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Liebesgeschichten des Orients

Franz Blei: Liebesgeschichten des Orients - Kapitel 7
Quellenangabe
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typenarrative
authorFranz Blei
titleLiebesgeschichten des Orients
publisherPaul Steegemann Verlag
printrunViertes bis achtes Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121017
projectid2818492a
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Der durchlöcherte Schleier / Aus dem Syrischen

Ein sehr reicher Kaufmann hatte einen Sohn namens Gadryf, der schöner war als der Tag. Als dieser Sohn achtzehn Jahre alt geworden war, bat er seinen Vater, ihm eine Reise nach Bagdad zu erlauben, dessen Schönheiten er über alles rühmen gehört hatte. Da der Vater sah, daß sein Sohn fest zu dieser Reise entschlossen war, willigte er ein und gab ihm dreißigtausend Goldstücke für alle seine Ausgaben.

Nachdem Gadryf in Bagdad angekommen und die Sehenswürdigkeiten und Schönheiten dieser köstlichen Stadt bewundert hatte, mietete er ein Haus. Er hatte sich vorgenommen, einige Zeit in der Stadt zu bleiben. Als er eines Tages auf ein Aussichtstürmchen einer Terrasse gestiegen war, sah er auf der Terrasse eines Nachbarhauses eine Frau von bezaubernder Schönheit. Und sofort erfaßte sein Herz die allerheftigste Liebe. Er verließ in Gedanken versunken das Türmchen und sann nach einem Mittel, die Bekanntschaft der Schönen zu machen. Er ließ sich in einem unteren Saal nieder, aber seine Unruhe trieb ihn bald weiter und so setzte er sich auf eine Bank vor seinem Haus. Kaum war er da eine Weile, als eine Alte an ihm vorbeiging, die mit großer Inbrunst einen Rosenkranz zu beten schien. Als sie den schönen Jüngling auf der Bank sah, blieb sie stehen und sah ihn erstaunt an.

»Fromme Alte,« sagte Gadryf, »kennst du mich oder hältst du mich für einen anderen?«

»Seit wann wohnst du in diesem Haus?« sagte die Alte statt jeder Antwort.

»Seit einem Monat,« gab Gadryf Bescheid.

»Das wundert mich,« sagte die Alte, »denn vor dir hatte niemand auch nur acht Tage in dem Hause wohnen können, ohne krank zu werden und zu sterben. Aber du hast auch sicher nicht die Tür zu dem Aussichtstürmchen geöffnet.«

»Ach,« rief Gadryf, »das habe ich, und was ich sah, hat mir den Verstand geraubt.«

Die Alte lachte und sagte:

»Du bist zu einnehmend, als daß du das Los deiner Vorgänger teiltest. Ich will dir zu Hilfe kommen und dich ans Ziel deiner Wünsche bringen.«

Für diese tröstende Versicherung gab Gadryf der Alten sofort seine Börse mit hundert Goldstücken und sagte:

»Bestimme über mich, wie der Herr über den Sklaven. Aber hüte dich, daß ich nicht am Tage des letzten Gerichts Rache über dich schreie.«

»Das wird nicht sein,« antwortete die Alte, »aber es ist nötig, daß du mir zur Ausführung meines Planes hilfst.«

»Was hab ich zu tun?«

»Geh auf den Seidenmarkt, laß dir den Laden des Abdulfateh-ben-Kedar zeigen und kauf bei ihm einen goldgestickten Schleier. Den gibst du mir, wenn ich morgen wieder bei dir vorbeikomme.« Er versprach ihr, genau zu tun, was sie verlangte, und die Alte ging fort.

Kaum war der Tag angebrochen, als Gadryf voll Ungeduld auf den Seidenbasar lief. Es kostete keine Mühe, den Laden Abdulfateh zu finden, denn er war einer der einflußreichsten Kaufleute Bagdads und der Kalif selber zeichnete ihn mit seiner Freundschaft aus. Als er in den Laden trat, fand er da einen hübschen Jüngling, den einige Sklaven umgaben und dessen Gesicht Reichtum und Vornehmheit verriet. Zu dem Reichtum, dessen er sich erfreute, kam noch der Besitz mehrerer schöner Frauen, unter denen sich gerade auch jene befand, die Gadryf bezaubert hatte und die sich Mardye nannte. Gadryf verlangte also einen ägyptischen goldgestickten Schleier, wie man seinesgleichen sonst nicht fände.

Der Kaufmann legte ihm Schleier vor und Gadryf wählte darunter einen, für den er zwanzig Goldstücke zahlte. Hierauf kehrte er in sein Haus zurück, wo alsbald die Alte erschien. Nach den gebräuchlichen Höflichkeiten übergab er ihr den Schleier; sie verlangte von ihm eine glühende Kohle, durchbrannte den Schleier an zwei Stellen, verbarg ihn hierauf unter ihren Mantel und begab sich nach dem Hause Abdulfatehs.

Die Frau des Kaufmanns öffnete und fragte, wer sie sei.

»Ich bin Hariffa, die Freundin deiner Mutter.«

»Was willst du?« sagte die andere. »Meine Mutter ist nicht zu Hause.«

»Meine Tochter,« sagte die Alte, »es ist gleich Gebetsstunde, und ich wollte meine Andacht in deinem Haus verrichten, weil dein Herr und Gemahl für sehr fromm gilt.«

Alsbald ließ man sie eintreten und führte sie in ein Gemach, wo sie ihre Andacht verrichten konnte. Sowie sie allein war, ging sie hinaus, schlich in das Schlafgemach des Herrn und steckte den Schleier unter ein Kissen des Sofas. Hierauf bedankte sie sich bei Mardye und nahm Abschied von ihr. Am Abend kehrte Abdulfateh heim.

Nach dem Mahle, und als die Gebetstunde kam, begab er sich auf sein Zimmer, um zu beten. Als er sich auf das Kissen kniete, bemerkte er den Schleier und erkannte ihn sofort als jenen, den er dem Jüngling am Vormittag verkauft hatte. Natürlich glaubte er sofort, der junge Mann sei der Geliebte seiner Frau. Er versteckte den Schleier, hütete sich aber wohl, ein Wort zu sagen, da er fürchtete, die Sache könnte bekannt werden und sein Hahnreitum ihn die Gnade des Kalifen kosten. Am nächsten Morgen rief er Mardye: »Ich höre,« sagte er, »daß deine Mutter sehr krank ist und daß sie gleich nach dir verlangt.« Sie erhob sich sofort und begab sich voll Angst zu ihrer Mutter. Als sie eintrat, fand sie die gute Frau munter und bei vortrefflicher Gesundheit. »Was führt dich zu einer so ungewohnten Stunde zu mir?« fragte die Mutter. Mardye hatte kaum begonnen, ihr den Grund davon zu erzählen, als auch schon Träger kamen, die ihr ihre Kleider, Hausrat und all ihr Heiratsgut brachten. »Was ist zwischen euch geschehen,« rief die Mutter, »daß dich dein Mann wegschickt?« Die Tochter versicherte, daß nichts geschehen sei. »Das ist nicht möglich,« sagte die Mutter, »wenn dein Mann das tut, muß er einen sehr triftigen Grund dazu haben.« Aber die Tochter konnte nichts anderes sagen, als daß nichts vorgefallen sei, was sie mit ihrem Gatten auseinanderbringen könnte. Und so mußte die Mutter die Sache hinnehmen.

Zwei Tage später suchte Hariffa, die Alte, von der wir sprachen, die Mutter der Mardye auf, tat sehr überrascht und sagte: »Ich habe gehört, daß Abdulfateh deine Tochter verstoßen will. Ich bin ganz betrübt darüber und bete Tag und Nacht, daß es nicht sei. Wo ist denn deine Tochter?«

»Sie tut nichts als weinen,« sagte die Mutter, »sie ist ganz in Scham aufgelöst über die Beleidigung, die sie von ihrem Gatten erfahren. Ich fürchte, der Schmerz wird sie noch krank machen.«

»Gott bewahre,« sagte die Alte, »so weit sind wir noch nicht: ich will es auf mich nehmen, die beiden zu versöhnen. Aber morgen habe ich ein Fest daheim, denn ich verheirate meine Tochter. Ich möchte wohl, daß deine Tochter zur Hochzeit komme; das bringt dem Haus Glück und wird sie ein wenig zerstreuen bis dahin, wo ich sie wieder mit ihrem Gatten aussöhne.«

Die Mutter willigte gern ein, hieß Mardye deren schönste Kleider anziehen, wie ihre kostbarsten Juwelen, und die Alte ging mit Mardye fort. Aber statt sie in ihr Haus zu führen, brachte sie sie in das des Gadryf. Aber Mardye glaubte, sie wäre in dem Haus der Alten.

Als Gadryf sie sah, kam er auf sie zu, küßte ihr die Hand und hieß sie sich an den Tisch setzen, der mit den ausgewähltesten Gerichten und den köstlichsten Getränken bedeckt war. Mardye glaubte, sie habe es mit dem Bräutigam von Hariffas Tochter zu tun, und so ließ sie sich nicht lange bitten und setzte sich an den Tisch. Aber beim Dessert erklärte ihr Gadryf seine Liebe, und Mardye konnte sich nicht verhehlen, daß sie ihn hübsch und sehr nach ihrem Geschmack fand. Gerade da kam die Alte und sagte, daß es für Mardye Zeit sei, zu ihrer Mutter zurückzukehren, aber die beiden Verliebten baten sie so inständig, ihnen noch zwei oder drei Stunden für ihr Liebesvergnügen zu gewähren, daß sich die Alte davon rühren ließ und einen Aufschub bei der Mutter durchsetzte. Endlich brachte sie Mardye heim und deren Mutter bemerkte mit Vergnügen, daß ihre Tochter viel heiterer aussah.

Die Alte aber kehrte wieder zu Gadryf zurück und sagte zu ihm: »Jetzt müssen wir wieder das Übel gut machen, das wir verschuldet haben, und die Frau wieder zu ihrem Manne zurückbringen: denn Vereinen ist eine bessere Tat als Trennen.«

»Aber wie wollen wir das machen?« sagte Gadryf.

»Du gehst morgen,« sagte die Alte, »in den Laden des Gatten und unterhältst dich mit ihm. Ich werde an euch vorbeigehen. Sofort wie du mich erblickst, springst du aus dem Laden, packst mich beim Arm, beschimpfst mich und verlangst deinen Schleier. Gleichzeitig sagst du zu dem Kaufmann: Du erinnerst dich doch an den Schleier, den ich bei dir gekauft habe. Ich habe ihn meiner Sklavin gegeben, die ihn nur ein einziges Mal getragen hat. Als sie das Gemach räucherte, fiel ein Stückchen Kohle auf den Schleier und verbrannte ihn an zwei Stellen. Meine Sklavin gab ihn dieser Alten zum Ausbessern, und die hat ihn wohl genommen, aber uns nicht mehr zurückgegeben.«

Gadryf versprach zu tun, wie die Alte ihm hieß; er begab sich zu Abdulfateh, und während er mit ihm plauderte, ging die Alte ihren Rosenkranz betend vorbei. Gadryf sprang auf sie zu, packte sie bei den Kleidern und beschimpfte sie. »Was willst du, mein Sohn?« fragte ihn die Alte ganz demütig. Da wandte sich Gadryf zu den Umstehenden und erzählte die verabredete Geschichte.

»Der junge Mann hat ganz recht,« sagte die Alte. »Ich habe den Schleier ganz richtig bekommen, habe ihn aber irgendwo liegen lassen und weiß nicht mehr wo. Ich bin arm und kann ihn nicht bezahlen.« Der Kaufmann, der aufmerksam zugehört hatte, dachte nach und sah bald, daß er seine Frau ungerecht behandelt hatte. So fragte er also die Alte, ob sie den Schleier nicht etwa bei ihm vergessen hätte.

»Ich war dort und war da und habe mich überall erkundigt, aber niemand konnte mir etwas von meinem Schleier sagen.«

»Hast du auch in meinem Haus gefragt?« sagte der Kaufmann. »Ich war da, aber fand niemanden. Man sagte mir, du hättest deine Frau verstoßen.« Da sprach der Kaufmann zu Gadryf: »Sei unbesorgt um deinen Schleier; ich gebe dir einen ganz gleichen. Und laß die arme Alte laufen.« Darauf verlangte er Verzeihung von seiner Frau, schickte ihr Geschenke und tat so viel, daß Mardye sich ihm wieder gut zeigte und damit einverstanden war, wieder zu ihm zurückzukehren.

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