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Lieder eines Sünders

Hermann Conradi: Lieder eines Sünders - Kapitel 60
Quellenangabe
typepoem
booktitleLieder eines Sünders
authorHermann Conradi
year1887
publisherVerlag von Wilhelm Friedrich
addressLeipzig
titleLieder eines Sünders
pagesI-III
created20040522
sendergerd.bouillon
firstpub1887
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I.

             

Wie ich mich auf den Frühling freue!
Wie mir das Alte und doch so Neue
Schon im tiefsten Winter die Seele bewegt!
Noch ist's erst Weihnacht! Noch atmet der Winter
Aus vollen Lungen!
Und doch ist's mir, als ob schon dahinter
Sehnsuchtsbezwungen
Leise, ganz leise der Lenz sich regt . . .

 
II.

       

Nun wieder in die Seele schlage
Mit deinem Zauber, Frühling ein!
Die Lichtflut deiner Sonnentage,
Soll sie verjüngen, soll sie weih'n! . . .

Was ich gedacht in Dämmerungen,
Was ich geträumt in Nebelgrau:
Von deinem Sonnenband umschlungen
Verklär' es sich zu leuchtend Blau!

Umhallt von deiner Sänger Zunge,
Von deinem Farbenspiel umglänzt:
Will ich mich freuen wie ein Bauernjunge,
Der seine finstre Schule schwänzt! –

 
III.

       

Von Winternot und Wintergram
Wollt' ich ein Lied im Lenze singen –
Im Lenz', der von der Seele nahm
Das wilde Suchen, tolle Ueberspringen . . .

Der mir mit seinem Drang zum Licht,
Mit seinem Schwellen, seinem Treiben,
Nur schweigendes Erstaunen gab
Und tiefergriff'nes Stehenbleiben . . .

 
IV.

       

Wenn der Weißdorn blüht –
Wenn der Weißdorn blüht,
Wird's mir so helle im Gemüt! . . .
Flugs fließt mein Blut,
Und es sprießt mein Mut,
Als wäre die Welt mein eigen!
Wenn der Weißdorn blüht,
Wenn der Weißdorn blüht,
Und die leuchtenden Büsche sich neigen:
Dann die Brust mir schwillt,
Und die ungestillt
Im winterlich schweren Schweigen:
Die Sehnsucht breitet die Arme aus,
Und die ganze Welt ist mein Vaterhaus,
Soweit die Auen lenzen . . .
Wenn der Weißdorn blüht –
Wenn der Weißdorn blüht,
Und die Mägdlein mit Veilchen sich kränzen,
Dann kennt mein Schwärmen keine Grenzen . . .
Dann kennt mein Schwärmen keine Grenzen . . .

 
V.

           

Auf Wald- und Wiesenpfaden,
Ließ ich mich reich begnaden
Vom holden König Lenz . . .
Sein Scepter gleißt von Sonnen,
Sein Auge ist ein Bronnen,
Draus träufelt manche löbliche Sentenz . . .

Zum Beispiel auch das Sprüchlein:
Genieße flugs dein Krüglein,
Ward es dir aufgetischt,
So lang' noch jung die Herzen,
Das Leben sproßt im Märzen,
So lange Grün und Grau noch unvermischt! . . .

Hat erst ein arges Schicksal
Mit seinem blanken Tückstahl
Dich abgeschliffen ganz:
Ob schäumt der Krug zum Randen,
Er dünkt dich abgestanden –
Zerpflückt ist deines Lebens Blütenkranz . . .

Auf Wald- und Wiesenpfaden
Ließ ich mich reich begnaden
Vom holden König Mai . . .
Sein Drang ward mir zur Lehre,
Daß ich den Blick nur kehre
Nach dem, was voller Frühlingskräfte sei . . .

Nach dem, was sprießt und treibet,
Sich an einander reibet
Und neu't in Form und Farb' . . .
Mein Trauern ließ ich fahren
Und all' mein Gramgebahren,
Da König Lenz auch mich zum Söldner warb . . .

 
VI.

         

Mein Blick, nun weide dich zum letzten Mal
An dieses Frühlings satter Blütenfülle!
Voll Inbrunst sauge dieser Sonne Strahl –
Mein Herz, sei stille! . . .

Erschweig bewundernd vor dem Werdedrang!
Was dich erfüllt, den Winden gieb's zum Raube! . . .
Ob dir der Hoffnung goldnes Sieb zersprang –
Dir blieb der Glaube! . . .

O glaube eine winz'ge Weile nur,
Daß diese Botschaft auch für dich gebracht ward!
Umfaß noch einmal trunken die Natur,
Bevor es Nacht ward! . . .

Auf meinen Scheitel streut der Frühlingswind
Mattweiße Blüten – eine letzte Krönung –
Ich bin so fromm und heiter wie ein Kind . . .
Und voll Versöhnung . . .

 
VII.
Herbstabend.

       

Ich kehrt' aus engen Gassen
Mich durch das alte Thor . . .
Waldpfade – wie verlassen!
Blauweiße Dünste schweben,
Und die Gedanken geben
Sich dem, was ich verlor . . .

Welch' wundersames Feiern –
Wie still am Waldeshain!
Verhüllt von weißen Schleiern
Entschwebet mir das Leben . . .
Just wie ein sanfter Traum –
Und ich beklag' es kaum . . .

Und was in Schmerzen ich verlor:
Hinnimmts zum andern Male
Beim letzten Abendstrahle
Der Schatten Schicksalschor . . .

 
VIII.
Abschied.

         

Nun ist die Stunde kommen,
Da ich von hinnen muß . . .
O Mutter, liebe Mutter, gieb
Mir nun den Abschiedskuß.

Ich weiß, du läßt mit Bangen
Mich meine Straße zieh'n –
Und doch ein wild Verlangen
Nimmt mich so ganz gefangen,
Will nur die Brust verglüh'n . . .

O Mutter, liebe Mutter,
Laß nur das Weinen dein! . . .
Du warst so treu, du warst so gut –
So wird's nie wieder sein . . .
Doch mich laß still gewähren,
Mein Herz ist stark und rein –
Und trockne deine Zähren,
Dein Schmerz wird sich verklären –
Dein Gott wird mit dir sein! . . .

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