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Max Dauthendey: Lingam - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
booktitleLingam
authorMax Dauthendey
year1991
publisherSuhrkamp Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-518-22079-9
titleLingam
pages3-116
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorJens Sadowski
modified20150423
firstpub1909
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Unter den Totentürmen

Auf dem Abendkorso von Bombay kreisten die hohen Räder der Staatskarossen. Die Kutscher klingelten mit silbernen Glocken. Schmal wie Gazellen saßen oft sechs bis acht Indierinnen in den Wagen auf den Polstern und streckten die schlanken, braunen Hälse. Vorortzüge rasselten neben dem Korso am Meere entlang, Automobile und englische Cabs. Die Parsen hatten die reichsten Equipagen, denn sie stellten in Bombay die Finanzwelt dar.

In einem ungeheuren schwarzpolierten Wagen, mit vier Fliegenwedlern in grüner Livree und rotem Turban hintenauf, mit zwei braunen Kutschern auf dem Bock, kam der steinreiche Parse Rama mit seinem Sohne Elifar zum Korso. Die beiden Herren trugen dunkelblaue Kaftanröcke bis an die Hüften, ein weißes Schleierhemd hing unter der dunkelblauen Weste hervor bis an die Knie, die Waden waren nackt, und die Füße steckten in Goldpantoffeln. Auf dem Haupt jedes Parsen thronte die schwarze, polierte Lacktiara, welche den beiden Bankiers das Aussehen von Hohenpriestern gab. Die englisch geschirrten Pferde griffen scharf aus. Die vielen Fußgänger sahen die Abendsonne tief am Boden unter den Pferdehufen und unter den Rädern der Equipagen, als ließen die Reichen die Sonne zu ihren Füßen zerstampfen. Wie blaugraue Kreisel tanzten die langgezogenen Schatten des Korsos über die abendlichen kupferroten Rasenplätze der englischen Klubhäuser. Weißgekleidete Tennisspieler standen wie helle Gipsfiguren unter den papageienfarbigen Palmen. Das Meer lag neben der Wagenkette wie ein riesiger Silbertisch, und die Sonnenkugel war aus dem grünlichen Abendäther wie eine geschälte Blutorange auf die weiße Meeresplatte hingerollt. Hunderte von Indiern wanderten am Strand. Indische Frauen, sieben und zehn, hielten sich an den Händen und gingen über die gebleichten, kalkigen Muschelwiesen am flachen Meeresrand entlang. Die feinen nackten Mädchen- und Frauenkörper sind in smaragdgrüne, karmoisinrote und azurblaue Schleier gewickelt. Die Abendluft preßt die wasserdünnen Schleier an die Linien jedes nackten Leibes. Die Frauenscharen in ihren glitzernden Schleiern stehen wie aus blauem, rotem und grünem Glas gegossen am Meer. Junge Männer mit riesigen weißen und gelben Turbanpaketen auf dem Kopf wandeln, gleichfalls Hand in Hand, die Wasserlinie entlang. Manche Gruppen spielen Ball, andere liegen neben ihrem blauen Schatten auf dem weißen Muschelboden.

Große Schreie verbreiten sich in der Luft, und mächtige schwarze Aasgeier fegen über die Köpfe des Korsos. Niemand achtet auf sie. Die unheimlichen, fürchterlichen Vögel jagen wie schwarze Tücher durch die Luft, die Erde und das Meer anschreiend. Die finstern Vögel stürzen fort, ihr Flug ist wie ein Umsichhauen großer schwarzer Sensen.

Die Aasgeier kommen und gehen und pflügen die Luft mit ihrer Unruhe über den Palmenspitzen der Prachtgärten des Malabarhügels. Die Rücken dieses Hügels ziehen sich draußen vor Bombay an der Strandbucht ins Meer. Dort oben sind, versteckt im Blaugrün hinter den Villen und den Gärten, die Totentürme der Parsen. Dort werden die Gestorbenen auf die platten Dächer der weißen runden Türme den Aasgeiern hingelegt; ein Leichnam wird in einer Stunde von den wilden Vögeln gefressen. Der Parsentote darf weder Luft, Wasser, Feuer noch Erde verunreinigen und bekommt darum kein anderes Begräbnis als das im Magen eines Geiers.

Dort oben in den Prunkgärten um die Totentürme stehen jetzt im Abendlicht die Palmenschäfte wie rote, verrostete Eisenschrauben in der Luft, und die Schreie der Geier fahren hervor gleich wild ausgestoßenen Flüchen, wie die Sprache des ewig zankenden Hungers. Die feiernden Menschen am Abendmeer sind mit den häßlichen Geierlauten vertraut wie mit ihren eigenen Sorgen. Männer und Frauen schauen friedlich ungestört in den wollüstigen Sonnenuntergang, zu dem jeden Abend die schwarzen Aasvögel gehören, wie die vielen Schatten der Menschen, der Pferde und Equipagen zum Korsoweg.

Am Wegrand stehen einige Equipagen und warten auf die Spaziergänger. Rama ließ gleichfalls seine Pferde halten, und sein Sohn Elifar stieg aus. Sobald die Sonnenscheibe die Meerfläche anrührt und die Meerluft sich dreht, Wasserkühle und Landwärme zu kreisen beginnen und die Schleierenden der spazierenden Damen und Mädchen sich im Luftzug kräuseln, eilen die wandelnden Gruppen auf ihre Wagen zu; Wagen und Spaziergänger kehren zur Stadt zurück.

Der Vater Rama sah seinem Sohne nach, welcher zum Wagenschlag der nächsten leeren Equipage getreten war und auf eine Mädchengruppe wartete, die vom Meere her kam. Ehe noch Elifar und die Mädchen sich begrüßten, hörte der alte Herr, im tiefen Wagenfond verborgen, eine Stimme aus einem Trupp vorübergehender Menschen neben seinem Wagen sprechen: »Nie wird der Sohn des Rama mit Aloi glücklich werden. Sie ist das gelehrteste von allen Parsenmädchen in Bombay und liebt nur Bücher und keine Menschen.«

Der alte Rama seufzte und spielte mit seiner dicken Uhrkette, die war aus goldenen Skarabäen zusammengesetzt, in jedem Käferkopf steckte eine echte schwarze Perle. Durch den offenen Wagenschlag spiegelte sich die Sonne mehr als fünfzigmal in der kostbaren Kette, und mehr als fünfzig kleine blutrote Sonnen rollten durch Ramas Finger. Dann verloschen alle Perlen, und die Kette lag dunkel in Ramas Hand. Er sah in demselben Augenblick, als er die Stimme aus dem Volke gehört hatte und die Sonne im Meer unterging, wie Aloi seinem Sohn Elifar drüben an ihrem Wagen kaum die Fingerspitzen reichte und sich dann mit allen ihren Freundinnen in die Wagenpolster setzte. Der Alte dachte: Aloi ist nicht gekommen, den alten Parsen Rama zu begrüßen. Aloi liebt keinen Menschen; ihr Herz ist ernst und farblos wie die schwarzen Perlen, die in die Sonne sehen wie Brillengläser und farblos wie schwarze Brillen sind. Die Stimme im Volk vorhin hatte recht, Aloi liebt nur ihre Bücher; nicht einmal am Abend vor ihrem Hochzeitstag mit Elifar konnte sie herzlich werden.

Rama hörte Alois Wagenschlag zufallen, die Kutscher klingelten mit ihren silbernen Signalglocken, die sie statt der Peitsche neben sich am Bock hatten, und Alois offene Equipage, gefüllt mit den Köpfen von sieben jungen Parsenmädchen, welche fast alle Sieben Brillen trugen, fuhr an Ramas stillstehendem Wagen vorüber. Die Mädchen nickten dem alten vornehmen Parsen Rama zu, aber ihr Gruß war nebensächlich und flüchtig, als wären alle Sieben kluge Ameisen, die nie Zeit haben vor Fleiß und Eile.

Elifar kam in den Wagen seines Vaters zurück; dieser sah, daß sein Sohn die Lippen eitel aufwarf und mit seinen schwarzen hochmütigen Augen selbstgefällig Aloi nachsah.

Rama dachte: Mein Sohn Elifar ist nicht klug, und seine Eitelkeit ist seine ganze Weisheit. Er ist ein schön gewachsener Junge, ist reich, liebenswürdig, wohlgenährt und könnte darum Aloi gefallen. Aber Aloi strotzt von Wissen und Gelehrsamkeit. Sie ist hochmütig wie keine, und ich wundere mich nur, warum sie meinem Sohne das Jawort gab, als wir bei ihrem Vater um sie anhielten. -

Der Alte und Elifar fuhren eine Weile schweigend, und die Fensterreihen der Klubhäuser glänzten wie weiße Zettel, die in der Dämmerung angeklebt waren, und von denen die beiden Herren ungeschriebene Gedanken ablasen.

Das Meer lag jetzt grau und tot unter einem Netz einförmiger Dämmerungswellen, wie ein weißer, gefangener Riesenleib unter einem Drahtgitter.

»Dein Hochzeitstag hat mit dem Sonnenuntergang jetzt begonnen«, sagte der Vater, als der Wagen an der Schranke des Vorortsgeleises auf einen vorübersausenden Zug warten mußte. Rama verstand im Eisenlärm nicht, was Elifar ihm antwortete, aber er sah die Gedanken dem Sohne aus dem Gesicht.

Elifar dachte nur an seine Eitelkeit. Er war überaus stolz darauf, daß er, der reiche, stattliche, junge Mann, gleichsam wie einen unbezahlbaren Schmuck, gleich wie einen hochtrabenden Titel, morgen zu seinem Hochzeitstag vom Schicksal eine Frau bekam, welche die gelehrteste von allen brillentragenden Mädchen war. Aloi hatte ihm nach einiger Bedenkzeit ihr Jawort gegeben, und er war damit zufrieden, daß sie sich lieben lassen wollte, aber nicht wieder lieben konnte.

Elifar wickelte aus einem kleinen gelben Seidentuch einen Ring. Derselbe stellte zwei goldene Pferdchen dar, welche, nebeneinander langgestreckt, scheinbar um die Wette liefen. Steckte man den Ring an die Hand, so schienen die Pferde rings um den Ringfinger zu laufen. Elifar hatte auf den Ring gedeutet und seinem Vater geantwortet, als der Eisenbahnzug vorüberrasselte und die Worte zerstreute. Rama verstand, daß sein Sohn diesen Ring Aloi zum Hochzeitstag schenken wollte, und er begriff, daß die beiden Pferde die Seelen der beiden Menschen vorstellten. Elifars Eitelkeit rannte wie ein Pferd mit dem Verstand von Aloi um die Wette.

Elifars Augen betrachteten wohlgefällig den Ring und sagten stumm zum Vater: Morgen werden mich viele beneiden um Aloi.

»Man heiratet nicht, um sich beneiden zu lassen, Elifar; laß die Sonne morgen wie heute untergehen, mein Sohn, und gib diese Heirat auf; gib nicht deinen Ring dem Mädchen mit der Brille, ich suche dir eine andere.«

Elifar steckte seinen Ring in die Westentasche und antwortete dem alten Rama. Aber auch diesmal wurden die Worte von der Luft mit fortgerissen, ohne daß sie der Vater hören konnte.

Einer der mächtigsten Aasgeier war von den Gärten der Totentürme herab mit großem und lautem Gekrächze über die beiden Herren geflogen und hatte Elifars Worte überrschrien. Nur Elifars Achselzucken sprach stumm zu Rama: Frauen ohne Brillen sind mir langweilig, weil sie so eitel sind wie ich, Vater.

Der Wagen hielt vor Ramas Villa zwischen den hohen Mauern der Gärten des Malabarhügels. Die beiden Herren wollten aussteigen, im gleichen Augenblick kehrte derselbe große Aasgeier im Fluge um und stob dicht vor dem alten Herrn über die Rücken der Pferde. Rama duckte sich unter dem Luftzug des Flügelschlages.

Die unruhigen Pferde zerrten den Wagen ein paar Schritte vorwärts, Ramas prachtvolle Uhrkette blieb an der Türklinke des Wagenschlages hängen und zerriß.

Der alte Parse erschrak über den Totenvogel und über seine zerrissene Skarabäenkette. Er betrachtete dieses kleine Unglück am Vorabend der Hochzeit als den Vorboten eines größeren. Er hätte gerne seinen Sohn noch einmal gebeten, die Hochzeit aufzuschieben, aber die eiteln Augen Elifars hinderten ihn am Sprechen, und der Alte sagte nur, als er ins Haus trat:

»Menschen, die sich nicht im Blut lieben, lernen sich niemals kennen, nicht einmal der Tod kann ihre kühlen Gedanken einigen.«

Am nächsten Abend um dieselbe Stunde saßen bei dem weitoffenen Gartentor des Hauses Rama die Hochzeitsgäste, die reichsten Parsen von Bombay, alle mit schneeweißen Togas bekleidet, und zeigten sich den Vorübergehenden der Straße. Tiefer im Garten gingen die Mütter und die älteren Frauen, gleichfalls in weiße wohlgeordnete Togas gehüllt.

Auf dem dämmerigen blauen Rasen deckten viele Diener eine lange Abendtafel mit weißen Seidentüchern, die Hochzeit neigte sich ihrem Ende zu.

Aloi, umgeben von fünfzig jungen Freundinnen, saß in einer offenen weißen Pfeilerhalle des Gartens. Braut und Brautmädchen trugen fast alle Brillen und waren alle in weiße silbergestickte Togas gewickelt. Die rosa Orchideen in den schwarz gescheitelten Haaren steckten gedankenvoll wie die Brillen an den jungen Mädchenköpfen. Die jungen Damen saßen im großen Kreis auf Stühlen und spielten Pfänderspiele und waren wie Kinder fröhlich, trotz aller Belesenheit.

Ein Zug von Dienern trat jetzt in den Kreis der Mädchen. Sie stellten einen großen vergoldeten Kuchen in die Mitte auf einen Schemel, und auf silbernen Platten wurden kleine parfümierte Blumensträuße gereicht.

Elifar erschien auf der Hallentreppe, mit ihm eine Schar junger Männer, alle in weiße Togas gehüllt, wie wandelnde Marmorbilder. Der Bräutigam hatte die Braut zu sich hinaus in den Garten bitten lassen, aber sie war nicht gekommen. Nun trat er selbst in den Mädchenkreis und lachte, weil Aloi nicht aufstand und nicht zu ihm kam.

Das Brautpaar sollte sich verabschieden und im Brautzug nach Elifars Wohnung ziehen. Aber Aloi lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, sah Elifar über ihre Brille an, schmollte mit ihrem hübschen Kindermund, und ihr Gesicht war blaß und leuchtete auf ihrem Hals, wie die Kelche der Kallablumen an den Spiegeln der Gartenteiche:

»Laß mich noch eine Stunde junges Mädchen bleiben«, rief sie scherzend, »ich weiß nicht, warum ich mich plötzlich vor dir fürchte, Elifar. Ach, Freundinnen, seht mich an, ich fürchte mich, glaube ich, davor, Kinder zu bekommen. Ich hatte ganz vergessen, daß man beim Heiraten nicht bloß eine Freundschaft schließt, sondern daß man auch Kinder gebären muß. Ich bin keine Frau, die ungestraft gebären kann, das sagt mir mein Verstand; ich glaube, ihr Herren und Damen, ihr müßt mich dann auf die Totentürme tragen. Wenn ich ein Kind bekommen sollte, überlebe ich es nicht.«

Aloi sagte das laut und ohne Scham, sie meinte jedes Wort ernst, wenn sie auch lachte. Ihre Brillengläser liefen an und standen bläulich und gedankenvoll wie große Mondsteine im Gesicht, als ob ihre Augen jedem und keinem gehörten, und ihre Blicke verschwanden grau in einer Wolke hinter der Brille.

Elifar stand hinter ihrem Stuhl und lächelte; er nahm ihre Hand und steckte ihr den Ring mit den goldenen Pferden an den Finger.

Aloi schüttelte leicht die Hand, und der Ring fiel in ihren Schoß. »An meine Hände paßt kein Schmuck und kein Ring. Meinen Fingern, die nur gerne in Büchern blättern, sind Ringe zu schwer.«

Elifar lächelte, und sein eitles Lächeln meinte: Du wirst dich an den Ring gewöhnen, Aloi. So wie du dich an die Liebe gewöhnen wirst und an das Gebären von Kindern, so wirst du dich an meinen Ring gewöhnen.

Aloi schüttelte ihren Kopf, und ihr Kopfschütteln sagte stumm: Nein, nein, nein! Laut sagte sie: »Elifar Rama, ich werde mich nicht an die Liebe gewöhnen, nicht an das Kindergebären, nicht an dein Gold und an deinen goldenen Ring. Wir heiraten uns, weil wir Menschenkinder sind, die nicht wissen, was das Leben von ihnen will. Ich heirate dich, weil ich den Eltern den Willen tue, weil du eitel auf die Heirat bist und weil du nicht forderst, daß ich Liebe heucheln soll.«

Alle Parsenmädchen klatschten laut Beifall.

Elifar nickte, steckte den Ring in seine Tasche und sagte, ohne zu sprechen: Eines Tages wirst du dich an alles gewöhnen, Aloi. Ich werde dir den Ring heimlich anstecken, und du wirst es gar nicht merken, daß du meinen Ring trägst.

Aloi schüttelte heftig den Kopf: Niemals, niemals.

Dreiviertel Jahr nach dieser Stunde starb Aloi bei der Geburt eines toten Kindes. Ihre Leiche wurde in weiße Seide gehüllt und in den Garten der Totentürme getragen, in diesen farbigsten und schauerlichsten Garten der Welt. Achtzig weiße Stufen führen darinnen den Hügel hinauf. Oben auf den Terrassen empfangen die weißgekleideten Parsenpriester den Leichenzug und tragen die Toten über den Purpursand der Gartenwege. Blaue, goldgelbe und scharlachblühende Blumentische stehen an den Rändern der Wege. Graue Kakteen und Palmenbestände verdecken halb die kesselartigen, weißen Steintürme. Wie zusammengekauerte Männer in schwarzen Röcken hocken die Aasgeier Schulter an Schulter mit kahlen Hälsen und kahlen Schädeln um den Turmrand. Sie stoßen sich mit den eckigen Schulterblättern und rucken mit den hackigen Schnäbeln und schleudern sich, aufkreischend, durch die Luft und sehen im Flug aus, als ob von Totenbahren große, schwarze Tücher davonfliegen.

Nachdem man Aloi zu den Geiern auf die Totentürme getragen hatte, stand Elifar abends in seinem leeren Hause in der Gartenhalle. Sein Besitztum lag neben vielen andern Gärten am Malabarhügel unterhalb der Totentürme. Die Diener trugen vor ihm auf dem Rasen die von Aloi hinterlassenen Bücher und Schriften auf einen Haufen und warfen sie in ein Reisigfeuer.

Elifar trat in den Garten; der Abendhimmel lag über ihm bleigrau wie eine Panzerplatte. »Warum bedrückt mich keine Trauer?« sagte der eitle Mann zu sich. »Ich fühle nicht mehr Trauer über Alois Tod als über die untergegangene Sonne irgendeines Tages. Sie hat sich nicht an meine Liebe gewöhnt und hat mir auch kein Kind geboren und ist gestorben, um mir zu zeigen, daß sie sich nicht an die Liebe gewöhnte. Aber als Tote gehört sie mir jetzt ganz und trägt jetzt endlich meinen Ring. Ich habe keine Trauer um sie im Herzen, weil sie mir im Tode näher ist als im Leben.« -

Der schon dämmerige Park wurde von einem letzten roten Sonnenblick hell, und rote Streifen schossen, wie rote Goldfische, über die wasserblauen Rasen. Ein paar Riesenschatten vorüberfliegender Aasvögel fuhren über Elifars Kopf und wischten die roten Lichtstreifen aus.

Nach einer Weile kam einer der indischen Gärtner. Sich demütig vor Elifar verbeugend, reichte er ihm auf einem Brotfruchtblatt einen abgerissenen Menschenfinger, daran ein goldener Ring steckte. Der junge Parse fuhr erschrocken zurück und wurde blaß und grau.

Der Gärtner erzählte, einer der Aasgeier hätte diesen Totenfinger in ein Blumenbeet fallen lassen.

Elifar zog den Ring, der zwei goldene Pferdchen vorstellte, von dem toten Fingergliede. Dann ließ er den Finger in Seide wickeln und zurück zu den Totentürmen tragen. Den Ring aber steckte er in seine Tasche. Und seine Hand spielte tagelang mit dem Ring in der Tasche, und seine Eitelkeit weinte.

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