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Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters

Franz Dingelstedt: Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters - Kapitel 24
Quellenangabe
typepoem
booktitleLieder eines kosmopolitischen Nachtwächters
authorFranz Dingelstedt
year1923
publisherKlinkhardt & Biermann
addressLeipzig
titleLieder eines kosmopolitischen Nachtwächters
pages1-167
created20020609
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1842
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II

              Und daneben die Zeugen der alten Zeit,
Der römisch-deutschen Herrlichkeit,
Der Römer mit seinen Kaiserbildern,
Goldenen Bullen und Wappen schildern!

Der Platz, den einst mit schwerem Tritt
Der neugekrönte Kaiser beschritt
Ueber scharlachene Decken von Sammt,
Worauf in Gold der Adler geflammt!

Dort fiel der Stier, dort sprang der Wein,
Dort riß das Volk die Küche ein,
Und rings ein Drängen in engen Räumen
Mit Glockengeläut und Becherschäumen!

Beschleicht dich in heutiger Nüchternheit
Nimmer ein Traum von solcher Zeit?
Hast du über Herbst- und Ostermessen
Deiner alten Glorie ganz vergessen?

Dein Strom wird breit, dein Quai wird weit,
Deine Straßen verschönen sich alle Zeit,
Und nur dein Herz, dein Volksbewußtsein
Schrumpft ein und wird bald völlig Verlust sein.

Ermanne dich, deutsche Stadt am Main!
Du sollst mit unter den ersten sein,
Nicht blos ein Thor, um durchzuwandeln,
Nicht blos eine Halle zum Kaufen und Handeln.

Prozent und Wechsel und Agio,
Das macht ein deutsches Gemüt nicht froh,
Und die Juwelen und die Paläste
Sind auch noch nicht von Allem das Beste.

Roll' hin in deiner Karossen Glanz;
Du verrollst, verrennst, verrechnest dich ganz,
Und bist und bleibst am Ende netto
Doch nur unser erstes und letztes Ghetto!

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