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Lieder eines Sünders

Hermann Conradi: Lieder eines Sünders - Kapitel 38
Quellenangabe
typepoem
booktitleLieder eines Sünders
authorHermann Conradi
year1887
publisherVerlag von Wilhelm Friedrich
addressLeipzig
titleLieder eines Sünders
pagesI-III
created20040522
sendergerd.bouillon
firstpub1887
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Todtengesang.

       

Der Nachtwind heult dir den Todtensang –
Nun schlaf, mein Bruder, nun schlaf!
Und ob deine Seele auch Flammen trank,
Der Hieb des Todes, er traf!
Und ob deine Seele auch Welten barg,
Und jauchzend zum Lichte sich rang:
Nun liegst du im Grunde, in faulendem Sarg –
Der Kelch deiner Seele zersprang!

Mit leuchtender Stirn, mit flammender Brust,
Zog'st Du: ein junger Achill!
Und warfest die Hallen, da feiler Wust
Die heiligen Bilder befiel –
Da lauernder Schlangen giftspeiender Zahn
Zerrissen, was edel und groß:
Du warfest sie nieder auf siegender Bahn
Mit heldenhaft markigem Stoß!

Wir jauchzten dir zu in brünstiger Glut
Und packten das blitzende Schwert!
Der verkauften Seelen Würmerbrut,
Von eklem Staube genährt:
Wir trieben sie aus! Mit gellendem Schrei
Entstob das verhurte Gesind'! . . .
Doch weiter, nur weiter! Durch Nebel und Mai,
Durch Regen und Sonne und Wind:

So flogen wir hin auf dampfendem Roß,
Wir Kämpen für Freiheit und Licht! . . .
Da fiel der hirnversengende Stoß,
Der's Herz mir stückweis bricht –
Es schlich der nackte, der fahle Tod
Zu deinem Herzen sich hin –
Da lagst du im fahlen Morgenrot –
Zerbrochen das Schwert und die Brünn'. –

Zerbrochen die lichte, die jauchzende Brust:
Fahr wohl, mein Bruder, fahr wohl!
Versprüht die lodernde Kampfeslust –
Zertrümmert das hehre Idol! . . .
Wir saßen und sannen in stummer Qual
Und starrten auf deinen Leib –
Dann gaben wir ihn, das Antlitz fahl,
Den Würmern zum Zeitvertreib . . .

Sie mögen ihn schmausen in köstlichem Mahl –
Leb wohl, mein Bruder, leb wohl!
Wir streiten, die Faust im blitzenden Stahl,
Für der Freiheit leuchtend Symbol!
Und sticht auch der Wahnsinn in unser Hirn –
Nur weiter durch Nebel und Nacht!
Dort frißt der Staub die begnadete Stirn –
Wir rasen Dämonenumlacht!

Noch strömt in unsern Adern die Glut,
Die alles Hohle zerschlägt –
Noch packt uns wilder Titanenmut,
Der auf zum Himmel uns trägt!
Noch thürmen wir jauchzend mit markiger Faust
Die Berge zum Götterpalast:
Und ob uns der Blitze Gesindel umsaust –
Die Nacht der Wolken uns faßt:

Wir schwuren an deines Grabes Rand
Den Kampf für Freiheit und Licht!
Wir stürzen mit unbarmherziger Hand,
Die nimmer segnet, nur bricht,
Die Tempel, die Hallen, da Spöttergezücht
Auf goldenen Thronen regiert –
Da wirbelt der Staub! Da verzerrt das Gesicht
Der Schacher, wenn er crepirt!

Wir holen auch dich von prunkender Höh',
Verfaultes Götzengeschlecht!
In unserer Brust, da flutet die See
Des Hasses! Da thront nur das Recht!
Und dieser Haß zertrümmert auch euch
Und fegt euch nieder zu Thal –
Die Rache baut sich ein furchtbar Reich
Aus eurem Sündensaal! . .

Der Nachtwind heult dir den Todtensang:
Nun schlaf, mein Bruder, nun schlaf!
Und ob deine Seele auch Flammen trank:
Der Hieb des Todes – er traf!
Und ob du auch faulst in nächtigem Schacht:
Deine Kraft durchquillt unser Herz.
So ziehen wir weiter durch Nebel und Nacht –
Durch Dunkel Morgenwärts!

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