Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Franz Blei >

Liebesgeschichten des Orients

Franz Blei: Liebesgeschichten des Orients - Kapitel 26
Quellenangabe
pfad/blei/liebesor/liebesor.xml
typenarrative
authorFranz Blei
titleLiebesgeschichten des Orients
publisherPaul Steegemann Verlag
printrunViertes bis achtes Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121017
projectid2818492a
Schließen

Navigation:

Esthers Wahl / Aus dem Hebräischen

In Sidon, der mächtigen Stadt, lebte ein frommer Israelit, der war reich und angesehen bei allen, die ihn kannten, selbst bei den Vornehmen. Und in ganz Sidon war keiner, der ein schöneres Weib hatte, denn es glich ihre Schönheit der Lieblichkeit Sarahs.

Und doch war für diese Reichen kein Glück: das Schreien eines Säuglings war nie in ihrem Hause vernommen worden und keine Kinderstimme hatte je Sonnenschein in ihrem Herzen werden lassen. Und so hörte er bisweilen Vorwürfe, die sagten: »Lehren nicht die Rabbis, daß, so einer mit seinem Weibe zehn Jahre gelebt und aus ihr keine Kinder hat, er sich von ihr trennen soll und ihr geben an Heiratsgut, was das Gesetz vorschreibt; denn es kann sein, daß er nicht würdig befunden wurde, von ihr Nachkommen zu haben.« Und andere wieder, die gaben die Schuld der Frau und glaubten, daß ihre Schönheit sie stolz gemacht habe und ihre Unfruchtbarkeit die Strafe für ihre Eitelkeit sei.

Also sah eines Morgens Rabbi Simon ben Nochai zwei Besucher in den Vorraum seines Hauses treten, und waren es der reiche Kaufmann aus Sidon und sein Weib, die den heiligen Mann mit Salem Aleikum begrüßten. Der Rabbi schaute nicht auf nach der Frau Antlitz, denn auch nur die Ferse eines Weibes anzusehen, ist den heiligen Männern verboten; doch fühlte er die Süße ihrer Gegenwart, wie sie das ganze Haus durchdrang wie der Duft der Blumen, welche die Hände des Gebetengels geflochten haben. Und der Rabbi wußte, daß die Frau weinte.

Der Gatte sprach nun also: »Hör', Rabbi, es ist jetzt mehr als zehn Jahre her, da ich Esther vermählt wurde; zwanzig Jahre war ich damals alt, und es verlangte mich, der Lehre zu folgen, die sagt, daß wer nach zwanzig unverheiratet ist, täglich gegen Gott sich vergeht. Esther war, du weißt es, o Rabbi, die allerschönste Magd in Sidon; und immer war sie mir ein liebendes und süßes Weib gewesen, und ich konnte an ihr kein Fehl finden. Ich bin aber seitdem ein reicher Jude geworden; die Männer von Tyrus keimen mich, und die karthagischen Kaufleute schwören auf meinen Namen. Viele Schiffe hab' ich, die mir Elfenbein und Gold aus Ophir und wertvolle Juwelen aus dem Osten bringen; ich habe Gefäße aus Onyx und Becher aus kunstvoll geschnittenem Smaragd, und Wagen, und Pferde. Kein Fürst ist reicher als ich bin. Und ich danke das dem Segen des Allerheiligsten. Er sei gesegnet, und ich danke es auch Esther, meinem Weibe, die weise und wachsam ist und klug im Rate.

Doch, o Rabbi, gern gäbe ich all meinen Reichtum für einen Sohn! Dafür, daß man mich als einen Vater kenne in Israel. Der Allerheiligste – Er sei gesegnet – hat mir dies nicht gegeben, so daß ich mich unwürdig dachte, Kinder von einem so schönen und guten Weibe zu haben. Darum bitte ich dich, daß du eine gesetzliche Verfügung zur Trennung gebest; denn ich habe mich entschlossen, mich von Esther zu trennen und ihr das Heiratsteil reichlich zu geben, daß uns fürder kein Vorwurf mehr treffe in Israel.«

Rabbi Simon ben Yochai strich sich gedankenvoll das matte Silber seines Bartes. Ein Schweigen wie das der Schekinah fiel über die Drei. Ganz schwach kam von weitem her an ihre Ohren das seegleiche Geräusch von Sidons Handel. Da sprach der Rabbi; und als Esther ihn ansah, schien es ihr, als lächelten seine Augen, denn keiner hatte den heiligen Mann je mit den Lippen lächeln sehen.

Mag sein, daß seine Augen lächelten, als er in das Herz der beiden sah. Nun sprach er: »Mein Sohn, es würde Ärgernis in Israel sein, tätest du was du vorhast allsofort und ohne rechte Bekanntmachung; denn es könnten die Leute glauben, Esther sei kein braves Weib gewesen oder du ein zu eigenwilliger Gatte. Und es ist nicht recht, Anlaß zu Groll zu geben. Deshalb geh nach Hause, bereite ein Fest, und lade dazu alle deine und deines Weibes Freunde und alle, die bei deiner Hochzeit waren, und sprich zu ihnen wie ein rechter Mann zu rechten Leuten und sag ihnen, weshalb du dies tust und daß an Esther kein Fehl sei. Dann komme am anderen Morgen wieder zu mir, und ich will dir den Brief deiner Trennung geben.«

So ward also ein großes Fest geladen und waren viele Gäste da und unter ihnen alle, die bei der Hochzeit Esthers waren, und von ihnen nur jene nicht, die Azrael bei der Hand hinweggeführt hatte. Man trank viel köstlichen Wein, die Gerichte dampften auf goldnen Schüsseln, und zur Rechten jedes Gastes stand ein Becher aus Onyx. Und der Gatte sprach liebevoll zu seinem Weibe vor allen Gästen und sagte: »Viele Jahre haben wir in Liebe miteinander gelebt und wenn wir uns jetzt trennen müssen, so weißt du, ist es nicht, weil ich dich nicht liebe, sondern weil dem Herrn nicht gefallen hat, uns mit Kindern zu segnen. Und da ich dich liebe und dir alles Gute wünsche, so will ich, daß du aus meinem Hause mit dir nimmst, was immer du wählst, sei es auch das Kostbarste.«

Der Wein ging herum, und die Nacht ging hin in Lust und Sang, bis den Gästen die Köpfe schwer wurden; und da kam ein Summen in ihre Ohren wie von zahllosen Bienen, und ihre Bärte hörten auf, sich mit Lachen zu schütteln, und ein tiefer Schlaf kam über alle.

Alsbald rief Esther ihre Mägde und sprach zu ihnen: »Seht, mein Gemahl ist in tiefen Schlaf gesunken. Ich gehe ins Haus meines Vaters; bringt auch meinen Gemahl dahin, während er schlaft.«

Und als am nächsten Morgen der Gatte erwachte, fand er sich in einem fremden Gemache und einem fremden Bette. Aber die Süßigkeit von eines Weibes Gegenwart und die Elfenbeinfinger, die seinen Bart streichelten, und die Weiche der Knie, die seinem Kopf Kissen waren, und die Leuchtung der dunklen Augen, die in die seinen schauten, als er erwachte, all das war ihm nicht fremd; denn er wußte, daß sein Haupt in Esthers Schoß ruhte. Und bestürzt von den kummergeborenen Träumen der Nacht schrie er auf: »Was hast du getan?«

Darauf kam süßer als die Stimme der Tauben in den Feigenbäumen Esthers Stimme: »Batest du mich nicht, mein Gemahl, daß ich wählen und aus dem Hause mit mir nehmen sollte, was mich am meisten verlangt? Und ich habe dich gewählt und hergebracht in meines Vaters Haus, da ich dich mehr liebe als irgendwas in der Welt. Willst du mich von dir stoßen?«

Und er konnte ihr Angesicht nicht sehen vor Tränen der Liebe und hörte ihre Stimme reden und sprechen die Worte der Ruth, die alt sind und so jung den Herzen aller, die lieben: »Wohin immer du gehst, will auch ich gehen; wo immer du rastest, da will auch ich rasten. Und der Engel des Todes allein soll uns trennen, denn du bist ganz in mir und bist mein alles.«

Und im goldenen Sonnenlicht der Tür stand auf einmal wie ein Bildnis aus babylonischem Silber die große graue Gestalt des Rabbi Simon ben Dochai, der segnend seine Hände hob.

»Schmah Israel! Der Herr, unser alleiniger Gott, segne euch! Mögen eure Herzen in Liebe schmelzen, wie Gold zu Gold durch die Geschicklichkeit der Goldschmiede. Möge der Herr, der die einzelnen verband, über euch wachen! Der Herr segne dieses Weib, wie Rachel und Lie, und mögen eure Kinder und Kindeskinder leben im Hause des Herrn!«

Und also segnete sie der Herr. Esther ward fruchtbar wie der Weinstock, und sie sahen ihre Kindeskinder in Israel. Denn es steht geschrieben: Er wird das Gebet des Hilflosen hören.

 << Kapitel 25  Kapitel 27 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.