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Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters

Franz Dingelstedt: Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters - Kapitel 48
Quellenangabe
typepoem
booktitleLieder eines kosmopolitischen Nachtwächters
authorFranz Dingelstedt
year1923
publisherKlinkhardt & Biermann
addressLeipzig
titleLieder eines kosmopolitischen Nachtwächters
pages1-167
created20020609
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1842
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Ueberall und nirgends

Keine Romanze

            Ein Königreich hab' ich gesehen,
So eins giebt's auf der Welt nicht mehr:
Mit off'nem Munde blieb ich stehen,
Und sah und staunte rings umher.

Das war ein Wolsein allerwegen
In Haus und Hof, zu Stadt und Land,
Ein rechter reicher Gottes-Segen,
Wie ihn mein Auge nirgends fand.

Die Straßen statt von Kriegsmilizen
Waren von Bürgern reich belebt,
Der Hafen hat von Mastenspizzen,
Von Rädern die Chaussée gebebt.

Von Polizei- und Amts-Verboten,
Von Mauth-Tarif und Brückengeld,
Schlagbaum und and'ren Schwerenothen
War auch nicht eine ausgestellt.

Und drinnen? – O da hat ein Glaube
Ganz ohne Pfaff und Priesterstand
Leuchtend, wie einst des Geistes Taube,
Geschwebt ob dem beglückten Land.

Und keine Spur von Mystizismus,
Von Dunkelmänner-Muckerei,
Selbst Lutherthum, Katholizismus
Und Gar-Nichts galt für Einerlei!

Und Schrift und Wort war freigegeben,
Die Presse seufzte Tag und Nacht,
Jedwede Kraft und jedes Streben,
Wenn ächt, ward wirksam auch gemacht.

Vom König war nicht viel zu sehen,
Und doch schien er an jedem Ort,
Und wollt' er wo zu Fuße gehen,
Trug man ihn auf den Händen fort.

Die Stände zeigten so viel Dummheit,
Als guten Ständen nöthig thut,
Mehr Rührigkeit und minder Stummheit
Und just den rechten Redemuth.

Mätressen gab es und Spione
Als Rarität ein Paar im Land,
Und für die Zeitung der Barone
Im Tollhaus einen Pränumerant.

Und Freiheit lag und grüner Friede
Und Ueberfluß und Lebenslust
Wie eine blitzende Aegide
Gar herrlich ob des Reiches Brust.

Die Dichter sangen wie sie wollten,
Der Eine hart, der And're weich,
Und Keiner ward darum gescholten,
War er nicht einer Schule gleich.

Noch hatt' ich, ganz in Schau'n verloren,
Des Besten Laute still gelauscht,
Als plötzlich, dicht vor meinen Ohren,
Ein fremder Klang vernehmlich rauscht.

Ich – wachte auf – . . Wo? – Im Gefängniß
Vom Klirr'n der Kett' an meinem Fuß . . .
O unglückseliges Verhängniß!
Daß man auch stäts erwachen muß!

Vor meinem Fenster stund das Gitter
So fest wie früher in der Mauer,
Und über mir sang – ohne Zither! –
Ein Strauchdieb seinen Gassenhauer.

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