blos eine Stellung bei den Kollegien nehmen, um unsere Zufuhren zu decken – wir gehen in die Schule, Leo – denke einmal, die Tornister unserer Leute seyen Bücherranzen – willfahre meiner Narrheit und Du sollst Dich selbst noch einmal für einen Knaben halten.«

In Polwarth's Stimmung war in der That eine plötzliche Aenderung eingetreten, sobald er die traurigen Vermuthungen, die sein Gemüth beschäftigt hatten, als er zuerst von einem nächtlichen Einfall hörte, so angenehm durch die bequeme Lage, die er einnahm, getäuscht fand, und er setzte das Gespräch auf die beschriebene Weise fort, bis die Boote einen einsamen Punkt erreichten, der eine kleine Strecke in denjenigen Theil der Bai vorsprang, welcher die Westseite der Halbinsel Boston bespülte. Hier landeten die Truppen und formirten sich von neuem mit aller Schnelligkeit. Polwarth's Kompagnie wurde wieder, wie vorher, an die Spitze der Kolonne der leichten Infanterie gestellt und erhielt Befehl, einem Offizier vom Stab, der auf kurze Entfernung vorausritt, zu folgen. Lionel befahl seinem Burschen, mit den Pferden die nämliche Straße wie die Truppen einzuschlagen; er selbst stellte sich wieder an die Seite des Kapitäns, und so schritten sie auf das gegebene Zeichen vorwärts.

»Nun, bei den Schatten des alten Harvard!« fing Polwarth wieder an, indem er nach den niederen Gebäuden der Universität hindeutete; »ihr mögt euch heute Nacht mit Vernunft mästen, während ich ein mehr sub . . . Ha, was kann der blinde Quartiermeister wollen, daß er diese Richtung einschlägt? Sieht er nicht, daß die Wiesen halb mit Wasser bedeckt sind?«

»Vorwärts, vorwärts mit der leichten Infanterie,« schrie die rauhe Stimme des alten Marinemajors, der nur eine kleine Strecke hinter ihnen ritt. »Schreckt ihr zurück vor dem Anblick von Wasser?«

»Wir sind keine Werftratten,« entgegnete Polwarth.

Lionel faßte ihn am Arm und ehe der bestürzte Kapitän Zeit hatte, zu sich zu kommen, war er schon durch eine breite Lache stehenden Wassers geschleppt, die ihm bis an's Knie reichte.

»Machen Sie nicht, daß Ihre Romantik Sie Ihre Stelle kostet,« sagte der Major, als Polwarth sich gegen die Beschwerden sträubte; »hier ist schon einmal ein Ereigniß für Ihre Privaterzählung über den Feldzug.«

»Ach, Leo,« sagte der Kapitän mit einer Art komischer Betrübnis, »ich fürchte, wir dürfen, trotz dieses heiligen Mondscheins, für heute nicht den Musen huldigen.«

»Davon kannst Du Dich überzeugen, wenn Du bemerken willst, daß wir die akademischen Gebäude links lassen – unsere Führer wenden sich nach der Chaussee.«

Sie hatten sich mittlerweile aus den Wiesen herausgearbeitet und bewegten sich auf einer Straße, die in das innere Land führte.

»Du würdest besser thun, wenn Du Deinen Diener rufen und zu Pferd steigen wolltest, Major Lincoln,« sagte Polwarth mürrisch; »ich sehe, man muß seine Kräfte schonen.«

»Es wäre Thorheit jetzt; ich bin naß, und muß schon der Gesundheit wegen gehen.«

Mit dem Verschwinden von Polwarth's munterer Laune wurde die Unterhaltung matt und die beiden Herrn unterbrachen die Stille des weiteren Marsches nur durch solche gelegentliche Mittheilungen, wie sie durch die vorübergehenden Zwischenfälle in ihrer Lage hervorgerufen wurden. Man konnte bald sowohl aus der den Kolonnen gegebenen Direktion, als an dem beeilten Schritt ihres Führers erkennen, daß der Marsch forcirt und von ziemlicher Dauer seyn sollte. Als jedoch die Luft kühl wurde, sträubte sich selbst Polwarth nicht länger, sein erstarrtes Blut durch eine mehr als gewöhnliche Bewegung zu erwärmen. Die Kolonnen öffneten sich zur Erleichterung des Marsches; jeder Mann durfte nach eigener Bequemlichkeit gehen, vorausgesetzt, daß er an seiner angewiesenen Stelle blieb und gleichen Schritt mit seinen Kameraden hielt. Auf diese Art rückte die Truppe munter vorwärts; allgemeine Stille herrschte über das Ganze, da die Stimmung der Mannschaft von jener tiefen Nüchternheit durchdrungen war, welche großen Ernst bei einem Vorhaben beurkundet. Im Anfang erschien die ganze Gegend in allgemeinen Schlummer begraben; als sie aber weiter vordrangen, lockte das Bellen der Hunde und der Tritt der Soldaten die Einwohner der Pachthöfe an die Fenster, und sie schauten in stummer Verwunderung auf das vorüberziehende Schauspiel, auf welches das matte Licht des Mondes einen ungewissen Schimmer warf. Lionel hatte den forschenden Blick gerade von den Mitgliedern einer dieser aufgestörten Familien zurückgewendet, in deren Gesichtern er ihre Ueberraschung abgemalt fand, da schallten plötzlich, Schlag auf Schlag, in den raschen, aufregenden Tönen des Allarms die tiefen Klänge einer fernen Kirchenglocke in das Thal herab, in dem sie marschirten. Die Leute erhoben die Köpfe in staunender Aufmerksamkeit, während sie vorwärts drangen; indessen dauerte es nicht lange, bis man einzelne Schüsse längs der Hügel hinfallen hörte: Glocke folgte auf Glocke, indem sie sich in den verschiedensten Richtungen antworteten, bis die Töne sich mit dem Säuseln der Nachtluft vermengten oder in der Entfernung erstarben. Die ganze Gegend war nun mit Getöse jeder Art erfüllt; das Volk benützte Alles, was es gerade zur Hand hatte oder was sein Scharfsinn ihm eingab, um die Einwohnerschaft unter die Waffen zu rufen. Feuer sprühten die Höhen entlang, das Schmettern der Hörner und Schalmeien mischte sich mit dem Knallen der Musketen und den verschiedenen Tönen der Glocken, während das Klappern rascher Hufschläge sich allmälig hören ließ, als ob Reiter wüthend an den Flanken der Abtheilung vorübersprengten.

»Vorwärts, ihr Herrn, vorwärts,« erscholl die Stimme des alten Veteranen der Marine mitten aus dem Getöse. »Die Yankees sind erwacht und rühren sich, – wir haben jetzt einen langen Marsch vor uns – vorwärts, leichte Infanterie, die Grenadiere sind euch auf den Fersen!«

Die Avantgarde beschleunigte ihre Schritte, und die ganze Truppe rückte mit all der Schnelligkeit, wie nur immer die Erhaltung der militärischen Ordnung sie erlauben wollte, ihrem unbekannten Ziel entgegen. Auf diese Art setzte das Detaschement seinen Marsch mehre Stunden lang fort, ohne Halt zu machen, und Lionel rechnete, daß sie mehre Meilen in das Land vorgerückt seyn mußten. Die Lärmzeichen waren nun verschwunden und schienen jetzt weiter ins Innere des Landes vorgedrungen zu seyn, bis auch die geringste Spur ihres Daseyns für das Ohr verloren war: nur das Geräusch von Reitern, die in höchster Eile auf den Nebenwegen hinjagten, bewies noch, daß Leute von rückwärts her nach dem Schauplatz des erwarteten Kampfes an ihnen vorüber ritten. Als das trügerische Licht des Mondes in die getreueren Farben des Tages überging, ertönte der willkommene Ruf: »Halt!« von dem Nachtrab bis zu der Spitze der Leichtinfanteriekolonne.

»Halt!« wiederholte Polwarth in instinktartiger Bereitwilligkeit und mit einer Stimme, die den Befehl durch die ganze Länge der ausgedehnten Linie weiterschickte; »halt, und laßt die Arrieregarde aufschließen; wenn mein Urtheil im Gehen auch nur eine Bohne werth ist, so ist sie jetzt wohl einige Meilen hinter uns! Es thäte ja wahrhaftig für solche Arbeit Noth, daß man seine Race mit dem Blute der ›Fliegenden‹ gekreuzt hätte! Das nächste Kommando sollte seyn, unser Frühstück einzunehmen; – Tom, Du brachtest doch die Kleinigkeiten mit, die ich von Major Lincoln's Quartier hergeschickt habe?«

»Ja, Sir,« erwiederte sein Diener; »sie sind auf des Majors Pferden beim Nachtrab, da –«

»Des Majors Pferde im Nachtrab, Du Esel, wenn Essen so rar vor der Front ist. Es sollte mich wundern, Leo, wenn nicht ein Mund voll in jenem Pachthof dort erhoben werden könnte?«

»Erhebe Dich selbst von diesem Steinhaufen und laß Deine Mannschaft sich vorbereiten; da ist Pitcairn mit dem ganzen Bataillon schon ganz nahe an uns aufgeschlossen.«

Lionel hatte kaum ausgesprochen, als der Befehl an die leichte Infanterie erging, sich fertig zu machen, während man die Grenadiere zum Gewehrladen kommandirte. Die Gegenwart des Veteranen, der an der Front der Kolonne ritt, und die Eile des Augenblicks unterdrückte die Klagen Polwarth's, der in der That ein vortrefflicher Offizier war, wenn es sich darum handelte, was er ›die ruhigen Einzelheiten des Dienstes‹ nannte. Drei oder vier Kompagnien der leichten Truppen wurden von dem Hauptcorps detachirt und setzten sich in die geöffnete Marschordnung ihres Exercitiums, worauf der alte Marine-Offizier sich an ihre Spitze stellte und abermals den Befehl zum raschen Weitermarschiren gab. Der Weg führte jetzt in ein Thal und in einiger Entfernung sah man durch den Morgennebel einen kleinen Weiler auftauchen, der um eine der niederen, aber zierlichen Kirchen, wie sie in Massachusetts so gewöhnlich sind, gelagert war. Der Halt und die kurzen Vorbereitungen, die darauf folgten, hatten ein mächtiges Interesse in dem ganzen Detaschement erregt, das nun ernstlich vorwärts drang und sich immer an den Hufen des Renners hielt, auf welchem der alte Veteran, ihr Führer, in kurzem Trab über den Grund hineilte. Die Luft war von dem Hauche des Morgens erfrischt und das Auge konnte deutlich auf den umliegenden Gegenständen verweilen; so fühlten die Krieger, überdieß aufgeregt durch die Erwartung des bevorstehenden Unternehmens, ihr Blut wieder rascher strömen, während sie die ganze Nacht hindurch in ungewissem Dunkel auf einem unbekannten und anscheinend endlosen Weg sich mühsam fortbewegt hatten. Ihr Ziel schien jetzt vor ihnen zu liegen und bald zu erreichen; so drängten sie mit gesteigertem, aber stummem Ernste vorwärts, um bald dahin zu gelangen. Die einfache Bauart der Kirche und ihre niederen Umgebungen waren eben ganz sichtbar geworden, als man drei oder vier bewaffnete Reiter bemerkte, welche ihrer Ankunft zuvorzukommen suchten, indem sie auf einen Nebenweg um die Spitze der Kolonne herumbogen.

»Kommt heran,« schrie einer der Stabsoffiziere an der Fronte, »kommt heran oder verlaßt die Stelle.«

Die Männer wandten um und ritten schnell davon, wobei einer von ihnen in dem eitlen Versuch, Lärm zu machen, sein Gewehr abdrückte. Leise drang nun der Befehl durch die Reihen, vorwärts zu eilen und in wenigen Minuten bekamen sie den Weiler, die Kirche und die kleine Wiese, auf der er stand, vollständig zu Gesicht. Gestalten von Männern sah man rasch über letztere hineilen: das Rasseln einer Trommel wurde in dem Orte gehört, und von Zeit zu Zeit erblickte man ein kleines Corps Landleute, die in Parade aufgestellt waren, um sich ein kriegerisches Ansehen zu geben.

»Vorwärts, leichte Infanterie!« schrie ihr Führer, spornte sein Pferd und drang mit dem Stab in so schnellem Trott vor, daß er in Kurzem um eine Ecke der Kirche verschwunden war.

Lionel drängte mit klopfendem Herzen vorwärts, denn ein Heer von Schrecken erhob sich in diesem Augenblick vor seiner Phantasie, als er die wilde Stimme des Marine-Majors abermals rufen hörte:

»Aus einander, ihr Rebellen, zerstreut euch! – werft eure Waffen weg – aus einander!«

Diesen merkwürdigen Worten folgten augenblicklich Pistolenschüsse und das verhängnißvolle Kommando ›Feuer‹! Lautes Geschrei erhob sich alsbald in dem ganzen Corps der Soldaten, welche nun gegen die offene Wiese zustürzten und auf Alles vor ihnen ein nahes, rücksichtsloses Feuer richteten.

»Großer Gott!« rief Lionel, »was beginnt ihr? Ihr feuert auf unschuldige Leute! Gilt hier nur Gewalt und kein Gesetz? Schlag' ihre Gewehre weg, Polwarth – thu' diesem Feuer Einhalt!«

»Halt!« schrie Polwarth und schwenkte den Degen wild gegen seine Leute; »kommt zur Ordnung, oder ich will euch zu Boden strecken!«

Aber die Aufregung, die seit so vielen Stunden bis zu ihrer höchsten Höhe angestiegen, und der Haß, der so lange zwischen Truppen und Volk immer heftiger geworden war, ließ sich nicht durch ein einziges Wort bändigen. Erst als Pitcairn selbst unter die Soldaten ritt und von seinen Offizieren unterstützt ihre Gewehre niederschlug, ward der Aufruhr allmählig gedämpft und etwas wie Ordnung wieder hergestellt. Ehe dieß aber zu Stande kam, fielen auch einige zerstreute Schüsse von Seiten ihrer fliehenden Gegner, ohne jedoch den Britten wirklichen Schaden zuzufügen.

Als das Feuer aufgehört hatte, standen Offiziere und Soldaten einige Augenblicke verblüfft und starrten einander an, wie wenn selbst sie einigermaßen die wichtigen Folgen hätten voraussehen können, welche die Thaten dieser Stunde mit sich bringen sollten. Der Rauch hob sich wie ein gelüfteter Schleier langsam von der Wiese empor und zog mit den Nebeln des Morgens vermischt schwer über das Land hin, gleichsam als wollte er die verhängnißvolle Kunde verbreiten, daß endlich die Entscheidung der Waffen eingetreten sey. Jedes Auge war forschend auf die unheilvolle Wiese gerichtet und Lionel sah auf kurze Strecke vor ihnen mit einem der Angst sehr nahen Gefühle einige Männer in ihrem Blut sich krümmen und winden, während fünf oder sechs Körper in der fürchterlichen Ruhe des Todes auf dem Grase ausgestreckt lagen. Erschüttert von dem Anblick wandte er sich ab und ging allein weiter, während die übrigen Truppen, durch die Schüsse allarmirt, rasch von der Nachhut herbeieilten, um zu ihren Kameraden zu stoßen. Ohne es zu wissen, gelangte er zur Kirche und erwachte auch nicht eher aus der tiefen Zerstreuung, in die er versunken war, bis er durch den unerwarteten Anblick Job Pray's aufgestört wurde, der mit einer Miene aus dem Gebäude trat, worin Drohung sich sonderbar mit Zorn und Furcht vermengte. Der Schwachsinnige deutete ernst auf den Körper eines Mannes, der in seiner Verwundung Schutz suchend, bis nahe an die Thüre des Tempels herangekrochen war, in welchem er so oft jenes Wesen verehrt hatte, zu dem er nun so übereilt gesendet worden, um seine große und letzte Rechenschaft abzulegen. Der Blödsinnige begann feierlich:

»Ihr habt eine von Gottes Kreaturen getödtet und Er wird dessen gedenken!«

»Ich wollte, es wäre nur Eine,« sagte Lionel; »aber ihrer sind Viele, und Keiner kann sagen, wo das Blutbad enden wird.«

»Glaubt ihr«, sagte Job und blickte verstohlen um sich, als wolle er sich überzeugen, daß ihn sonst Niemand höre, – »der König könne die Leute in der Baikolonie tödten, wie er es in London thun kann? Das werden sie in Alt-Funnel nicht hingehen lassen und es wird wiederhallen vom Nordende bis zur Landenge.«

»Was können sie bei alle Dem machen, Knabe?« fiel Lionel ein, der in diesem Augenblick vergaß, daß Der, an welchen er sich wandte, der Vernunft seiner Gattung beraubt war; – »die Macht Brittanniens ist für diese zerstreuten und unvorbereiteten Kolonien zu gewaltig, als daß sie dagegen ankämpfen könnten, und die Klugheit muß das Volk lehren, vom Widerstande abzustehen, so lange es dieß noch vermag.«

»Glaubt der König, es sey in London mehr Verstand als in Boston?« erwiederte der Schwachsinnige; »er soll nicht denken, weil das Volk bei dem Blutvergießen ruhig war, werde es gar keinen Lärm darüber geben – ihr habt eine von Gottes Kreaturen getödtet und er wird dessen gedenken!«

»Wie kamst Du hieher, Bursche?« fragte Lionel, plötzlich sich besinnend; »sagtest Du mir nicht, Du gehest aus, um für Deine Mutter Fische zu fangen?«

»Und wenn ich das that,« entgegnete der Andere trotzig, »sind nicht Fische eben so gut in den Teichen als in der Bai, und kann Nab nicht auch Geschmack für etwas Frisches haben? – Job weiß nichts von einer Parlamentsakte, welche die Forellen im Bach zu fangen verböte.«

»Bursche, Du gehst damit um, mich zu betrügen! Es ist Jemand, der Deine Unwissenheit benützt, und – da er weiß, daß Du ein Narr bist, Dich zu Gängen gebraucht, die Dich eines Tags noch das Leben kosten können.«

»Der König kann Job nicht zu Botengängen verwenden,« antwortete der Knabe stolz; »denn dafür gibt's kein Gesetz und Job würde nicht gehen.«

»Dein Wissen wird Dich noch verderben, Einfältiger – wer sollte Dich diese Spitzfindigkeiten des Gesetzes lehren?«

»Ei, haltet Ihr das Volk von Boston für so dumm, daß es das Gesetz nicht wüßte? – und dann Ralph – er kennt das Gesetz so gut als der König – er sagte mir, es sey gegen alles Recht, auf die kleinen Leute zu schießen, wenn sie nicht zuerst feuerten, weil die Kolonie die Befugniß hat, zu exerciren, so oft es ihr beliebt.«

»Ralph!« sprach Lionel ungestüm – »kann denn Ralph bei Dir seyn? das ist unmöglich, als ich ihn verließ, war er krank zu Haus – auch würde er sich in seinen Jahren nicht in eine solche Sache mischen.«

»Ich meine, Ralph hat größere Armeen gesehen als die leichte Infanterie und die Grenadiere und all' die Soldaten in der Stadt zusammengenommen,« sagte Job ausweichend.

Lionel dachte viel zu edel, als daß er die Einfalt seines Gefährten hätte benützen mögen, um ein Geheimniß aus ihm herauszulocken, das seine Freiheit gefährden konnte; aber er fühlte tiefe Besorgniß für das Wohlergehen des jungen Menschen, der ihm auf die schon erzählte Art war in den Weg geworfen worden. Er verfolgte deshalb seinen Gegenstand in der doppelten Absicht, Job vor verdächtiger Verbindung zu warnen und seine eigene Aengstlichkeit über das Schicksal des betagten Fremden zu beruhigen. Aber auf alle seine Fragen antwortete der Bursche behutsam und mit einer Ueberlegung, welche bewies, daß er keine geringe Gabe von List besaß, wenn ihm auch die höhere Macht der Vernunft versagt worden war.

»Ich wiederhole Dir,« sagte Lionel, der endlich die Geduld verlor, »es ist von Wichtigkeit für mich, den Mann zu treffen, den Du Ralph nennst, und ich wünsche zu wissen, ob er hier in der Nähe zu finden ist.«

»Ralph verschmäht die Lüge,« erwiederte Job – »geht dahin, wo er Euch zu treffen versprach und Ihr sollt sehen, ob er nicht kommt.«

»Aber es wurde kein Ort ausgemacht – und dieser unglückliche Zwischenfall kann ihn verwirren oder erschrecken –«

»Ihn erschrecken!« wiederholte Job, indem er in feierlichem Ernst den Kopf schüttelte; »Ihr könnt Ralph nicht erschrecken!«

»Seine Kühnheit kann für ihn zum Unglück werden. Junge, ich frage Dich zum letzten Mal, ob der alte Mann –«

Als er Job furchtsam zurückschrecken und seine Blicke zu Boden schlagen sah, hielt Lionel inne und gewahrte, als er hinter sich blickte, den Kapitän der Grenadiere, der mit übereinander geschlagenen Armen dastand und den Körper des Amerikaners schweigend betrachtete.

»Wollen Sie die Güte haben, mir zu erklären, Major Lincoln,« fing der Kapitän an, als er sich beobachtet sah, »warum dieser Mann als eine Leiche da liegt?«

»Sie sehen die Wunde in seiner Brust?«

»Es ist eine handgreifliche, ausgemachte Wahrheit, daß er erschossen worden, – aber warum und zu welchem Zweck?«

»Diese Frage, Kapitän M'Fuse, muß ich unsern Obern zur Beantwortung überlassen,« erwiederte Lionel. »Zwar geht das Gerücht, das Detaschement soll gewisse Magazine von Lebensmitteln und Waffen wegnehmen, welche die Kolonisten, wie man fürchtet, in feindlicher Absicht zusammengebracht haben.«

»Ich hatte selbst schon den scharfsinnigen Einfall, daß wir wohl am Ende auf einem so glorreichen Zuge begriffen seyn möchten!« fuhr M'Fuse weiter fort. »Sagen Sie mir, Major Lincoln – Sie sind freilich noch ein junger Krieger, doch, als zum Stab gehörig, müssen Sie's wissen, – glaubt Gage, wir können einen Krieg bekommen, wenn Waffen und Munition und Alles auf einer Seite ist? Wir haben einen langen Frieden gehabt, Major Lincoln, und nun, da einige Aussicht zur Ausübung unseres Handwerks vorhanden ist, werden wir befehligt, gerade das zu thun, was den Krieg am wahrscheinlichsten vereiteln wird.«

»Ich weiß nicht, ob ich Sie recht verstehe, Sir,« sagte Lionel; »von solchen Truppen, wie wir sie besitzen, kann allerdings, in welchem Lande es immer sey, nur wenig Ruhm erworben werden, wenn es blos den Kampf gegen die unbewaffneten und undisciplinirten Einwohner desselben gilt.«

»Genau meine eigene Meinung, Sir; es ist völlig klar, daß wir uns ganz verstehen, ohne ein weiteres Wort der Umschreibung. Die Bursche halten sich jetzt schon recht brav und sind sie noch einige Monate länger sich selbst überlassen, dann kann es noch eine schöne Affaire geben. Sie wissen so gut wie ich, Major Lincoln, daß man Zeit nöthig hat, um einen Soldaten zu bilden, und wenn man sie in dem Geschäfte übereilt, könnten Sie eben so gut einen Haufen Gesindel Ludgate Hill hinaufjagen, und würden die nämliche Ehre davontragen. Ein verständiger Offizier würde diesen kleinen Anfang nähren, anstatt zu solcher Uebereilung seine Zuflucht zu nehmen. Nach meiner Ansicht, Sir, wurde der Mann da vor uns geschlachtet und nicht, wie sich ziemt, in ehrlicher Schlacht getödtet!«

»Es ist sehr zu fürchten, daß Andere denselben Ausdruck gebrauchen werden, wenn sie von der Sache reden,« entgegnete Lionel; »Gott weiß, wie viel Ursache wir haben mögen, den Tod des armen Mannes zu beklagen!«

»Was das betrifft, so könnte man sagen, der Mann hat ein Geschäft abgemacht, das gethan werden mußte und nun nicht noch einmal abgemacht zu werden braucht,« sagte der Kapitän sehr kalt; »und deßhalb kann sein Tod kein großes Unglück für ihn selbst seyn, so sehr er es auch für uns seyn mag. Wenn diese kleinen Leute – und da sie nur kurze Zeit unter den Waffen stehen,Hier steht im Original ein Wortspiel, das sich im Deutschen nicht wieder geben ließ. M'Fuse nennt die Amerikaner ›kleine Leute‹ (minute-men), die nur ›kurze Zeit‹ (minute, Minute) unter den Waffen stehen, und so ist der Gegensatz allerdings noch prägnanter und eindringlicher.   A. d. U. tragen sie ihren Namen als ehrliche Kerls – wenn diese kleinen Leute Ihnen im Weg gestanden wären, Sir, Sie hätten sie mit ihrer Reitpeitsche von der Wiese verjagt.«

»Hier ist Einer, der Ihnen sagen wird, daß sie nicht wie Kinder behandelt werden dürfen,« sagte Lionel, indem er sich nach der Stelle umwandte, die noch vor Kurzem Job Pray eingenommen hatte, die er aber jetzt auf einmal leer fand. Während er noch verwundert umherschaute und kaum begreifen konnte, wohin der Junge so schnell verschwunden seyn mochte, gaben die Trommeln das Zeichen zur Sammlung und ein allgemeines Getöse unter den Soldaten zeigte, daß noch weitere Bewegungen bevorstanden. Die beiden Offiziere wandten sich augenblicklich nach ihren Gefährten und gingen beide, obwohl von so ganz verschiedenen Ansichten über die neulichen Vorfälle geleitet, in tiefen Gedanken nach dem Orte zurück, wo die Truppen aufmarschirt waren.

Während des kurzen Halts der Avantgarde hatte sich das ganze Detaschement wieder vereinigt und ein hastiges Mahl war eingenommen worden. Das Erstaunen, das dem Zusammenstoße folgte, hatte bei den Offizieren einem kriegerischen Stolze Platz gemacht, der wohl fähig war, sie in noch weit gewagteren Unternehmungen aufrecht zu erhalten. Das hohe Gefühl ihres Standes war in den feurigen Blicken der Meisten zu lesen, als sie mit blinkenden Waffen, wehenden Fahnen und unter munterer Kriegsmusik von der verhängnißvollen Stelle abschwenkten und in gemessenem Schritt wieder auf der Chaussee vorrückten. War dieß der Erfolg des ersten Treffens bei den stolzen, ruhigen Gemüthern der Offiziere des Detaschements, so war die Wirkung auf die gemeinen Söldlinge in den Gliedern noch viel handgreiflicher und empörender. Ihre plumpen Scherze und höhnischen Blicke, als sie an den verachteten Schlachtopfern ihrer wohlgeschulten Geschicklichkeit vorüberzogen, zusammengenommen mit dem großsprecherischen Ausdruck brutalen Triumphs, welchen so viele unter ihnen verriethen, zeigten auf eine untrügliche Weise, daß, nachdem sie einmal Blut gekostet hatten, sie gleich Tigern bereit seyen, sich damit zu mästen, bis sie gesättigt wären.

 

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