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Gutenberg > Rudolf Lindau >

Liebesheiraten

Rudolf Lindau: Liebesheiraten - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleAusgewählte Erzählungen
authorRudolf Lindau
yearca. 1930
publisherWegweiser Verlag
addressBerlin
titleLiebesheiraten
pages157-348
created20040413
sendergerd.bouillon
firstpub1894
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Rudolf Lindau

Liebesheiraten

In meiner Jugend habe ich häufig, wenn auch niemals regelmäßig oder auf lange Zeit, ein Tagebuch geführt. – Mit den Jahren hatte sich jedoch auf diese Weise eine erhebliche Menge von Geschreibe angesammelt, das mir selbst, wenn ich darin las, ein getreues Bild meines Lebens bis etwa zu meinem zwanzigsten Jahre wiedergab – aber nur mir. Ein fremder Leser, meine nächsten Anverwandten mit inbegriffen, würde sich aus meinen Erzählungen und Beschreibungen ein falsches Bild gemacht haben, weniger von dem, was ich tatsächlich erlebt hatte, als von dem, was ich dabei empfunden zu haben vorgab. – Nach jenen Aufzeichnungen zu urteilen, hätte man mich nämlich für einen zur Schwermut geneigten jungen Mann halten müssen, während ich im Gegenteil, körperlich und geistig gesund, alle Freuden des Lebens, die ich erhaschen konnte, gedankenlos genoß und mich über die schweren Bekümmernisse der Jugend, die mir nicht erspart blieben, schnell und leicht hinwegzusetzen wußte. Ich wäre in meinem Tagebuche, wenn ich mich darin so geschildert hätte, wie ich war, als ein gutmütiger, etwas leichtsinniger junger Mann erschienen, der das Wohlwollen der Älteren verdiente und besaß; sicherlich nicht als ein schwermütiger, den Mondschein liebender Jüngling. – Weshalb ich mich als einen solchen darzustellen versuchte, kann ich nicht erklären; keinenfalls geschah es, um mich anderen gegenüber »interessant« zu machen, denn ich verwahrte mein Tagebuch als etwas ganz Geheimes, und weder Freund noch Freundin war es je gestattet, auch nur von dem kleinsten Teile seines Inhaltes Kenntnis zu nehmen. – Ich kann auch nicht sagen, daß ich mich selbst zu belügen versuchte, indem ich mir allerhand krankhafte Gefühle andichtete, denn ich wußte sehr wohl, daß ich dergleichen nie gehegt hatte – aber dieses »Dichten« hatte für mich einen geradezu unwiderstehlichen Reiz, namentlich in den Jahren von sechszehn bis neunzehn. – Dann verlor sich die Freude daran und mit ihr auch die Freude an meinem Tagebuche. – Seit meinem zwanzigsten Jahre habe ich nie wieder eine Zeile darin geschrieben, und als ich mich zehn Jahre später verlobt hatte und vor meiner Verheiratung eine gründliche Säuberung meiner Junggesellenwirtschaft vornahm, da wanderten auch mit vielen anderen Schriftstücken und Erinnerungen aus meiner Jugend all jene Tagebücher ins Feuer. Ich war gerade zu der Zeit jeglicher Empfindelei gründlich abhold, und die wenigen Seiten, die ich von jenen Aufzeichnungen damals wieder gelesen hatte, ehe ich sie den Flammen übergab, hatten mich mit einer gewissen Verstimmung gegen mich selbst, wie ich vor fünfzehn und zehn Jahren gewesen sein mußte, erfüllt. – Ich schämte mich förmlich meiner damaligen Unaufrichtigkeit mir selbst gegenüber und sagte mir, daß ich nie wieder ein Tagebuch führen würde. – Ich habe auch seit meinem zwanzigsten Jahre nicht wieder das Bedürfnis empfunden, unwahren Gefühlen, zu meinem eigenen Vergnügen, möglichst poetischen Ausdruck zu geben. Auch in meinen Briefen – Liebesbriefe selbstverständlich ausgenommen – bin ich seitdem, soviel ich mich erinnern kann, stets einfach und wahr geblieben. – Ich habe jener, wie ich übrigens glaube, keineswegs seltenen Eigentümlichkeit meiner Tagebücher nur erwähnt, um daran festzustellen, daß ich wohl imstande war, zwecklos unaufrichtig zu sein, und zwar so, daß ich bei dieser Unaufrichtigkeit doch auch wieder aufrichtig war: denn die falschen Gefühle, die ich mir andichtete, kamen ungerufen, und in dem Augenblicke wenigstens, da ich sie niederschrieb, waren sie der Ausdruck wahrer Empfindungen.

Wenn ich heute in meine alte Gewohnheit, von mir selbst zu sprechen, zurückverfalle, so hat es damit eine ganz andere Bewandtnis, als mit jenen Tagebüchern. Ich gehorche nun nicht mehr einem jugendlich unklaren Mitteilungsbedürfnis: die bittere Not des Lebens hat mich verschwiegen gemacht; aber die Ereignisse der letzten zwei Jahre lassen mich nicht zur Ruhe kommen, und immer wieder tritt vor mein Gewissen die Frage, ob ich an ihnen schuldigen Teil genommen, ob ich mir unlautere Absichten, üble Taten vorzuwerfen habe. – Ich antworte darauf: »Nein! Ich bin unschuldig«; aber der Zweifel taucht trotzdem bald wieder nagend in mir auf. Ich versuche nun, diesem peinigenden Zustande ein Ende zu machen, indem ich mir die Möglichkeit schaffen will, jedesmal, wenn solch selbstquälerisches Grübeln mich überfällt, eine schriftliche Darstellung jener Ereignisse lesen zu können – eine Darstellung, von der ich weiß, daß sie gewissenhaft wahr ist, und aus der, hoffentlich zu meiner Beruhigung, hervorgehen wird, daß ich das Gute und Rechte gewollt, nichts Böses getan habe, und daß ich, ohne mein Verschulden, dahin gekommen bin, wo ich heute mutlos stehe.

Ich hatte vier Geschwister: zwei Brüder und zwei Schwestern, sämtlich älter als ich. Als ich die Universität bezog, wohnte mein ältester, verheirateter Bruder Karl auf einem schönen Gute, das ihm mein Vater zur Verwaltung überlassen hatte, mein zweiter Bruder Lothar war Rittmeister in einem Garde-Kavallerie-Regiment, meine älteste Schwester Marie, die nach dem Tode meiner Mutter, welche ich in frühester Jugend verloren, meine erste Erziehung geleitet hatte und mich zärtlich liebte, war an einen höheren Verwaltungsbeamten verheiratet und lebte in der Provinz, meine zweite Schwester Elise endlich, drei Jahre älter als ich, ein bildhübsches Mädchen, kränklich, launenhaft, verzogen, stand auf dem Lande dem Hauswesen meines hochbetagten Vaters vor. Mein Verhältnis zu ihr war ein brüderlich gutes, wie wir überhaupt alle fünf in treuer verwandtschaftlicher Liebe zueinander hielten.

Mein Vater war nach den Begriffen jener Zeit ein sehr reicher Gutsbesitzer und wußte nicht, was sparen, geschweige denn knausern hieß. – Es ging auf dem Lande hoch bei uns her: zahlreiche Dienerschaft, offenes Haus und offene Tafel für Verwandte und Freunde von nah und fern – Pferde, Wagen, Jagdmeuten! – Ich fand im väterlichen Schlosse alles, was mein Herz wünschen konnte, und auch in der Stadt, wo ich zuerst als Schüler in einer Pension mehrere Jahre zubrachte, dann als Student ein freies Leben führte, hatte ich mir nie Entbehrungen aufzuerlegen. Meine Forderungen um Geld, die bald, nachdem ich die Universität bezogen hatte, ziemlich häufig waren, wurden zwar nach einiger Zeit nicht mehr so zuvorkommend wie früher beantwortet, und die langen Briefe meines Vaters und meiner Schwester Elise, die ich übrigens immer nur sehr flüchtig las, enthielten häufig wenig mehr als gute Ratschläge, Vorwürfe und Ermahnungen – aber daneben auch stets den erbetenen Wechsel in gewünschter Höhe – und das war mir die Hauptsache und eigentlich das einzige, was mir aus jenen Briefen als etwas tatsächlich Angenehmes im Gedächtnis blieb. – Als ich aber einmal leichtsinnig gespielt und eine größere Summe Geldes verloren hatte, zauderte ich doch, meinem Vater ein offenes Geständnis abzulegen und schrieb an demselben Tage zugleich an meinen Vater und an meine drei ältesten Geschwister, an Marie, Karl und den Rittmeister, um mir einen sogenannten Vorschuß von ihnen zu erbitten. – Das Geld von meinem Vater und von meiner Schwester traf pünktlich ein, Karl schickte mir die Hälfte von dem, was ich verlangt hatte; Lothar aber fragte mich, ob ich bei Sinnen sei, wenn ich mir einbildete, daß ein jüngerer Garde-Kavallerie-Offizier ein Bankier sei, der Geld übrig und zum Verborgen habe. – Ich war in meinen Forderungen ehrlich gewesen: ich gebrauchte etwa 2000 Taler und hatte in einem jeden meiner vier Briefe um 500 Taler gebeten. Die unbefriedigenden Antworten meiner Brüder Karl und Lothar zwangen mich, mir irgendwo 750 Taler zu verschaffen, was mir übrigens bei dem guten Namen meines Vaters nicht schwer wurde. Bald darauf machte ich die etwas kostspielige Entdeckung, daß Geldborgen gegen Wechsel auf lange Sicht ungleich einfacher und bequemer sei, als Bittbriefe nach Hause zu schreiben, und während ich von meinem Vater dafür gelobt wurde, endlich ein etwas vernünftigeres Leben zu führen, lud ich eine Schuldenlast auf mich, die bei jeder Wechselerneuerung schwerer wurde, ohne daß sie mich jedoch empfindlich gedrückt hätte. Ich sagte mir, wenn ich an die Sache überhaupt dachte, ein gutes Examen – und das hoffte ich zu machen – würde meinen Vater versöhnlich stimmen und ihn veranlassen, meine Stellung vor meinem Eintritt in den Staatsdienst vollständig zu regeln. Daraufhin lebte ich sorgenlos in den Tag hinein und borgte rechts und links unverzagt und zu hohen Zinsen weiter.

Meine Prüfung bestand ich ganz befriedigend, und als siebenundzwanzigjähriger Mann erhielt ich eine Anstellung, mit der ein kleines Gehalt verbunden war, in der ich nicht zu viel zu tun hatte und mich wohl befand. Mein Vater hatte inzwischen die Zulage, die er mir gewährte, noch erheblich erhöht, und ich würde mit dem Gelde, das nun zu meiner Verfügung stand, wohl auch sorgenlos ausgekommen sein – wenn die alten Sünden, die Schulden, nicht gewesen wären. Diese aber fingen mit der Zeit an, mich sehr zu quälen, während ich meine Absicht, meinem Vater die Lage, in der ich mich befand, offen darzulegen, noch nicht hatte ausführen können. Der alte Herr kränkelte nämlich seit einiger Zeit, und ich hatte ihn zu lieb, um ihn unter solchen Umständen mit Forderungen zu quälen, die ihn möglicherweise unangenehm aufgeregt haben würden, da er gar nicht darauf vorbereitet war. – Und dann starb mein guter Vater plötzlich. Es war mir und meinen Geschwistern noch vergönnt, als wir an dem Sterbebette standen, von ihm erkannt zu werden und von ihm Abschied nehmen zu können – aber am Abend schon waren die guten treuen Augen für immer geschlossen, und drei Tage später ruhte er auf dem alten Dorfkirchhofe neben meiner Mutter, von der ich keine Erinnerung bewahrt hatte, und die ihm vor einem Vierteljahrhundert aus diesem Leben in die Ewigkeit vorangegangen war.

Die Eröffnung des Testaments verursachte im allgemeinen keine Überraschung, doch waren mein Bruder der Rittmeister, meine Schwester Marie und ich dadurch enttäuscht. Mein Vater hinterließ ein großes Vermögen, und es stellte sich heraus, daß er, trotz des Aufwandes, den er stets gemacht, nicht über seine Mittel gelebt hatte. Aber daraus zogen eigentlich mein ältester Bruder und meine Schwester Elise allein Vorteil. – Wir hatten immer gewußt, daß Karl das Majorat bekommen und der Haupterbe meines Vaters sein würde, und wir hatten das bei unserer Erziehung auch recht und billig gefunden; aber auf eine so große Vergünstigung, wie sie ihm durch das Testament zuteil wurde, hatte keiner von uns, auch Karl selbst wohl nicht, gerechnet. Eine Überraschung war es ferner, daß meine Schwester Elise mit einem doppelt so großen Anteil aus der Hinterlassenschaft bedacht worden war wie Marie, Lothar und ich. Sie war immer der erklärte Liebling meines Vaters gewesen; aber als Grund der Vergünstigung, die er ihr zuteil werden ließ, gab er nur ihren leidenden Gesundheitszustand an, wie er überhaupt in dem Testamente bemüht erschien, gewissermaßen zu entschuldigen, daß er zwei seiner Kinder so sehr vor den anderen drei ausgezeichnet hatte. Wir, die drei Geschädigten, verloren darüber kein Wort: wir waren in unbeschränkter Achtung vor unserem Vater und in zärtlicher Liebe zu ihm aufgewachsen, und keiner von uns maßte sich das Recht an, angesichts des Grabes, das sich soeben über ihm geschlossen hatte, seine letzten Willenserklärungen abfällig zu besprechen. Wir hätten uns dessen geschämt, und mich selbst kümmerte zunächst die Vorstellung mehr, daß mein Vater mich weniger geliebt zu haben schien als meine Geschwister Karl und Elise als der Gedanke, daß meine Stellung in der Welt, insofern sie von meinem Vermögen abhing, in Zukunft erheblich verringert sein würde. Aber auf lange Zeit konnte ich mich dieser Tatsache nicht verschließen.

Meine Schulden, die lawinenartig angewachsen waren, hatten bei dem Tode meines Vaters die Summe von dreißigtausend Talern erreicht. – Mein Erbschaftsanteil betrug einhunderttausend Taler. Ich erhob denselben sofort, befriedigte meine sämtlichen Gläubiger und legte die siebzigtausend Taler, die mir übrig blieben, in sicheren Staatspapieren an. – Ich war bei all meinem Leichtsinn auf Kosten anderer ein guter Rechner, wenn es sich um meine Angelegenheiten handelte, und machte mir sogleich klar, daß ich, von etwaigen zukünftigen Gehaltserhöhungen, die noch in weiter Ferne lagen, Abstand genommen, fortan etwa dreitausend Taler jährlich zu verzehren haben würde.

Dementsprechend richtete ich mich denn auch zunächst ein, und zwar so, daß mein Leben, nach außen hin wenigstens, dasselbe blieb, was es bis dahin gewesen war. – Ich hauste in einer bequemen Wohnung, die im besten Viertel der Stadt gelegen und mit guten Möbeln, Büchern und einigen Bildern – Geschenken meines Vaters und meiner Geschwister – vollgepfropft war; ein älteres Ehepaar, das viele Jahre im Dienste meines Vaters gestanden hatte, führte meine Wirtschaft in ordentlichster Weise, und mein Bruder, der Rittmeister, ein großer Pferdeliebhaber, guter Reiter und vorzüglicher Pferdekenner, machte sich eine Freude daraus, mir, so oft ich es verlangte, eines seiner Pferde – er besaß deren vier – zur Verfügung zu stellen. Es war mir nicht schwer geworden, dem unruhigen Leben zu entsagen, das ich seit meinem einundzwanzigsten Jahre geführt hatte. Der Anstand hatte mir geboten, mich nach dem Tode meines Vater eine Zeitlang von allen geselligen Vergnügungen fern zu halten, und mein aufrichtiger Schmerz über den Verlust, den ich erlitten, hatte mir dies leicht gemacht. – Ich wurde ein Musterbeamter, der durch seinen ernsten Fleiß die wohlwollende Aufmerksamkeit seiner Vorgesetzten auf sich zog: ich stand früh auf, ging früh zu Bett, aß allein zu Hause oder bei einem der zahlreichen Verwandten, die ich in Berlin besaß, war häufig mit meinem Bruder zusammen, dessen stets gutes Verhältnis zu mir sich dadurch noch gewissermaßen gebessert hatte, daß er in mir einen von dem verstorbenen Vater zurückgesetzten Leidensgenossen erblickte, und ich las viel, wenn auch hauptsächlich nur Romane. Dickens und Thackeray wurden meine Lieblinge, und ich schöpfte aus ihnen Verachtung für falsche Gefühlsschwelgerei, für Unwahrheit und Kleinlichkeit und anderseits Freude an Einfachheit, Aufrichtigkeit und selbstloser Hingebung für gute Menschen und gute Taten. Es war eine Zeit in meinem Leben, in der ich wohl ein, von den verschiedensten Gesichtspunkten aus, vollkommen achtungswerter Mensch war. Der Ernst in meinen Mienen und meinem ganzen Wesen, den ich zur Schau trug, war nicht erkünstelt, und ich selbst fand mich in wenigen Monaten sehr verändert im Vergleich zu dem, was ich früher gewesen war: erheblich gereift und gealtert.

Eines Morgens ließ Lothar durch seinen Burschen anfragen – wie er das häufig tat – ob ich am Abend zu Hause bliebe: er würde dann zu mir kommen. Ich blieb zu Hause, und gegen neun Uhr erschien mein Bruder bei mir. Er war in seinem Regiment allgemein beliebt. Sein natürliches, einfaches, vornehmes Wesen, die Verbindlichkeit seiner Formen, seine herzgewinnende Freundlichkeit, dazu sein hübsches, kühnes, sorgloses Gesicht und sein gutes Aussehen in der koketten Uniform machten ihn zum ausgesprochenen Liebling einer jeden Gesellschaft, in der er sich bewegte.

Ich kannte ihn sehr genau, und ich bemerkte, sobald er wenige Minuten bei mir gewesen war, daß er mir keinen seiner gewöhnlichen Besuche machte, sondern daß ihn etwas Besonderes zu mir führte. Er ging einige Male unruhig im Zimmer auf und ab und begann, ohne sich zu setzen, zu sprechen:

»Was soll ich lange nach einer Einleitung suchen: ich habe dir etwas zu sagen und will dich um Rat fragen. – Ich beabsichtige mich zu verheiraten.« Er kam der Frage, die mir auf den Lippen schwellte, zuvor. »Mit Fräulein Natalie Ellrichs.«

Nun blickte ich überrascht zu ihm auf, aber ich sagte kein Wort. Ich kannte die junge Dame, die er genannt hatte, nur ganz oberflächlich: ihre Familie gehörte nicht den Kreisen an, in denen ich lebte; aber ich hatte Fräulein Ellrichs verschiedene Male gesehen: im Theater, auf Rennplätzen und auf der Straße. Ich war ihr auch einmal, ich weiß nicht mehr bei welcher Gelegenheit, vorgestellt worden, und ich grüßte sie, wenn ich sie antraf; aber ich hatte niemals zwanzig Worte mit ihr gesprochen, und alles, was ich außer ihrem Aussehen von ihr wußte, war von Hörensagen. Fräulein Ellrichs mochte damals zwanzig oder einundzwanzig Jahre alt sein, sie war von kleiner, zierlicher Gestalt, eher hübsch als häßlich, sehr brünett und sah entschieden klug aus. Sie war die Tochter nicht gerade liebenswürdiger Eltern und galt für eine reiche Erbin. Man sagte, sie habe bereits ein halbes Dutzend oder mehr Freier abgewiesen, darunter einige sehr vornehme, weil sie nicht nur ihres Geldes wegen genommen sein wollte, und man schrieb ihr einige bissige Worte zu, bezüglich der »Käuflichkeit« ganzer Klassen des starken Geschlechts. Ihr Vater hatte sein Vermögen als Armeelieferant erworben und war mit zahlreichen Eigentümlichkeiten und Lächerlichkeiten des Emporkömmlings behaftet; – aber noch schlimmer als er, dem man eigentlich nur Ungezogenheit vorwerfen konnte, war die beschränkte Mutter mir ihren unglaublichen Ansichten von Vornehmheit. Sie wollte es den Höchstgestellten in der Gesellschaft an »Feinheit« gleichtun, und es gelang ihr auch bei ihrer hübschen Figur, ebenso gut und oft besser als viele der vornehmsten Frauen angezogen zu sein und auszusehen, auch war ihr Haus gut gehalten, und ihre »Diners« hatten einen wohlverdienten Ruf; aber ihre Unterhaltung, die in einem ebenso engen Schnürleib steckte wie sie selbst, war niederschlagend langweilig, ihre Sucht, hochgestellte Persönlichkeiten an sich zu fesseln, außerordentlich lästig, und ihre durchsichtige, zimperliche Vornehmtuerei geradezu beängstigend. Sie war im Grunde des Herzens vielleicht gar nicht unfreundlich, geschweige denn hart oder schlecht, aber das kam ebensowenig zum Vorschein wie irgend etwas, das natürlich an ihr war. Ihr ganzes Bestreben war darauf gerichtet, vornehm zu scheinen, und da sie nicht vornehm fühlte und dachte, so war alles an ihr unaufrichtig und künstlich: ihr Lächeln, wobei sie die gut gepflegten Zähne zeigte, wie ihr schwermütiger Blick beim Anhören einer Beethovenschen Symphonie, von der sie nicht mehr verstand als ein Mohikaner. – Die Leute waren in Berlin, das damals noch eine weit kleinere Stadt war, als es heute ist, allgemein bekannt. Es würde mir wohl nicht schwer geworden sein, mich bei ihnen einführen zu lassen, denn sie waren zweifelsohne sehr gastfreundlich, aber der Gedanke war mir gar nicht gekommen, nicht etwa weil mir das Haus nicht vornehm genug war, sondern weil ich so viel wie möglich dem Grundsatz getreu blieb, nur neue Bekanntschaften zu machen, die entweder angenehm oder nützlich waren. In Frau Ellrichs Gesellschaft versprach ich mir aber weder Vergnügen noch irgendwelchen Vorteil.

»Mit Fräulein Natalie Ellrichs«, wiederholte Lothar, und dann setzte er sich rittlings auf einen Stuhl, der vor mir stand, stützte die Hände auf die Knie, kniff die Lippen zusammen und sah mich fragend fest an. – »Nun,« fuhr er nach einer kurzen Pause etwas ungeduldig fort, »was sagt du dazu?«

»Ich bin sehr überrascht«, antwortete ich zögernd.

»Unangenehm – natürlich!«

»Das will ich nicht sagen. Einfach überrascht.«

»Nun, dann erhole dich, bitte, möglichst schnell von deiner Überraschung, um mir sagen zu können, was du von der Sache denkst.«

»Ist sie schon abgemacht?«

»Nein, dann würde ich dich nicht mehr um Rat fragen; aber ziemlich weit vorgeschritten in der Tat – seit gestern abend.«

»Die Sache hat zwei Seiten . . .«

»Sie hat sogar viel mehr – aber darüber wollen wir nicht streiten. Voyons deine zwei Seiten.«

»Fräulein Ellrichs soll sehr reich sein.«

»So sagt man.«

»Aber ihre Eltern . . .«

»Die heirate ich nicht.«

»Du heiratest in die Familie hinein; du wirst kaum umhin können, die Eltern mit in den Kauf zu nehmen.«

»Das sehe ich nicht ein. Das würde ich später ganz davon abhängig machen, wie mir die Eltern gefallen würden.«

»Hast du das Fräulein Ellrichs schon angedeutet?«

»Bewahre! Wir sind noch nicht einmal verlobt. Wie sollten wir dazu kommen, gemeinschaftliche Zukunftspläne zu machen.«

Ich wollte Zeit gewinnen, um zu überlegen. Ich empfand, nachdem ich meiner Überraschung Herr geworden war, eine tiefe seelische Verstimmung. – In unserer Familie war die Frage der Geldheiraten, so viel ich mich erinnerte, niemals erörtert worden. Wir wähnten uns alle reich genug, um Liebesheiraten machen zu können. Von diesem Gesichtspunkte aus hatten Karl eine Frau und Marie einen Mann gefunden, und beider Ehen waren glücklich. Man verachtete das Geld nicht etwa bei uns, aber man war doch sehr peinlich in der Wahl der Mittel, Geld zu erwerben. – Geld »erheiraten« stand nicht auf unserer Liste der empfehlenswerten Mittel, um reich zu werden. Mein Bruder Karl hatte in der Tat ein reiches Mädchen geheiratet – aber er war vollständig in sie verliebt gewesen, als er um sie geworben hatte, und ihre große Mitgift war in seinen und unser aller Augen nichts weiter als eine höchst willkommene Zugabe zu ihren sonstigen liebenswürdigen Eigenschaften gewesen. Karl würde um seine geliebte Ellen angehalten haben, auch wenn sie arm gewesen wäre. Ähnlich war es Marie mit ihrem Regierungspräsidenten ergangen, der schon als junger Referendar für das hübsche Kind geschwärmt hatte und von Hause aus ein sehr wohlhabender Mann war. Es fiel uns nicht schwer, da wir reich waren, oder ein jeder von uns sich reich wähnte, auf Geldheiraten etwas verächtlich herabzublicken, denn keiner von uns nahm damals wohl an, er werde jemals vor die Frage gestellt werden, ob er sich auf ein solches Unternehmen einlassen wolle oder nicht.

»Willst du mir nicht zunächst erzählen,« fragte ich, um mich sammeln zu können, »wie weit du bereits gegangen bist, – wie die Sache in diesem Augenblick liegt?«

»Das ist in wenigen Worten geschehen«, antwortete Lothar. »Ich kenne die Familie Ellrichs seit vielen Jahren, ich verkehre regelmäßig bei ihr seit etwa drei Monaten. Die Leute gefallen mir, wenigstens der Vater und die Tochter; auch die Mutter ist bei weitem nicht so schlimm, wie man erzählt: etwas langweilig und geziert – ja! aber herzensgut, grundehrlich – glaub' es mir. Der Vater ist eine wahre Perle, trotz der etwas rauhen Schale, in der er steckt, und seine kleinen Eitelkeiten sind nicht geeignet, die Achtung, die mir sein gerader, biederer Charakter einflößt, im geringsten zu vermindern. Natalie selbst aber ist das gescheiteste junge Mädchen, das ich überhaupt je in meinem Leben angetroffen habe. Ich kann mich stundenlang mit ihr unterhalten wie mit einem gebildeten, klugen Mann, und ich wünsche mir nie bessere Gesellschaft als die ihrige. Außerdem ist sie jung und hübsch, und ich glaube, sie hat mich ganz gern – obgleich ich mich darin irren kann, da sie viel zu wohlerzogen ist, als daß sie ihre etwaige Zuneigung zu einem Mann vorzeitig zu erkennen geben würde. Sie soll auch reich sein – sehr reich sogar – schön! Aber ich frage dich und jeden vernünftigen Menschen, ist das ein Grund, weshalb ich für ihre guten und liebenswürdigen Eigenschaften blind sein sollte? – Was in aller Welt ist gegen sie einzuwenden? Kannst du ihr gerechterweise einen Vorwurf daraus machen, daß ihr Vater nicht als reicher Mann geboren ist, sondern sein Vermögen durch Klugheit, Energie und ehrliche Arbeit erworben hat? Nicht der kleinste Makel haftet an dem Vermögen. Der alte Ellrichs erfreut sich des allerbesten Rufes in kaufmännischen Kreisen. Niemals habe ich gehört, und du wirst auch nie gehört haben, daß seine Ehrenhaftigkeit angezweifelt worden wäre. – Was kannst du gegen meine Wahl sagen? Ich frage dich!«

»Ich finde gar nichts dagegen zu sagen,« antwortete ich kleinlaut, »wenn du die Sache so darstellst, aber . . .«

»Nun, was aber . . .?«

»Du darfst mir nicht böse werden, wenn ich dir aufrichtig meine Meinung sage.«

»Um diese zu hören, bin ich zu dir gekommen. Also vorwärts! Bitte.«

»Jedermann wird annehmen, daß Fräulein Ellrichs' Reichtum allein dich bei deiner Wahl beeinflußt hat – in andern Worten, daß du einfach eine Geldheirat machst.«

»›Jedermann' ist ein boshaftes anonymes Wesen und mag annehmen, was er will. Schließlich würde es mir vielleicht genügen, wenn meine Handlungen nur meine eigene Billigung fänden; – aber ich gestehe, daß es mich freuen würde, auch deine und Mariens Zustimmung zu meinem Vorhaben zu erwerben. Also sprich mir nicht von ›Jedermann‹; sage mir einfach: was hast du gegen meine etwaige Vermählung mit Fräulein Ellrichs einzuwenden?«

»Hast du sie wirklich lieb?«

»Ich habe dir bereits gesagt, daß sie mir sehr gefällt.«

»Würdest du um Fräulein Ellrichs anhalten, auch wenn sie arm wäre?« fragte ich zögernd.

»Um ein armes Mädchen könnte ich mich in meiner Stellung überhaupt nicht bewerben. Das weiß keiner besser, als du es wissen kannst. Ich verstehe deshalb auch nicht, weshalb du die Frage an mich richtest. Die Sache ist ganz einfach: ich habe die Wahl, ob ich mich verheiraten oder ledig bleiben will. Ich möchte mich lieber verheiraten als ledig bleiben. Schön! In dem Falle habe ich aber nicht die Wahl zwischen armen und reichen Mädchen, sondern ich bin durch die Umstände darauf angewiesen, meine zukünftige Frau unter den reichen und wohlhabenden zu suchen. Von diesem aber kenne ich keine, die mir auch nur annähernd so gut gefiele wie Fräulein Ellrichs. Ergo: wähle ich Fräulein Ellrichs. – Was hast du dagegen zu sagen?«

»Ich – gar nichts«, antwortete ich kleinlaut.

»Aber die Sache gefällt dir nicht – du mißbilligst meine Handlungsweise?«

»Ich kann dir wirklich nicht sogleich Bescheid geben«, antwortete ich entschiedener. »Es handelt sich um dein Lebensglück. Ich habe dich zu lieb, als daß ich da zu einer Frage, die du an mich richtest, leichtfertig ›ja‹ oder ›nein‹ sagen könnte. Ich werde auch über die Sache nicht ruhig nachdenken können, als bis ich allein bin. Ich bezweifle, daß meine Ansicht für dich maßgebend sein wird; aber wenn du sie hören willst, so mußt du schon bis morgen warten.« – Ich suchte nach Einwänden, um einem zu schnellen Entschlusse von ihm vorzubeugen. »Hast du dir überlegt, was aus deiner Laufbahn werden wird, wenn du Fräulein Ellrichs heiratest?« fragte ich.

»Ja, so oberflächlich.«

»Wirst du im Dienst bleiben?«

»Ich denke doch.«

»Glaubst du, daß man dich in deinem Regiment, in Berlin lassen wird?«

»Das weiß ich nicht. Offen gesagt: ich bezweifle es beinah.«

»Hast du Fräulein Ellrichs das gesagt oder angedeutet?«

Lothar zuckte ungeduldig die Achseln: »Du hast augenscheinlich eine ganz falsche Ansicht von dem Verhältnis, in dem ich augenblicklich noch zu der jungen Dame stehe. Wie sollte ich bis jetzt dazu gekommen sein, gemeinschaftliche Zukunftspläne mit ihr zu machen? Es wäre übrigens eine ganz neue Art, sich um die Hand eines jungen Mädchens zu bewerben, wenn man ihre Entscheidung dadurch beeinflussen wollte, daß man ihr in beliebig schönen Worten sagte: ›Sie wissen, ma chère, daß ich mir meine Karriere verderbe, wenn ich Sie heirate, denn ich werde sodann wahrscheinlich nach Gumbinnen oder Stallupönen versetzt und dadurch gezwungen werden, meinen Abschied zu nehmen.‹ – Nein, lieber Hermann: was nach meiner etwaigen Vermählung mit Fräulein Ellrichs aus mir wird, muß ich späterer Sorge überlassen. Ich würde auch dann natürlich gern Soldat bleiben, aber wenn mir der Dienst durch unfreundliche Behandlung verleidet und ich dazu gedrängt würde, meinen Abschied zu nehmen, so würde ich mich nicht ungebührlich lange nötigen lassen – und es würde mir nicht das Herz brechen, aus der Armee auszutreten.«

»Und was würdest du dann tun?«

»Das weiß ich noch nicht.«

Ich suchte nach neuen Vorwänden, ihn auf dem Wege, den er beschritten hatte, aufzuhalten: »Glaubst du nicht, daß du zunächst auch mit Karl sprechen solltest? Er ist jetzt das Haupt der Familie.«

Da schoß ihm das Blut in das hübsche Gesicht, und seine Augen blitzten zornig. »Du irrst dich«, sagte er leise, und ich bemerkte, daß er eine große Anstrengung machte, um seine Heftigkeit nicht zum Ausbruche kommen zu lassen. – »Du irrst dich, wenn du glaubst, ich hielte mich für verpflichtet, mit irgend jemand über den Schritt zu beraten, den ich vorhabe. Ich bin zu dir gekommen, weil wir beide immer zusammengehalten haben, und weil es mich schmerzen würde, wenn meine Verheiratung mit Fräulein Ellrichs uns einander – wenn auch nur oberflächlich – entfremden sollte, auch mit Karl und meinen anderen Geschwistern lebe ich natürlich lieber in Frieden, als daß ich mich mit ihnen entzweie; aber niemand hat das Recht, darüber zu bestimmen, was ich tun und lassen soll. Ich habe mir die Sache auch von diesem Gesichtspunkte aus reiflich überlegt und bin zu der Überzeugung gelangt, daß es am besten sein wird, Karl mit der Mitteilung einer vollzogenen Tatsache gegenüberzutreten. Damit gehe ich Erörterungen aus dem Wege, die ganz unnützerweise eine Verstimmung zwischen ihm und mir herbeiführen könnten. Denn ich bin fest entschlossen, mich in der Frage meiner Verheiratung nicht von Karl beeinflussen, geschweige denn leiten zu lassen. Ich werde ihm seinerzeit meine Verlobung anzeigen. Gefällt ihm meine Braut, so wird mir das eine große Freude sein, und was in meiner Macht steht, sie ihm gefällig zu machen, soll gern geschehen. Will er sich aber nicht überzeugen lassen, mißbilligt er die Wahl, die ich getroffen habe, und zeigt er mir dies, so gräbt er damit einen Graben zwischen uns – und dann wird es auch ihm obliegen, wenn er nicht vorzieht, daß wir getrennt bleiben, später einmal die Brücke zu bauen, auf der wir uns wieder vereinigen könnten.«

Ich saß stumm da.

»Nun, und du?« fragte Lothar.

Er war aufgestanden, als erwarte er nur eine Antwort, um ihr zu entnehmen, ob wir weiter im Leben nebeneinander hergehen oder uns trennen würden, und als sei er auf beides vorbereitet und werde sich in das eine wie in das andere zu finden wissen.

Da faßte ich den Entschluß, ihm ein Geheimnis anzuvertrauen, das seit einigen Wochen all meine Gedanken beschäftige. Wenn es Lothar auch nicht zur Umkehr brachte, so machte es ihn vielleicht doch nachdenklich und bewahrte ihn vor einem übereilten Schritte.

Ich hatte, wie ich bereits gesagt habe, während der stillen Zeit nach dem Tode meines Vaters vielfach bei einigen nahen Anverwandten verkehrt, die den Winter in Berlin zuzubringen pflegten. Bei einer alten verwitweten Tante, der Generalin von Nortorf, war ich mit Frau von Wehrenberg und deren Tochter Johanna zusammengetroffen, die ich beide seit meiner Kindheit kannte, aber seit vielen Jahren aus den Augen verloren hatte. Johanna erschien mir als das schönste und edelste Mädchen, das ich je in meinem Leben angetroffen hatte, und nachdem ich einige Male mit ihr gesprochen, versank ich mehr und mehr in Liebe zu ihr und sagte mir alsbald, daß es für mich kein größeres und kein anderes Glück mehr geben könne, als mit Johanna vereint durchs Leben zu gehen. Mein stummes, ehrerbietiges Wesen konnte dem schönen, klugen Mädchen nicht unbemerkt bleiben, und mit glücklichem Zusammenschauern glaubte ich an manchen kleinen Anzeichen zu erkennen, daß sie mich nicht zurückwies. Ich wartete, seit einigen Tagen bereits, nur auf eine Gelegenheit, ihr meine Liebe zu gestehen und sie um ihren Bescheid zu bitten. Der Gedanke, mich zunächst mit der Mutter zu verständigen, kam mir nicht. Ich erwartete mein Glück von Johanna und wollte es nur aus ihren Händen empfangen, es ihr allein schulden.

Johanna war ganz arm. Das wußte ich genau; aber der Umstand kam bei mir nicht in Betracht. Ich fühlte den stolzen Mut der Jugend in mir, Johanna glücklich zu machen, auch wenn wir beide arm gewesen wären, was jedoch keineswegs der Fall war. Ich besaß dreitausend Taler Einkommen. Das war nicht viel, wenn ich ein ausschweifendes Leben führen wollte, wie ich es in meiner Jugend getan hatte – aber für Johanna, die mit ihrer Mutter kaum den dritten Teil von dem ausgeben konnte, was ich besaß, wäre das Leben, das ich ihr bieten konnte, beinahe ein reiches gewesen.

»Setz' dich noch einen Augenblick nieder«, sagte ich zu Lothar. »Ich habe dir etwas über mich zu sagen.«

Lothar setzte sich mürrisch, strich sich den langen Schnurrbart und sah mich ungeduldig an. Er erwartete augenscheinlich, daß ich ihm noch mit neuen Einwänden kommen würde, und war wohl im voraus fest entschlossen, denselben kein Gehör mehr zu leihen. Aber sobald ich angefangen hatte zu sprechen, veränderte sich sein Gesicht und nahm den unverkennbaren Ausdruck regster Teilnahme an.

»Ich will mich nämlich ebenfalls verheiraten.«

»Du?«

»Ja, ich selbst. Was ist dabei zu erstaunen?«

»Und mit wem, mein alter Hermann?«

»Mit Johanna von Wehrenberg – wenn sie mich haben will. Denn gefragt habe ich sie noch nicht.«

»Johanna? Die schöne, blonde Johanna? Du scherzst.«

»Ich spreche in vollstem Ernste.«

»Und wie weit bist du vorgegangen? Hast du deine Liebe bereits gestanden, bist du erhört worden, was sagte die Frau Mama dazu?«

Ich teilte meinem Bruder in kurzen Worten die Sachlage mit und kam dann zugleich zu dem Punkte, der mich veranlaßt hatte, überhaupt von meinen Beziehungen zu Fräulein von Wehrenberg zu sprechen.

»Du weißt ohne Zweifel, daß Fräulein von Wehrenberg kein Vermögen besitzt.«

»Ich habe so etwas gehört.«

»Nun, lieber Lothar, du hast mich um meine Meinung gefragt, ob du ein reiches Mädchen heiraten solltest; ich möchte jetzt hören, was du dazu zu sagen hast, daß ich mich mit der Absicht trage, ein armes Mädchen zu freien.«

»Ja, lieber Freund – das ist Geschmacksache; dazu kann ich gar nichts sagen. Wenn › une chaumière et son coeur‹ dir genügen, so sage ich: ›Heirate die schöne Johanna!‹ Meinen Segen dazu hast du; aber ich möchte dir doch raten, zunächst recht vernünftig zu prüfen, ob das, was du mit einem armen Mädchen besitzen würdest, auch genügen dürfte, um euch beide und was noch an Kindern hinzukommen könnte, glücklich zu machen. – Ich bin meiner Sache ganz sicher, daß ich, mit der geliebtesten und besten Frau der Welt und dreitausend Talern Einkommen, in einem Jahre unglücklich sein und meine Frau unglücklich machen würde. Du brauchst mir nicht zu beweisen, daß das höchst ungerecht ist – das sehe ich selbst ein – aber ein bißchen soll der Mensch doch mit Tatsachen und gegebenen Faktoren rechnen, und es ist nun einmal eine nicht fortzudisputierende Tatsache, daß ich, wie ich mich ziemlich genau kenne, absolut nicht in der Lage sein würde, die Kosten eines Hausstandes, in dem ich mich glücklich fühlen könnte, auch nur annähernd mit jener Summe zu bestreiten. Ich würde Schulden machen, meine Frau quälen und sie mich – und unser Liebesglück würde in kurzer Frist eines elenden Todes sterben. Da verzichte ich lieber ganz darauf . . . Du scheinst in bezug auf dich zu einem anderen Ergebnis gelangt zu sein. Du siehst dich augenscheinlich schon als würdigen pater familias in einer Wohnung, die vollkommen sein würde, wenn nicht ein Zimmer daran fehlte, mit der still waltenden, züchtigen Hausfrau zur Seite, blühenden Kindern an deinen Knien, und achtest der Geldsorgen, die kommen müssen, gering im Vergleich zu dem Glück, das du deinen Kindern und der Mutter deiner Kinder verdankst. – Wenn du dich dabei nur nicht verrechnetest, lieber Freund! Ich sehe den Tag kommen, wo du, angesichts der Sorgen, wie die Miete und die Schneiderrechnung für die Frau und das Schulgeld für die Kinder und Gott weiß, was noch für Ausgaben bezahlt werden sollen, mit Wehmut und Reue an die sorgenfreien, schönen Junggesellentage zurückdenken wirst. Jetzt magst du auch Sorgen haben – aber doch nur für dich selbst. Das ist nicht schlimm. Aber als Ehegatte und Vater werden dich die Sorgen um drei, vier, ein halbes Dutzend und vielleicht noch mehr quälen. Geldsorgen sind abscheuliche Sorgen! – Und wie glaubst du, daß Johanna solche Sorgen tragen würde, wenn sie mit dir teilen wollte? – Hm! . . . Ich mache mir in diesem Augenblick, wenn ich mir das stille, schöne Mädchen als sorgenvolle Hausfrau vorzustellen versuche, Gedanken über das Los ihres glücklichen Herrn und Gemahls, die für diesen nicht ganz beruhigend sind. Ich will der Auserwählten deines Herzens nicht zu nahe treten – aber ich glaube, sie könnte unter Umständen recht unbequem werden.«

Es wurde mir nicht schwer, Lothar die Hohlheit seiner Beweisführung nachzuweisen. Mit dreitausend Talern ließ sich eben gut und sorgenfrei leben. Mein Bruder schüttelte mit überlegenem Lächeln das Haupt: er wollte sich einfach nicht überzeugen lassen. Ich gab die Erörterungen bald auf, um, meine ersten Gedanken wieder aufnehmend, zu sagen:

»Du siehst, daß ich in bezug auf die Wahl der zukünftigen Frau andere Ansichten habe als du. Ich verspreche dir, alles was du mir gesagt hast, reiflich zu erwägen und keinen übereilten Schritt zu tun; da darf ich dich dann aber auch bitten, noch einmal über die wahrscheinlichen Folgen deiner etwaigen Vermählung mit Fräulein Ellrichs nachzudenken. Ich räume bereitwilligst ein, daß sie eine hübsche, kluge, ehrenwerte junge Dame ist, und ich füge hinzu, ohne damit den leisesten Spott zu verbinden, daß ihre Mitgift groß genug sein dürfte, um dein zukünftiges Leben von allen Geldsorgen frei zu machen; aber erwäge, ob das genügen wird, um alles zu ersetzen, dem du zu entsagen hättest, wenn du Fräulein Ellrichs zu deiner Frau machtest.«

»Da sind wir also genau wieder so weit wie vor einer halben Stunde«, sagte Lothar, ein Gähnen unterdrückend. »Unser Programm für morgen lautet: ›Selbstprüfung und Überlegung‹ – hoch moralisch! Ich gedenke mit meinem Pensum gegen drei Viertel acht Uhr abends fertig zu sein. Dann werde ich wieder zu dir kommen, und wir könnten weiter beraten. Einstweilen: Gute Nacht! Ich bin nicht so wie du an geistige Arbeit gewöhnt, und unsere philosophische Unterhaltung hat mich müde gemacht. – Also auf morgen!«

Als er gegangen war, versank ich in Nachdenken. Nur mit Entrüstung konnte ich mir seine Absicht, eine Geldheirat zu machen, und die leichtfertige Weise, in der er dies zu rechtfertigen versucht hatte, vergegenwärtigen. – Wie hatte ich mich so in Lothar täuschen können? War es möglich, daß er, der in meinem Geiste ein Vorbild edler, großherziger Ritterlichkeit gewesen war, sich zu einer Verbindung hinabwürdigen konnte, der in unverkennbarer Weise der Stempel einer Geldheirat aufgedrückt war? Alles, was er zur Erklärung, zur Verteidigung des von ihm beabsichtigten Schrittes gesagt hatte, war gänzlich wertlos in meinen Augen. Er bewarb sich um Fräulein Ellrichs keineswegs, weil sie jung, hübsch, klug, sondern einfach weil sie reich war; – und dabei schloß er die Augen über den schrecklichen Vater und die lächerliche Mutter. Um den Preis jenes Reichtums war er bereit, mit seiner ganzen Vergangenheit, seiner Laufbahn, seinen Kameraden, Bekannten, Freunden und Verwandten zu brechen!

Man hat mir niemals nachsagen können, daß ich ein in Standesvorurteilen befangener Mann wäre. Jedes ordentliche, anständig erzogene Mädchen, ob reich oder arm, wäre mir als Schwägerin willkommen gewesen, wenn ich mir hätte sagen können, mein Bruder habe um sie geworben, weil er sie geliebt; aber es war unmöglich, daß Lothar Fräulein Ellrichs liebte. Er würde sich nie um sie gekümmert haben, wenn sie nicht reich gewesen wäre: ihr Geld allein war es, wonach er trachtete, und sie selbst nahm er als eine unvermeidliche Zugabe mit in den Kauf. Das fand ich schändlich – und je mehr ich darüber nachdachte, je erbärmlicher erschien es mir. Er verkaufte sich – im wahren Sinne des Wortes verkaufte er sich, Leib und Seele, an ein Mädchen, das reich genug war, um den Preis zu zahlen, zu dem er sich eingeschätzt hatte und feilbot. – Schändlich!

Dann kehrten meine Gedanken zu Johanna zurück. – Es war meinem Bruder nicht gelungen, mich zu beunruhigen. Er war, wie ich ihn jetzt zu erkennen glaubte, gar nicht fähig, sich über eine würdige Ehe überhaupt eine Ansicht zu bilden. Er ahnte nicht, wie teuer ein geliebtes Mädchen einem Manne sein kann, wie gering dieser jedes Opfer anschlägt, das er sich auferlegen muß, um sie zur Seinen zu machen. »Eine Hütte und ihr Herz« hatte er spöttelnd gesagt. Ja, ihre Liebe allein würde genügen, mich glücklich zu machen! – Aber wie konnte Lothar das ahnen, er, der sich kühl überlegt hatte, ob Natalie Ellrichs auch wohl reich genug sei, um sein Werben um ihre Hand zu rechtfertigen. Ich brauchte mir nicht bis zum nächsten Abend zu überlegen, was ich zu tun habe. Meine Unterredung mit Lothar, seine kleinlichen Einwände hatten mich in meinem Vorsatz nur bestärkt. Morgen noch, wenn ich Johanna nur einige Minuten allein sprechen könnte, jedenfalls bei der ersten Gelegenheit – und die würde sich bald finden – wollte ich Johanna meine Liebe gestehen.

Am nächsten Tage erhielt ich im Laufe des Nachmittags ein kurzes Schreiben meines Bruders, das etwa folgendermaßen lautete: »Die Sache hat sich schneller erledigt, als ich gestern glaubte. Ich habe mich soeben mit Fräulein Ellrichs verlobt. Du bist der erste, dem ich dies mitteile. Ich bezweifle, daß ich heute oder morgen Zeit finden werde, den anderen ausführlich zu schreiben. Du würdest mir einen Gefallen tun, wenn Du es übernehmen wolltest. Aber dann müßtest Du es noch heute tun, denn Karl könnte sich verletzt fühlen, wenn er meine Verlobung auf andere Weise als durch ein Mitglied der Familie erführe. Bist du selbst zu sehr in Anspruch genommen, um die drei Briefe schreiben zu können, so laß es mich wissen, und ich muß dann schon Zeit finden, die Sache selbst zu erledigen.«

Ich hatte seit gestern kaum noch gehofft, daß es anders kommen würde, als es nun gekommen war, doch wurde meine Verstimmung gegen Lothar, angesichts der nunmehr vollzogenen Tatsache seiner Verlobung mit Fräulein Ellrichs, noch verstärkt; aber es war unnütz, dies jetzt noch zu zeigen, da das Geschehene dadurch nicht ungeschehen gemacht worden wäre, und so teilte ich Lothar mit, ich wünschte ihm herzlich Glück, und ich übernähme es, an Karl, Marie und Elise zu schreiben.

Die Nachricht würde alle drei unangenehm überraschen, das nahm ich an. Als ich nachdenklich darüber von meinem Ministerium nach Hause ging, führte mich mein Weg an der Wohnung von Frau von Wehrenberg vorüber. Es war fünf Uhr: eine passende Stunde, wie ich wußte, um dort einen Besuch zu machen. Frau von Wehrenberg war ausgegangen, aber die Tochter fand ich zu Hause, und sie empfing mich. Das war auch früher schon bei ähnlichen Gelegenheiten geschehen, und Johanna begrüßte mich freundlich, ohne jede Befangenheit. Ich aber war so glücklich, sie allein anzutreffen, und zugleich so verlegen, wie ich von diesem günstigen Zufall Gebrauch machen sollte, daß ich zunächst vergeblich nach Worten suchte, um die Unterredung überhaupt zu beginnen. Johanna bemerkte dies sogleich: das nahm auch ihr die gewöhnliche Unbefangenheit, und so saßen wir uns einige Augenblicke stumm gegenüber. Ich blickte auf. Johanna saß mit niedergeschlagenen Augen vor mir; aber als fühlte sie, daß ich sie ansähe, hob ich jetzt die Lider, und unsere Blicke begegneten sich. – Oh, der Blick eines geliebten und liebenden Mädchens! Sanft, um Hilfe flehend, hingebend, und so zart und schüchtern und mädchenhaft ruhte er auf mir! Ich kann nicht beschreiben, was in nur vorging; aber plötzlich hatte ich Worte für das gefunden, was mich so tief bewegte. Und als ich zitternd die Rechte nach ihr ausstreckte, da reichte sie mir zögernd und doch wieder vertrauensvoll die schmale, weiße, kühle Hand, und ich wußte, daß mein Flehen erhört war, daß Johanna mir erlaubte, sie zu lieben, daß sie mich wieder liebte.

Sie hatte noch kein Wort gesprochen; nun sagte sie leise, kaum hörbar:

»Ich könnte meine Mutter nicht jetzt sogleich in Ihrer Gegenwart sehen. Ich werde heute abend mit ihr sprechen. Dann sollen Sie von mir hören.«

Ich gehorchte dem Winke zu gehen, den sie mir damit gab. Ich erhob mich und reichte ihr die Hand, und als sie mir die ihrige gab, zog ich das geliebte Mädchen widerstandslos an meine Brust und küßte sie auf Stirn und Wange und küßte das weiche, seidene, helle Haar. Sie duldete es gesenkten Hauptes eine kurze Sekunde, dann trat sie schnell zurück und verließ das Gemach. Ich aber eilte, Jubel und Freude im Herzen, nach Hause. Dort erst fiel mir wieder ein, daß ich Lothar versprochen hatte, unseren Geschwistern seine Verlobung anzuzeigen. Das ernüchterte mich etwas, doch war es mir unmöglich, mich so eingehend mit der Angelegenheit zu beschäftigen, wie ich es unter anderen Umständen getan haben würde.

Mein Brief an meine Schwester Marie war kurz. Ich beschränkte mich darauf, darin zu sagen, Lothar habe mir aufgetragen, ihr seine Verlobung mit Fräulein Natalie Ellrichs mitzuteilen, von dieser wisse ich im Augenblicke nicht mehr zu berichten, als daß sie jung und leidlich hübsch sei und für klug und für eine reiche Erbin gelte, sie sei das einzige Kind eines Rentiers, der sein Vermögen durch Armeelieferungen und Häuserspekulationen erworben habe und gegen oder für den ich nichts zu sagen wisse, da ich niemals ein Wort mit ihm gewechselt hätte, ich würde die Familie nun aber natürlich kennen lernen, und dann solle Marie Ausführlicheres von mir hören. In einer Nachschrift fragte ich, ob meine Schwester sich der Frau von Wehrenberg und deren Tochter Johanna erinnere, und was sie von beiden denke.

An Karl schrieb ich etwas länger, aber der Inhalt meines Briefes war so ungefähr derselbe wie der des Schreibens an Marie; nur daß ich dem Briefe an meinen Bruder hinzufügte, er möchte, falls er die Verlobung Lothars mit Fräulein Ellrichs mißbillige, dies lieber nicht äußern: an der Sache selbst sei nun doch nichts mehr zu ändern, und sein Widerspruch dagegen würde nur zu einer Entzweiung mit Lothar führen. Das würde Karl aber doch sicherlich vermeiden wollen. Ich riete ihm, vorläufig Lothar einfach Glück zu wünschen und abzuwarten, wie ihm die neue Schwägerin gefiele, und danach zu bestimmen, welcher Art seine Beziehungen zu ihr werden sollten. – An Elise schrieb ich nicht besonders. Sie hatte ihre alte Wohnung im Schloß behalten, das Karl seit dem Tode des Vaters bezogen, und so konnte ich meinem Bruder auftragen, seiner Frau und unserer Schwester Elise die Verlobung Lothars mitzuteilen.

Sobald ich die lästige Pflicht erfüllt, die meine Gedanken auf kurze Zeit von Johanna abgezogen hatte, ging all mein Denken wieder zu der Geliebten zurück, die mich so unbeschreiblich glücklich machen würde, und deren Glück fortan mein ganzes Leben geweiht sein sollte.

Am nächsten Morgen wachte ich ungewöhnlich früh auf. Ich rief Franz, den alten Diener, und fragte, ob Briefe für mich angekommen seien. Nein! Nur die Zeitungen waren da. Was kümmerten mich Zeitungen? Zur gewöhnlichen Stunde begab ich mich nach meinem Büro. Ich war beunruhigt, noch keine Nachricht von Frau von Wehrenberg erhalten zu haben, aber ich sagte mir, daß die Mutter am vergangenen Abend eine ausführliche Unterredung mit Johanna gehabt und wohl noch keine Zeit gefunden haben würde, mir zu schreiben.

Im Laufe des Nachmittags wurde mir der ungeduldig erwartete Brief endlich übergeben. Er enthielt nur wenige Zeilen. Frau von Wehrenberg bat mich, sie im Laufe des Abends zu einer bestimmten Stunde besuchen zu wollen.

Ich las das kurze Schriftstück mehrere Male durch und erwägte jedes Wort, das darin stand. Der Brief enthielt nichts Unfreundliches: die Form, die Frau von Wehrenberg gewählt hatte, war nur tadellos höflich und entsprach der bei ähnlichen Mitteilungen gebräuchlichen. Doch verstimmte und beunruhigte mich der Brief. Ich sagte mir, daß wenn Frau von Wehrenberg meinem Vorhaben geneigt gewesen wäre, sie wohl einen herzlicheren Ton gefunden haben würde, um mich zu dem Besuche zu laden, der über mein Lebensglück entscheiden sollte.

Als ich vor einigen Monaten, bald nach dem Tode meines Vaters, die alte Bekanntschaft mit Frau von Wehrenberg wieder erneuert hatte, da war sie meinen Annäherungsversuchen mit großer Herzlichkeit entgegengekommen, so daß ich mich bald zu den wenig zahlreichen Freunden ihres Hauses hatte zählen dürfen. Manch köstlichen Abend hatte ich dort allein mit der Mutter und Tochter verlebt, und oftmals war mir damals Gelegenheit geboten worden, mich ungestört mit Johanna unterhalten zu können. Seit einigen Wochen hatte sich das geändert; aber eigentümlicherweise war es mir nicht besonders aufgefallen. Jetzt dachte ich mit Beunruhigung daran. – Was mochte vorgefallen sein, um mir, wenn auch nur einen Teil des Wohlwollens und des Vertrauens zu entziehen, das Frau von Wehrenberg mir ursprünglich geschenkt hatte?

Die Frau war mir niemals sympathisch gewesen, aber das hatte mich nicht sonderlich gestört, denn ich hatte nur selten etwas mit ihr zu tun gehabt. Ich begrüßte sie, wenn ich sie antraf, erkundigte mich nach ihrem Befinden, beantwortete einige gleichgültige Fragen, die sie an mich richtete, und setzte mich sodann zu Johanna, um im Gespräch mit dieser alles zu vergessen, was sich nicht auf sie und mich bezog. Manchmal hatte ich dann den kalten Blick bemerkt, mit dem die Mutter uns beide beobachtete; – aber ich hatte mir deswegen keine Sorgen gemacht. Frau von Wehrenberg konnte sich unmöglich darüber täuschen, welche Absichten mich so häufig in ihr Haus führten, und indem sie meine Besuche duldete, gab sie zu erkennen, daß sie mich in meinem Vorhaben nicht hindern wollte. Das genügte mir, sonst verlangte ich nichts von ihr, und ich war in meinem Herzen bereit, sie wie eine Mutter zu verehren, weil sie in mir ihren zukünftigen Schwiegersohn willkommen zu heißen schien. Sonst hatte ich keinen Grund, sie lieb zu gewinnen.

Es bestand eine unverkennbare Ähnlichkeit zwischen Frau von Wehrenberg und ihrer Tochter; – aber ein hartes Leben voller Kummer und Sorgen hatte die Mutter, die ursprünglich so schön wie Johanna gewesen sein sollte – so erzählte mir wenigstens meine alte Tante, die Generalin von Nortorf – bis zur Häßlichkeit verändert. Ihr Haar hatte die lichte Farbe, den seidenen Glanz verloren und ein häßliches Gelb angenommen. Hart und steif, wie aus einem Stück, rahmte es in altmodischem, schlichtem Scheitel die wächserne Stirn ein und klebte an den eingefallenen Schläfen. Die Augen, die sie nach Art der Schwachsichtigen zusammenkniff, wenn sie jemand genau ansehen wollte, hatten ihren Glanz und ihre schöne Farbe verloren und blickten argwöhnisch, unruhig, die schmalen, geraden Lippen waren blutlos und streng geschlossen, und wenn sie sprach, so erschienen dahinter gelbliche, lange, unregelmäßige Zähne. Nur ihre feinen, schmalen weißen Hände waren noch von großer, vornehmer Schönheit, wennschon die Adern und Äderchen hier und da wie dicke Fäden darauf hervortraten. Diese Hände waren von eigentümlicher Weichheit und Zartheit. Wenn ich sie ergriff, um sie beim Gruß oder Abschied an meine Lippen zu führen, so war es mir, als zergingen sie gewissermaßen in der meinen. Sie erschienen gänzlich kraftlos; doch sah ich sie damit einmal ein schweres Möbel ohne bemerkbare Anstrengung in die Höhe heben. – Frau von Wehrenberg war groß und hager und trug seit dem Tode ihres Mannes, der als Major im Feldzuge von 1866 gefallen war, anspruchslose Trauergewänder. Ihre Ehe soll keine glückliche gewesen sein, und nach dem Tode des Mannes hatte die junge Witwe mit schweren Geldsorgen zu kämpfen gehabt, die sie verbittert und ihr Leben zu einem freudenlosen gemacht hatten. Jetzt lebte sie bescheiden und zurückgezogen von den Zinsen eines kleinen Vermögens, das ihr nach dem Tode ihres im Jahre 1873 verstorbenen Vaters zugefallen war, und von ihrer Pension als Majorswitwe. Sie hatte reiche Verwandte, die ich ebenfalls kannte, mit denen sie wenig verkehrte, und die ihr nachsagten, sie sei kalt, gehässig und neidisch. Ich habe nicht selten bemerkt, daß reiche Leute ihre armen Anverwandten hart beurteilen, und die Unfreundlichkeiten, die mir über Frau von Wehrenberg zu Ohren gekommen waren, hatten keinen besonderen Eindruck auf mich gemacht. Jetzt aber fiel mir das alles wieder ein. – Ich konnte es im Zimmer nicht mehr aushalten und verließ das Ministerium früher als gewöhnlich.

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