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Liebesnovellen der italienischen Renaissance

Hanns Floerke: Liebesnovellen der italienischen Renaissance - Kapitel 9
Quellenangabe
authorVerschiedene Autoren
titleLiebesnovellen der italienischen Renaissance
publisherVerlag Kurt Desch
yearo.J.
illustratorCharles Eisen
correctorJosef Muehlgassner
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Giovanfrancesco Straparola

(ca. 1483-ca. 1558)

Giovanfrancesco Straparola, geb. um 1483 zu Caravaggio, gest. um 1558. Seine Novellen- und Märchensammlung, die »Ergötzlichen Nächte«, erschien in ihrem ersten Teil 1550, in ihrem zweiten 1553, die erste Ausgabe beider Teile kam 1556, wie alle übrigen, in Venedig heraus.

Das Gottesurteil; die 2. Novelle der 4. Nacht. Entnommen aus: »Die Ergötzlichen Nächte des Giovanfrancesco Straparola von Caravaggio, übersetzt von Hanns Floerke, München 1908 (Perlen älterer romanischer Prosa, Bd. VIII u. IX)«.

Das Gottesurteil

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In Athen, einer uralten Stadt Griechenlands, die in vergangenen Zeiten Heimstätte und Zuflucht aller Wissenschaften war, jetzt aber infolge ihres maßlosen Hochmuts vollkommen zerstört und vernichtet ist, lebte einmal ein Edelmann, namens Messer Erminione Glaucio, ein wahrhaft großer, in der Stadt sehr geschätzter, sehr reicher, aber an Verstand sehr armer Mann. Denn als er schon recht bei Jahren war und sich ohne Kinder sah, beschloß er, sich zu verheiraten, und nahm zum Weibe die wunderschöne und durch unzählige Tugenden ausgezeichnete Tochter des Messer Cesarinos Centurione, eines Mannes aus adligem Geschlecht, ein junges Mädchen, namens Filenia, mit dem sich kein anderes in der Stadt vergleichen konnte. Und da er fürchtete, sie möchte infolge ihrer einzigartigen Schönheit von vielen umschwärmt werden und irgendeinen schimpflichen Fehltritt begehen, der zur Folge haben würde, daß die Leute mit Fingern auf ihn wiesen, beschloß er, sie in einen hohen Turm seines Palastes zu sperren und sie den Blicken aller zu entziehen. Und es dauerte nicht lange, da wurde der arme Alte, ohne den Grund dafür zu wissen, so eifersüchtig, daß er sich selbst kaum mehr kannte. Nun wohnte in der Stadt ein junger, aber sehr kluger und gewitzter Student aus Kreta, namens Ippolito, der wegen seines freundlichen Wesens und seiner Schönheit von allen sehr geliebt und geschätzt wurde. Dieser hatte Filenia, bevor sie sich verheiratete, lange Zeit den Hof gemacht und war außerdem sehr befreundet mit Messer Erminione, der ihn wie seinen Sohn liebte. Des Studierens ein wenig überdrüssig und von dem Wunsche, seinem ermüdeten Geiste Erholung zu gönnen, bewogen, hatte er Athen verlassen, war nach Kandia gegangen und hatte sich dort einige Zeit aufgehalten.

Nach Athen zurückgekehrt, hatte er gefunden, daß Filenia eine Ehe eingegangen war. Dies schmerzte ihn über die Maßen und um so mehr, als er sich der Möglichkeit beraubt sah, sie nach Gefallen zu sehen, und es ihm unerträglich war, daß ein so schönes und reizendes Mädchen mit solch einem geifernden und zahnlosen Greis verheiratet war.

Als nun der verliebte Ippolito die glühenden Stachel und scharfen Pfeile der Liebe nicht länger in Geduld ertragen konnte, sann er auf geheime Mittel und Wege, durch die er zur Erfüllung seiner Wünsche gelangen könnte. Und nachdem er viele Möglichkeiten ausfindig gemacht hatte, wählte er mit großer Überlegung eine davon aus, die ihm die verheißungsvollste schien. Um seinen Plan auszuführen, ging er in die Werkstatt eines benachbarten Tischlers und bestellte bei ihm zwei ziemlich lange, breite und hohe Truhen, übereinstimmend in Maß und Ausführung, so daß man sie nicht leicht voneinander unterscheiden konnte. Dann begab er sich zu Messer Erminione, tat, als bedürfe er seiner, und sprach mit großer Schlauheit folgendes zu ihm: »Lieber Messer Erminione, den ich nicht weniger wie einen Vater stets geliebt und verehrt habe, wüßte ich nicht, wie sehr Ihr mir zugetan seid, so würde ich es nicht wagen, Euch mit einem so großen Wunsche beschwerlich zu fallen und Euch um einen Dienst zu bitten; da ich Euch jedoch stets liebreich gegen mich befunden habe, zweifle ich nicht, das von Euch zu erlangen, was ich wünsche und was mir am Herzen liegt. Ich muß in wichtigen Geschäften bis nach der Stadt Frenna reisen und dort so lange bleiben, bis sie erledigt sind. Und da ich im Hause niemanden habe, dem ich vertrauen könnte, da es sich in den Händen von Dienern und Mägden befindet, deren ich nicht allzu sicher bin, möchte ich, vorausgesetzt, daß Ihr nichts dagegen habt, bei Euch eine Truhe voll der wertvollsten Dinge, die ich besitze, deponieren.« Messer Erminione, der an nichts Böses dachte, erwiderte dem Studenten, es sei ihm recht, und damit die Truhe sicher sei, wolle er sie in seinem Schlafgemach unterbringen.

Der Student dankte ihm dafür aufs herzlichste, versprach ihm, diesen Dienst ewig in der Erinnerung zu behalten und bat ihn dann auf das dringendste, sich herbeizulassen und mit ihm nach Hause zu gehen, damit er ihm die in der Truhe verwahrten Gegenstände zeigen könne. Messer Erminione ging also mit in das Haus Ippolitos, und dieser zeigte ihm dort eine Truhe voller Gewänder, Juwelen und Halsketten von nicht geringem Werte. Dann rief Ippolito einen seiner Diener, stellte ihn Messer Erminione vor und sagte zu ihm: »Jedesmal, wenn mein Diener die Truhe holen kommt, so schenkt ihm ebensoviel Glauben wie mir selbst.« Nachdem Messer Erminione fort war, legte sich Ippolito in die andere Truhe, die ebenso aussah, wie die mit den Kleidern und Juwelen angefüllte, schloß sich darin ein und befahl dem Diener, sie zu Messer Erminione zu tragen. Der Diener, der in alles eingeweiht war, gehorchte seinem Herrn und rief einen Lastträger, der sich die Truhe auf die Schultern lud und sie in den Turm schaffte, wo sich die Kammer befand, in welcher Messer Erminione nachts mit seiner Frau schlief.

Messer Erminione gehörte zu den vornehmsten Männern der Stadt Athen, und da er großen Reichtum und Einfluß besaß, ergab sich infolge des Ansehens, in dem er stand, für ihn die Notwendigkeit, für einige Tage nach einem Porto Pireo genannten Ort zu gehen, der zwanzig Stadien von Athen entfernt lag, um dort einige Streitigkeiten und Meinungsverschiedenheiten zwischen den Städtern und den Landbewohnern zu schlichten, was er sehr ungern tat. Als nun Messer Erminione mißgelaunt infolge seiner Eifersucht, die ihn Tag und Nacht quälte, fortgegangen war und der Jüngling in der Truhe die schöne Frau mehrmals hatte seufzen, klagen, weinen und ihr hartes Geschick und den Augenblick ihrer Verheiratung mit dem Zerstörer ihres Lebens verwünschen hören, wartete er auf den günstigen Augenblick, wo sie eingeschlafen sein werde. Und als er sie im ersten Schlummer glaubte, verließ er die Truhe, trat an ihr Bett und flüsterte: »Wach auf, meine Seele, dein Ippolito ist bei dir.« Sie wachte auf, und als sie ihn sah und erkannte, denn es brannte Licht im Zimmer, wollte sie schreien. Aber der Jüngling drückte ihr die Hand auf den Mund und verhinderte sie daran und sagte dann beinahe in Tränen: »Sei still, mein Herz! Siehst du nicht, daß ich dein Ippolito, dein treuer Liebhaber bin, für den das Leben ohne dich eine Qual ist?«

Als sich die schöne Frau ein wenig beruhigt und den alten Erminione und den jungen Ippolito im Geiste miteinander verglichen hatte, zeigte sie sich mit dem Vorgehen Ippolitos nicht unzufrieden; sie pflegte im Gegenteil mit ihm die ganze Nacht unter verliebten Reden des Beilagers, wobei sie nicht verfehlten, auf die Maßnahmen des einfältigen Gatten zu schelten und die weiteren Zusammenkünfte zu verabreden. Mit Tagesanbruch schloß sich der Jüngling in die Truhe ein, und während der Nacht verließ er sie nach Belieben und lag bei Filenia.

Es waren bereits eine ganze Reihe Tage vergangen, als Messer Erminione, durch die Unbequemlichkeit, die er aushalten mußte, und die rasende Eifersucht, die ihn beständig quälte, bewogen, die Streitigkeiten an jenem Orte schnell beilegte und heimkehrte. Als Ippolitos Diener Messer Erminiones Rückkehr erfahren hatte, ging er bald darauf zu ihm und bat ihn im Namen seines Herrn um die Truhe, und sie wurde ihm gemäß der getroffenen Vereinbarung von ihm freundlich ausgeliefert, worauf er einen Lastträger nahm und sie nach Hause schaffen ließ.

Nachdem Ippolito die Truhe verlassen hatte, ging er auf den Marktplatz, wo er Messer Erminione traf. Sie umarmten sich und er bedankte sich aufs herzlichste für den erwiesenen Dienst, auch erklärte er, daß er sowohl wie seine Habe jederzeit zu seiner Verfügung ständen.

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Als nun eines schönen Morgens Messer Erminione Glaucio mit seiner Frau länger als gewöhnlich im Bette lag, geschah es, daß sein Blick auf einige Speichelspuren fiel, die auf der Wand vor seinen Augen in ziemlicher Höhe und in beträchtlicher Entfernung von ihm zu sehen waren. Da packte ihn wieder seine alte peinigende Eifersucht, er verwunderte sich höchlich und begann, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob die Speichelspuren von ihm oder jemand anderem herrührten; und nachdem er lange hin und her gesonnen hatte, wollte es ihm gar nicht in den Sinn, daß sie von ihm stammen sollten. Daher befürchtete er sehr, was auch wirklich geschehen war, wandte sich gegen seine Frau und fuhr sie mit zorniger Miene an: »Von wem stammt der Speichel, so hoch da oben? Von mir stammt er nicht, ich habe nie dorthin gespuckt; du hast mich zweifellos betrogen.« Da antwortete ihm Filenia lächelnd: »Wißt Ihr nichts Besseres?« Als Messer Erminione sie lachen sah, geriet er noch mehr in Hitze und rief: »Ha, du lachst, ruchloses Weib, das du bist! und worüber lachst du?« »Über Eure Dummheit lache ich«, antwortete Filenia. Er ärgerte sich darüber nicht wenig, und da er ausprobieren wollte, ob er so hoch spucken könne, bemühte er sich hustend und räuspernd mit seinem Speichel das Ziel zu erreichen; aber er bemühte sich vergeblich, denn seine Spucke fiel wieder zurück und ihm ins Gesicht und besudelte es gänzlich.

Nachdem der arme Greis sich mehrmals darin versucht hatte, fand er, daß es immer schlechter ging. Als er dies erkannte, schloß er daraus mit Sicherheit, von seiner Frau hintergangen worden zu sein, wandte sich gegen sie und warf ihr die größten Beschimpfungen an den Kopf, die jemals einer liederlichen Frau gesagt wurden. Und hätte er nicht für sein Leben gefürchtet, so hätte er sie in diesem Augenblick mit seinen eigenen Händen getötet; so aber hielt er an sich und wollte lieber auf gerichtlichem Wege gegen sie einschreiten, als seine Hände mit ihrem Blute besudeln. Nicht zufrieden damit, daß er sie beschimpft hatte, ging er voller Ingrimm und Zorn zum Palast und machte dort vor dem Stadtrichter eine Klage gegen seine Frau wegen Ehebruchs anhängig.

Da der Stadtrichter sie jedoch nicht verurteilen konnte, bevor das Gesetz beobachtet worden war, schickte er nach ihr, um sie einem eingehenden Verhör zu unterwerfen. Es bestand in Athen das streng beobachtete Gesetz, daß jede von ihrem Gatten des Ehebruchs angeklagte Frau vor eine rote Säule gestellt werden müsse, auf der eine Schlange lag. Dann mußte sie schwören, daß sie den Ehebruch nicht begangen habe. Und wenn dies geschehen, wurde sie gezwungen, die Hand in den Rachen der Schlange zu legen. Hatte sie falsch geschworen, trennte ihr die Schlange sofort durch einen Biß die Hand vom Arm, andernfalls ließ sie sie unversehrt.

Ippolito, der bereits vernommen hatte, daß die Klage anhängig gemacht worden sei und der Stadtrichter nach Filenia geschickt habe, damit sie erscheine und sich verteidige, legte, damit sie nicht dem schimpflichen Tode verfalle, als schlauer Mensch und in dem brennenden Verlangen, ihr das Leben zu retten, seine Kleider ab und zog einige Lappen an, die ihm das Aussehen eines Verrückten gaben, und verließ darauf unbemerkt sein Haus, rannte wie ein Narr zum Palast und ließ beständig die größten Verrücktheiten von der Welt los. Während die Häscherschar des Stadtrichters die junge Frau zum Palast führte, strömte die ganze Stadt zusammen, um zu sehen, wie die Sache ablaufen würde; und der Narr, der bald dem, bald jenem einen Stoß versetzte, drängte sich so weit nach vorne, daß es ihm gelang, der trostlosen Frau die Arme um den Hals zu schlingen und ihr einen süßen Kuß zu geben, gegen den sie sich nicht sträuben konnte, da ihr die Hände auf den Rücken gebunden waren. Als sie nun vor Gericht erschienen war, sprach der Stadtrichter zu ihr: »Filenia, wie du siehst, steht hier Messer Erminione, dein Mann, und klagt dich des Ehebruchs an und verlangt, daß ich dich auf Grund des Gesetzes bestrafe. Du sollst nun, wenn du kannst, deine Unschuld eidlich versichern.«

Die junge Frau, die gewitzt und sehr klug war, schwor keck, daß niemand sie in Sünden berührt habe außer ihrem Mann und jenem Narren da. Nachdem Filenia den Eid abgelegt hatte, führten sie die Diener der Gerechtigkeit zur Schlange. Man legte ihr Filenias Hand in den Rachen, aber sie ließ sie unversehrt; denn sie hatte wahrheitsgemäß bekannt, daß niemand außer ihrem Gatten und dem Narren sie in Sünden berührt habe. Als das Volk und die Verwandten, die gekommen waren, das schreckliche Schauspiel mit anzusehen, dies bemerkten, erklärten sie sie für die unschuldigste Frau von der Welt und riefen, Messer Erminione verdiene den Tod, welcher Filenia zugedacht war. Doch da er von Adel war, eine weitverzweigte Verwandtschaft besaß und zu den Ersten der Stadt zählte, wollte der Stadtrichter nicht, wie das Gesetz es erlaubte, daß er öffentlich verbrannt werde, doch ließ er ihn, um nicht gegen seine Pflicht zu verstoßen, ins Gefängnis werfen, wo er in kurzer Zeit starb. Mit einem so kläglichen Tode büßte Messer Erminione seine rasende Eifersucht und die junge Frau befreite sich aus den Schlingen eines schimpflichen Todes. Wenige Tage darauf nahm Ippolito sie zu seinem rechtmäßigen Weibe und verlebte mit ihr viele glückliche Jahre.

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