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Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters

Franz Dingelstedt: Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters - Kapitel 28
Quellenangabe
typepoem
booktitleLieder eines kosmopolitischen Nachtwächters
authorFranz Dingelstedt
year1923
publisherKlinkhardt & Biermann
addressLeipzig
titleLieder eines kosmopolitischen Nachtwächters
pages1-167
created20020609
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1842
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VI

          Aus kleinen Wurzeln sprossen starke Bäume,
Ein mächt'ger Strom entspringt aus dunklem Quell:
D'ran mahnen diese unscheinbaren Räume,
Eh'mals dein Zelt, erwähltes Israel!

Die Sonne dringt, des Mondes Leuchten nimmer
In jene Hütten voller Rauch und Schmutz,
Und nur der Sabbathslampe seltner Schimmer
Bestrahlt den innen streng versteckten Putz.

Wie dräuend-schwer die Giebel überhängen,
Von Dampf geschwärzt, von Alters Wucht gebeugt
Wie sie zu Schutz und Trutz zusammendrängen,
Als hätte die Gewalt sie hergescheucht!

Aus nied'ren Pforten, wie aus Mördergruben,
Gähnt ew'ges Dunkel räthselhaft dich an,
Und schmale Stiegen klimmen auf in Stuben,
Durch deren Fenster nie ein Lichtstrahl rann.

Und stäte Nässe in der engen Gasse,
Die krumm und winklicht ihres Weges schleicht,
Und vor den Thüren hag're, scharfe, blasse
Gesichter, von der Leidenschaft gebleicht.

Das Judenviertel! – O Barbaren-Zeiten,
Da man ein Volk hier sklavisch eingezwängt,
Und da des Nachts am Thor, zu beiden Seiten,
Ein unerbittlich-ehern Schloß gehängt;

Da jeder von des Reiches Kammerknechten
Sein Judenzeichen sammt der Kalle trug,
Und da der Junkherr mit der kecken Rechten
Straflos in des Ebräers Antlitz schlug!

Sie sind dahin, die vielgeschmälten Tage,
Das Blättlein hat schon leise sich gewandt,
Und Juda ringt uns unter ew'ger Klage
Listig das Heft aus ungeschickter Hand.

Emanzipirt, wie Ihr es einst verrammelt,
Dies zähe Volk, die Mode wechselt ja;
Es hat schon längst zu Haufen sich gesammelt
Und steht als Macht, Euch gegenüber, da.

Den Landmann drängt es hart aus seinem Sitze,
Den Krämer scheucht es von dem Markte fort,
Und halb um Gold, und halb mit Sklavenwitze
Kauft es dem Zeitgeist ab sein Losungswort.

Wißt Ihr, wie tief sein Zauber schon gedrungen?
Schaut um, die Ihr von Menschenrechten träumt;
Sie reden drein mit den metall'nen Zungen,
Wo scheu der Christ verstummt und zagt und säumt.

Was kann dem Stamm Emanzipiren frommen,
Der nie vom Schacher sich emanzipirt?
Was Ihr ihm schenken wollt hat er genommen,
Dieweil Ihr um Prinzipien disputirt!

Wohin Ihr faßt, Ihr werdet Juden fassen,
Allüberall das Lieblingsvolk des HErrn!
Geht, sperrt sie wieder in die alten Gassen,
Eh' sie Euch in ein Christenviertel sperr'n!

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