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Lieder aus China

Hans Böhm: Lieder aus China - Kapitel 21
Quellenangabe
authorHans Böhm
titleLieder aus China
publisherGeorg D. W. Callwey
firstpub
illustratorRudolf Großmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170115
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Po Chü-i

(Schriftstellername Lo Tien »der sich am Himmel freut«) 772-846

Der rote Kakadu

Von Annam als Geschenk gesandt
Ein roter Kakadu;
Gleich Pfirsichblüte sein Gewand,
Und spricht wie'n Mensch dazu.

Man gab ihm auch, was jeder kriegt,
Der beredt und aufgeweckt:
Man nahm einen Käfig, fest gefügt,
Und hat ihn reingesteckt.

Die Seidenmütze

Vor langer Zeit hast einem weißen Schopfe
'ne schwarze Seidenmütze du verehrt.
Die Mütze sitzt noch heut auf meinem Kopfe,
Du hast dich zu den Untern Quell'n gekehrt.

Das Ding ist alt, doch immer noch zu brauchen;
Der Mann ist weg, ihn seh ich niemals mehr.
Draußen am Berg die Mondesstrahlen hauchen,
Am Grab die Bäume schwingen hin und her.

Erinnerung an »Goldglocken«

Verbraucht und krank – ein Mann von vierzig Jahren;
Unschuldig, hübsch – ein Mädchen sie von drei'n.
Kein Knabe! Doch die kurzen Küsse waren
Mir süß, ihr Schmeicheln drang ins Herz mir ein.
Dann kam ein Tag, wo man sie weggetragen;
Die Seele ging in unbekannte Fernen.
Und denk ich, wie sie grad in jenen Tagen
Drollig geschwatzt, eifrig beim Sprechenlernen,
Dann weiß ich, daß von Fleisch und Blut das Band
Uns schließt an eine Last von Gram und Leid.
Zuletzt rief ich vors Auge mir die Zeit,
Eh sie geboren war, und überwand
Durch Überlegung und Vernunft den Schmerz.
So mancher Tag verging, seit sie mein Herz
Vergaß, und dreimal kam die Frühlingszeit.
Doch heute wars, daß mich das alte Leid
Neu überfiel und eine Weile hielt –
Ich traf die Amme, die mit ihr gespielt.

Schmerz

Nach Jade drehn sich rosige Knabenwangen,
An kranken Tempeln Winterfröste hangen.
Mein Leib – wen wunderts auch – sinkt erdenwärts,
Die Glieder alt, doch älter noch das Herz.

Als er von Yüan Chên geträumt hatte

Du kamst bei Nacht und nahmst meine Hand und wir gingen im Traum miteinander;
Am Morgen da war kein Mensch mir zur Seite, der mir meine Tränen gestillt.
An den Ufern des Chang ist mein alter Leib seit damals dreimal gewandert,
In Hsien Yang deines Grabes Gras hat achtmal der Winter verhüllt.
Bei den Gelben Quellen ruhest du, dein Gebein vermengt mit dem Grunde;
Ich wohne noch in der Menschenwelt, mein Haar so weiß wie der Schnee.
Auwei und Han-lang, deine Söhne, die zwei, sie folgten seitdem dir hinunter –
Bei den Schatten dort im Garten der Nacht, hast du sie wiedergesehn?

Seiner kleinen Nichte mit einem Silberlöffel

Dienst in der Ferne – das bin ich gewöhnt;
Von Haus zu gehn – da wußt ich mich zufassen.
Doch Fräulein Kuei dort zu Haus zu lassen,
Darüber hab geweint ich und gestöhnt.

Kleine Mädchen müssen zierlich essen und fein.
(Frau Tsao, bitte achten Sie darauf!)
Dafür packt ich den Silberlöffel ein –
Nun denk an mich und iß hübsch artig auf!

Auf einer Bergwanderung mit einer kleinen Tänzerin

(Der Dichter 65 Jahre alt)

Die zwei Haarschleifen noch nicht in eine geknüpft,
Von dreißig Jahren die Hälfte kaum überhüpft:
Du, die eine echte Satin- und Seidendame ist,
Und nun meine Berg- und Stromgefährtin bist.
An den Frühlingsquellen zusammen wir spielen und spritzen
Auf den lieblichen Bäumen zusammen wir klettern und sitzen
Ihre Wange wird rosig, wenn rascher den Schleifer sie tanzt
Ihre Braue wird trüb, wie die Töne langsamer steigen – –
Nun singe nur nicht das Lied von den Weidenzweigen,
Wenn keiner doch hier ist, dem du das Herz brechen kannst!

Nach dem Mittagessen

Aufs Essen folgt ein Schläfchen, kurz und fest;
Wach ich dann auf – zwei Tassen Tee.
Ich heb den Kopf und wieder einmal seh
Ich's Sonnenlicht sich wenden nach Südwest.

Wer glücklich ist, klagt um die kurzen Tage;
Dem Traurigen macht des Jahres Trägheit bang;
Wer aber frei von Freude oder Klage,
Lebt hin und fragt nicht viel nach »kurz« und »lang«.

Als er ein Lied Yüan Chêns hörte

Sein Pinsel tuscht nie mehr ein neu Gedicht;
Sein Name selbst, was gilt er nun?
Was er geschrieben, liegt schon lange dicht
Von Staub bedeckt in tiefen Truhn.

's war eines Abends spät, und einer sang,
Plötzlich klang mir ein Lied ans Ohr –
Eh noch ein Wort mir ins Bewußtsein drang,
Quoll schon ein Weh in mir empor.

Nach dem Schlagfluß (839)

Bedenk nicht, was vorbei ist und vergangen,
Vergangenheit erregt nur Gram und Groll.
Bedenk nicht, was in Zukunft werden soll,
Die Zukunft füllt die Seele nur mit Bangen.

Sitz lieber tags, ein Sack, im Sessel du,
Lieg lieber nachts, ein Stein, in Bettes Grund.
Wenn Essen kommt, mach auf den Mund;
Wenn Schlaf kommt, mach die Augen zu.

Der weggeflogene Kranich

Der Hof verschneit so dicht und schwer,
Der Seewind half bei deiner Flucht.
Fandst du den Freund, den du gesucht?
Drei Nächte, und kein Zeichen mehr!

Aus Wolken hört ich schwach dein Schrei'n,
Dein Schatten fuhr im Mondeshauch.
Mein Haus ist leer; wer möcht wohl auch
Des alten Manns Gefährte sein!

Grabschrift

Lo-t ien! Lo-t ien!
Zwischen Himmel ich und Erde
Fünfundsiebzig Jahre lang.
Lebend gleich der Wolke gleitend,
Sterbend nun im Raupendrang
Zur Verpuppung mich bereitend.
Weshalb ich hierhergekommen,
Weshalb ich
nun wandern werde,
Solches Wissen kann nicht frommen.
Hab so manchen Weg genommen
Einst vor Zeiten, einst vor Zeiten –
Mags wohin es will nun gleiten:
Sollt ich hängen mich ans Hier?

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