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Lieder eines Sünders

Hermann Conradi: Lieder eines Sünders - Kapitel 29
Quellenangabe
typepoem
booktitleLieder eines Sünders
authorHermann Conradi
year1887
publisherVerlag von Wilhelm Friedrich
addressLeipzig
titleLieder eines Sünders
pagesI-III
created20040522
sendergerd.bouillon
firstpub1887
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Anna.

             

Es ist wohl meine ganz »verfluchte Pflicht
Und Schuldigkeit«, geliebtes Mädchen, dir
In diesem meinem ersten Liederbuche
Auch schließlich ein paar Zeilen zu verehren . . .

Ich halte mir zwar jetzt aus Princip
Zehn Schritt vom Leibe Alles, was nach »Liebe«
Nur im Geringsten schmecken, riechen mag . . .
Denn siehe! Ich begriff: Die »Liebe« ist
Zuweilen zwar ein wunderköstlich Ding
Und mit dem Herrgott ziemlich nah verwandt . . .
Doch ist sie auch hinwiederum recht launisch,
Und Kummer und Bedrängniß, Störung, Aerger,
Gießt sie in breiten Strömen schnippisch aus . . .

Dafür muß ich doch danken . . . Denn ich bin
Mit allen Fibern meiner Dichterseele
Seit Kurzem ein getreuer »Sohn der Zeit« . . .
Und diese Zeit – man nennt sie auch »modern« –
Sie hat wahrhaftig keine Zeit mehr übrig
Für solch' Allotria, wie eben Liebe.

Da aber andrerseits dies arme Büchlein
Sich lobesam bestrebt, von meinem Leben
Ein ziemlich treues Conterfei zu geben,
Darf ich auch dich, dereinst geliebtes Mädchen,
Wahrhaftig nicht vergessen – holder Liebling
Du meiner schwärmerischen Knabenseele!

Wie lang ist's her doch, daß mein junges Herz
So ganz für dich schlug und für deine Schönheit! . . .
Dein blondes Haar – dein Auge blau – nicht wahr? –
Der zarte Teint – dein leiscoquettes Wesen:
Sie brachten mich nur zu bald an die Angel . . .

Mein Gott! Das ist zwar ganz natürlich, ja! –
Und doch kommt's heute mir urkomisch vor,
Obwohl ich mir ganz ernstlich eingedrillt,
Kühl bis an's Herz hinan ein jedes Ding
In echt exact historischer Betrachtung,
Ganz sine ira, sine studio,
Einfach aus seinen Gründen zu begreifen . . .

Das legt dem Aerger – dieser Modus nämlich –
(Man kann für »Modus« auch »Methode« sagen)
Ganz hagebüchen Zaum und Zügel an
Und spielt sich auf als äußerst netter Dämpfer,
Der jedem heißen Blute zu empfehlen . . .

Ich schweifte ab und bitte um Verzeihung!
Nun denn – was wollt' ich sagen? Ja, jetzt weiß ich! –
Es will mich nämlich heute noch sehr schnurrig
Bedünken, daß ich dich dereinst geliebt,
Glanzstern du meiner Sekundanertage – –
Und auch in Prima war's noch nicht ganz richtig . . .

Ja! Das ist lange her – und unterweilen
Ging ich beim Leben selber in die Schule . . .
Willst du ausführlicher darüber hören –
Ich sag' es halb und halb in Parenthese –
Dann bitte blätt're mit den schlanken Fingern,
Den weißen Fingern mit den Rosennägeln,
Dies Heft nach vorn und rückwärts durch – du wirst
Schon manch' gepfeffertes Capitel finden,
So manch' Geständniß tragikom'scher Sünden,
Die dir vielleicht ein Bischen von Interesse –
Sind sie auch manchmal nicht Delicatesse . . .

Denn, Anna, oft tickt's mich unwiderstehlich,
Mit offnem Wort, urwüchsigen Geberden
Heraus zu sagen, was ein Andrer erst
Zehn Mal verklausulirt und elf Mal einpackt
In dichtgesponnene Lügen-Emballagen.

Doch halt! Ich bin von Neuem abgekommen,
Und die Geschichte wird nun ganz verschwommen . . .

Fatal! Wie wird der Recensentenschwarm
Sich auf mich stürzen – mein Gelenk umklammernd
Schreit er mir zu: du mußt viel klarer sein,
Denn daraus findet sich ja kaum ein Schw . . .
Geschweige denn ein Mensch – je nun – er hat
So Unrecht nicht! . . . Daß er mir huldvoll bliebe,
Bericht' ich nun von diesem Augenblick
Ganz »sachgemäß« von meiner Jugendliebe,
Von meinem übersonnten Jugendglück! . . .

Ich war ein Kind von circa siebzehn Jahren –
Doch eigentlich recht alt schon, find' ich heute –
Als ich mich in dein Lärvchen flugs vergafft . .
Mit reichlich respectabler Leidenschaft.

Ich wußte meinem Leibe keinen Rat,
Und Tag und Nacht sann ich auf eine That,
Wie ich von meiner heißen Herzensneigung
Zu Sinn dir brächte ernste Ueberzeugung . . .

Da fügte es der Zufall, daß wir beide
Uns eines Tages in den Bergen trafen . . .

Ach ja! Im Harz wars – in den Hundstagsferien.

Zwei heiterernste Schulbankkameraden,
Die meinem Herzen auch sonst näher standen,
Und ich – wir drei: wir kriegten plötzlich Sehnsucht,
Unbänd'ge, heiße, namenlose Sehnsucht,
Nach jenen Hökern, welche da und dort
Das alte Mütterchen, die Erde, trägt:

Die Sache wurde schleunigst überlegt –
Und eines Morgens war's, im Julimond,
Als wir die Domstadt, die ehrwürdig alte –
Im Herzen ist sie schon ein wenig brüchig,
Verdumpft und stockig – »kurzer Hand« verließen . . .

Das Reiseziel – bei Gott! – es war nicht Gießen,
Wie es der Reim fast zu verlangen scheint –
Vielmehr der Harz, wie ich schon oben sagte,
Thale zunächst und nachher Treseburg . . .

In Treseburg –– wie die Erinn'rung wieder
Mich überkommt an seiner Tannenwälder
Hirnklärende Parfums, die unbezahlbar
Für Adam Homo's stadtluftgrames Herz;
An seine saatbestandnen Bergeslehnen,
An seine heimlichen Poetenpfade,
An seiner Wohner kraftgesundes Trachten! – –
Doch halt! Ich muß der Parenthese achten,
Die meine Sehnsucht ungebührlich dehnt –

In Treseburg also – der Wirt hieß Müller –
Ja! Müllers giebt es in der ganzen Welt! –
Quartierten wir uns ein auf vierzehn Tage . . .

Am Abend sah ich dich! Du hattest zwar
Dein feines, stolzes, leiscoquettes Wesen
Auch in die Berge mitgebracht – und doch:
Ich liebte dich einmal und hoffte stark:
Es läßt sich schon Gelegenheit erzwingen,
Ganz stilvoll mein Geständniß anzubringen.

Ich bracht' es denn auch wirklich an – das heißt:
Beinahe nur! Denn leider mein Benehmen –
Ich muß mich eigentlich noch heute schämen! –
War vor dem Treffpunkt – wie es kam: ich weiß nicht!
Doch haben's meine Freunde mich versichert,
Und gute Freunde haben immer Recht,
Besonders wenn sie nicht – pro domo reden! –
Kurz also: mein Benehmen gegen Sie,
Mein hochverehrtes Fräulein, war zur Unzeit
Ganz fürchterlich empörend, »kraftgenial«,
»Von oben runter«, souverän, blasirt,
Sehr selbstbewußt, »bis in die Puppen frech,«
Ironisch, gallig, unanständig, grob –
Mit einem Wort: beleid'gend bis zum Tz . . .

Ich halte diesen Umstand wohl für möglich
So, wie ich meine Wenigkeit taxire . .

Denn eine alte Angewohnheit ist's –
Ich muß sie leider eingestehen – daß
Ich öfter plötzlich Sehnsucht kriege, Einem,
Besonders gerne Einem, den ich liebe,
Einmal die vorgebundne Faschingsmaske
Herabzureißen und ihm nun die Wahrheit
Saugrob wie Bodenstroh drauflos zu geigen . . .
Soll man zeitweilig nicht die Zähne zeigen?
Wozu hat man sie denn? . . . Nur also: damals
War's denn vorbei – ich machte schlechte Witze –
Bei Gott! Ich kann den Kitzel nicht verknebeln! –
Da trafen mich der Götter Racheblitze
Und wollten mich aus der Gesellschaft säbeln – –
Das war nun so – ich mußte flugs verzichten
Und konnte dich in Zukunft nur bedichten . . .

Wir sahen uns zwar später manchmal noch –
Und doch! Ein Etwas stellte sich dazwischen
Und suchte auch das Letzte zu verwischen,
Was uns vielleicht noch zu einander zog . . .
Ja! Ja! Die guten Freunde und Collegen,
Die wollen nur das Beste allerwegen!
. . .

Und weiter – auseinander immer weiter
Trieb uns seitdem ein ernster Schicksalswind . . .
Ich reifte aus zum mühbelad'nen Streiter –
Du wurdest eine Dame, weltumworben –
Die Kinderträume sind dir längst gestorben –
Du weißt nicht, was Erinnerungen sind . . .
–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –

Will's Gott, seh'n mich im nächsten Lenz die Berge,
Die Harzerberge, endlich einmal wieder . . .

Dann setz' ich mich auf meine Lieblingsbank –
Ich hoffe sie zu finden! – träume mählich,
So'n bischen echtgermanisch heimwehkrank,
In ferne Sommertage mich zurück –
In Sommertage, die von Glück fast troffen,
Bis in gewissen Nebeln sie ersoffen . . .

Und doch! Selbst heute noch in Dämmerstunden,
Wenn Alles schweigt und nur die Schatten schweben,
Und ich halb unbewußt den Weg gefunden
Zurück zu meiner Jugend Schwärmerleben –
Selbst heute noch ist's mir, als suchte dich
Mein armes Herz mit seinem tiefsten Sehnen –
Und doch – ich weiß genau: Ich irre mich –
Denn liebt' ich nicht seitdem noch drei Helenen,
Mathilde, Dora, Emmy, zwei Louisen? –
Mein Herz sucht sicher eine nur von diesen . . .

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