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Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters

Franz Dingelstedt: Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters - Kapitel 36
Quellenangabe
typepoem
booktitleLieder eines kosmopolitischen Nachtwächters
authorFranz Dingelstedt
year1923
publisherKlinkhardt & Biermann
addressLeipzig
titleLieder eines kosmopolitischen Nachtwächters
pages1-167
created20020609
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1842
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Frage und Antwort

Gesellschaftsspiel

                  »Warum denn nur in allen Sachen
Den unzufriednen Tadler machen?
Was spielst Du, nimmermüder Krittler,
Nicht lieber freundlich den Vermittler?

Dein Sinn besieht mit rechtem Willen
Die Welt durch schwarz-gefärbte Brillen,
Und in Kritik, in Wunsch und Klage
Verträumst Du Deine besten Tage.

Du wirst durch Predigen und Schimpfen
Nur Mismut in die Menschen impfen,
Und dennoch macht Dein wildes Lästern
Das träge Heute nicht zum Gestern.

Du kannst das Rad der Zeit nicht drehen,
Es wird im alten Gleise gehen,
Das Wort befreit die Erde nimmer,
Es macht nur schlimme Dinge schlimmer.

Genieß doch wie die And'ren thuen,
Die weise dort im Schatten ruhen,
Und statt die Macht keck zu bestreiten,
Such' schlau an ihr emporzugleiten.

Was kümmern Dich die freien Pressen,
Wenn Du zu trinken hast, zu essen?
Und was das allgemeine Beste,
Wenn Du behaglich sitz'st im Neste?

Sieh' zu, wie hoch's die Klugen treiben,
Willst Du am Boden ewig bleiben?
Du hast die Kraft, nun brauch' sie richtig
Und mach' dein Pfund durch Wucher wichtig!«


*
 
– Und hätten so wie Du gedacht
   Die uns're Väter sind,
   So wär's im Land noch immer Nacht
   Und wir noch immer blind.

   Wol ist es schwach und arm mein Wort,
   Weil ich nur Dichter bin,
   Doch trägt's vielleicht ein Lüftchen fort,
   Wer weiß wie und wohin?

   Es gleicht dem dunklen Samenkorn,
   Du kennst das alte Bild:
   Eins fällt in Busch und Stein und Dorn,
   Eins in ein Fruchtgefild.

   Vielleicht blüht über Tag und Jahr,
   Wenn längst der Sä'mann todt,
   Auf steilen Felsen wunderbar
   Ein Blümlein weiß und roth.

   Der Frühling kommt schon über Nacht,
   Zieh'n erst die Schwalben um;
   Weil eine keinen Sommer macht,
   Drum sei sie noch nicht stumm.

   Und wenn ich nicht, wie Ihr es wollt,
   Euch lobe mit Geschrei, –
   Ei nun! ich singe nicht um Gold
   Und bin kein Papagei.

   Ihr miethet Euch des Zeug' s genug
   Und für Euch sind sie all',
   So laßt der Lerche ihren Flug,
   Ihr Lied der Nachtigall.

   Nach Hohem steht mir nicht der Sinn,
   Wie Ihr es meint, Ihr Herrn,
   Nach Sternen streb' ich freilich hin,
   Doch nicht nach einem Stern.

   Mit Euch genießen mag ich nicht,
   Ihr weint ja nicht mit mir,
   Und was das Herz entzwei mir bricht,
   Ach! dazu lächelt Ihr.

   Daß ich die Welt nicht anders seh',
   Als wie – durch Euch! – sie ward,
   Glaubt mir, das thut Euch minder weh,
   Als mir und meiner Art.

   Geh' du die Wege deiner Pflicht,
   Weil ich die meinen geh';
   Ich had're mit dir wahrlich nicht,
   Und damit, Mann, Ade!

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