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Lieder aus China

Hans Böhm: Lieder aus China - Kapitel 22
Quellenangabe
authorHans Böhm
titleLieder aus China
publisherGeorg D. W. Callwey
firstpub
illustratorRudolf Großmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170115
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Das Nachwort

Die kleine Auswahl chinesischer Lyrik, die ich hier vorlege, bringt Proben aus mehr als zwei Jahrtausenden einer nie abgebrochenen Kulturentwicklung, von der Frühstufe strenger Bindung, als deren grausig großes Sinnbild die Selbstopferung des Gefolges nach dem Tode seines Herrn erscheint, bis zum lockeren überreifen Rokoko des »Weidenblattes«. Den größten Raum nehmen, wie billig, die Dichter der klassischen Tang-Zeit ein (618-905), von denen Li Tai Po in Europa am bekanntesten geworden ist: ein Getriebener, der, außerhalb der Gesellschaft stehend, das Grauen der Vergänglichkeit mit Wein und Liebe betäuben will; in vielem sein Gegenteil ist Po Chü-i, hoher Beamter und charaktervoller Staatsmann, die Gottheit des Ewigen Wandels gelassen verehrend und eben darum fähig, die Schönheit des Unscheinbaren, Alltäglichen und Schlichten in Stoff und Ausdruck zu entdecken – groß als Künstler, bezwingend als Mensch.

Im kleinen Raum solcher Auslese, ohne die ermüdenden Wiederholungen dieser traditiongebundenen Kunst, zeigt sich ihr Reichtum vielleicht am schönsten. Taoistische und buddhistische Mystik, Heldentum und Kriegerehre, Liebe manchen Tons und Ranges, an ihrer Stelle bei den jungen Literaten und späteren Staatsdienern eine hochgestimmte Männerfreundschaft, heitere und ernste Bilder des Lebens, sich steigernd bis zu erschütterndem Ausdruck allgemein-menschlichen oder persönlichen Leidens, politische und gesellschaftliche Satire; dazu die Landschaft, groß und zart gesehen wie in der chinesischen Malerei. Unter den Gattungen ragt der Vierzeiler hervor als eine Form verhaltenen und verschweigenden Andeutens, welche wundersame Kleinodien reiner Lyrik hervorgebracht hat. Leidenschaft ist dieser Kunst im allgemeinen fremd; ihr Wesen ist eine milde, oft schwermütige Beschaulichkeit, und ihr höchster Zauber liegt in der Verbindung eines modern anmutenden Impressionismus mit der keuschen Kühle eines doch antik gebundenen Seelenlebens.

Befremdend und befreiend zugleich wirkt der Anblick einer fernen hohen Kultur – in anderer Gestalt das gleiche Menschenwesen zu finden beunruhigt und beglückt. Der Wissenschaftler wird mehr das Einmalige, Bedingte, »ganz Andere« der Erscheinung empfinden, der Künstler stärker von der Gleichartigkeit des Lebens bewegt werden; als Übersetzer läßt er je nach dem Charakter des Gedichtes die eine Betrachtungsweise vorwalten, ohne doch die andere ganz vernachlässigen zu dürfen. Solches Verhalten allein bewahrt vor der subjektiven Willkür, welche diese Lyrik, je nach der herrschenden Mode, naturalistisch oder expressionistisch vergewaltigt und damit vernichtet hat, bar der Ehrfurcht und Liebe, die der Übersetzer dem Urbilde schuldet. Außerdem gilt freilich zuerst und zuletzt die Forderung, daß lyrische Übertragungen eben – Gedichte seien.

Selbst die bisherigen (lateinischen, französischen, englischen und deutschen) Prosa-Wiedergaben, oft fehlerhaft in der Auffassung des Textes und ohne Umblick und Geschmack in der Auswahl, waren als Stoff künstlerischer Gestaltung wenig brauchbar; ich habe als Erster die, seit 1919 erschienenen, zuverlässigen und feinfühligen Prosa-Übertragungen des englischen Sinologen Arthur Waley benutzt.

Im Auftrag der Verlagsbuchhandlung Georg D. W. Callwey in München wurden im Herbst des Jahres 1929 von diesen »Nachdichtungen Chinesischer Lyrik« zweitausend Stücke bei Jakob Hegner in Hellerau in der Janson-Kursiv von 1670 hergestellt. Einhundert Exemplare wurden in Seide gebunden, handschriftlich numeriert und signiert.

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