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Liebesnovellen der italienischen Renaissance

Hanns Floerke: Liebesnovellen der italienischen Renaissance - Kapitel 15
Quellenangabe
authorVerschiedene Autoren
titleLiebesnovellen der italienischen Renaissance
publisherVerlag Kurt Desch
yearo.J.
illustratorCharles Eisen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Sebastiano Erizzo

(1525-1585)

Sebastiano Erizzo, geb. zu Verona 1525, venezianischer Staatsmann, gehörte zum »Rate der Zehn«, gest. 1585 zu Venedig. Sein Novellenbuch, die »Sechs Tage«, erschien 1567 in Venedig.

Der verzauberte Ring; die 2. Novelle des 1. Tages. Übersetzt vom Herausgeber.

Der verzauberte Ring

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Es steht geschrieben, daß der König Karl, den die Franken durch den Namen »der Große« Pompejus und Alexander gleichstellten, sich in seinem Reiche glühend in ein Mädchen verliebte, das in seinen Augen in jenen Zeiten jedes andere Weib des Frankenlandes an Schönheit übertraf. Die Liebe dieses Königs war so heiß, daß er sich selbst ganz verlor, und sein Geist war so von ihren zarten und verführerischen Reizen aus der Fassung gebracht, daß er, ohne sich um den Schaden zu kümmern, den sein Ruf und seine Ehre durch diese Leidenschaft erlitten, und ohne an das Wohl und Wehe des Reiches zu denken, in voller Vergessenheit der Welt um ihn herum, auf nichts weiter bedacht war, als dieser Schönen zu gefallen und nur dann Glück und Ruhe empfand, wenn er ihre Umarmungen genoß. Dieser Umstand zog dem König nicht nur großen Schimpf in seinem Reiche zu, sondern auch heftigen Zorn und Schmerz bei den Seinigen.

Nachdem aber bereits alle Hoffnung geschwunden war, daß das Übel des Königs wiche, denn die ungesunde Liebe hatte die königlichen Ohren den heilsamen Ratschlägen verschlossen, ereilte das Mädchen, das die Ursache des ganzen Unheils war, ein unverhoffter Tod, so daß zuerst alle Leute im königlichen Palaste und dann auch alle Untertanen von größter, wenn auch geheimer Freude erfüllt wurden. Bald aber wurden sie von einem größeren Schmerze als zuvor ergriffen; denn sie sahen, daß der Geist des Königs durch den Tod des Mädchens von einer noch schwereren und häßlicheren Krankheit ergriffen wurde, milderte doch der Tod die Raserei seiner Liebe nicht, vielmehr übertrug sich dieselbe mit noch größerer Hitze auf den vermodernden, blutleeren Leichnam und ließ ihre erstaunlichen Wirkungen erkennen. Nachdem nämlich der König den Leichnam des Mädchens mit Salben und aromatischen Stoffen einbalsamiert, mit kostbaren Edelsteinen geschmückt und mit Purpur bekleidet hatte, lag er Tag und Nacht an seiner Seite und starrte, von glühendem Verlangen und maßloser Liebe willenlos gemacht, gedankenvoll den Leichnam an.

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Auch als von allen Seiten die Gesandtschaften verschiedener Völker und die Häupter und Obersten vieler Provinzen in wichtigen Angelegenheiten des Reiches an den Hof und zum verliebten Könige kamen, lag der unglückselige Fürst bei verschlossenen Türen beständig in seinem Bette neben dem Leichnam und wies die um Audienz Bittenden ab. Seine Geliebte aber rief er immerfort beim Namen, als ob sie lebe, so daß es schien, als müsse sie ihm antworten. Ihr erzählte er seine Gedanken und Liebesqualen, ihr galten seine angstvollen Seufzer, über ihr vergoß er beständig bittere Tränen; denn die Tränen sind die Genossinnen der Liebe, und der König, der sonst sehr weise war, hatte sie als Zuflucht und Trost vor allen andern Dingen erwählt. Und so klagte er zuweilen folgendermaßen über dem Leichnam: »O mitleidloser grausamer Tod, der du unentrinnbar über alles Erschaffene kommst! Wie hast du die Welt und dieses Reich arm gemacht, indem du ihnen ein so schönes und köstliches Gut geraubt, vielleicht, um den Himmel damit zu bereichern, oder einen neuen Stern aus ihr zu machen, während du mich zu ewigen Tränen verdammt hast. O einzige Stütze dieses müden Lebens; so hast du denn deinen Lauf vollendet, überrascht von einem allzu frühen Tode! Hätte es doch Gott gefallen, daß in dem Augenblick, da du diese Welt verließest, auch mir das Ende meines Lebens gekommen gewesen wäre! Denn wenn es sich auch länger hinzieht als das deinige, so werde ich stets in Leid und Qual leben und ein Dasein ertragen, das viel schlimmer als der Tod. Du bist die Bekümmernis der Glücklichen, o Tod, und die Sehnsucht der Unglücklichen, und nie befriedigst du die Seelen der Sterblichen; denn unerwartet überfällst du die seligen Menschen und fliehst diejenigen, die dich rufen und sich nach dir sehnen. Ach, wie freudig würde ich dich empfangen, wenn du kämst, wie ruhig würde ich sterben, um mich von diesen Leiden, um diese Seele aus ihrem irdischen Kerker zu befreien, der sie mit so harten Foltern bedrückt! O Königreiche, o Zepter und o Kronen, was nützt ihr mir in diesen Liebessorgen und -schmerzen? Welche Stütze leiht ihr mir? Ich besitze herrliche und reiche Paläste, unendliche Schätze, weite Reiche, und mir gehorchen viele Völker, die meine zahlreichen und berühmten Siege unterjocht haben. Warum ließest du, o Tod, deinen Zorn gegen mich nicht an diesen Dingen aus, sei es durch Feuer, oder durch Wasser, oder durch Raub, oder durch mancherlei Nackenschläge und Wechselfälle des Glückes? Du hast mir alle diese Dinge gelassen, die mir weder Trost noch Zufriedenheit verleihen, mich aber jener einzigen beraubt, die mir teurer war als alle andern Dinge. Gott schenke dir Heil, o vielgeliebtes Kind; eher wird die dunkle Nacht den Finsternissen Licht bringen, eher wird das Wasser mit dem Feuer, der Tod mit dem Leben und das Meer mit den Winden Eintracht haben, als daß das liebende Gedenken, das ich an dich in meinem Herzen trage, mich verläßt! O wie beneide ich den Himmel, daß er dich besitzt, und daß er ein so schönes Licht in sich schließt! Und warum, o seliger Geist, ziehst du mich nicht zu dir empor, auf daß meine Seele sich mit der deinigen vereine? Vom Himmel und nicht von sterblichen Menschen wurden dir so viel Tugenden und Schönheiten verliehen; darum ist es wohl billig, daß du als Wesen himmlischer Herkunft in den Himmel zurückkehrst. Dank einer Gewalttat des Todes verbirgst du mir deine schönen Augen; aber tue er mir an, was er will, so kann er doch nicht verhindern, daß ich dein Bild umfange, das ich tief im Herzen eingeprägt trage. Und wie deine klaren Augen meinen Frieden in sich trugen, so hat der Tod, da er sie geschlossen und verdunkelt, mich beständigem Kriege überantwortet; ihre Macht war so groß, daß sie mein Leben beherrschte, und jetzt zerreibt sie mit erbarmungsloser Feile mein Leben. In allem, was du tatest, warst du edel und fürstlich und demütig in deinen Mienen. Du warst die wahre und vollkommene Wohnung der Grazien, Amor weilte bei dir und schien mit dir zugleich geboren. Venus hat dich zu ihrer Erbin gemacht, die du alle Schönheit übertrafst, und ich erkenne klar, je mehr ich darüber sagen würde, desto weniger hätte ich gesagt. Eis und Feuer fühle ich in Wahrheit in meiner Brust, und aus einem kalten Marmor fährt eine sengende Flamme, und soviel Kraft ist ihr geblieben, daß sie aus einem blutlosen Körper ihre Funken sprüht. Und wenn es mich immer freute, durch dich zu leben, so ist, da ich dich nicht mehr habe, der Tod allein mein Heil. Deine Schönheit, deine Anmut, dein berückendes Wesen waren die Zauberer, die mich in dich verzückten, darum begehre ich die Augen zu schließen, um nicht das Schwinden deiner Schönheit zu sehen. Weh, als du starbst, war der Welt ihre Sonne genommen, genommen auch meinen Augen, die kein anderes Licht haben! Ich wundere mich, wie ich leben kann ohne meine Seele, die du bei deinem Hingang mit dir nahmst; das wäre nicht möglich, wenn die Liebenden nicht von jeder menschlichen Eigenschaft erlöst wären. O große und lebendige Kraft der Liebe, die du so sehr der Vernunft widerstreitest, fröhlicher Schmerz, mutige Zaghaftigkeit, peinvolle Lust, kranke Gesundheit, Heilmittel, das du Qual bereitest und tötend Leben spendest, was willst du noch von mir? Du hast dieses glühende Verlangen in meine Brust gesenkt, das von ihr, als sie noch lebte, gedämpft ward und jetzt, da sie tot ist, mehr denn je meine Flammen emporlodern läßt; hilf mir, ich bitte dich, entferne dein Antlitz von mir, und wenn mir dann der wirkliche Gegenstand fehlt, so mögen deine Pfeile aufhören, mich zu verwunden; vergib meinem blutenden Herzen und gewähre, daß sein Tod und die Zeit die Medizin meines Leidens seien!«

Solches waren die Worte des unglücklichen Königs, die er mit Tränen und Seufzern begleitete. Da sie aber in den Wind und über einem Leichnam gesprochen waren, blieben sie eitel und ohne Wirkung, ja sie dienten nur dazu, sein Übel zu vergrößern.

Nun befand sich zu jener Zeit am Hofe der Bischof von Köln, ein Mann, wie es heißt, berühmt durch Frömmigkeit und Weisheit, der damals im Parlament des Reiches den Vorsitz führte. Von Mitleid mit dem elenden Zustande seines Herrn erfüllt, und nachdem er erkannt, daß alle menschliche Hilfe und Bemühungen dem König angesichts der Schwere seines Übels keinerlei Nutzen brachten, richtete er als guter und frommer Hirte seine Blicke auf den göttlichen Beistand, entschloß sich, ihn zu suchen, begann alle Hoffnung auf ihn zu setzen und das Ende so großen Unheils mit demütigen und frommen Gebeten zu erflehen.

Nachdem der fromme Bischof dieses gute Werk lange Zeit fortgesetzt hatte und unablässig dabei beharrte, wurden endlich seine Gebete von der Güte Gottes erhört und es ward ein großes Wunder erlebt. Als nämlich der Bischof bei der Feier des Gottesdienstes begriffen war und, die Brust in Tränen badend, viele fromme Gebete gesprochen hatte, ward eine Stimme vom Himmel gehört, die verkündete, unter der Zunge des Mädchens sei die Ursache der Raserei des Königs verborgen. Alsbald heiterte sich da die Seele des Bischofs auf, und nachdem er die Messe zu Ende gelesen, begab er sich alsbald an den Ort, wo der Leichnam lag, und da er freien Zutritt hatte, begab er sich in das königliche Gemach, schob heimlich den Finger in den Mund des toten Mädchens und fand dort, unter der kalten starren Zunge verborgen, einen in einen kleinen Ring gefaßten Stein, den er alsbald hervorzog.

Es dauerte aber nicht lange, da kehrte Karl zurück, und als er nach seiner Gewohnheit in das Gemach des toten Mädchens trat, erfaßte ihn beim Anblick des Leichnams eine solche Angst, daß er ihn nicht mehr zu berühren wagte, vielmehr befahl, daß die Tote sogleich von dannen getragen und begraben werde, gleich als wenn er, von langem Wahnsinn befreit, wieder au sich gekommen wäre.

Nachdem dann der Erzbischof dem Könige erzählt hatte, was geschehen, und auf welche Weise er durch Gottes Hilfe befreit worden war, wandte sich Karl nunmehr ganz dem Bischof zu und begann diesen zu lieben, zu verehren und zu umarmen, tat nichts ohne seinen Rat und wich ihm Tag und Nacht nicht von der Seite. Als dieser gerechte und kluge Mann dies erkannte, beschloß er, die schwere Last von sich zu werfen und sich von einer Aufgabe zu befreien, die einem anderen vielleicht lieb und wert gewesen wäre; denn er fürchtete, wenn der Ring in andere Hände käme oder verbrennte, so könnte er seinem Herrn schwere Gefahr bringen. Darum versenkte er den Ring in einem benachbarten Sumpfe, dort wo er am tiefsten war.

Nun traf es sich zufällig, daß der König damals in Aachen wohnte samt seinen Baronen, und es wurde diese Stadt von da an allen anderen im Frankenreiche als königliche Residenz vorgezogen. Dort aber war dem Könige nichts so teuer als der genannte Sumpf: dort hielt er sich auf, hatte die größte Freude an seinen Wassern und ergötzte sich an dem ihm gar lieblich dünkenden Geruche, der aus ihm aufstieg. Sodann verlegte er seinen königlichen Palast an diesen Ort, indem er mit den größten Kosten die Fundamente legen ließ und einen schönen Palast samt einem Tempel erbaute, damit keine menschliche noch göttliche Angelegenheit ihn zum Verlassen dieses Ortes nötigen könne. Und hier war es schließlich, wo er den Rest seines Lebens zubrachte und auch begraben wurde, nachdem er zuvor angeordnet hatte, daß seine Nachfolger dort die erste Krone, und oberste Macht des Reiches empfangen und übernehmen sollten, was denn auch noch bis auf den heutigen Tag beobachtet wird.

 

Anmerkungen (Kurzinformation über die Autoren) in den Text eingepflegt. Re.

 

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