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Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters

Franz Dingelstedt: Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters - Kapitel 72
Quellenangabe
typepoem
booktitleLieder eines kosmopolitischen Nachtwächters
authorFranz Dingelstedt
year1923
publisherKlinkhardt & Biermann
addressLeipzig
titleLieder eines kosmopolitischen Nachtwächters
pages1-167
created20020609
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1842
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VI

            Die Blätter rieseln von den Bäumen,
Durch kahle Stoppeln bläst der Wind,
Wie lange noch willst du dich säumen
Auf deinen Fahrten, armes Kind?

Von Thal bist du zu Thal gegangen,
In jede Hütte lugtest du,
Was mit dir ging, war dein Verlangen,
Was nirgends weilte, deine Ruh.

Und sahst du neue Berge blauen,
Ob noch so fern, ob noch so hoch,
Du mußtest doch hinüberschauen,
Du dachtest: Drüben find' ich's noch!

Verloren hast du schöne Jahre,
Vergeudet manchen schön'ren Traum,
Von deinem Haupte fall'n die Haare,
So wie die Blätter dort vom Baum.

Durch deine Seele kalt und schneidend
Weht der Erfahrung böser Ost,
Die letzte Hoffnung krümmt sich leidend
Und schauernd vor dem Winterfrost.

Die Störche ziehen froh von hinnen,
Du weißt noch nicht, wohin du gehst;
Mit ihnen kannst du nicht entrinnen,
So falle nieder, wo du stehst.

Wärm' dich an fremder Menschen Heerde,
Denn einen eignen hast du nicht,
Und träume eine Heimaths-Erde,
Wo man in fremden Zungen spricht.

Gleichgiltig drück' dich in die Ecke
Und stimm' in ihren Alltags-Scherz,
Und der Entsagung Leichendecke
Zieh' fester um dein starres Herz.

Du hast's gewollt! Du darfst nicht grollen,
Und wenn du noch so elend bist;
Denn ach! du hättest ahnen sollen,
Daß es nicht ewig Frühling ist.

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