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Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters

Franz Dingelstedt: Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters - Kapitel 54
Quellenangabe
typepoem
booktitleLieder eines kosmopolitischen Nachtwächters
authorFranz Dingelstedt
year1923
publisherKlinkhardt & Biermann
addressLeipzig
titleLieder eines kosmopolitischen Nachtwächters
pages1-167
created20020609
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1842
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VI

              O Meer, o heil'ges Meer! Nach deiner Frische,
Nach deinem Frieden lechzet meine Seele:
So schreit um Wasser durch die Nacht der Büsche
Der Hindin trockene, todes-wunde Kehle.

Mich widert's an, der Thäler und der Berge
Abwechselnd' Spiel und ew'ge Einerleiheit!
Wer rettet mich aus diesem Bann der Zwerge
In dein Asyl, du Element der Freiheit?

Wo aus der Brandung jauchzendem Gebrülle
Allnächtlich ihre Hymnen aufwärts fliegen,
Wo einst, des Zwanges ledig und der Hülle,
Die Schönheit selber nackt emporgestiegen!

Was ist das Land und seine kurzen Lenze,
Die Wind und Frost in einer Nacht verjagen,
Was Nachtigallen, die um welke Kränze
Und um miswachs'ne Blumen einsam klagen?

Auch du trägst Blüthen, blendender als diese,
Die schaumgekrönten Wipfel deiner Wogen,
Im Sonnenlicht grünt ewig deine Wiese,
Begränzt nur von des Himmels blauem Bogen.

Dir reißt den Schooß, den heiligen der Mutter,
Kein Eisen auf, habgierig d'rin zu wühlen,
Für irdisch' Rindvieh bietest du kein Futter
Und darfst der Sohle ek'len Tritt nicht fühlen.

Dich hemmt des Eises Joch nicht und der Brücken,
Der Dämme lachst du, will dein Zorn erwachen,
Doch schaukelst du auf deinem freien Rücken
Den freien Mann im kecken Schiffer-Nachen.

O Meer, o Meer! durch deiner Blüthen Mitte
An grünen Hügeln jach emporzuklimmen,
Im Arm und Kuß der weichen Amphitrite
Den hüpfenden Delfinen nachzuschwimmen,

Weil unten aus des Abgrund's klarem Düster
Des Ew'gen Auge auf uns starrt und leuchtet,
Und zügelloser Wellenrosse Nüster
Mit weißem Schaum uns Haupt und Nacken feuchtet:

Das nenn' ich Lust und Kampf und Sieg und Leben,
Das gute Rast, wann spät im Abenddunkeln
Die Segel hochgebläht zum Hafen schweben,
Die Ruder all', umsprüht von hellem Funkeln.

Meer, heil'ges Meer! dir send' ich diese Grüße,
Um dich, verlorenes, klagen diese Lieder;
Nur einmal noch, bevor ich scheiden müsse,
Zeig' Gottes Spiegel mir, dein Antlitz, wieder!

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