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Liebesnovellen der italienischen Renaissance

Hanns Floerke: Liebesnovellen der italienischen Renaissance - Kapitel 14
Quellenangabe
authorVerschiedene Autoren
titleLiebesnovellen der italienischen Renaissance
publisherVerlag Kurt Desch
yearo.J.
illustratorCharles Eisen
correctorJosef Muehlgassner
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Currado von Fiesole

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Fiesole war, wiewohl es heute zerstört und seiner Bollwerke beraubt ist, einst eine bedeutende, wunderschöne Stadt und reich an Häusern, Palästen und Tempeln wie an Bewohnern. Zur Zeit nun, da es von seinen Fürsten beherrscht und regiert war und sorglos und friedlich dahinlebte, hatte es unter anderen einen Fürsten, Currado geheißen, einen gerechten freigebigen Herrn, der von seinen Bürgern sehr geschätzt und geliebt wurde. Dieser hatte die Fünfzig schon hinter sich, als er sich zu verheiraten beschloß, zum zweitenmal, heißt das, seine erste Frau war aber schon seit einigen Jahren tot und hatte ihm einen sechzehnjährigen Sohn von wunderbarer Schönheit, namens Sergius, hinterlassen. Dieser Currado also, der sich nach einem Weibe sehnte, hatte eine große Auswahl zur Verfügung und nahm schließlich ein Mädchen aus dieser Zahl: die Tochter des römischen Bürgers Lucius Attilius, der im Auftrage der Republik und des Senates von Rom damals in Pisa, das zu jener Zeit Alfea hieß, regierte und die Justiz in Händen hatte.

Dieses Mädchen, welches das Glück hatte, eine der schönsten Jungfrauen zu sein, die es damals in Italien gab, hieß Tiberia und hätte wegen ihres zarten Alters weit besser zur Gattin des Sohnes gepaßt, stand es doch in seiner frischesten Jugendblüte. So ward denn die Hochzeit gefeiert, groß und glänzend, wie der Stand und die Herkunft des Paares es verlangte, und Currado verlebte seine Tage in Glück und Zufriedenheit, und seiner Gattin fehlte nichts weiter, als daß sie nur gar zu selten und zu ungenügend von dem genoß, was alle verheirateten Frauen begehren, trotzdem aber tat sie als Weib von strenger Ehrbarkeit, als betrübe sie das nicht sonderlich. Nachdem auf diese Weise zwei Jahre ins Land gegangen und Sergius herangewachsen war und fortgesetzt täglich mit seiner Stiefmutter unbeargwöhnt die Mahlzeiten teilte und plauderte, verliebte er sich allmählich dermaßen in sie, daß er niemals glücklich und ruhig war, als wenn er sie sah oder mit ihr sprach. Und da das Feuer und die Liebesflamme in seiner Brust mit jeder Stunde und mit jedem Tage stärker loderten, kam es mit ihm, da er sich keinem Menschen entdecken wollte, so weit, daß er in eine Krankheit verfiel und so von Kräften kam, daß er das Bett hüten mußte. Daß dies Currado sehr verstimmte und betrübte, braucht nicht erst gesagt zu werden. Er ließ alsbald die besten Ärzte kommen, die zu finden waren; da diese jedoch den Grund seiner Krankheit nicht erkannten, verordneten sie ihm viele zwecklose Mittel. Als aber nichts helfen wollte und nichts ihn zu kräftigen vermochte, es vielmehr immer schlimmer mit ihm wurde, verzweifelten sie an seiner Wiederherstellung und gaben ihn auf und erklärten seinem Vater, es gebe kein Mittel, ihm seine Gesundheit wieder zu verschaffen. Der schmerzgebeugte Currado hatte seinen Sohn tausendmal nach der Ursache seiner Krankheit gefragt, aber nie eine andere Antwort von ihm erlangen können, als daß er seine Kräfte allmählich schwinden fühle. Auch Madonna Tiberia war darüber aufs äußerste betrübt, da sie nicht wußte, daß sie die wahre und einzige Ursache seines Zustandes sei. Sergius hatte sich vorgenommen, zu sterben, ohne sein Geheimnis zu verraten, und war schon so weit, daß er keine Nahrung mehr zu sich nehmen wollte. Als infolgedessen eines Morgens eine alte Frau, die seine Amme gewesen war, mit der verweigerten Nahrung zurückkehrte, begegnete sie der Fürstin und sagte zu ihr: »Es ist nicht mehr viel Hoffnung für Sergius' Leben: er hat heute morgen auch nicht einen einzigen Bissen zu sich nehmen wollen, Ihr seht, daß ich ihm das Essen wieder fortnehme, wie ich es gebracht habe.« Tiberia, der dies über die Maßen schmerzlich war, sagte zu der Amme: »Gib es einmal mir her, wir wollen sehen, ob ich mehr ausrichte als du!« Damit nahm sie die Schüssel und eilte in die Kammer, wo Sergius dem Tode nahe lag. Mitleid in den Augen grüßte sie ihn und bat ihn mit einschmeichelnder Stimme, er möchte doch ihr zuliebe etwas zu sich nehmen, womit sie einen Löffel Suppe seinen Lippen näherte. Sergius, der abends zuvor wenig und an diesem Morgen gar nichts hatte zu sich nehmen wollen, öffnete sie, als er ihre Worte vernommen hatte, ohne an etwas anderes zu denken, und begann mit solchem Eifer zu essen, daß er die ganze Mahlzeit verzehrte. Hierüber verwunderten sich alle Umstehenden und Tiberia dankte ihm dafür und ermutigte ihn sehr, worauf sie ihn voller Freude verließ. Der Abend kam und sie tat das nämliche wie am Morgen, und Sergius, der sich ihr gegenüber nicht weigern konnte noch wollte, aß, obwohl er beschlossen hatte, zu sterben, und man sah, daß er wenig munterer wurde, namentlich wenn die Fürstin um ihn war. Und so erkannte man nach vier bis sechs dieser Besuche, daß sein Zustand sich außerordentlich gebessert habe. Als dies sein Vater sah, hatte er die allergrößte Freude und ließ jeden Tag zu seinen Göttern beten und ihnen opfern und bat seine Frau, sie möge es sich nicht leid werden lassen, ein so barmherziges Werk fortzusetzen und seinem Sohne die Nahrung und das Leben zu geben. Die Amme jedoch, klüger als alle, weil sie große Erfahrung hatte, erkannte nur allzugut, woher es kam, daß er von der Stiefmutter so bereitwillig die Speise angenommen habe und auch bei dieser Nahrungsaufnahme und Kräftigung geblieben sei. Sie ging daher zur Fürstin und sagte zu ihr: »Madonna, es scheint mir, Ihr seid so geschickt und klug und was Ihr beginnt, gerät Euch so gut und glücklich wie noch keiner andern Frau, die ich gekannt; ich möchte daher, Ihr sagtet Sergius, daß Ihr am Tage des Merkurfestes heut über acht Tage im Garten ein prächtiges Gastmahl veranstalten wollt und den Wunsch hättet, er möchte daran teilnehmen; ihn daher bätet, er möge sich bemühen, Euch zuliebe gesund zu werden, damit er Euch diesen Gefallen tun könne, und Ihr werdet sehen«, fügte sie hinzu, »daß er so gesund werden wird wie nie zuvor.« Voll Eifer für ihr gutes Unternehmen bat ihn die Fürstin am andern Morgen, nachdem sie ihm zu essen gegeben, um all das, was ihr die Amme gesagt hatte, worauf ihr Sergius schüchtern antwortete: »Habt Dank dafür, Madonna, der Wunsch, Euren Willen zu erfüllen, ist so groß, daß ich glaube, die Götter werden mir helfen, Euch diesen Gefallen zu tun, und es würde mir niemals auch nur einen Augenblick schwerfallen, dieses Leben für Euch hinzugeben, das ich ja aus Euren Händen empfangen habe.« Damit schwieg er, worauf sich die Fürstin, nachdem sie ihm zuvor gebührend gedankt, von ihm verabschiedete.

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Die Amme, die jedes Wort gehört und sein Gesicht aufmerksam beobachtet hatte, erkannte an den deutlichsten Zeichen auf das klarste, daß die Liebe, die er zu seiner Stiefmutter im Herzen trug, sowohl die Ursache seiner Krankheit wie nachher seiner Gesundung gewesen sei. Als nun der Tag vor dem Gastmahl gekommen und Sergius wiederhergestellt und das ganze Haus voller Freude war, ging Tiberia zu Currado und erzählte ihm alles, was sie getan. Dieser war darüber sehr zufrieden und ließ alsbald für den nächsten Tag draußen im Garten im Namen seiner Gattin die Vorbereitungen für das denkbar glänzendste Gastmahl treffen. Tiberia hatte sich die vornehmsten und schönsten Mädchen und jungen Frauen von Fiesole eingeladen und ging am nächsten Tage gegen zehn Uhr eine Strecke weit vor die Stadt hinaus, wo sie einen wunderschönen Palast mit einem entzückenden Garten hatten, der, auf der Spitze des Berges gelegen, den blinkenden Arno die fruchtbare Ebene wässern sah und von wo aus man viele Landhäuser, Kastelle und Städte erblickte.

Als sie dort mit ihren Begleiterinnen angelangt war, erwartete sie, heiter durch den reizenden Garten wandelnd, den Gatten und den Stiefsohn. Über ein kleines trafen Currado und Sergius mit glänzendem Gefolge ein und wurden mit den größten Ehren von den Frauen empfangen. Zuletzt, nachdem das Wasser für die Hände herumgereicht worden war und man sich zu Tisch gesetzt hatte, wurden ihnen die leckersten Speisen und die besten Weine gar anmutig gereicht, und es ging ans Singen, Musizieren und Tanzen. Sergius hatte wieder so gesunde Farben gewonnen und war so schön geworden, daß jedermann darüber erstaunte, und als die Fürstin ihn betrachtete, erschien er ihr weit anmutiger und manierlicher denn zuvor, und sie rühmte sich, daß sie ihn dem Tode entrissen und so heiter gemacht habe. Sergius seinerseits wich nicht von ihrer Seite und bewies ihr mit Worten und Taten auf schickliche Weise seine Neigung, und indem er mit den Blicken an ihr hing, meinte er eine solche Zufriedenheit zu empfinden, daß er nicht mit den Wonnen getauscht haben würde, welche, wie man glaubt, die seligen Seelen im Paradiese fühlen. Als es aber dann Abend geworden war, stiegen alle zu Pferde und kehrten in die Stadt zurück.

Tiberia, die von Tag zu Tag und von Monat zu Monat die Schönheit sowohl wie die Liebenswürdigkeit ihres Stiefsohnes wachsen sah und bemerkte, wie groß seine Zuneigung zu ihr war, verliebte sich, ohne es zu merken, so heftig in ihn, daß sie kaum mehr leben konnte, und da es ihr nicht möglich schien, sich ihm anzuvertrauen oder es ihm zu verstehen zu geben, tat sie, wenn sie sich unbeobachtet wußte, nichts weiter als weinen und sich härmen und sprach oftmals bei sich selbst: »Unglückliche, du hast dich um das Heil dessen bemüht, um dessentwillen du jetzt Qualen leidest; du hast von dem den Schmerz und die Betrübnis genommen, der dich betrübt und dir Schmerzen bereitet; du hast dem die Gesundheit verschafft, der jetzt die Ursache deiner Krankheit ist; du hast dem das Leben gerettet, der dich nun sterben läßt. Wieviel besser wäre es doch für dich gewesen, du Elende, wenn du nie geboren wärest, als so unglücklich zu leben! Und wem gilt deine Liebe? Wie kannst du, ohne die schwerste Sünde, ohne die größte Schande, deine Sehnsucht stillen? Unselige! Weise sie von dir, schlage sie dir gänzlich aus dem Sinn, diese unerlaubte Liebe, richte dein Trachten auf ein preiswürdigeres Beginnen, wenn du der ewigen Schmach und unaustilgbarem Schaden für deine Seele entrinnen willst!« Dann aber, wenn sie wieder an die göttliche Schönheit, das gewinnende Wesen und die einschmeichelnden und zartsinnigen Worte des geliebten Jünglings dachte, war sie wieder völlig verwandelt und sagte bei sich selbst: »Wie wäre es mir jemals möglich, die Hoheit, die feine Gesittung, die Anmut und Schönheit der Züge, der Bewegungen und der Rede, kurz der ganzen Person dessen nicht zu lieben, den der Himmel, die Parzen, das Schicksal und Amor zu meinem Glück, zu meiner Ruhe, zu meinem Trost und zu meinem Frieden geschaffen haben? Ich kann, ich darf mich nicht den himmlischen Bestimmungen widersetzen. Was tue ich denn? ich liebe einen Jüngling, – etwas Alltägliches und sehr Natürliches. Von wieviel unehrbaren und höchst verbrecherischen Liebesgeschichten andrer Frauen habe ich nicht gelesen? Ich schweige von den Verwandten, die ihre Verwandten, ja, was sage ich? von den Brüdern, die ihre Schwestern, von den Vätern, die ihre Töchter genossen. Er hat, wenn man es genau bedenkt, nichts in aller Welt mit mir zu tun. Wovor schrecke ich also zurück, wovor fürchte ich mich? Ich Feige! was macht mir Angst? Ach! warum eröffne, warum entdecke, warum enthülle ich ihm nicht mein Verlangen, meine Sehnsucht, meinen Schmerz und meine Qualen? Er ist edel und von guter Lebensart und dazu ist er mir sehr verpflichtet und hat sich mir schon tausendmal angeboten und gesagt, der größte Wunsch, den er auf dieser Welt habe, sei, mir Freude zu machen und zu dienen. Warum zögere ich also? Wer hält mich zurück? Weshalb warte ich damit, ihm aufzusuchen? Ah! ich bin doch überzeugt, daß ihn meine Kälte, mein Mangel an Vertrauen und an Mut schmerzen und er mir darob Vorwürfe machen muß! Ich bin doch sicher, daß er, wenn er meine Klagen hört und meine Tränen sieht, traurig werden und Kummer empfinden wird! Und ich, Feindin meiner selbst, Handlangerin meines Schadens, zaudere noch, schwanke noch, mich ihm zu entdecken? Schon glaube ich seine Arme offen zu sehen, schon mich von ihnen umschlungen, von seinem liebenden Munde süß geküßt zu fühlen.« Und bei diesem Gedanken verweilend, empfand sie kaum geringere Wonne, als wenn es Wirklichkeit gewesen wäre. Dann erhob sie sich und lenkte ihre Schritte, als ob sie ihn aufsuchen wollte, hielt aber dann inne und sprach: »Wenn aber das Unglück wollte, daß seine Gedanken an mich ganz anderer Art sind und er entrüstet wäre und um der Ehre seines Vaters willen mich als unehrbares Weib verachten und hassen würde, während er mich jetzt als hochehrbare Frau hingebend verehrt und mich ehrt und liebt, – o ich Unselige! was würde dann aus mir werden? Aller Hoffnung ledig, würde ich gezwungen sein, mich selbst zu töten.« Und so bezwang sie sich, um das Übel nicht noch zu vergrößern, und begnügte sich, ihre Augen und Ohren an dem Anblick und den Worten ihres geliebten Sergius zu laben.

Der Jüngling andrerseits, der nicht weniger litt als sie, hätte, wenn er auch ihr zuliebe Freude daran fand, zu leben, doch brennend gerne die ersehnten Früchte der Liebe pflücken mögen; denn wiewohl die Ehrfurcht vor dem Vater, die Größe der Sünde und die Pflicht der Ehrbarkeit ihn sehr von der Ausführung seines Verlangens zurückhielten, hatte ihn die unüberwindliche Macht der Liebe doch so weit gebracht, daß er, wenn er es gekonnt und es Tiberia recht gewesen wäre, seine heiße Begierde ersättigt hätte.

So gewährte es beiden wenigstens eine große Erleichterung in ihren bitteren Liebesqualen, daß sie sich beständig sehen, miteinander sprechen, verkehren, essen und trinken konnten. Auf diese Weise froren sie, die eines Willens und eines Herzens dasselbe ersehnten und begehrten, in der Hitze und erglühten in der Kälte und starben inmitten des Meeres vor Durst, da sie die Hand nicht nach dem Wasser ausstreckten. Allmählich jedoch wurden sie ihrer Sache sicherer, und als es sich eines Tages traf, daß Currado auf die Jagd gegangen war, um nicht vor Abend zurückzukehren, und sie sich in Tiberias Zimmer allein befanden und von allerlei Dingen redeten, kam das Gespräch auf die Krankheiten. Da sagte Sergius: »Madonna, die Krankheit, die ich durchgemacht habe, war recht gefährlich und hätte mich gewiß zum Tode geführt, wenn Eure Hilfe noch länger gezögert hätte, mir beizustehen, so daß ich sagen kann, wie ich es Euch ja schon mehrmals versichert habe, daß ich Euch das Leben verdanke.« »Schlecht vergiltst du's mir«, erwiderte Tiberia, »da du mir nicht hilfst; denn es geht mir nur wenig besser wie dir, als ich dir half.« »Weh!« rief da Sergius, »Gott bewahre dich davor! was fehlt dir denn? und auf welche Weise könnte ich dir helfen?« »Auf das wirksamste«, erwiderte die Fürstin, »in dir allein ruht mein Heil und du allein und kein andrer kann mich befreien.« »Wollte Gott, ich könnte Euch einen Dienst und eine Wohltat erweisen!« erwiderte Sergius, »Ihr würdet sehen, daß ich nicht undankbar bin, ich würde ja mit Freuden tausendmal am Tage für Euch den Tod erleiden: sagt es, befehlt mir nur, ich bin vollkommen bereit, Euren Willen auszuführen.« Als Tiberia diese mit größter Innigkeit ausgesprochenen Worte hörte, wollte sie antworten, aber sei es aus Freude oder aus Schmerz, oder aus Furcht oder Hoffnung, oder Wonne oder Bitternis: die Stimme versagte ihr den Dienst, und sie wurde bewegungslos wie Marmor, – ihre Augen jedoch verrichteten zum guten Teil den Dienst ihrer Zunge und strömten von soviel Tränen über, daß nicht viel fehlte, und sie wären hervorgesprudelt, wie wenn sie eine lebendige Quelle im Kopfe gehabt hätte. Sergius, der ganz betreten war und aus Mitgefühl und Zärtlichkeit gleichfalls weinte und schluchzte, tröstete sie, so gut er konnte, und trocknete ihr mit ihrer Schürze die zartfarbigen Wangen, indem er sie immer wieder bat, sie möchte doch nichts fürchten und ihm den Grund ihrer herben Schmerzen entdecken. Als Tiberia die Tränen des geliebten Jünglings sah und seine liebreichen Ermahnungen hörte, gewann sie ihre Fassung wieder und überwand ihre Scheu. Und als sie die Sprache wiedergefunden hatte, offenbarte sie sich ihm und erzählte ihm, so gut sie es vermochte, die Geschichte ihrer Liebe und flehte ihn dann an, er möge doch Erbarmen mit ihr haben und Mitleid mit ihrem Leben und ihrer Jugend.

Sergius verfuhr mit ihr nicht, wie einst Hippolytus mit seiner Stiefmutter; vielmehr, da der liebreiche Himmel und das gütige Schicksal ihm ein so großes und so herrliches Gut darboten und seine Sehnsucht und sein Verlangen nicht geringer waren als die ihrigen, vergaß er die Ehre seines Vaters, öffnete, da sie allein in der Kammer und eingeschlossen waren, die Arme, drückte Tiberia zärtlich an sich und küßte sie hingebungsvoll auf ihren rosigen Mund, und sie umschlang ihn gleichfalls leidenschaftlich und küßte ihn, und bevor sie ihre Umarmung lösten, hatten sie einander hundert heiße Küsse gegeben. Als sie sich dann endlich losgelassen hatten, begann Sergius und erzählte ihr von Anfang an ausführlich von dem Ursprung seiner Krankheit und dann von der Ursache seiner Wiedergenesung, und wie er seitdem leidenschaftlicher denn je in sie verliebt sei. Wie glücklich sie darüber war, die doch nichts hören konnte, was ihr mehr Wonne bereitet hätte, das auszumalen überlasse ich euch. Hierauf umschlangen sie sich von neuem und legten sich aufs Bett, und bevor sie sich wieder von dort erhoben, spendeten sie einander die unbeschreiblichste Wonne und genossen die letzte und wundersamste Süßigkeit der Liebe. Nachdem sie sich geraume Zeit miteinander ergötzt und verabredet hatten, wie sie sich am sichersten und bequemsten wieder zusammenfinden wollten, nahm Sergius von ihr Abschied und ging freudiger und zufriedener denn je an seine andern Vergnügungen. Tiberia ihrerseits empfand ein solches Glücksgefühl und eine solche Beseligung in ihrem Herzen, daß sie stark fürchtete, infolge des Übermaßes von Wonne ohnmächtig zu werden, hatte sie doch, als sie in den Armen ihres geliebten Stiefsohns lag, erfahren, wie groß in den Angriffen der Liebe der Unterschied zwischen einem Jungen und einem Alten, einem Liebhaber und einem Gatten sei; er erschien ihr nämlich größer als der zwischen Weiß und Schwarz, zwischen Tag und Nacht und zwischen der Wirklichkeit und dem Traum. In Gedanken an die genossenen Wonnen brachte sie das Lager wieder in Ordnung, damit man ihm nichts ansehe, worauf sie das Gemach verließ und ihre Kammerfräulein aufsuchte. Unterdessen kam der Abend heran, und nachdem man im Palast zu Abend gegessen, legten sich alle schlafen.

Als Currado von der Jagd zurückgekehrt war, ging er sogleich in eine Kammer schlafen, die von der seiner Gattin getrennt lag; diese schlief nämlich allein in einem Gemach neben dem Saal, und wenn der Fürst mit ihr ehelich verkehren wollte, was freilich selten geschah, pflegte er es immer des Morgens gegen Tagesanbruch zu tun, da er von den Ärzten gehört hatte, daß es um diese Stunde am wenigsten angreife und ermüde. Und wenn es Winter war, zog er dazu ein langes gefüttertes Gewand an, während er sich im Sommer eines sehr leichten aus Zendel bediente; und da er allein den Schlüssel zur Kammer besaß, schloß er die Tür auf, ohne anzuklopfen, und trat ein. War dann der Zweck seines Besuches erfüllt, kehrte er auf demselben Wege in sein Bett zurück. Wenn Madonna Tiberia sich von ihren Kammerfräulein Schuhe und Strümpfe hatte aus- und das Nachtgewand anziehen lassen, legte sie sich allein ins Bett, während jene in ein anderes Zimmer schlafen gingen und es nicht gewagt hätten, am andern Morgen die Kammer der Fürstin zu betreten, bevor diese nach ihnen gerufen. Sie hatte daher mit Sergius abgemacht, daß er des Nachts, wenn er alles im Palast schlafend wußte, allein und geräuschlos auf einen Balkon käme, auf den das Fenster des Vorzimmers hinausging, das er offen finden würde. Wenn er dann in das Vorzimmer eingestiegen, sollte er durch die Tür der Schlafkammer, die sie gleichfalls offen lassen würde, zu ihr ins Bett kommen, um dann nach Mitternacht wieder in sein eigenes Schlafzimmer zurückzukehren.

Nachdem nun alles im Hause still geworden war und es dem lauschenden Sergius an der Zeit schien, verließ er seine Kammer und ging auf den Balkon, und da das Fenster ein wenig hoch angebracht war, nahm er eine Lanze oder Pike aus einem Haufen, der dort an der Mauer auf dem Boden lag, stützte sie gegen die Brüstung und kletterte, da er gewandt und kräftig war, rittlings hinauf, worauf er die Lanze nach sich zog und auf der andern Seite auf die gleiche Weise hinunterkletterte. So gelangte er ohne Schwierigkeit in das Vorzimmer und ging durch die Tür zu Tiberia, die ihn im Bett mit der größten Sehnsucht erwartete. Wie freudig sie ihn empfing, kann man sich leicht denken. Hierauf verbrachten sie einen großen Teil der Nacht eng umschlungen in der größten Wonne, die man sich vorstellen kann. Als es ihnen dann aber an der Zeit schien, nahm Sergius Abschied und ging auf dieselbe Weise fort, wie er gekommen war, nicht ohne das Fenster zuzumachen und die Lanze zu den andern zu legen. Diesen Verkehr setzten sie fort und genossen vielleicht zwei Monate lang die glücklichste Zeit ihres Lebens.

Aber das Schicksal, der Feind des menschlichen Glücks, der Störer der irdischen Freuden und der Gegner der Wünsche der Sterblichen, stellte sich ihrer Seligkeit so feindlich in den Weg, daß sie binnen kurzem aus den glücklichsten Menschen von der Welt die unglücklichsten werden sollten. Als sie sich nämlich wieder einmal zusammengefunden hatten (und noch nicht so lange beieinander geruht hatten, daß sie die erste Umarmung gelöst hatten), geschah es, daß Currado ganz gegen seine Gewohnheit, weiß Gott aus welchem Grunde, sich erhob und fünf oder sechs Stunden vor der üblichen Zeit sich auf den Weg machte, um sich mit seiner Frau zu ergötzen. An der Schlafzimmertür angelangt, zog er den Schlüssel hervor und wollte sie öffnen. Er vermochte ihn jedoch nicht umzudrehen, da Tiberia jedesmal, wenn Sergius bei ihr lag, den Keil hineinzustecken pflegte. Als Currado daher mit aller Kraft an der Tür rüttelte, wurde er von seiner Frau und seinem Stiefsohn gehört. Obwohl diese große Furcht empfanden und gerade in der süßesten Liebeswonne versunken waren, sprangen sie doch, da sie ihn immer noch an der Tür arbeiten hörten, aus dem Bett, und Sergius eilte auf dem gewohnten Wege davon, nachdem er alles so in Ordnung gebracht hatte, wie es vorher war. Als Tiberia sah, daß er die Kammer verlassen hatte, schloß sie die Vorzimmertür ab, tat dann, als wache sie eben auf und rief mit lauter Stimme: »Wer ist da?« »Öffne, ich bin's!« antwortete Currado, der einigen Argwohn geschöpft hatte. Als Tiberia seine Stimme vernommen hatte, eilte sie sofort, ihm zu öffnen, und sagte: »Willkommen, mein Gebieter!«

»Warum hast du denn gestern abend den Keil ins Schlüsselloch gesteckt?« fragte sie Currado (er hatte nämlich gehört, wie sie ihn herauszog), »das ist doch sonst nicht deine Gewohnheit!«

Tiberia antwortete mit einer Entschuldigung, die seinen Verdacht noch bestärkte, kehrte aber dann sogleich wieder in ihr Bett zurück und erwartete, daß ihr Gatte zu ihr käme. Der aber sah sich in der Kammer um, und das Unglück wollte, daß er auf der Truhe zu Füßen des Bettes (dieweil in der Kammer stets eine Kerze von weißem Wachs zu brennen pflegte) einen kleinen Hut von griechischer Form aus rotem Tuch mit einem goldenen Band liegen sah, den er mit Bestimmtheit als Eigentum seines Sohnes erkannte und den dieser in der Angst und Eile zurückgelassen hatte. Da erriet er, im Gesicht vollkommen verwandelt, was sich begeben hatte; da er aber als kluger Mann sich erst volle Klarheit verschaffen und dann grimmige Rache nehmen wollte, beschloß er, vorläufig noch nicht Lärm zu schlagen. Er legte sich daher, wie wenn er nichts gesehen hätte, neben seine Frau, betastete sie aber unauffällig am ganzen Körper und entdeckte dabei, daß ihr unter der linken Brust das Herz heftig schlug, was seine Vermutung zur Gewißheit erhob, weshalb er vor Schmerz und Wut nicht aus noch ein wußte. Doch, um ihr keine Veranlassung zum Argwohn zu geben, trachtete er, sich zu verstellen und bemühte sich, sie wie gewöhnlich zu liebkosen. Trotzdem vermochte er jedoch, da ihm der Wurm am Herzen nagte, bis Tagesanbruch seine Gattin nicht zu genießen. So entschloß er sich denn, sie zu verlassen und sagte zu ihr: »Wundere dich nicht, Frau, daß ich weder dir noch mir Genüge zu tun vermocht habe, ich fühle mich nämlich nicht wohl (und bin so außer der Zeit gekommen, um zu sehen, ob ich nicht einen gewissen Druck im Magen, der mich quält, loswerden könnte, da aber nichts helfen will, so gehab dich wohl; denn ich will in meine Kammer zurückkehren.« Damit verließ er sie, und Tiberia glaubte nicht, daß er irgend etwas bemerkt hätte, sie traute vielmehr, da er ja alt und anfällig war, seinen Worten und legte sich zurecht, um weiter zu schlafen.

Nachdem sie sich am anderen Morgen recht spät erhoben hatte, fiel ihr der Hut in die Augen. Ihr Schreck über diese Entdeckung war nicht gering, doch glaubte sie nicht, daß ihr Gatte ihn bemerkt habe, versteckte ihn und rief ihre Kammerfräulein zu sich herein.

Als der Fürst voll von Eifersucht, Wut und Haß ins Bett zurückgekehrt war, vermochte er keinen Augenblick die Augen zu schließen, da er in einem fort an die Unehre und den Schimpf denken mußte, den ihm die Frau und der Stiefsohn zufügten, und indem er sich das Vergangene vergegenwärtigte, sprach er bei sich selbst: »Jetzt wird mir nur allzu klar, was die große Liebe, das große Wohlwollen, die große Übereinstimmung und die vielen Liebkosungen zu bedeuten hatten. Nie hätte ich auf diesen Gedanken kommen können; und wer hätte gedacht, daß der eigene Sohn es wagen würde, dem Vater etwas Derartiges anzutun, wie mein Sohn und mein treuloses Weib es mir antun? Meine Güte, die Zuneigung und Liebe, die ich ihm bewiesen habe, wie sie größer noch von keinem Vater seinem Sohn und von keinem Manne seiner Frau bewiesen wurden, haben solches wahrlich nicht an ihnen verdient. Nachdem sie es aber darauf angelegt haben, werde ich sie so züchtigen, daß sie ein ewiges schreckliches Beispiel für alle künftigen Ehebrecher sein sollen.« Und er hörte nicht auf, sich zu überlegen, wie er sie am sichersten zusammen überraschen könnte. Zunächst wollte er ihnen jedenfalls immer ein heiteres Gesicht zeigen. Er zwang sich also, fröhlich zu erscheinen, und erhob sich. Als dann die Mittagsstunde gekommen war, begab er sich zu Tisch und scherzte und spaßte wie gewöhnlich, worüber sich die Frau und der Sohn außerordentlich freuten, da sie nun überzeugt waren, daß er keinerlei Verdacht geschöpft habe. Nach dem Essen ging Sergius daher, wie er es gewohnt war, zu seiner Stiefmutter in die Kammer, um sie zu unterhalten und ihr die Zeit zu vertreiben. Und da sie allein waren, sprachen sie von der vergangenen Nacht, und Tiberia gab ihm seinen Hut zurück, den er in der Hast vergessen hatte, ohne es bisher gewahr geworden zu sein. Der Jüngling war darüber nicht wenig betreten und dankte Gott auf das innigste, daß sein Vater ihn nicht gesehen hatte.

Als die Nacht gekommen war, legte sich Currado, der sich überlegt hatte, wie er sie erwischen wollte, in der Nähe der Kammer seines Sohnes allein auf die Lauer und verharrte dort bis gegen Tagesanbruch, sah und hörte jedoch nichts, dieweil es Sergius diese Nacht, vielleicht wegen der ausgestandenen Angst, nicht geraten schien, wieder zu Tiberia zu gehen. In der folgenden Nacht hingegen verließ er unter Beobachtung der bisherigen Maßregeln zur gewohnten Stunde seine Schlafkammer und ging zu seiner Geliebten, ohne zu ahnen, daß er von jemandem gesehen worden sei. Currado aber, der sich auf die Lauer gelegt, hatte alles bemerkt und eilte nun voller Wut und Ingrimm, um seinen grausamen Vorsatz auszuführen, zum Pförtner, ließ sich aufschließen und war nach kaum hundert Schritten am Hause des Bargello angelangt. Er ließ ihn rufen und befahl ihm, sich schnell zu bewaffnen, den Henker und die meisten seiner Häscher mitzunehmen und ihm zu folgen. Gehorsam und so geräuschlos wie möglich führte dieser seinen Befehl aus, und als sie auf dem Balkon angelangt waren und eine Leiter, die Currado sie hatte mitnehmen lassen, an das Fenster des Vorzimmers angelegt hatten, stiegen zuerst der Fürst, dann der Kapitän und hierauf nach und nach die übrige Rotte ein, liefen mit brennenden Kerzen und Laternen in die Kammer der Fürstin und fanden die Liebenden eng umschlungen schlafen. Bevor er noch von ihnen gehört worden war, erreichte der rasende Alte mit seiner Schar das Bett, riß die Decke zurück und schrie mit drohender, wutentstellter Stimme: »Das also ist die Ehre, die du, mein Sohn, und du, mein Weib, mir erweist! Aber seid überzeugt, daß ihr alsbald die Strafe dafür erleiden sollt!«

Ihr könnt euch leicht vorstellen, wie jäh die Unglücklichen aufschraken: so groß war die Angst, das Entsetzen und der Schmerz, die sie überfielen, daß sie wie vom Blitze gerührt waren und, als wären sie von Holz, nicht einmal die Kraft zum Atmen, geschweige denn zu etwas anderem fanden. »Bindet diesen Verrätern sofort Hände und Füße!« rief der Fürst den Leuten des Bargello zu, und sie führten seinen Befehl augenblicklich aus. Hierauf rief er den Henker und ließ zuerst Sergius, der inständig um Gnade bat und sich demütig seiner Nachsicht empfahl, im Angesicht Tiberias die Augen aus dem Kopfe reißen und darauf mit Zangen die Zunge aus dem Munde zerren, und damit noch nicht genug, ließ er ihm unter beständigem Toben Hände und Füße abhacken. Als Tiberia ihren teuren Geliebten also verstümmeln sah, packte sie plötzlich ein so heftiges Weh, daß ihre Seele, durch übermächtige Gewalt gezwungen, die Sinne zu verlassen, aus dem martervollen Leibe schied und mit den Lebensgeistern umherirrte.

Currado, den seine Wut ganz wahnsinnig und rasend gemacht, wollte mit seiner Gattin ebenso verfahren, da er sie aber wie leblos daliegen sah, ließ er sie, damit sie mehr Schmerzen fühle, so lange mit Rosenessenz, Malvasier und kaltem Wasser abreiben, bis sie wieder zu sich kam. Sowie er dann sah, daß sie wieder atmete, ließ er sie, damit sie keinen Trost im Jammern finde, auf die gleiche Weise verstümmeln wie seinen Sohn und dann alle beide zusammen auf das Unglücksbett legen, indem er sagte: »Wo ihr mir zu Schmach und Schimpf mit soviel Wonne glücklich gelebt habt, sollt ihr auch mir zur Rache unter Schmerzen und Qualen elendiglich sterben.« Nach diesen Worten ließ er alle Häscher und den Bargello aus dem Zimmer gehen, schloß die Tür hinter sich ab, entließ die Leute und fing an, im Saale hin und her zu rennen, derart in seiner Grausamkeit verhärtet, daß er kaum noch das Gefühl hatte, ein Mensch zu sein. Den Bargello und seine Leute dagegen schmerzte, obwohl sie rohe Gesellen waren, der überaus grausame Tod der beiden jungen Geschöpfe und sie schmähten die allzu strenge Justiz Currados. Die unglückseligen Liebenden, die ohne Zunge, ohne Augen, ohne Hände und ohne Füße dalagen, hatten, da dem Körper eines jeden von ihnen das Blut aus sieben Öffnungen entströmte, das Ende ihres Lebens beinahe erreicht. Trotzdem hatten sie sich, als sie Currados letzte Worte und das Leerwerden der Kammer und Abschließen der Tür gehört, durch Tasten gefunden und erwarteten nun, sich mit den Armstümpfen umschlungen haltend, Mund gegen Mund gedrückt und so fest aneinandergepreßt, wie sie konnten, unter Schmerzen den Tod.

Habt ihr wohl je, ihr weichherzigen Frauen, eine grausamere, unmenschlichere und schrecklichere Tat gehört oder gelesen wie diese? Wo sind jemals die größten Verbrecher von der Welt mit so herber Strafe, mit so bitterm Schmerz, mit so grauenhafter Folter gezüchtigt worden, wie diese beiden Liebenden? Wo in aller Welt wurden je zwei Verräter oder Straßenmörder unter größerer Pein, furchtbareren Todesqualen und grausamerem Martyrium ihres Lebens beraubt? Warum öffnete sich nicht die Erde, warum stürzten nicht die Sterne herab, warum, brach der Himmel nicht nieder über dieses schreckliche, gottlose, verruchte Schauspiel? Welcher Maure, welcher Türke, welcher Lästrygone, welche höllische Furie, welcher Dämon hätte je einen so grauenhaften und entsetzlichen Tod ausdenken, geschweige denn verwirklichen können? O ihr unseligen, bejammernswerten Liebenden! Nicht einmal in eurer letzten Stunde war es euch erlaubt, euch zu beklagen, eurem Schmerz Luft zu machen, euch zu trösten und aufzurichten! Ihr wurdet sogar der Möglichkeit beraubt, euch zu sehen, dieses letzten Trostes eines Sterbenden, trotzdem ihr beieinander lagt! O ihr unsagbar Unglücklichen! Für euch gab es nur noch die Berührung des Blutes durch Blut, nur noch anhaltendes, ununterbrochenes Leiden: möge wenigstens Venus erbarmungsvoll eure Seelen aufnehmen, sie in den dritten Himmel führen und euch die Gnade erweisen, daß, ihr für immer beisammenbleiben dürft, wie eure glühende Liebe es verdient!

Als der Tag graute, erhob sich die ganze Dienerschaft des Palastes, und als sie die Kunde von dem entsetzlichen Ereignis vernommen hatte, weinten alle bitterlich und beklagten sich über ihren Herrn; namentlich tat dies Sergius' Amme (sie war Augenzeugin gewesen und von Currado aus der Kammer gejagt worden), die auf den Platz hinausgerannt war und dort so herzbrechend jammerte und schrie, daß die Vielen, die sie hörten, fürchteten, dem Fürsten sei etwas zugestoßen. Als sie aber den wahren Sachverhalt hörten und die Kunde sich allmählich durch die Stadt verbreitete, ward jedermann von solchem Herzeleid ergriffen, daß er den Tränen nicht zu wehren vermochte und Currado mit harten Worten schmähte und beschuldigte. Und eine große Anzahl der ansehnlichsten und vornehmsten Bürger begab sich in den Palast, um sich mit eigenen Augen von der unmenschlich grausamen Tat zu überzeugen. Als sie die Treppen emporstiegen, um in die Kammer der Fürstin zu gehen, wurden sie vom Fürsten davon zurückgehalten. Ihre Zahl wuchs aber dermaßen an, daß sie den Eintritt erzwangen, und als sie im Zimmer waren, fanden sie die beiden Liebenden in Blut gebadet: die Frau bereits leblos und den Jüngling kaum noch atmend. Entsetzt und bestürzt über die unerhörte und beispiellose Unmenschlichkeit, schrien sie alle wie aus einem Munde auf und sagten, Currado habe tausendmal den Tod verdient. Und als sie den Palast wieder verlassen hatten, strömte in weniger als einer Stunde die ganze Stadt zusammen, und so allgemein war der Schmerz, daß das Volk in Aufruhr geriet; und mit den Rufen »Schlagt ihn tot! schlagt ihn tot! den grausamen Tyrannen« an zweitausend Menschen vor den Palast zogen. Sie drangen ein und ergriffen Currado, der seine Raserei zu spät bereute und sich, ihre Absicht erratend, in einer Getreidegrube versteckt hatte. Sie erklärten ihm, er verdiene nicht länger und sei nicht mehr würdig, ihr Fürst zu sein und sie zu regieren, und wie von der göttlichen Gerechtigkeit bewogen, zerkratzten sie ihm das Gesicht und rissen ihm den Bart aus und führten ihn auf den Platz hinaus. Dort banden sie ihn an einen Pfahl, Wut bemächtigte sich des Volks, und es steinigte ihn so lange, bis er nicht nur tot, sondern derart zugerichtet und in eine unförmliche Masse verwandelt war, daß er auch nicht die leiseste Ähnlichkeit mit einem Menschen mehr hatte. Und Männer wie Frauen, jung und alt konnten sich nicht ersättigen, Steine auf ihn zu schleudern, so daß er bald von Steinen ganz bedeckt und in einem Steinhaufen vermauert oder besser begraben schien. Hierauf zogen sie in den Palast, holten die beiden unglücklichen Liebenden und bestatteten sie mit allen Ehren und unter Beobachtung ihrer Gebräuche. Am andern Tage versammelten sich die ältesten und ersten Bürger im Palaste, und da kein Nachfolger in der Herrschaft vorhanden war, weil Currado keinen Erben hinterlassen hatte, beschlossen sie weise, die Stadt zu einer Republik zu machen, und das blieb sie, bis sie schließlich von den Römern zerstört wurde.

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