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Liebesgeschichten des Orients

Franz Blei: Liebesgeschichten des Orients - Kapitel 19
Quellenangabe
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typenarrative
authorFranz Blei
titleLiebesgeschichten des Orients
publisherPaul Steegemann Verlag
printrunViertes bis achtes Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Der dumme Khodja Binai / Aus dem Persischen

Khodja Binai begegnete eines Tages einem Manne, der hatte in der Falte seines Gewandes zwölf Eier, und dieser Mann sagte zu Khodja: »Wenn du erratest, was ich da drinnen habe, gehören alle Eier dir.« Khodja, antwortete: »Mein Bruder, ich bin doch nicht Gott, daß ich angeben kann, was in der Welt der Geheimnisse vor sich geht. Du mußt mir schon noch einige Angaben machen, damit ich es errate.« – »Es ist gelb in der Mitte und weiß darum herum.« – »Ich hab es,« schrie Binai, »es sind gelbe Rüben inmitten weißer Rettiche!«

Aber ich wollte eine andere Geschichte von dem Khodja erzählen. Er hatte ein junges Weib, das er niemals allein ausgehen ließ. Einer von des Königs Pagen, der oft zu dem Khodja kam, hatte schon oftmals mit ihr Zeichen der Verständigung gewechselt, und die Schöne hatte auch große Lust zu der Sache. Eines Tages fragte Binai den Pagen, wie es komme, daß er bei seiner Jugend schon eine so einflußreiche Stelle bei Hofe habe. Der Page sagte: »Ich danke meine Stelle bei Hofe der Gunst des Schah unseres Herrn, der mich allen seinen andern Höflingen vorzieht.« »Aber,« fragte Binai, »was hat dir denn diese Gunst des Herrschers erworben?« »Meine Schönheit und meine Gefälligkeit,« sagte der Page. »Ich bin des Schah Geliebter, und er ist so verliebt, daß er mich allen seinen Frauen vorzieht.« »Ach,« rief Binai, »der Schah muß sehr glücklich sein mit einem Geliebten wie du. Was mich anlangt, so möchte ich wohl in meinem Leben einmal das reizende sehen, das unser Großherr mit seiner Gunst auszeichnet.« Der Page lachte und sagte zu Binai, da er sein Freund sei, wolle er ihm diesen Anblick nicht versagen. »Gut,« sagte der Khodja, »laß doch gleich die Kleider herunter.« »Das nicht,« antwortete der Page,« »so geht es nicht beim Schah her. Bevor er mich mit seinem Besuch beehrt, bewirtet er mich.« »Ich laß dir sofort was Feines bringen,« rief Binai. »Nur langsam,« sagte der Page. »Du weißt, daß es den Untertanen nur von weitem erlaubt ist, den Schah zu sehen. Willst du nun mit den Freuden von Seiner Majestät dir Freiheiten herausnehmen, die du dir nicht mit der Majestät selber erlaubst?« »Gott soll schützen,« rief Binai. »Mein oberer Saal hat ein Fenster, das in den innern Hof geht. Du kannst dich mir von oben zeigen, als ob du der Schah selber wärst.«

Der Page, der gar nichts anderes wünschte, als in den oberen Saal zu kommen, der mit dem Frauengemach in Verbindung stand, war einverstanden und stieg hinauf. Der dumme Khodja setzte sich unten im Hof auf einen Teppich und wartete respektvoll, daß die Freude des Schahs sich ihm zeige. Während er so wartete, lief seine Frau zu ihrem Geliebten, dem Pagen. Der setzte sich nun auf einen Stuhl, ließ die Frau rittling so auf sich sitzen, so daß sie sich dem Fenster zuwandte, und gab ihr, was sie von ihm zu empfangen so große Lust hatte. Binai betrachtete von unten die Hinterseite seiner Frau in der allerschönsten Positur und schaute sich danach die Augen aus.

»Nun, hast du alles gut gesehen?« fragte der Page, als er wieder in den Hof hinunterkam.

»Ich habe,« antwortete der Khodja, »und wahrhaftig, ich kann die Leidenschaft unseres Großherrn begreifen, denn diese Freude ist weiß wie die einer Frau, und hätte ich nicht dazwischen das Etwas gesehen, ich hätte dich für ein Weib gehalten. Aber sag, weshalb hast du dich so stark her und her bewegt?«

»Du bist ein Dummkopf, Khodja,« sagte der Page, »ich mußte dir doch zeigen, wie ich es mache, wenn ich mit dem Schah bin.«

»Du hast recht,« sagte Binai »und nun versteh ich's, daß du dich solcher Gunst erfreust.«

Ganz anders war aber ein Bruder des Kodja, der es zu hohen Ehren brachte. Und dies kam so.

Der Schah war eines Tages auf das Dach seines Hauses gestiegen. Da sah er auf dem Dache des Nachbarhauses einen Mann mit ernstem Gesicht, der die merkwürdigsten Zuckungen und Verrenkungen machte, um sich selbst zu lieben. Der Schah ließ erstaunt den Mann von einem aus seiner Garde holen. Er ward gebracht und warf sich auf den Boden und wartete, was der Schah von ihm wolle.

»Sonderbarer Mensch,« sagte der Schah, »welche verrückte Beschäftigung hast du getrieben? Was für eine Frucht hofftest du da zu pflücken? Du siehst wie ein ernster und vernünftiger Mensch aus und tust etwas so Sinnloses.«

»Geheiligte Majestät,« sagte der Mann, »ich bin der Staub unter deinen Füßen. Mein Tun war nicht so unvernünftig, wie es aussah. Ich habe bemerkt, daß alle jene Männer, welche Eure Majestät zu lieben geruht, hohe Ämter bekamen, Gouverneure und Minister wurden. Ich wollte sehen, ob ich nicht dieselben Tugenden besitze, wie Eurer Majestät und ob ich, wenn ich es so selber treibe, mich nicht zu hohen Ehren bringen könnte.«

Der Schah lachte laut über des Mannes Rede, und da er sah, daß er Geist besaß, gab er ihm eine wichtige Stelle an seinem Hofe.

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