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Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters

Franz Dingelstedt: Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters - Kapitel 51
Quellenangabe
typepoem
booktitleLieder eines kosmopolitischen Nachtwächters
authorFranz Dingelstedt
year1923
publisherKlinkhardt & Biermann
addressLeipzig
titleLieder eines kosmopolitischen Nachtwächters
pages1-167
created20020609
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1842
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III

                Noch einen Strahl, eh' in dem Wogenbette
Du deines Tages letzte Glut ertränkst,
Und fern auf andere, glücklichere Städte,
Belebende! dein Himmels-Auge lenkst!
Noch einmal webe um die rothe Firne
Des Felsens deinen zauberischen Glast,
Ein Diadem um eines Riesen Stirne,
Das hell der Falten grauen Ernst umfaßt.

Sie winkt, die Sonne, freundliche Gewährung
Und lauscht aus Wolkenschleiern groß hervor;
Es schwimmt das Meer, die Insel in Verklärung,
Der ganze Westen scheint ein flammend' Thor.
Aus lauter Strahlen baut sich eine Brücke,
Den Himmel einend mit dem dunklen Strand,
Fort strebt die Welle, strebt zum Land zurücke
Und spinnt so hin und her ihr funkelnd' Band.

Wer wandeln könnte auf dem gold'nen Pfade,
Dem Lichte nach, in die Unendlichkeit!
Wen der Delfin hintrüge, die Najade,
Die Wogen auf und ab, wer weiß wie weit?
Dort, wo der Sonne Feuerball sich bettet
In Well'- und Wolkenpfühle eingehüllt,
O wer dahin, dahin sich erst gerettet,
Dem Glücklichen wär' Wunsch und Traum erfüllt!

Da fangen Brück' und Band an zu zerrinnen,
Die Bogen lösen sich in Schaum und Duft,
Es dunkelt um des Eilands Felsenzinnen,
Die Nacht bewältigt Meer und Land und Luft.
Fahr wol, fahr wol! Noch seh' ich deinen Schimmer,
Den sterbenden, der mir verheißend winkt,
Doch ach! erreichen kann ich dich ja nimmer,
Da mit dir auch der lichte Pfad versinkt.

So steht enttäuscht, die Arme ausgebreitet,
Der Dichter an des Lebens nacktem Strand;
Das luft'ge Bild, das seinem Blick entgleitet,
Vergeblich wähnt er's nah-gerückt, gebannt.
Nach Zielen schwärmt er in der Weihe Stunden,
Zu denen glanzvoll sich ein Weg ihm beut,
Doch mit dem Ziel ist auch der Weg verschwunden,
Wie jene gold'ne Sonnenbrücke heut'.

Geh' heim! Es harret an dem Felsengange
Im letzten Häuschen eine Zelle dein,
Dort wiege bei dem nächtlichen Gesange
Des Winds, der Welle dich getröstet ein.
Und sieh', ist auch die Sonne gleich versunken,
Du bist verlassen, du bist lichtlos nicht, –
Im Osten taucht ja eben, Wehmuth-trunken
Und mild, empor des Mondes Angesicht.

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