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Lieder eines Sünders

Hermann Conradi: Lieder eines Sünders - Kapitel 8
Quellenangabe
typepoem
booktitleLieder eines Sünders
authorHermann Conradi
year1887
publisherVerlag von Wilhelm Friedrich
addressLeipzig
titleLieder eines Sünders
pagesI-III
created20040522
sendergerd.bouillon
firstpub1887
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Mitternachts-Vision.

             

Aus eines Weibes Armen komm' ich her . . .
Hoch brennt mein Blut von seinen wilden Küssen,
Noch zuckt mein Leib – noch flammen meine Pulse . .
Noch ist es mir, als läg' ich hingerissen
Von seiner Schönheit bebend ihm zu Füßen –
Als küßt' ich noch der Glieder weiße Rundung –
Als küßt' ich noch in wilder Brunst Gesundung!

Gesundung – ja! Vergessen traumverstrickt
Der steten Unrast, die sich festgekrallt
Um meine Seele . . . die sich festgesogen
Und mich nicht läßt, ob ich mich auch empöre –
Ob ich mich der despotischen Gewalt
Mit allen Kräften krampfhaft wehre!

Aus eines Weibes Armen komm' ich her
Und stürmischer als je wogt auf das Meer,
Das Nacht und Tag in meiner Seele flutet . . .
Phantastisch türmen sich die Wellenmassen –
Und plötzlich reißt der Flor – einsam – verlassen
Fühl' ich auf einen Bergsitz mich enttragen.

Die Nebelgeister hör' ich um mich weben –
Und doch – und doch: in tausendfachem Sein
Hellt sich vor meinem Blick das Menschenleben!
Und wie die Seele zuckt und zittert, schlagen
Lohende Flammen auf – und überquollen
Von dieser Flammen dunkelblut'gem Lichte
Seh' ich die große Posse sich entrollen –
Schau' ich in Einem alle Weltgeschichte!

Die Nebel flirren und die Flammen lecken –
Ich aber schaue sich durch Dunst und Glut
Ein übermenschlich Bildniß recken . . .

Und Grausen schlägt mich! . . . So zerfoltert sah –
So qualzerspalten nimmer noch des Heilands
Gesicht ich – wie er da auf Golgatha
Bluttriefend hängt . . Und doch: ein Andrer ists,
Der sich mit des Gigantenleibes Wucht
An's Riesenkreuz drückt – nimmer jener blasse
Braunzarte Schwärmer mit den nächt'gen Augen . . .

Ein Andrer ist's! . . Barmherz'ger Gott! . . Und auch
Von mir trägt er in seinem Angesichte
Der Züge manchen – und von Allen, die
Mein Auge sah bis heute – deren Antlitz
Mir die Erinn'rung wieder aufwärts trägt . . .

Hat noch die Creatur nicht abgebüßt? . .
–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –
Unheimlich ist das Spiel – – unheimlich – wüst –
Und jetzt noch grauenhafter – und mein Blick
Erstarrt – verglast –
Es rast
In meinem Hirn bei dieser Fratzenjagd –
Bei diesem Marionettenspiel der Ewigkeit . . .

Wie die Gesichter durcheinander taumeln!
Wie alle Alter durcheinander wirbeln!
Wie Schönheit sich mit Häßlichkeit verknüpft –
Und wie die Menschheit vor der Wollust Grinsen
Wie ein gescheuchtes Reh entschlüpft!

Wer hat den Höllenwirrwarr losgelassen?
Und welcher Dämon hurt hier mit dem Elend
Der Menschheit? Will der Schooß des Himmels sich
Für eine Flammenlohe nicht erschließen?
Die sich mit ihrer Arme roten Reifen
Um dieses Spukes Riesenglieder schlänge?

Will sich kein Sturm aufrecken,
Um dies gemarterte Geschlecht
Mit aller Wüsten Sandstaub zuzudecken –
Ihm Bußgesänge
Vom allerletzten Todversöhnen
In's Ohr zu dröhnen? . . .

Welch' namenloses Weh! Ja! Jeder leidet!
Und Jeder muß sein Auge brechen lassen –
In Schmerzensschauern seinen Leib verrenken –
In Wahnsinnsfiebern seine Seele schinden . . .
Und Keiner – Keiner darf
Es sich ergrübeln und erdenken:
Wer ihn auf diese fürchterliche Folter warf!

Und hängt die Creatur auch nur Sekunden –
Nur irdische Sekunden an dem Holze:
Die Qualen leidet sie von Ewigkeiten –
Von Ewigkeiten! . . .

Doch wer hat je
In seinem grenzenlosen Weh
Ach! dieses einen Wortes Sinn gefunden?
–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –

Aus eines Weibes Armen kam ich her –
Triumphe feierte die Sünde . . .
Nun weiß ich nicht, wo ich Erbarmen finde –
Es überwältigt mich der Schmerzen Meer . .

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