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Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters

Franz Dingelstedt: Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters - Kapitel 42
Quellenangabe
typepoem
booktitleLieder eines kosmopolitischen Nachtwächters
authorFranz Dingelstedt
year1923
publisherKlinkhardt & Biermann
addressLeipzig
titleLieder eines kosmopolitischen Nachtwächters
pages1-167
created20020609
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1842
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Vierte Stazion

I

              Allmächt'ger Frühling, deck' mit deinen Ranken,
Mit deines Rasens Grün dieß Trümmer zu,
Und sing' ein Volk von hoffnungslosen Kranken
Durch deine Nachtigallen süß zur Ruh'!

Vergeude nicht an And're deine Schäzze,
Spar' deinen Lebenshauch, hier thut er noth;
O komm' und weine auf die wüsten Pläzze,
Wo Brand und Kampf und Pest und Mord gedroht!

Hier stand ein Haus, wo jetzt auf morschen Ständern
Ein Truggebild sich haltlos wiegt und streckt,
Hier blüh'ten Saaten, wo auf brachen Ländern
Gestrüpp' und Schlingkraut heut' den Boden deckt.

Weß war die Hand, die unter sich're Dächer
Zuerst die Fakkel der Zerstörung hielt,
Die in dem Inn'ren friedlicher Gemächer
Auf treue Männer mörderisch gezielt?

Wer zog die Stüzzen eines sich'ren Lebens
Dem Volke fort und brach der Väter Eid?
Wer schlug die Kraft des edlen Gegenstrebens
Durch Lug und Trug, durch Zwang und Drang und Leid?

Verbot'ne Fragen! . . . Trage in der Stille,
Was zu ertragen sich ein Volk entschloß;
Unendliches vermag ein eh'rner Wille,
Und ach! die Zeit trägt böse Frucht im Schoos.

Sieh, wie gebeugt die weisen Häupter alle,
Sieh, wie zerrissen jede Kraft im Staat,
Es schwankt das Land, gleich einem irren Balle,
Von Pol zu Pol und weiß sich keinen Rath.

Parteiung schleicht in seinem Heiligthume
Gefährlich um, Muth und Vertrauen wankt;
Weh', armes Volk, weh' deinem alten Ruhme,
Dein Herz ist hart getroffen und erkrankt.

Aufwärts die Blikke aus dem nächsten Grauen
Der Gegenwart; nicht ewig währt die Nacht!
Wer weiß, wie bald die Himmel wieder blauen?
Wer weiß, wie früh ein deutsches Volk erwacht?

Der Frühling ist zurück in's Land geflogen,
Ihn hemmte weder Mauth noch Polizei,
Frei schreitet er einher und ruft den Wogen,
Den Wäldern zu, den Wiesen: Ihr seid frei!

Und tausend Stimmen, die im Chor erwidern,
Und tausend Kräfte, die sich neu geregt;
Hört nur, wie ihres Heeres schmukken Gliedern
Die Lerche mahnend die Reveille schlägt!

Getrost, getrost! Dein Frühling auch wird kommen,
Vielleicht, du ahnst es nicht, ist er schon nah;
Und wird, zu schwer, dein Kreuz dir nicht genommen,
Ei nun! so wirf es ab! du kannst es ja!

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