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Liebesgeschichten des Orients

Franz Blei: Liebesgeschichten des Orients - Kapitel 6
Quellenangabe
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typenarrative
authorFranz Blei
titleLiebesgeschichten des Orients
publisherPaul Steegemann Verlag
printrunViertes bis achtes Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121017
projectid2818492a
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Der Yogi Vasava / Aus dem Sanskrit

Auf dem Berge Kotikuta wohnte einstens ein Yogi namens Vasava. Er zog bettelnd in der Stadt und auf den Landstraßen umher, wobei er immer die Worte sprach: »Keusche Frau, keusche Frau! In unserm Haus ist eine keusche Frau!«

Der Minister Sura, des Königs Stadthalter, bewirtete einst diesen Yogi und erriet aus seinen Worten, Blicken und Gesten, daß Vasava eine Frau hatte, von deren Treue er tiefst überzeugt war in seiner Einfalt, da er nicht wußte, wie es die Weiber treiben. Der Stolz und Hochmut des Yogi ärgerte den Regenten; er ließ durch seine Kundschafter feststellen, wo er wohne, ließ sich die Tür, und wie sie zu öffnen, genau beschreiben.

Andern Tages begab sich Sura, schön gekleidet, zur Stunde, da der Yogi sein Haus verlassen hatte, vor dieses und gab das Zeichen, von dem er wußte, daß es das Zeichen des Yogi sei. Die Frau öffnete und der Minister trat in die Höhle.

»Wer bist du, Schöne? Und woher hat dich der Yogi?« So fragte er. Und ganz keck gab ihm die Frau Antwort:

»Wer ich bin, das weiß ich nicht, schöner Mann, auch nicht woher. Ich kenne nur den Yogi und seine Höhle und dachte, daraus bestünde die Welt. Jetzt seh ich, daß es noch andre Männer gibt.«

Daraus entstand nun weiter eine gar zärtliche Unterhaltung und man genoß alle Freuden. Da erscholl der Ruf des Yogi vor der Tür. Und die Frau sagte: »Sei ohne Furcht, Lieber!« Denn es war ihr in diesem Augenblicke die Klugheit der Frauen geworden. Sie tat einen lauten Schrei, und der Yogi fragte draußen: »Was ist denn?« Sagte die Frau: »Mich stößt es im Leibe, so daß ich nicht reden, nicht aufstehen, nicht öffnen kann. Und im Traum erschien mir heut nacht die Göttin und verkündete: Deinen Leib werden heute Schmerzen peinigen. Verbindet sich aber dein Gatte mit einem siebenmal gefalteten Tuch die Augen, singt er da zu seiner Laute und wandelt dir zur Rechten siebenmal durch das Gemach, so wird dein Schmerz verschwinden. So sagte die Göttin. Darum tu das, damit ich gesunde und dir öffnen kann.«

Der Yogi tat wie ihm geheißen, und der Minister verließ während dem ungesehen die Höhle und ging nach Hause. Darauf öffnete die Frau dem Yogi die Tür, und dieser tat mit ihr wie er es zu tun gewohnt war.

Eines Tages begab sich der Yogi wieder nach der Stadt, helleuchtenden, weil ganz mit Asche bedeckten Körpers, schlug die Laute, bettelte und sagte seinen Spruch: »Keusche Frau da! Keusche Frau! In meinem Hause ist eine keusche Frau!«

Da rief ihn der Minister an und sagte: »Was redest du da immer?« Der Yogi sagte seinen Spruch von der keuschen Frau in seinem Hause.

Da sagte der Minister: »Die keusche Frau in deinem Hause, die war schon in meinem Hause.«

Der darob erstaunte Yogi sagte: »Ich wohne draußen im Busch, wo aber wohnst du?«

Darauf wieder der Minister: »Ich war dort, als es hieß: Über deine Augen die Binde!«

Diese Worte warfen den Yogi auf die Erde wie ein Blitz. Als er wieder zu sich gekommen war, dachte er:

»Wie schlimm spielen uns doch die Frauen mit, trotz ihrer sanften Augen! Wenn selbst jene so geworden ist, die ich seit ihrer Kindheit bei mir bewache, was soll man dann von den andern erwarten?«

So denkend, faßte ihn großer Widerwille gegen die Frauen, er entzog sich ihnen ganz in Askese und wurde zu einem Gotte.

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