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Liebesgeschichten des Orients

Franz Blei: Liebesgeschichten des Orients - Kapitel 28
Quellenangabe
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typenarrative
authorFranz Blei
titleLiebesgeschichten des Orients
publisherPaul Steegemann Verlag
printrunViertes bis achtes Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Der Sänger / Aus dem Türkischen

In der Stadt Hamadan lebte einst ein Mann von ganz ungewöhnlicher Schönheit. Er war jung, sang mit einer angenehmen Stimme, spielte hübsch die Laute und war überall gern gesehen.

Eines Tages machte er sich auf die Reise in die Fremde und kam nach Ispahan; Lied und Laute waren sein Reisegepäck. Als er so durch die Straßen ging, kam er an dem Hause eines Apothekers vorbei, der ihn zu sich einlud. Er nahm es an und setzte sich neben den Apotheker, der ihn auszufragen begann. Nachdem der Sänger die Neugierde des Persers befriedigt hatte, ließ dieser zu essen und zu trinken kommen und sagte: »Wenn du hier dein Glück machen willst, so brauchst du nur mit deiner Laute durch die Straßen ziehen, und kommt dir der Geruch einer guten Küche in die Nase, so tritt ganz ruhig ein und sag, du seist ein Sänger. Die Gäste werden entzückt sein und dir sagen, zu bleiben. Hast du ihnen dann was vorgesungen und haben sie dein Talent erkannt, wird sich dein Ruf durch die ganze Stadt verbreiten und dein Glück ist gemacht.« Der Sänger dankte für den guten Rat und ging, ihn zu befolgen. Aber bis zur Mittagsstunde fand er keinen, der ihn zum Mahle einlud. So ging er schließlich in ein ganz enges Gäßchen, um sich da im Schatten auszuruhn. Es war da ein schönes weitläufiges Haus, an dessen Mauer er sich niederlassen wollte. Während er so das Haus hinaufschaute, öffnete sich ein Fenster, und er sah eine weibliche Hand, so schön wie das Mondviertel. Und gleichzeitig hörte er die hübsche Frau, die das Fenster geöffnet, sagen:

»Weshalb stehst du da unten? Willst du etwas?«

»Ich bin hier fremd und ein Sänger.«

»Was sagtest du wohl dazu,« ließ sich die Stimme wieder hören, »wenn man dir ein gutes Mahl in Gesellschaft einer hübschen Frau anböte?«

»Das ist es gerade, was ich suche, da ich so durch die Straßen ging.«

Da öffnete sie ihm auch schon die Tür, führte ihn in das prächtigste Gemach des Hauses und setzte ihm ein köstliches Mahl vor. Er ließ es sich gut schmecken, trank tapfer und vergaß dabei nicht, auf die herausfordernden Neckereien der jungen Frau zu antworten. Schließlich gingen diese Scherze so weit, daß er die Schöne küßte, zu ihres Herzens Freude. Als er sich eben mit ihr vergnügte, kam der Gatte heim. Sie hatte gerade noch Zeit, ihren Geliebten unter einem Teppich zu verstecken, der in einer Ecke des Zimmers lag.

Der Ehemann merkte sofort das zerstörte Sofa und daß die Luft nach Wein und seiner Frau röche. Er nahm sie in Verhör und sie sagte:

»Eine meiner Freundinnen hat mich besucht, ich lud sie zu einem Krug Wein, sie ist soeben fortgegangen.«

Der Mann glaubte ihr das aufs Wort, blieb eine Weile und ging dann seinen Geschäften nach.

Der gute Tropf war aber kein anderer als der Apotheker, der dem Sänger so gute Ratschläge gegeben hatte.

Der Sänger kroch nun unter seinem Teppich hervor und tat der Dame Wunder und Gefallen bis zum Abend. Da gab sie ihm ein Goldstück und sagte: »Morgen kommst du wieder.« Er versprach es und ging.

Er war zuerst im Bad gewesen und begab sich dann andern morgens zu seinem Freunde, dem Apotheker. Der begrüßte ihn herzlich und fragte ihn, wie er den anderen Tag verbracht habe.

»Ich bin dir sehr dankbar, mein Bruder,« sagte der Sänger, »denn du hast mir einen vortrefflichen Rat gegeben.« Und er begann alles genau zu erzählen. »Und wie sie gerade auf mir lag, da klopfte ihr Esel von Mann an die Türe. Ich muß abziehen und sie rollt mir schnell einen Teppich, statt ihrer, über den Leib. Aber der Dummkopf ging bald wieder und wir vollendeten unter Lachen und Küssen unser Werk, ihn zum Hahnrei zu machen.«

Diese Worte machten den Apotheker nachdenklich. Der Ratschlag, den er dem Manne aus Hamadan gegeben hatte, tat ihm leid und ein Verdacht gegen sein Weib stieg in ihm auf. Aber er ließ sich nichts merken und fragte nur den Sänger: »Und was sagte sie, als ihr euch trenntet?«

»Da hat sie mich auf den nächsten Tag eingeladen. Ich bin gerade auf dem Wege hin und nur für einen Augenblick bei Euch eingetreten, um Euch von meinem Glücke zu erzählen.« Darauf empfahl er sich und ging.

Sobald der Apotheker den Sänger bei sich zu Hause angekommen dachte, schloß er eiligst seinen Laden, lief nach Hause und klopfte an die Tür, kurz nachdem der Sänger eingetreten war.

Die Frau sagte zu ihrem Liebhaber: »Schnell, versteck dich im Koffer.« Der Sänger beeilte sich, und die Frau schloß den Koffer ab. Der Mann trat sehr aufgeregt herein und lief direkt auf den Teppich in der Ecke zu, durchsuchte darauf das ganze Haus, während seine Frau ruhig auf dem Koffer saß. Da dachte der Apotheker bei sich: Vielleicht gleicht das Haus, das mir der Sänger beschrieben hat, nur meinem, und handelt es sich um die Frau eines anderen.

Und von diesem Gedanken beruhigt, ging er wieder nach seinem Laden, und der Sänger stieg aus dem Koffer. Er nahm die unterbrochene Unterhaltung mit seiner Schönen wieder auf und führte sie bis zum Abend. Da gab ihm die Dame wieder ein Goldstuck und ließ sich versprechen, daß er am nächsten Tage wiederkomme.

Am nächsten Morgen kam der Sänger wieder zum Apotheker und erzählte ihm sein Abenteuer und sein Versteck im Koffer. »Wie der Trottel dann weg war, fanden wir uns schnell wieder ins Paradies.«

Diesmal war dem Apotheker klar, daß es sich um sein Haus und sein Weib handelte. Und als daher der Sänger sich empfohlen hatte, um, wie er sagte, zu seiner Schönen zu gehen, schloß der vor Eifersucht ganz tolle Apotheker seinen Laden und lief nach Hause. Die Frau sagte zu dem Sänger: »Wickle dich in den Teppich, der im andern Zimmer liegt.« Der wütende Apotheker lief gleich auf den Koffer zu, und als er darin nichts fand, durch alle Zimmer oben und unten im Haus, ohne was zu finden. Und wieder kamen ihm Zweifel und er machte sich heimlich Vorwürfe über seinen schlechten Verdacht und ging beruhigt wieder in seinen Laden. Das Spiel mit dem Sänger wurde darauf fortgesetzt wie sonst, und diesmal gab die Frau ihm zum Abschied eines der Hemden ihres Mannes und bestellte ihn auf den nächsten Morgen.

Nächsten morgens erzählte der Sänger dem Apotheker: »Meine Schöne hatte gerade angefangen, da ihr Mann kam und eilends seine Nase in den Koffer steckte. Dann lief er im Hause herum wie ein Wahnsinniger, bis er ging. Worauf wir weiter machten. Schau, dieses Hemd: das hat sie mir gestern gegeben. Leb wohl, ich muß wieder hin.«

Beim Anblick des Hemdes hatte der Mann keinen Zweifel mehr und rannte nach seinem Hause. Da hatte der Sänger seine Dame gerade auf das Sofa geworfen und wollte sich über sie her machen als sie sagte: »Nein, mein Liebling, nicht von der Seite." Und kehrte sich um. Aber dem Sänger gefiel das Spiel auch auf diese Weise, und er war gerade dabei, seine Geliebte glücklich zu machen, als der Ehemann kam. Die Frau sprach: »Mach schnell, und versteck dich im Backofen, aber schließ die Tür zu.«

Er tat so, während die Frau dem Manne öffnete. Der steckte vor allem, nachdem er ihr die Röcke aufgehoben hatte, den Finger zwischen ihre Schenkel, aber da fühlte er nichts sonst, als das gewöhnliche. Wie ein Narr lief er durch das Haus, ohne an den Backofen zu denken.

Darauf überlegte er lange und gründlich und kam zu dem Schluß, das Haus nicht früher zu verlassen als am nächsten Morgen.

Der Sänger begann sich in dem Backofen zu langweilen und wollte schon herausgehen, als er den glücklichen Einfall hatte, erst einmal durch einen Spalt in der Tür das Terrain auszukundschaften. Da sah er und erkannte er zu seiner großen Überraschung den Apotheker, seinen Freund. Betroffen von dem Streich, den er ihm ohne es zu wissen gespielt hatte, mußte er doch auf seine Rettung aus dem Hause bedacht sein. Das Tor war fest verschlossen; so mußte er über das Dach fliehen, wobei er in den Hof des Nachbarhauses kam. Unglücklicherweise erwischten ihn da die Hausleute und brachten ihn zu dem Hausherrn, der ein roher Afghane war und ihn als einen Räuber mit Schlägen traktierte. »Ich bin kein Räuber,« schrie der Sänger, »sondern ein Fremder, der sein Brot mit Liedersingen verdient. Ich habe von Euch sprechen gehört und bin gekommen. Euch was vorzusingen.« Wie sie das hörten, befreiten die Leute ihn aus den Händen des Afghanen, der von ihm nichts hören wollte und darauf bestand, diesen Dieb umzubringen. So führten sie ihn in ein Gemach, wo sie ihn erfrischten und ihn was singen ließen. Alle freuten sich sehr an seinen Liedern und seiner Stimme, und ganz besonders eine sehr hübsche Sklavin des Afghanen, die auch dem Sänger gar wohl gefiel. »Wenn die Herrschaft schlafen gegangen ist,« sagte sie ihm leise, »komme ich zu dir.« Das Singen dauerte bis in die Nacht, während der Afghane ging und die Sklavin mit sich nahm.

Der Zufall machte, daß bald darauf der Afghane sein Zimmer verließ und der Wind ihm die Laterne verlöschte, die er in der Hand trug. In der Dunkelheit machte er einen Fehltritt und stürzte. Bei dem Geräusch, das der Afghane dabei verursachte, glaubte der Sänger, es sei seine hübsche Sklavin, die zum Stelldichein käme, lief also herbei, hob den Mann auf, küßte ihn und drückte ihn zärtlich an sich. Der Afghane, der an solche Art Liebkosungen nicht gewohnt war, packte den Galan und schrie, daß das Haus aufwachte. Bei dem Lichte, das man herbeibrachte, erkannte man den Sänger. Darauf führte ihn der Afghane in den Hof und band ihn an einen Baum und ging.

Währenddem hatte der Apotheker, der den Lärm im Nachbarhause hörte und die Lichter von seinem Fenster aus sah, seinen Verdacht nicht verloren. »Mein Junge,« sagte er sich, »hat sich ohne Zweifel da hinüber gerettet.« So ging er in seinen Hof, nahm eine Leiter und stieg die Mauer hinauf, oben zog er die Leiter zu sich empor und ließ sie nach des Nachbarn Hof hinunter. Während er die Leiter hinunter stieg, befreite gerade die junge Sklavin, die den Tumult im Hause benutzt hatte, ihr Zimmer zu verlassen, den Sänger.

Der Apotheker zündet, wie er in dem fremden Hof steht, seine mitgebrachte Laterne an und geht mit einem mächtigen Knüppel auf die Suche. Der Sänger und die Sklavin aber entdecken die Leiter an der Mauer, steigen hinauf und nehmen hierauf die Leiter des guten Apothekers mit auf die andere Seite, wo die beiden lachend von des Apothekers Frau empfangen und ins Haus geführt werden. Währenddem sie sich da gütlich tun, hat der Afghane in seinem Hof das Licht gesehen und steigt mit einem dicken Knotenseil versehen hinunter, da er nichts anderes meint, als sein Gefangener hätte sich befreit. Den Apotheker hält er für einen Komplizen und stürzt sich auf ihn. Der stellt seine Laterne auf den Boden und empfängt ihn nicht übel. Und beide hauen einander mit Flüchen und Verwünschungen den Buckel voll. Die junge Sklavin bog sich vor Lachen, und da sie nichts von dem Schauspiel verlieren wollte, legte sie sich ins Fenster. Der Sänger ließ sich das nicht zweimal weisen und erfreute das Mädchen, während er in den Brüsten der Apothekersfrau wühlte, die neben ihnen am Fenster lag. Alle drei unterhielten sich so an der Liebe sowohl wie an dem Prügelschauspiel der beiden Helden drüben im Hof. Im gleichen Augenblick, da der Sänger sich fühlte, waren der Afghane und der Apotheker unten von Schlägen erschöpft hingesunken und die Nachbarn herbeigeeilt. Da riet nun die Frau, daß der Sänger und die Sklavin gehen sollten und am nächsten Morgen verließen sie beide die Stadt.

Die beiden Hahnreie waren einen Monat lang krank; der eine war fest davon überzeugt, daß ihm der andere die Sklavin geraubt, der andere ließ sich nicht davon abbringen, daß der erstere nächtlicherweise seine tugendhafte Frau habe überfallen wollen.

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