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Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters

Franz Dingelstedt: Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters - Kapitel 61
Quellenangabe
typepoem
booktitleLieder eines kosmopolitischen Nachtwächters
authorFranz Dingelstedt
year1923
publisherKlinkhardt & Biermann
addressLeipzig
titleLieder eines kosmopolitischen Nachtwächters
pages1-167
created20020609
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1842
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VI

                  Du Stadt der Bildung und des Thees, der Künste und der Nücken,
Leb' wol, der Dichter weist enttäuscht auf ewig dir den Rücken!
Kalt dünkt' es ihm, so lang' er saß in deinen stolzen Mauern,
Und niemals wollt ihm d'rin ein Lied, ein heimatliches, glücken.
Für schweres Gold erkauft' er sich nur federleichte Liebe
Und konnte keine Männerhand warm und vertrauend drücken.
In deinen Linden wohnt kein Lenz, kein Herz in den Palästen,
Und sollten sie durch Pracht und Glanz den Blinden selbst entzücken;
Auf deinen Straßen hüpft geschminkt die Armuth und die Lüge,
Verleumdung schlägt und Heuchelei dem Laster gold'ne Brücken,
Und wenn die Frömmler vor dem Kreuz sich tief und süßlich bücken,
So wissen sie doch tiefer noch vor Kreuzen sich zu bücken,
Dein König räumt und baut in dir, er schafft mit Allmachts-Händen
Nichts mehr als ein musivisch' Werk aus hunderttausend Stücken,
Die Dichter ruft er fern und nah, die Maler und die Sänger
Und stopft mit großen Namen aus der großen Männer Lücken.
Die Namen thun es freilich nicht, und sei'n sie europäisch,
Sie können nur als Säulenzier des Tempels Neubau schmücken;
Doch nur der Jugend tapf're Hand, nur frischer Geister Streben
Kann von dem Baum der Gegenwart lebend'ge Früchte pflücken.
Leicht welkt der beste Lorbeerkranz auf alters-kahler Scheitel,
Und ein Genie geht auch nicht weit auf Stelzen oder Krücken.
Ihr schreit genug, Ihr schreibt genug, Ihr seht durch Eu're Brillen
Im Kater einen Löwen gleich und Adler in den Mücken;
Wir aber, hinter'm Berge hier, wir lassen uns nicht blenden,
Wir wissen auch, was rechtes Haar, was Zöpfe und Perücken.
Das sag' ich Euch in Vieler Sinn, und sollt' es Euch verletzen,
So mögt Ihr Euch am rechten Fleck ganz ungehindert jücken.
Und wär' ich schlechten Reimen hold, ich wüßte wol noch Manches,
Das trefflich paßt auf Eu'ren Stolz, auf Eu're alten Tücken:
Ihr wißt doch, was »ersticken« heißt, was »zwicken«, »flicken«, »knicken«,
Was geistige »Fabriken« sind und stille »Katholiken«, – ?
Allein ich hab' es selber satt und weise, mit Behagen,
Du eitle, kalte, falsche Stadt auf ewig dir den Rücken! –
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