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Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters

Franz Dingelstedt: Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters - Kapitel 20
Quellenangabe
typepoem
booktitleLieder eines kosmopolitischen Nachtwächters
authorFranz Dingelstedt
year1923
publisherKlinkhardt & Biermann
addressLeipzig
titleLieder eines kosmopolitischen Nachtwächters
pages1-167
created20020609
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1842
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XIX

              In diesen Zellen schlafen sie,
Die Mittelding' von Mensch und Thiere,
Behandelt wie das liebe Vieh,
Wie dieß gestreckt auf alle Viere.
Wie dumpf, wie dunstig rings um's Haus
Und drin welch' Toben, Stampfen, Schreien!
Hier Lieder voller frohem Graus,
Dort irrer Glieder Selbstkasteien!

O Wahnsinn! Schreckliches Gespenst,
Die Geißel in entfleischten Händen,
Wenn du bald frech vorüberrennst,
Bald lauernd schleichst an uns'ren Wänden,
Wer bürgt dafür, daß deine Faust
Nicht plötzlich uns'ren Scheitel treffe,
Und daß, der bei den Tollen haust,
Der Geist nicht längst uns selber äffe?

Die kranke Lieb', den kranken Stolz,
Wir sperren sie in eh'rne Stäbe,
Um unser Maß aus dürrem Holz
Zieh'n wir jedwede Wucherrebe,
Was nicht so denkt, wie wir, und nicht
So fühlt, das zählen wir zu Kranken,
Und ob nicht just Gesundheit spricht
Aus ihren taumelnden Gedanken?

So sperrst Du auch den Löwen ein,
Du zeigst ihn keck in deinen Gittern,
Und fühlest doch bei seinem Schrei'n
Das Herz im Leib' Dir bang erzittern;
Nennst Du ihn toll, nennst Du ihn frei,
Wenn er zerreißt, der ihn gehütet,
Und seinem Zwingherrn stolz vorbei
Blutlechzend durch die Gassen wüthet?

Pocht auf das Monopol »Vernunft«
Nicht allzufest in Eu'ren Sizzen,
Groß ist der Narren heil'ge Zunft,
Dies Haus stäts offen für Novizen.
Die dort am letzten Fenster, war
Vor Jahren eine schmucke Dirne,
Demanten blitzten ihr im Haar
Und Anmuth von der schönen Stirne.

Um ihres Mundes Lächeln rang
Ein Heer von albernen Gesellen,
Jetzt lacht sie, daß den Gang entlang
Die Töne schrecklich widergellen;
Einst knie'te man vor diesem Weib,
Jetzt sieh', wie sie sich schamlos windet
Und gierig den entweihten Leib
Dem Knechte beut, deß Hand sie bindet.

Ich fühlte, wenn ich nächtig schritt
Wol oft so was von Wahnsinns Nähe,
Dicht hinter mir ein plumper Tritt,
Im Ohr Gelächter und Gekrähe;
Es packte mich im Nackenhaar
Und raunte schauerliche Weisen,
Und aus dem Dunkel starrte klar
Ein Aug' mich an mit Flammenkreisen.

Das ist, wovor mir bangt und graust:
Nur nicht in dieses Hauses Schrecken,
Nicht unter jener Henker Faust.
Nicht in das Schrei'n und Zähneblecken!
Und doch zu diesem Thore zieht
Mich immerfort ein heimlich Harren . . .
Hinein, hinaus? . . . Mein Fuß entflieht,
Sobald die schweren Riegel knarren.

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