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Liebesgeschichten des Orients

Franz Blei: Liebesgeschichten des Orients - Kapitel 18
Quellenangabe
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typenarrative
authorFranz Blei
titleLiebesgeschichten des Orients
publisherPaul Steegemann Verlag
printrunViertes bis achtes Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121017
projectid2818492a
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Die Frau des Krämers / Aus dem Persischen

Eines Tages, da die Frau eines Krämers auf dem Dache ihres Hauses saß, erblickte sie ein junger Mann und verliebte sich. Da die Frau dies alsbald bemerkte, rief sie ihn und sagte: »Komm nach Mitternacht zu mir und setze dich unter einen Baum, der in meinem Hofe steht.« Nach Mitternacht begab sich der junge Mann nach ihrem Hause; die Frau erhob sich vom Bette, ging zu dem Jüngling und legte sich neben ihn unter den Baum.

Es begab sich, daß der Vater des Krämers um die nämliche Zeit, eines Geschäftes wegen, aufstand und auf den Hof ging. Da sah er die Frau seines Sohnes sich mit einem fremden Manne erfreuen. Unbemerkt nahm er der Frau die Ringe von den Füßen, steckte sie zu sich und dachte: am Morgen will ich das Weib bestrafen.

Nach einer Weile schickte die Frau den Jüngling wieder fort, ging zu ihrem Manne, weckte ihn und sagte: »Im Hause ist es sehr schwül, komm, laß uns unter dem Baume im Hof schlafen.« Also lagerte sich die Frau mit ihrem Manne auf demselben Platze, wo sie und der junge Mann der Liebe gepflogen hatten. Als der Mann fest schlief, weckte ihn die Frau plötzlich und sprach: »Dein Vater kam soeben vorbei, nahm mir die Ringe von den Fußgelenken und trug sie weg. Dieser alte Mann, den ich als meinen Vater ansehe, wie konnte er sich doch mir nahem, als ich neben meinem Manne schlief, die Ringe von meinen Knöcheln nehmen und wegtragen?«

Am Morgen war der Gatte auf seinen Vater böse, der ihm nun den Umstand entdeckte, wie er seine Schwiegertochter in der Nacht mit einem fremden Manne getroffen hätte. Der Sohn sprach barsch zu seinem Vater: »In der Nacht, als meine Frau und ich der Hitze wegen unter dem Baume schliefen, kamst du her, nahmst meiner Frau die Ringe und trugst sie weg. Um dieselbe Zeit weckte mich meine Frau und zeigte mir den Umstand an.«

Darauf war der Vater sehr beschämt und die Frau kam durch ihre Schlauheit ungestraft davon.

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