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Liebesgeschichten des Orients

Franz Blei: Liebesgeschichten des Orients - Kapitel 20
Quellenangabe
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typenarrative
authorFranz Blei
titleLiebesgeschichten des Orients
publisherPaul Steegemann Verlag
printrunViertes bis achtes Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Indischer Karneval / Aus dem Neu-Hindostanischen

Wenn auch in den Augen jener, welche die edlen Steine kennen, mein Buch von wenig Wert ist, denn was ist neben einer reinen Perle eine gewöhnliche Muschel, so sei es dennoch: denn die Gärtner im Garten der Liebe wissen, daß die Rose Stacheln hat. So hoffe ich, daß die ernsten Leser nicht kritisch ansehen, was ich da bescheiden schreibe, sondern daß sie vielmehr, stößt ihnen ein Fehler auf, ihn verbessern, denn nichts ist vollendet, es sei denn das einzige Wesen.

Also wisse, daß ich im Karneval meinen Verstand an die Liebe zu einer Bajadere verloren und ihr mein Herz hingegeben habe. Sie hatte ein Gesicht strahlend von Reizen, das Haar duftend von Ambra und wohlgelockt und eine weiße Stirn. Ihre Brüste warm fester als ein Granatapfel von Samarkand und weißer als der Himalajaschnee. Das Haar ihrer heimlichen Reize war samtiger anzurühren als Seide aus China, und der offene Liebesmund war süßer als Kandiszucker; die Lippen, die ihn küßten, konnten sich nicht trennen.

Lange schon wollte ich eine Ähre aus der Ernte ihrer Gluten lesen, mir einen Kuß von ihren Lippen Holm, aber sie entschlüpfte mir immer singend.

Endlich im Karneval versprach sie mir das Paradies in ihrem Hause und sagte, sie wolle noch neun meiner Freunde einladen, Jünglinge von großer Schönheit. Ich rollte den Teppich der Freude auf und füllte ihn mit aller Art Speisen, die unser Fest erheitern sollten. Ich schickte auch diskrete Musikanten zu Latifa, so nannte ich meine Bajadere, daß sie durch Schleier getrennt von uns spielen sollten.

Als der Abend kam, hättest du in unserm Lusthaus Wein von Kulari sehen können, rot wie Rubine aus Badakhan, Kristallgläser, glänzend wie die Sonne; Rosen und Hyazinthen aufeinandergehäuft, parfümierte Kissen und mit Blumen überstreute Lager überall: eine ganze Rosenernte war da; in Veilchen schleiften unsere Gewänder und Ambra rauchte in den Schalen und hohe Leuchter strahlten ihr Licht.

Die Klänge der Laute, das Murmeln der Springbrunnen, die Läufe der Theorbe machten eine berauschende Musik. Es gab geschnittene Mandeln, entkörnte Pistazien und herrliche Zwischengerichte; Goldfasanen gab es und fette Hühner. Und die Luft war wohlbereitet mit anreizenden Gerüchen aus Rauchwerk und Aloe. Auf einer Estrade tanzten Mädchen aus Kaschmir zum Flötenspiel kabulischer Virtuosen.

So kam der Augenblick, wo das Feuer der Becher in das Blut der Gäste brannte. Die Musikanten und die Tänzerinnen zogen sich zurück. Unsere Gäste wollten dasselbe tun, aber Latifa hielt sie am Ärmel fest. »Edle Herren,« sagte sie, »es schickt sich nicht, daß ich und mein Geliebter diesen Abend uns allein den Freuden der Liebe geben. Bleibt doch. In dem Lusthaus neben diesem warten Mädchen, an Zahl und Schönheit euch gleich. Ich will die Lichter löschen. Ich will die Mädchen hierher bringen, daß sie die entflammten Sinne erfrischen und sie aufs neue wecken, wenn sie sich selbst daran entzünden. Legt euch hier in die Blumen, auf diese Lager von chinesischer Seide und Brokat aus Chluster. Dann schließt im Schutz des Dunkels die Mädchen in eure Arme und laßt sie die Liebe fühlen.«

Alles war von diesen Worten entzückt, und man löschte die Lichter. Ich entkleidete mich rasch und schon stürzte mir Latifa in die Arme. Das Feuer tauchte unter, wir hörten die neun Mädchen nicht kommen in unserer Lust. Das Geräusch der Küsse löste die sanfte Musik der Instrumente ab, und die brennenden Körper der Mädchen tranken in langen Zügen die Liebe, die ihnen ihre jungen starken Geliebten spendeten. Aufs neue wollte ich meine Geliebte umarmen, als sich die verschlagene Zauberin entwand, und während ich ihre Brüste suchend in Rosen griff, entzündete sie schnell die Lichter und warf sich wieder an meinen Hals. Trunkene Liebespaare boten sich unseren Augen. Hier verging in Wollust eine Schöne mit Tulpenwangen zwischen Jünglingen, gab dem einen mit ihrem Munde den Rausch, den ihr der andere mit den Lippen anderswo bereitete. Dort teilten zwei Huris sich in die Liebkosungen eines Geliebten, gaben ihm gemeinsam wieder, was er jeder einzeln gab. Hier lagen zwei umschlungen erschöpft, dort rüstete sich ein Paar.

Die Zauberin lachte und sprach: »Seid ungestört. Die Liebe und der Karneval entschuldigen unsere schöne Tollheit. Entkleiden wir uns ganz und trinken wir zu neuer Kraft in unserm Liebesspiel, das uns allein ein Geheimnis ist.«

»Ja,« sagte ich, »und so sei es an jedem Abend des Karnevals.«

Alles stimmte bei. Die Becher kreisten und die Liebe verzückte sich aufs neue und heftiger noch in blonder und schwarzer Schönheit.

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