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Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston

James Fenimore Cooper: Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleLionel Lincoln oder die Belagerung von Boston
publisherVerlag von S. G. Liesching
printrunZweite Auflage
year1851
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150324
modified20170303
projectid025dd028
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Achtes Kapitel.

Spar deine Seufzer, eitles Kind!
Die Luft damit zu würzen;
Die Thräne, statt der Perle, wind'
Zum Band, Dein Haar zu schürzen.

Davenant.    

 

Lionel hätte erröthen mögen, wenn er sich den geheimen und unerklärlichen Einfluß gestand, den sein unbekannter und räthselhafter Freund Ralph über seine Gefühle erlangt hatte; ein Einfluß, der ihn jetzt, nachdem er die eigene Wohnung so eilend verlassen hatte, bewog, seinen Weg in die unteren Stadttheile nach dem Hause der Abigail Pray einzuschlagen. Er hatte seit der Nacht seiner Ankunft den düsteren Aufenthalt dieses Weibes nicht wieder besucht; doch dessen Nähe bei der wohlbekannten Stadthalle, so wie die besondere Bauart des Hauses selbst – hatte oft, wenn er sich in den Straßen seiner Vaterstadt erging, seinen beobachtenden Blick auf sich gezogen. Da ihm sonach ein Führer unnöthig war, wählte er die geradeste und besuchteste Straße nach dem Dock-Square. Als Lionel auf die Straße gelangte, fand er schon tiefes Dunkel über die Halbinsel verbreitet, als ob die Natur selbst sich mit den geheimen Planen des brittischen Commandanten verschworen hätte. Die schrillen Töne einer Pfeife erklangen zwischen den nackten Hügeln der Stadt, gelegenheitlich von den abgemessenen Schlägen der dumpfen Trommel begleitet. Dazu hörte man zu Zeiten die vollen Akkorde der Hörner von dem Gemeindegrund heraufdringen und, von der Nachtluft getragen, durch die engen Straßen hinzittern, ein Eindruck, der das Herz des aufgeregten jungen Kriegers während seines Weiterschreitens von ernster Lust erbeben machte. Sein geübtes Ohr entdeckte übrigens keine andere Bedeutung in dieser Musik, als die gewöhnlichen Abend-Signale, und als die letzten hinschmelzenden Akkorde in den Wolken zu ersterben schienen, fiel eine Stille, ähnlich der tiefen Ruhe der Mitternacht, auf die Stadt herab. Vor den Thoren des Provinzhauses hielt er einen Augenblick still und prüfte mit aufmerksamem Blick die Fenster des Gebäudes, worauf er sich an den Grenadier, der in seinem kurzen Gang inne gehalten hatte, um den neugierigen Fremden zu beobachten – mit den Worten wandte:

»Ihr habt wohl Gesellschaft drinnen, Schildwache, wie das strahlende Licht dieser Fenster anzeigt?«

Das Klirren von Lionel's Waffen, als er mit der Hand nach dem erleuchteten Gemach hinwies, belehrte den Soldaten, daß er von einem Vorgesetzten angeredet worden, und er antwortete mit Ehrerbietung:

»Es ziemt meines Gleichen nicht, viel von dem wissen zu wollen, was die Oberen thun, Euer Gnaden; aber ich stand vor General Wolfe's Quartier in eben der Nacht, als wir auf die Ebenen von Abram zogen, und ich denke, ein alter Soldat kann sagen, wenn eine Bewegung bevorsteht, ohne an seine Vorgesetzten unbescheidene Fragen zu richten.«

»Nach dieser Bemerkung zu urtheilen, hält der General heute Nacht einen Kriegsrath?« sagte Lionel.

»Seit ich hier stehe, ist Niemand hineingegangen, Sir,« erwiederte die Schildwache, »als der Oberstlieutenant vom Zehnten, jener große Northumbrische Lord, und der alte Marine-Major; ein großer Kriegsheld ist der alte Herr, Euer Gnaden, und selten kommt er um Nichts in das Provinzhaus.«

»Gute Nacht denn, alter Kamerad,« sagte Lionel und ging weiter; »es ist wahrscheinlich eine Berathung wegen der neuen Exercitien, die ihr einübt.«

Der Grenadier schüttelte mit dem Kopf, als sey er nicht damit einverstanden, und begann wieder auf und ab zu marschiren. Nach wenigen Minuten stand Lionel vor der niedrigen Thüre der Abigail Pray, wo er wieder inne hielt; er fühlte sich betroffen von dem Kontrast zwischen der finsteren, schwarzen und unbewachten Schwelle, die er zu überschreiten im Begriff war, und dem hellerleuchteten Portal, das er eben verlassen hatte. Von seinen Gefühlen getrieben, wartete der junge Mann jedoch nur einen Augenblick und klopfte dann leise um Einlaß. Nachdem er seine Aufforderung wiederholt hatte, ohne eine Antwort zu erhalten, drückte er auf die Klinke und trat ohne weitere Umstände in das Gebäude. Das weite, leere Gemach, in dem er sich befand, war schweigend und finster, wie die stillen Straßen, die er verlassen hatte. Lionel mußte mit den Händen seinen Weg nach dem kleinen Zimmer im Thurme suchen, wo er Job's Mutter getroffen hatte, wie oben erzählt wurde, und fand endlich auch diese Stube unbewohnt und finster. Getäuscht wandte er sich um, den Ort zu verlassen, als ein schwacher Strahl vom oberen Stock des Hauses herabfiel und eine rohe Treppe sichtbar machte, die nach den oberen Gemächern führte. Er zauderte einen Augenblick, was er thun sollte, gab aber endlich seiner Aengstlichkeit nach und stieg mit leisen Tritten und mit der höchsten Vorsicht zu der oberen Flur hinauf. Wie im unteren Theil, so war das Gebäude auch hier in einen weiten offenen Waarenraum und in kleine rohgearbeitete Zimmer in jedem der Thürme abgetheilt. Dem Licht der Kerze folgend, stand er bald auf der Schwelle einer dieser kleinen Stuben, worin er die Person fand, die er gesucht hatte. Der alte Mann saß auf dem einzigen zerbrochenen Stuhl, den der obere Stock enthielt, und vor ihm auf dem bloßen Strohbündel, welcher, den nachlässig darüber hingeworfenen Kleidungsstücken nach zu urtheilen, als Ruhelager zu dienen schien, war eine große Landcharte zur Uebersicht ausgebreitet, worauf seine starren niedergesenkten Blicke emsig zu suchen schienen. Lionel schwankte abermals, während er die weißen Locken betrachtete, die über die Schläfe des Fremden herabfielen, während er sein Haupt auf die Charte herabbeugte, wodurch die ausdrucksvollen Züge seines Gesichts einen wilden, melancholischen Ausdruck erhielten, indem jene durch das hohe Alter und die fortwährende Sorge, die sie verkündeten, ihm gleichsam den Schein eines Heiligen mittheilten.

»Ich bin gekommen, Sie aufzusuchen,« sprach der junge Mann endlich, »da Sie mich nicht länger Ihrer Sorge würdig erachten.«

»Sie kommen zu spät,« erwiederte Ralph, ohne die mindeste Bewegung bei dieser plötzlichen Unterbrechung zu verrathen oder selbst nur die Augen von der Charte zu erheben, welche er studirte; »zu spät wenigstens, um Unheil abzuwenden, wenn auch nicht um Weisheit aus seinen Lehren zu schöpfen.«

»Sie wissen also von den geheimen Bewegungen dieser Nacht?«

»Alter, wie meines, schläft selten,« entgegnete Ralph, indem er zum ersten Male nach seinem Besuche emporblickte; »denn die ewige Nacht des Todes verspricht frühzeitige Ruhe. Auch ich diente in meiner Jugend als Lehrling bei einem blutigen Gewerbe.«

»Ihre Wachsamkeit und Erfahrung hat also die Anzeichen von Vorkehrungen unter der Garnison entdeckt? Haben sie auch das Ziel und die muthmaßlichen Folgen der Unternehmung aufgefunden?«

»Beides; Gage ist schwach genug, zu hoffen, er könne den Keim der Freiheit ausrotten, der schon im Lande erstarkt ist, indem er ihm die schwachen Zweige abschneidet, während seine Wurzeln in den Herzen des Volkes ruhen. Er meint, kühne Gedanken können durch die Zerstörung von Magazinen niedergeschlagen werden.«

»So ist es also nur eine Vorsichtsmaßregel, die er zu treffen beabsichtigt?«

Der alte Mann schüttelte traurig das Haupt, während er antwortete:

»Sie wird sich als eine blutige Maßregel erweisen.«

»Ich beabsichtige mit dem Detaschement in das Land hineinzuziehen,« sagte Lionel; »es wird wahrscheinlich in einiger Entfernung im Innern Posto fassen und das wird mir eine schickliche Gelegenheit geben, jene Nachforschungen anzustellen, die, wie Sie wissen, mir so sehr am Herzen liegen und zu welchen Sie mir Ihren Beistand versprochen haben. – Die passendsten Mittel mit Ihnen zu berathen, dieß ist der Zweck meines heutigen Besuchs.«

Während Lionel sprach, schien das Gesicht des Fremden seinen melancholischen, nachdenkenden Ausdruck zu verlieren, und seine Augen glitten leer und ausdruckslos an den nackten Balken über ihm hin und strichen auf ihren Irrgängen wieder über die Oberfläche der unbeachteten Charte, bis sie endlich auf das erstaunte Gesicht des Jünglings fielen, auf welchem sie länger als eine Minute mit dem starren, gebrochenen Blick des Todes wie angefesselt hafteten. Lionel's Lippen hatten sich schon zu einer ängstlichen Frage geöffnet, als der Ausdruck des Lebens wieder in Ralph's Züge zurückkehrte; es geschah dieß mit einer Schnelligkeit und einem Anschein physischer Wirklichkeit, wie wenn die Sonne hinter einer Wolke hervortritt und ihre Lichtstrahlen von Neuem entsendet.

»Sie sind krank!« rief Lionel.

»Verlassen Sie mich,« sagte der Alte, »verlassen Sie mich.«

»Sicherlich nicht in einem solchen Augenblicke und allein.«

»Ich befehle es Ihnen, verlassen Sie mich – wir werden uns, wie Sie wünschen, auf dem Lande treffen.«

»Sie wollen also, daß ich die Truppen begleite und Ihre Ankunft erwarte?«

»Beides.«

»Verzeihen Sie mir,« sagte Lionel, indem er in Verwirrung die Augen niederschlug und zögernd fortfuhr; »aber Ihre gegenwärtige Wohnung, die Beschaffenheit Ihres Anzugs ist mir ein Beweis, daß das Alter über Sie hereingebrochen ist, ehe Sie ganz auf seine Leiden vorbereitet waren.«

»Sie möchten mir Geld anbieten?«

»Durch dessen Annahme ich der Verpflichtete seyn würde.«

»Sobald meine Bedürfnisse meine Mittel übersteigen, junger Mann, soll Ihres Anerbietens gedacht werden. Gehen Sie nun, es ist keine Zeit zu verlieren.«

»Aber ich möchte Sie nicht allein lassen; das alte Zankeisen, das Weib, ist doch besser als Niemand!«

»Sie ist fort.«

»Und der Knabe – er hat menschliches Gefühl und würde Ihnen in Ihrer Noth beistehen.«

»Er hat eine bessere Beschäftigung als die wäre, die Schritte eines nutzlosen, alten Mannes zu stützen. Gehen Sie; ich bitte, ich befehle, Sir, daß Sie mich verlassen.«

Die feste Art, mit welcher der Andere seinen Wunsch wiederholte, belehrte Lionel, daß er für den Augenblick Nichts mehr zu erwarten habe und er gehorchte mit Widerstreben, indem er langsam das Zimmer verließ. Sobald er die Treppe herabgestiegen war, wandte er seine Schritte zurück nach seiner eigenen Wohnung. Als er die leichte Zugbrücke überschritt, die über die schon erwähnte schmale Docke geworfen war, wurden seine Betrachtungen zuerst durch Stimmen in geringer Entfernung gestört, welche in Tönen mit einander verkehrten, die offenbar für kein anderes Ohr bestimmt waren. In einem Augenblick, wo jeder ungewöhnliche Zufall zur Nachforschung auffordern mußte, hielt Lionel an, um die beiden Leute zu beobachten, die nicht weit von ihm ihre geheime flüsternde Unterredung fortsetzten. Er hatte jedoch nur einen Augenblick gelauscht, als die Flüsternden sich trennten, indem der eine gemächlich auf die Mitte des Vierecks zuging und unter einen Bogen des Marktplatzes trat, während der Andere gerade über die Brücke kam, wo Lionel selbst stand.

»Job, find' ich Dich hier auf dem Dock Square, wispernd und Komplotte schmiedend?« rief Lionel, »welche Geheimnisse kannst Du haben, die der Hülle der Nacht bedürften?«

»Job wohnt dort im alten Waarenhaus,« sagte der Junge. »Nab hat jetzt Ueberfluß an Hausraum, da der König nicht will, daß das Volk seine Waaren hineinbringe.«

»Aber wohin gehst Du denn? in's Wasser? Gewiß geht der Weg in Dein Bett nicht über die Stadtdocke!«

»Nab braucht Fische zum Essen, so gut als eine Decke, um den Regen abzuhalten,« sagte Job und glitt leicht von der Brücke in einen kleinen Kahn, der an einem von den Pfeilern befestigt war, »und nun, da der König den Hafen geschlossen, müssen die Fische bei der Finsterniß hereinkommen; denn kommen wollen sie einmal und Bostoner Fische lassen sich nicht durch Parlamentsakten ausschließen!«

»Armer Junge! gehe nach Haus und zu Bett; hier ist Geld, für Deine Mutter Nahrung zu kaufen, wenn sie Mangel leidet. Du wirst Dir von einer der Schildwachen einen Schuß holen, wenn Du so in der Nacht im Hafen herumfährst.«

»Job kann ein Schiff weiter sehen, als er von diesem gesehen wird,« entgegnete der Andere, »und sollten sie Job auch tödten, so mögen sie nicht denken, sie können ein Bostoner Kind ohne einigen Lärm erschießen.«

Hier endete die kurze Unterredung; der Kahn glitt längs der äußeren Docke mit solcher Stille und Schnelligkeit in den Hafen, daß man deutlich sehen konnte, wie der Schwachsinnige mit dem Geschäft, das er unternommen, recht wohl vertraut war. Lionel setzte seinen Weg fort und wollte eben um die Ecke des Platzes herumbiegen, als er Gesicht gegen Gesicht unter dem Licht einer Lampe mit dem Manne zusammentraf, dessen Gestalt er kaum eine Minute vorher unter dem Bogen der Stadthalle erblickt hatte. Gegenseitiges Verlangen, sich von der beiderseitigen Identität zu überzeugen, führte sie gegen einander.

»Wir treffen uns wieder, Major Lincoln,« sagte der interessante Fremde, welchen Lionel bei der politischen Versammlung gesehen zu haben sich erinnerte. »Unsere Zusammenkünfte scheinen dazu bestimmt, nur an geheimen Orten Statt zu haben.«

»Und Job Pray könnte als leitender Genius dabei gelten!« erwiederte der junge Krieger. »Sie schieden eben erst von ihm?«

»Ich denke, Sir,« sagte der Fremde ernst, »dieß ist kein Land, noch sind wir in einer Zeit, wo ein ehrlicher Mann nicht gestehen dürfte, wenn er, mit wem immer ihm beliebt, gesprochen hat.«

»Sicherlich, Sir, ist es nicht meine Sache, solchen Verkehr zu hindern. Sie sprachen von unsern Vätern; der meine ist Ihnen wohl bekannt, wie mir scheint, obwohl Sie für mich noch ein Fremder sind?«

»Und auch noch etwas länger es bleiben werde,« sagte der Andere, »wiewohl ich glaube, daß die Zeit nahe ist, wo Männer nach ihrem wahren Charakter erkannt seyn werden; bis dahin also Major Lincoln! Ich sage Ihnen Lebewohl!«

Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm der Unbekannte eine Richtung, welche dem von Lionel eingeschlagenen Wege gerade entgegengesetzt war, und entfernte sich mit der Hast eines Mannes, der sehr beeilt ist. Lionel stieg bald nach dem oberen Stadttheile hinauf, um nach der Tremontstraße zu gehen und seinen Entschluß, die Expedition zu begleiten, dort mitzutheilen. Es wurde jetzt dem jungen Mann offenbar, daß das Gerücht von der beabsichtigten Bewegung der Truppen sich heimlich, aber schnell unter dem Volke ausbreitete. Er kam an mehreren Gruppen von Städtern vorüber, die an den Straßenecken mit einander verkehrten und aus deren Munde er mehrere Male die auffallende Neuigkeit vernahm, daß der Neck (die Landenge), der einzige Annäherungspunkt vom Festlande aus, durch eine Linie von Schildwachen geschlossen sey, sowie daß Wachboote von den Kriegsschiffen die Halbinsel auf eine Art umringten, wodurch alle Verbindung mit dem anstoßenden Lande abgebrochen würde. Noch waren keine Zeichen eines militärischen Allarms zu bemerken; nur von Zeit zu Zeit mischte sich ein unterdrücktes Summen, als Zeichen der Vorbereitung, mit jenen eigenthümlichen Lauten eines Frühlingsabends, welche stets zunahmen, je mehr er sich dem Saume der Wohnungen näherte. In der Tremontstraße fand Lionel keine Spur von der Aufregung, welche sich so schnell in den alten und nieder gelegenen Theilen der Stadt ausbreitete. Er trat in sein eigenes Zimmer, ohne einem Mitgliede der Familie zu begegnen, und nachdem er seine kurzen Vorbereitungen vollendet, war er eben im Begriff hinabzugehen, um seine Verwandtinnen zu besuchen, als Mad. Lechmere's Stimme, die aus einem kleinen zu ihrem eigenen Gebrauch bestimmten Gemach hervordrang, seine Schritte hemmte. In der Absicht, persönlichen Abschied zu nehmen, näherte er sich der halboffenen Thüre und würde um die Erlaubniß zum Eintritt gebeten haben, wäre nicht sein Auge auf Abigail Pray gefallen, die im ernsten Gespräch mit der Herrin des Hauses begriffen war.

»Ein armer, alter Mann, sagt Ihr?« bemerkte Mrs. Lechmere in diesem Augenblick.

»Und Einer, der Alles zu wissen scheint,« fiel Abigail ein, indem sie ihre Augen mit dem Ausdruck abergläubischen Schreckens aufschlug.

»Alles!« wiederholte Mrs. Lechmere, und ihre Lippe zitterte, mehr vor Furcht als vor Alter; »und er kam mit Major Lincoln an, sagt Ihr?«

»Im nämlichen Schiff; und es scheint, der Himmel hat es so gewollt, daß er bei mir in meiner Armuth wohnen sollte, als Strafe für meine schweren Sünden!«

»Aber warum duldet Ihr seine Gegenwart, wenn sie Euch so lästig ist?« sagte Mrs. Lechmere; »Ihr seyd doch wenigstens Herrin in Eurem eigenen Hause.«

»Es hat Gott gefallen, daß mein Haus eine Heimath für alle Die seyn sollte, welche so unglücklich sind, keine zu haben. Er hat dasselbe Recht im Waarenhause zu wohnen, wie ich es habe.«

»Ihr habt das Recht einer Frau und das des ersten Besitzes,« sagte Mrs. Lechmere mit jener unnachgiebigen Strenge in ihrem Wesen, welche Lionel schon oft zuvor bemerkt hatte; »ich würde ihn, wie einen Hund, auf die Straße werfen.«

»Auf die Straße!« wiederholte Abigail und schaute wieder in geheimem Schrecken um sich; »sprechen Sie leiser, Madame Lechmere, um's Himmels willen – ich wage es nicht einmal, ihn anzuschauen – er erinnert mich durch seinen sengenden Blick an Alles, was ich je gewußt, an alles Uebel, das ich je gethan, – und dabei kann ich erst nicht sagen warum – und dann verehrt ihn Job wie einen Gott, und wenn ich ihn beleidigen sollte, könnte er leicht aus dem Jungen Alles das herausbringen, was Sie und ich so sehr wünschen –«

»Wie!« rief Mrs. Lechmere mit angsterstickter Stimme, »seyd Ihr so niederträchtig gewesen, diesen Narren zu Eurem Vertrauten zu machen?«

»Dieser Narr ist das Kind meines Herzens,« sagte Abigail, indem sie die Hände aufhob, als wollte sie für ihre Unvorsichtigkeit um Verzeihung bitten. – »Ach! Madame Lechmere, Sie, die Sie reich und groß und glücklich sind und solch eine süße und gefühlvolle Enkelin haben, Sie können freilich nicht wissen, wie man einen Job lieben kann; ist aber das Herz beladen und schwer, so wirft es seine Bürde auf Jeden, der sie tragen will; Job ist mein Kind, obgleich er wenig besser als ein Blödsinniger ist.«

Es gehörte kein geringer Grad von guter Erziehung dazu, um jetzt, wie Lionel, Mrs. Lechmere's Unfähigkeit zu sprechen, sich zu Nutze zu machen und diesen Ort zu verlassen, da er nicht länger eine Unterredung belauschen wollte, die nicht für sein Ohr bestimmt war. Er erreichte das Besuchszimmer und warf sich auf eins von den Ruhebetten, ehe er noch bemerkte, daß er nicht allein und unbeobachtet war.

»Wie! Major Lincoln schon so früh zurück von seinem Bankette und gleich einem Banditen bis an die Zähne bewaffnet!« rief die muthwillige Stimme Cäcilien's, welche, von ihm unbemerkt, den gegenüberstehenden Sitz inne hatte, als er in's Zimmer trat.

Lionel erschrack und rieb sich die Stirne, wie Jemand, der aus einem Traume erwacht.

»Ja, ein Bandit oder jeder andere schimpfliche Name, den Sie wollen; ich verdiene sie alle.«

»Gewiß,« sagte Cäcilie erblassend, »kein Anderer dürfte eine solche Sprache über Major Lincoln sich erlauben, und er selbst thut es mit Unrecht!«

»Welch thörichten Unsinn habe ich ausgestoßen, Miß Dynevor!« rief Lionel, der nun zur Besinnung zurückkehrte; »ich war in Gedanken vertieft und hörte Ihre Rede, ohne ihren Sinn zu begreifen.«

»Doch Sie sind bewaffnet; der Degen ist keine gewöhnliche Waffe an Ihrer Seite und nun tragen Sie gar Pistolen!«

»Ja,« erwiederte der junge Krieger, während er das gefährliche Geräthe bei Seite legte, »ja, ich bin im Begriff, als Volontär mit einer Truppenabtheilung heute Nacht in das Land zu marschiren, und nehme die Waffen mit mir, weil ich recht kriegerisch erscheinen möchte, obgleich Sie wohl wissen, wie friedlich ich gesinnt bin.«

»In das Land marschiren, und in der Todtenstille der Nacht?« sagte Cäcilie, indem sie tief Athem holte und abermals erblaßte. – »Und Lionel Lincoln zieht als Freiwilliger aus mit einem solchen Auftrag?«

»Ich gehe freiwillig und mit keinem andern Auftrag als dem eigenen Wunsche, ein Augenzeuge dessen zu seyn, was etwa vorfällt – Sie selbst sind nicht unbekannter mit dem Zwecke der Unternehmung, als ich in dem gegenwärtigen Augenblicke es bin.«

»Dann bleiben Sie, wo Sie sind,« rief Cäcilie hastig; »schließen Sie sich nicht einem Unternehmen an, das unheilig in seinem Zwecke ist und unglücklich in seinem Resultate seyn kann.«

»Am Ersteren bin ich unschuldig, welcher er auch immer seyn mag, und überdieß wird er weder durch meine Gegenwart, noch durch meine Abwesenheit irgend eine Veränderung erleiden. Gefahr ist wenig dabei, die Grenadiere und die leichte Infanterie dieser Armee zu begleiten, Miß Dynevor, und sollte es selbst gegen die dreifache Anzahl erlesener Truppen gehen.«

»Dann will mir scheinen,« sagte Agnes Danforth, während sie in's Zimmer trat, »unser Freund Merkur, jener federleichte Mann, Kapitän Polwarth, soll auch einer von diesen Nachträubern seyn! – der Himmel schütze die Hühnersteige!«

»Du hast also schon davon gehört, Agnes?«

»Ich habe gehört,« sagte Agnes und versuchte, ihren Unwillen unter angenommener Ironie zu verbergen, »daß Mannschaft sich rüste, daß Boote rings um die Stadt in allen Richtungen rudern und daß verboten worden, in Boston ein- oder auszugehen, wie wir wohl sonst gewohnt worden, Cäcilie, zu solchen Stunden und auf solche Art zu thun, wie es uns einfachen Amerikanern geziemte. Gott allein kann sagen, wie all' diese Maaßregeln der Unterdrückung enden werden.«

»Wenn Sie blos als neugieriger Zuschauer bei den Plünderungen der Truppen mitgehen,« fuhr Cäcilie gegen Lionel fort, »haben Sie dann nicht Unrecht, selbst nur Ihren Namen zu einem solchen Zwecke herzugeben?«

»Noch muß ich erst hören, daß Plünderungen stattfinden werden.«

»Du vergißst, Cäcilie,« fiel Agnes Danforth spöttisch ein, »daß Major Lincoln erst nach dem berühmten Marsch von Roxbury nach Dorchester angekommen ist. Damals sammelten sich die Truppen ihre Lorbeeren beim Glanz der Sonne, aber es ist leicht einzusehen, um wie viel glorreicher ihre Thaten ausfallen werden, wenn Dunkelheit ihre Schaamröthe verbergen soll!«

Das Blut stieg Lioneln in's Gesicht; dennoch lächelte er, während er sich erhob und sich zum Gehen anschickte.

»Sie zwingen mich, Retraite zu schlagen,« sagte er. »Wenn ich übrigens mein gewöhnliches Glück bei dieser Fouragirung habe, soll Ihre Speisekammer um so besser dabei fahren. Der schönen Agnes küsse ich die Hand, denn es wäre wohl nöthig, zuvor den Scharlach abzulegen, um mit einem friedlicheren Anerbieten mich nahen zu dürfen. Aber hier wird mir wohl eher ein freundliches Lebewohl zu Theil werden.«

Er nahm die Hand Cäcilien's, die frei seinem Anerbieten entgegenkam und unmerklich sich bis an die Hausthüre von ihm führen ließ, während er zu sprechen fortfuhr.

»Ich wollte, Lionel, Sie gingen nicht,« sagte sie, als sie an der Schwelle stehen blieben; »man verlangt es nicht von Ihnen als Soldat und als Mann sollten Ihre eigenen Gefühle Sie lehren, freundlich gegen Ihre Landsleute zu seyn.«

»Als Mann gehe ich auch, Cäcilie,« antwortete er; »ich habe Beweggründe, welche Sie nicht errathen können.«

»Und soll Ihre Abwesenheit lange dauern?«

»Wenn nicht für einige Tage, würde mein Zweck unerfüllt bleiben; doch,« fügte er hinzu und drückte sanft ihre Hand, »Sie können wohl mein Verlangen nicht bezweifeln, zu Ihnen zurückzukehren, sobald nur die Gelegenheit sich bietet.«

»So gehen Sie denn,« sagte Cäcilie hastig, indem sie, vielleicht sich selbst unbewußt, ihre Hand zurückzog, – »gehen Sie, wenn Sie geheime Gründe für Ihr Beginnen haben; aber erinnern Sie sich, daß die Thaten jedes Offiziers von Ihrem Rang scharf beobachtet werden!«

»Mißtrauen Sie mir denn, Cäcilie?«

»Nein – nein – ich mißtraue Niemand, Major Lincoln: – gehen – gehen Sie – nur – nur – wir werden Sie sehen, Lionel, sowie Sie zurück sind.«

Er hatte nicht Zeit zu antworten, denn sie glitt so rasch in das Haus, daß der junge Mann nur noch bemerken konnte, wie, statt wieder zu ihrer Cousine zu eilen, ihre leichte Gestalt mit der Schnelligkeit und der Grazie einer Fee die große Treppe hinaufschwebte.

 

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