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Liebesgeschichten des Orients

Franz Blei: Liebesgeschichten des Orients - Kapitel 24
Quellenangabe
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typenarrative
authorFranz Blei
titleLiebesgeschichten des Orients
publisherPaul Steegemann Verlag
printrunViertes bis achtes Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Die verräterische Trompete / Aus dem Mongolischen

Im Süden Indiens lebte ein reicher Mann, der einen sehr einfältigen Sohn hatte. Nach dem Tode seiner Eltern kam dieser junge Mann in den Besitz eines ansehnlichen Vermögens und heiratete ein treffliches Weib. Weil er nun ohne allen Umgang lebte und sehr beschränkten Verstandes war, kam er nirgends hin, band nie seinen Gürtel um, verließ mit seinem Weibe zu keiner Zeit das Haus.

Da waren nun einmal aus einer anderen Gegend her zahlreiche Kaufleute gekommen, mit denen die Frau einen Handel abschloß. Nachdem diese Kaufleute abgezogen waren, legte die Frau an jener Stelle, wo der Handel zustande gekommen war, das Gefieder eines Greifen nieder. Darauf sprach sie zum Manne: »Zwar verstehst du nichts vom Handel, warum aber sollte, wenn du geschäftig aus und ein gingest, sich nicht etwas erwerben lassen? Ist ja der zu erwerbende Gewinn für den Mann ein offenes Feld! Womit sollen wir, wenn das vom Vater überkommene Vermögen erschöpft ist, unser Leben fristen? Geh hinaus und wende dich nach jenem Orte, wo die Kaufleute gewesen sind.«

Als der Mann diesen Worten gemäß ausgegangen war, fand er die zwei Flügel des Greifen und nahm sie in großer Freude mit sich nach Hause.

»Deine Worte,« sprach er zu seiner Frau, »sind wahr gewesen. Sieh, ich habe das da mitgebracht! Von morgen ab will ich auf den Handel ausgehen. Gib mir nur den nötigen Vorrat mit auf den Weg.« Die Frau sprach bei sich: »Auch ohne zu bitten wäre ihm das gewährt worden,« gab ihm die nötigen Lebensmittel, lud ihm auf einen Esel Reis, und mit der Anweisung, den Reis zu verkaufen, machte er sich reisefertig. Des anderen Tages in der Frühe ritt er davon.

Er erreichte den Strand eines großen Meeres und gelangte zu einer steilen Felswand, die einer Räuberbande zum Aufenthalt diente. Während er ganz hinten in einer Felsenhöhle für seinen Esel Platz fand, kletterte er auf ein Felsstück am Eingang der Höhle und setzte sich da nieder, um seine Mahlzeit zu verzehren.

Während er so saß, kam eine Schar Kaufleute. Am Eingänge der Felsgrotte stapelten sie ihre Waren auf, in einen Winkel lagerten sich die Kaufleute selber, ihre Trompete aber legten sie aus Furcht vor den Räubern über den Eingang der Felsenhöhle nieder. Unseren Mann, der da aß, nahmen sie nicht wahr, und der hütete sich auch, sich bemerklich zu machen. Weil nun der einfältige Mensch, als er seine Mahlzeit verzehrt hatte, gewaltig angegessen war, und gegenüber seinem Hintern, der einen großen Blästerling fahren ließ, gerade die große Trompete zu liegen gekommen war, so gab diese Trompete einen mächtigen Schall von sich. Die Kaufleute, im Glauben, die Räuber seien gekommen, ließen erschreckt ihre Waren im Stich und machten sich in eiliger Flucht auf und davon.

Als sich nun unser Mann des Morgens in der Frühe erhob und nirgends auch nur einen Menschen erblickte, lud er sämtliche zurückgelassenen Waren auf und kehrte damit nach Hause zurück.

Alle Leute sahen ihn mit Staunen und sprachen untereinander: »Ist der aber reich und mächtig geworden! Indem er so viele Feinde besiegte, ist er so reich an Beute geworden.« Aber seine Frau dachte: »So viel wegzunehmen, dazu hat er nicht den geringsten Mut; wahrscheinlich ist er durch eine Windbeutelei dazu gekommen; ich will es aber schon herauskriegen.« Während sie noch so bei sich dachte, sprach der Mann: »Ich will jetzt auf die Jagd gehen.« Worauf die Frau sagte: »Wenn du gehen willst, so gerate nur nicht in die Gesellschaft böser Menschen.« »Für mich,« versetzte er, »dürste nicht so leicht jemand unüberwindlich sein!« Die Frau sprach: »Bei weitem stärker als du ist der Held Surja Bagatur; mit ihm nimmst du es nicht auf; der wird dich erschlagen ganz bestimmt.« Doch mit den Worten: »Vor dem habe ich keine Angst,« setzte er sich auf ein vortreffliches Pferd und ritt davon. Seine Frau zog rasch Mannskleider an, gürtete sich ein Schwert um und bestieg ein schnelles Roß; ohne sich ihrem Manne zu zeigen, kam sie auf einem anderen Wege ihm zuvor. Kaum hatte er sie auf einer großen Ebene erblickt, so ergriff er, ohne seine Frau zu erkennen, die Flucht. Aber die Frau eilte ihm nach, und ohne einen Laut von sich zu geben, zog sie das Schwert, holte damit aus und jagte ihm einen gewaltigen Schrecken ein. Bogen und Pfeil samt Roß, von dem er abgestiegen war, überreichte er ihr. Die Frau sprang auch vom Pferde ab, setzte sich rücklings auf ihren Mann und begann ihn wie ein Pferd anzutreiben. »Ach,« flehte er, »töte mich nicht! Bogen und Pfeile und Roß nimm hin!« – »Nun denn,« sprach sie, »so führe deinen Mund dorthin, dann will ich dich frei lassen.« »Deinen Worten werde ich nachkommen,« sagte er, und nachdem die Frau die Beinkleider weggetan und sich hatte küssen lassen, ließ sie ihn frei. Dann nahm sie des Mannes Waffen um und stieg auf das Pferd. Da sagte ganz traurig der Mann: »Du bist gewiß der Held Surja Bagatur.« »Der bin ich,« sagte die Frau und ritt davon.

Spät nach ihr in der Nacht kam auch der Mann nach Hause. Die Frau fragte ihn: »Wo sind Bogen und Pfeile und wo ist dein Roß?« »Heute bin ich,« sagte er, »mit dem Helden Surja Bagatur zusammen getroffen. Weil ich bis zu Ende des Tages mit ihm mich schlagend meine Kraft erschöpfte, so hat er mir Bogen und Pfeile samt dem Roß weggenommen.« Die Frau röstete hierauf Getreidekörner zum Essen und setzte sie ihm vor. »Du mußt mir,« sagte sie, »ausführlich erzählen, wie ihr beide miteinander gerungen habt.« Als er sich satt gegessen hatte, sprach er: »Ausgenommen, daß er bartlos ist, sieht er deinem Vater gleich.« Und als die Frau ihn weiter fragte, fuhr er fort: »Dieser Surja Bagatur ist ein Mensch mit zwei Hintern, am übrigen Körper aber sieht er einem Weibe ganz ähnlich.«

Darüber brach die Frau in ein großes Lachen aus.

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